Auf dem Buckel kranker Kinder

Gegen die geplante Verlagerung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik auf das Gelände der UPK (ehemals PUK) wehren sich Eltern, Psychiater und sogar die einstige Klinikleiterin. Wie die TagesWoche herausfand, verhandelte man monatelang mit der Bürgergemeinde über einen Standort im Waisenhaus – vergeblich.

Zeichnungen spielen bei der Therapie von Kindern eine wichtige Rolle. (Bild: Vincent (7))

Die Basler Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik platzt aus allen Nähten. Gegen einen Neubau wehren sich Eltern, Psychiater und sogar die einstige Klinikleiterin. Klinikleiter Klaus Schmeck, der jahrelang nach einem geeigneten Standort in der Stadt suchte, verteidigt den Umzug auf das Gelände der UPK.

Ciaran kratzt und schreit, wenn es ihm zu laut, zu eng wird. Im überfüllten Bus zum Beispiel. Mit zu viel Eindrücken aufs Mal ist er überfordert. Dann können ihn auch ausgebildete Heilpädagogen nicht rasch beruhigen, sagt seine Mutter Guenevere Marx. Ihr Sohn besucht denn auch nicht einen ganz gewöhnlichen Kindergarten, er erträgt nur eine kleine Gruppe anderer Kinder. Die Ärzte diagnostizierten bei ihm eine spezielle Form von Autismus.

Seine Mutter war froh, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik gut erreichbar war, verteilt auf acht verschiedene Standorte zwar, aber alle an zentraler Lage. Doch jetzt sollen diese Abteilungen auf dem Gelände der Universitären Psychiatrischen Kliniken in einen Neubau einziehen. «Während die Schulen alles unternehmen, um psychisch kranke und behinderte Kinder zu integrieren, werden dieselben Kinder ausgegrenzt: eine Klinik am Stadtrand, wo keine Integration möglich ist», kritisiert sie.

Auch Hanne Sieber, im Vorstand des Vereins Kind und Spital, sagt: «Es gibt kaum einen tristeren Ort. Dabei ist es gerade bei psychisch kranken Kindern und Jugendlichen ungemein wichtig, dass sie sich auch wohl fühlen, wenn sie stationär behandelt werden – oft monatelang.» Peter Schindler, der Präsident der Fachgruppe Psychiater der Medizinischen Gesellschaft, kritisiert: «Psychisch kranke Erwachsene sind zwar für Kinder nicht gefährlich. Die Nähe zur forensischen Abteilung mit Straftätern hingegen halte ich für bedenklich.»

Schulkollegen sind manchmal wichtiger

Kritik übt auch Barbara Rost. Sie war während Jahren Chefarzt-Stellvertreterin der Kinder- und Jugendpsychatrischen Klinik, beim Wechsel des Chefarztes im Jahr 2005 leitete sie die Klinik zwischenzeitlich. «Trotz der gros­sen Raumnot, die für Eltern, Kinder und Mitarbeitende belastend ist, bin ich gegen den Neubau am geplanten Standort», sagt sie.

Für eine erfolgreiche Behandlung sei neben der Arbeit der Fachleute auch die Unterstützung von Familie und Freunden wichtig. Dazu müsse eine Klinik wie bisher zentral gelegen, gut erreichbar sein. «In schweren Entwicklungskrisen sind Gespräche mit Freundinnen oder Schulkollegen manchmal wichtiger als psychotherapeutische Gespräche», sagt sie. Bei sehr vielen Kindern sei zudem die Nähe zum Kinderspital entscheidend, weil etwa Kinder mit schweren Schlafstörungen, Kinder, die bettnässen oder unter heftigen Bauchschmerzen leiden, psychische und medizinische Hilfe benötigten. «Einmal ist mehr der Körper krank, einmal die Seele. Deshalb braucht es oft Spezialistinnen und Spezialisten der Medizin und Psychiatrie, Psychologie.»

Keiner wollte die Klinik

Klinikleiter Klaus Schmeck macht keinen Hehl daraus, dass er für die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik gerne einen zentralen Standort gefunden hätte. Doch obwohl er schon kurz nach seinem Stellenantritt zu suchen begann, ist er auch nach fünf Jahren nicht fündig geworden. Er prüfte Gebäude an der Schanzenstrasse, das ehemalige Augenspital, eine Liegenschaft an der Socinstrasse. Aber einmal fehlte es an Grünfläche, ein anderes Mal war das Haus zu klein.

Am weitesten gediehen die Verhandlungen mit der Basler Bürgergemeinde über einen Einzug ins Waisenhaus. Doch nach monatelangen Verhandlungen kam vom Bürgerrat dann die Absage, gemäss Bürgerrätin Gabriella Matefi aus «finanziellen und organisatorischen» Gründen.

