Auf in den Jura!

Am nächsten Wochenende müssen die Bewohnerinnen und Bewohner des Kantons Jura und des Berner Juras eine alte Frage neu beantworten: Wollen wir lieber zusammen? Oder doch lieber getrennt? Wir nutzen die Abstimmung für eine Reise in die Terra incognita zwischen Schelten und La Ferrière.

Zu mir oder zu dir? Am Wochenende entscheidet der Jura über seine Zukunft. Einmal mehr. Wir nehmen die Abstimmung zum Anlass, den Berner Jura zu bereisen. (Bild: Marc Krebs)

Am nächsten Wochenende müssen die Bewohnerinnen und Bewohner des Kantons Jura und des Berner Juras eine alte Frage neu beantworten: Wollen wir lieber zusammen? Oder doch lieber getrennt? Wir nutzen die Abstimmung für eine Reise in die Terra incognita zwischen Schelten und La Ferrière.

Steine stehlen, Bundesräte anrempeln, Autobomben zünden, patriotische Lieder singen. Die «Jurafrage» hat die Schweiz bis zur Gründung des Kantons Jura 1979 stark bewegt. Die ganze Schweiz fieberte mit wie unter Ächzen und Stöhnen ein neuer Kanton entstand. Staunte ob der Unversöhnlichkeit der beiden Gruppen, der Pro-Jurassier, der Pro-Berner. Staunte ob der Militanz, mit der die Mitglieder der Jugendorganisation «Béliers» (die Widder) auftraten.

Als 1978 die entscheidende Abstimmung vorüber und der Weg frei für einen neuen Kanton war, da verlor die Jurafrage (wir möchten sogar sagen: da verlor der Jura selber) jegliche Aufmerksamkeit der restlichen Schweiz.

Dabei war die Jurafrage auch mit der Abstimmung von 1978 nicht restlos geklärt. Bereits drei Jahre vor der entscheidenden Eidgenössischen Abstimmung hatten sich die drei südlichen Distrikte für den Verbleib beim Kanton Bern ausgesprochen – diese drei Distrikte bildeten von da an den Berner Jura. Und damit den perfekten Ausgangspunkt, um den Streit um die Frage der richtigen Zugehörigkeit nie ganz abbrechen zu lassen.

Langwierige Verhandlungen

Um die Frage ein für allemal zu klären, wurde 1994 die interjurassische Versammlung gegründet. 2009 beschloss diese Versammlung (nach langwierigen, aber dafür friedlichen Verhandlungen), Abstimmungen über die Wiedervereinigung des Kantons Jura mit dem Berner Jura abzuhalten.

Uff. Und da wären wir jetzt. 24. November 2013. Abstimmung. Die Jurafrage im nationalen Fokus. Ein bisschen jedenfalls – der Abstimmungskampf ist Welten von jener Emotionalität entfernt, die er vor dreissig Jahren hatte. Zu austariert ist der Kompromiss, zu langwierig der Prozess. Bei der Abstimmung vom Sonntag geht es nur darum, ob man eine Wiedervereinigung überhaupt prüfen soll. Stimmen beide Kantone Ja, dann wird eine verfassungsgebende Versammlung einberufen. Über deren Resultat wird dereinst noch einmal abgestimmt werden.

Allerdings, und das ist mit ein Grund für den eher lauwarmen Abstimmungskampf, wird es wohl gar nicht so weit kommen: Alle Umfragen sagen ein deutliches Ja im Kanton Jura und ein ebenso deutliches Nein im Berner Jura voraus.

Wie ist das eigentlich im Berner Jura?

Aber davon wollen wir uns nicht beirren lassen: Denn die Jura-Frage und die Abstimmung darüber vom nächsten Sonntag – unabhängig vom Ausgang – bietet eine vorzügliche Gelegenheit, den vergessenen Flecken Schweiz zwischen Schelten und La Ferrière endlich einmal eingehender zu erkunden. Was waren das damals für Emotionen und warum sind sie heute nicht mehr zu spüren? Gibt es das noch, die Beizen, die man nur mit der richtigen Gesinnung besuchen darf? Und wo verstecken sich eigentlich die Pro-Jurassier im Berner Jura?

Wir werden die Woche vor der Abstimmung nützen, um den Berner Jura einmal von Westen nach Osten zu durchqueren. Den Anfang macht am Dienstag Marc Krebs mit einem Besuch in La Ferrière, wo drei Kantone zusammenkommen – und das auch an der Grenze zu Frankreich liegt. Hier treffen wir Sylvie Fuhrer, die mit ihrem Mann eine Ranch führt. Sie wolle Bernerin bleiben, sagt sie, die gebürtige Bretonin. Jetzt habe man jahrelang darum gerungen, dass Kinder ab 16 Jahren ins nähere La-Chaux-de-Fonds (Kanton Neuenburg) zur Schule gehen können. Und nun soll alles wieder ändern, weil man zum Jura wechsle? Nein.

Pragmatismus statt Emotionen in La Ferrière. Ob das in den anderen Gemeinden auch so ist? Wir werden es bis Ende Woche wissen.

Und damit: Auf in den Jura!

Allen Interessierten sei ausserdem dieses hervorragende Dossier der NZZ zum Thema ans Herz gelegt.

Konversation

  1. mit grossem genuss hab ich den artikel über den berner jura gelesen. ich bin verliebt in diese wilde, sanfte gegend, die mehr aufmerksamkeit verdient hätte – allerdings macht dieses verschlafene, ein wenig abseits stehende gerade den reiz aus, den der jura auf mich ausübt.
    der berner jura ist noch ein wenig abseitiger. von biel her kommend, muss man zuerst mal die dem restkanton zugewandte sonnenseite hinter sich lassen, um in die morbide stimmung einzutauchen. die berner, besser emmentaler, die sich hier gnädigerweise niederlassen durften, wurden in ihrer heimat aus religiösen gründen nicht mehr geduldet. einige dutzend familien um ihren anführer jakob ammann setzten sich nach amerika ab: die vorfahren der amischen. andere alttäufer, teils auch mennoniten genannt, kamen in den höhen ob tramelan und tavannes unter. allerdings wurde ihnen nur land oberhalb der tausendmetergrenze zugestanden. ihre beharrlichkeit und ihr fleiss haben sie schnell zu relativ wohlhabenden bauern werden lassen. noch heute finden sich viele alttäufer-familien im berner jura.
    wir verbrachten unsere familienferien 2012 auf einem bauernhof in la tanne, genau zwischen tramelan und tavannes. wir staunten nicht schlecht, als am sonntag morgen der sonst verlassene platz vor dem hof gefüllt war mit subarus und suvs. der hof verfügt über ein angeschlossenes versammlungslokal, derer es einige gibt (immer schön über 1000m, versteht sich). hier oben muss man ja dem herrgott etwas näher sein.
    was mich an dem thema fasziniert, ist der umgang innerhalb der schweizer bevölkerung mit (religiösen) randgruppen. unterschlupf fanden die alttäufer ausgerechnet in einer gegend, die selbst eher karg ist und schon für die damals einheimischen wenig hergab. vielleicht ein beispiel dafür, dass, wer die not kennt, eher zur hilfe neigt, als wer vom hohen ross bzw vom geldesel herab dazu aufgefordert wird.
    nb: hinter dem berner jura kommen die freiberge, dann der doubs, weiter südlich das val de travers – da gibt es noch viele bemooste schattentäler, knorrige urwälder und absinth trinkende berufsjurassier zu entdecken. es lohnt sich.

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