«Der Neubau auf dem Gelände der UPK ist keine Notlösung», sagt Klaus Schmeck. Es gebe auf dem UPK-Gelände genügend Grünflächen und dank der nahe gelegenen Erwachsenen-Psychiatrie liessen sich Synergien nutzen.

Gegner fordern neuen Standort

Während beim Universitäts-Kinderspital beider Basel jahrelang nach einer Lösung gerungen wurde, passiert bei der Kinderpsychiatrischen Klinik das Gegenteil: Der Architekturwettbewerb für den 30-Millionen-Franken-Neubau läuft bereits seit Anfang Dezember.

Der Grosse Rat hat zum Neubau nichts mehr zu sagen, entscheiden wird der Verwaltungsrat der Universitären Psychiatrischen Kliniken UPK. Denn die Spitäler sind seit 2012 selbstständig. Vom Verwaltungsrat verlangen die breit abgestützten Gegner des Neubaus jetzt in einem Brief, gemeinsam nach einem neuen Standort zu suchen. Ansonsten würden weniger Kinder und Jugendliche in die Klinik überwiesen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 27.01.12

Konversation

  1. Ich weiss nicht, was ich machen würde, wenn mein Kind im Neubau der UPK untergebracht werden müsste. Meine Schwiegermutter wurde in der UPK vor wenigen Jahren in der Demenzabteilung um die Ecke gebracht. Klar man darf das nicht sagen. Aus meiner Sicht bilden dort Ärzte und Pflegepersonal überhaupt keine Einheit. Sobald man mit etwas nicht einverstanden war, wurde man vom Pflegepersonal wie ein Patient behandelt. Die Schwiegermutter hatte ein Bauch/Darm-Problematik und musste im Unispital operiert werden. Einen Tag vor der Operation wurde sie ins Unispital überstellt. Am Abend vor der Operation konnte Sie wieder Karten spielen. Wir gehen davon aus, dass dies nur möglich war, da die Psychopharmaka abgesetzt wurden, was auch bestätigt wurde. Nach der Operation verlief der Heilungsprozess erstaunlich gut. Doch da für das Unispital die UPK auch eine Klinik ist und Spitalbetten gefragt sind, wurde die Patientin nach einem Tag wieder in die UPK gebracht. Man setzte die Patientin in eine Ecke, hatte keine Zeit für sie und als sie schrie, versorgte man sie wieder vor allem mit Psychopharmaka und nicht mit Schmerzmitteln. Die Medis sorgten dafür, dass die Sauerstophsättigung besorgniserregend abnahm. Und in wenigen Tagen verdummte sie dann … Zum Sterben brachten wir sie dann noch ins Felix-Platterspital. Wie wir dort bestätigt bekamen, waren all unsere Annahmen relativ richtig.

    Durch das Herumgezerre an der schweren Patientin in der UPK war das Netz im Bauch völlig verdreht. So dass man die Frau nochmals hätte operieren müssen. Nein, meine Erfahrungen mit diesem Ort sind so schrecklich – auch das Gebäude, wo die Demenzkranken versorgt wurden, war innen und aussen aus einer ganz anderen Zeit. Bevor ich mein Kind in die UPK bringen müsste, würde ich entweder verzweifeln oder von Basel wegziehen.

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  2. Das Problem besteht nicht aus den Minuten Fahrzeit, sondern darin, dass für die stationäre Behandlung von Kindern und Jugendlichen, welche Monate bis Jahre dauern kann, keine Integration in ein bewohntes Quartier vorhanden ist und für die ambulante Beratung wird die Schwellenangst markant grösser.

    Verkehrstechnisch ist Basel extrem gut erschlossen, genau darum kann die Versorgung durchaus weiterhin an verschiedenen Standorten geführt werden.

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  3. einfach so zur hysterie-bekämpfung: laut bvb fahrplan dauert es von der schifflände bis zur haltestelle ‚im wasenboden‘ 7minuten, vom bahnhof sbb 8minuten. je ohne umsteigen. das soll abgelegen sein? und ja: wenn die bevölkerung ja zur spitalauslagerung sagt, dann muss sie auch die konsequenzen tragen und hat dann zum standortentscheid nichts mehr zu sagen. selber schuld.

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  4. Für Kinder und Eltern ist es zentral wichtig, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste eigenständig funktionieren oder allenfalls im Kinderspital integriert leicht zugänglich sind. Dies ist nicht nur eine bauliche Frage sondern für die Qualität der medizinischen und sozialpsychiatrischen Betreuung von grosser Bedeutung. Zu all diesen zentralen Fragen hat der Grosse Rat nichts mehr zu sagen. Die Verwaltungsräte unserer Spitäler werden es schon richten ! Ganz im Sinne der bürgerlichen Grossratsfraktionen, die stets behaupteten es gäbe mit dem neuen Spitalgesetz keinen Demokratieabbau.

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