«Aus Sicht der Brasilianer veranstaltet Blatter eine private Party mit dem Geld der Steuerzahler»

Das brasilianische Volk protestiert: Korruption, zurechtgebogene Gesetze und 3,5 Milliarden Dollar verlorene Steuergelder treiben sie auf die Strasse vor. Brasilien liebe Fussball, sagt der brasilianische Journalist Jamil Chade, aber die Schmerzgrenze sei erreicht. Ein Gespräch über Fussballstadien für Städte ohne Vereine, fehlende Infrastrukturen und leere Versprechen der Fifa.

Keine zwei Wochen dauert es noch bis zum Eröffnungsspiel der WM 2014, doch die Brasilianer sind nicht in Feierlaune. Sie fühlen sich ausgebeutet und betrogen, sagt Buchautor Jamil Chade. (Bild: NACHO DOCE)

Das brasilianische Volk protestiert: Korruption, zurechtgebogene Gesetze und 3,5 Milliarden Dollar verlorene Steuergelder treiben sie auf die Strasse vor. Brasilien liebe Fussball, sagt der brasilianische Journalist Jamil Chade, aber die Schmerzgrenze sei erreicht. Ein Gespräch über Fussballstadien für Städte ohne Vereine, fehlende Infrastrukturen und leere Versprechen der Fifa.

Herr Chade, Sie gehen in Ihrem eben auf Portugiesisch erschienen Buch «Der Weltcup wie er ist» der Frage nach, weshalb die Bevölkerung in Brasilien seit Sommer 2013 gegen die die Fifa und die enormen Kosten für die Fussballweltmeisterschaft protestiert. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Jamil Chade: Brasilien ist das Land des Fussballs. Wenn ein Kind geboren wird, erhält es noch im Spital die Fahne des Fussballclubs, das es einst unterstützen wird. Ich selbst habe das zu Hause in Genf mit meinen Kindern gemacht. Mein Team ist Saõ Paolo, und demnach klar auch dasjenige meiner beiden Söhne. Fussball ist ein Teil des Lebens. Viele Menschen legen auch die Fahne ihres Clubs auf den Sarg, wenn jemand stirbt. Brasilien ist aber auch ein Land von Bürgern. In den vergangenen Jahren wurde sich die Bevölkerung ihrer Rechte bewusst, nach der WM wird sie mehr hinterfragen. Früher war sie eher Zuschauer, der Grund dafür war vor allem die 25 Jahre dauernde Diktatur. Zweifellos wird an der WM wird die ganze Bevölkerung das brasilianische Team unterstützen.

Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer der WM?

Als die Fifa 2007 die Organisation der WM 2014 an Brasilien vergab, versprach sie der Bevölkerung zusammen mit der Regierung, dass die Stadien von privaten Firmen gebaut würden und der Staat keine Kosten übernehmen müsse. Heute, sieben Jahre später, ist es aber so, dass von neun eingesetzten Dollar acht vom Staat bezahlt wurden, also von den Steuerzahlern. Die Menschen sind auch verärgert, weil die Fifa, die Eigentümerin der WM, einen Rekordgewinn von 4 Milliarden Dollar einnimmt, die Hälfte davon durch den weltweiten Verkauf von Übertragungsrechten an Fernsehsender. Die Fifa generierte das Geld während der Weltwirtschaftskrise und bezahlt weder in der Schweiz noch in Brasilien Steuern. Ein reiches Land, das die WM organisiert, kann vielleicht auf Steuern verzichten, aber nicht ein Land, in dem es zu wenige Spitäler gibt. Die Bevölkerung macht auch die Regierung verantwortlich. Es ist ein privates Fest, das mit öffentlichen Geldern finanziert wird, die Bevölkerung hat praktisch keinen Zugang dazu, auch weil die Tickets zu teuer sind.

Police confront native Brazilians to prevent them from marching towards the Mane Garrincha soccer stadium during a demonstration in Brasilia May 27, 2014. Indigenous people from different tribes protested against the government's Indian policy and the cos

Hinzu kommen die Gesamtkosten, die gestiegen sind.

Ja, vor sieben Jahren informierte Brasilien die Fifa, dass die WM 1,1 Milliarden Dollar koste. Heute belaufen sich die tatsächlichen Kosten für den Bau der Stadien auf 3,5 Milliarden Dollar, dreimal mehr! Und niemand konnte bisher sagen weshalb. 3,5 Milliarden Dollar entspricht den Ausgaben der WM in Deutschland 2006 und in Südafrika 2010 zusammen. Es muss jemand erklären, weshalb die Brasilianer eine WM zum Preis von zwei solcher Events organisieren. Brasilien hat die WM auch insofern nicht zu seinem Vorteil genutzt, dass etwa der versprochene Hochgeschwindigkeitszug zwischen Rio und Saõ Paolo nicht gebaut wurde, auch die Flughäfen wurden nicht saniert, die in einem katastrophalen Zustand sind.

Wie reagierte die Fifa auf die Proteste der Bevölkerung?

Die Fifa und Blatter waren überrascht, sie hatten nicht erwartet, dass die Bevölkerung gegen sie protestieren würde, denn sie dachten, Fussball sei für die Brasilianer ein Religion. Ich war in Brasilien, als es im Juni vor einem Jahr zu den ersten Demonstrationen kam. Blatter sagte mir in einem Interview, das er mir in einem Luxushotel in Rio gab, der Fussball sei stärker als die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Das zeigte, dass er nicht verstand, was geschehen war. In den vergangenen zwei Wochen versuchte die Fifa die Schuld für die grossen Ausgaben für die WM, die mangelnde Transparenz und den fehlenden Gewinn für die Bevölkerung der brasilianischen Regierung zuzuschieben.



Demonstrators protest against the 2014 World Cup holding crosses etched with names of construction workers who died building the stadiums, in front of a major bus terminal in Brasilia May 15, 2014. Brazilians opposed to the World Cup and the public funds

Geben den verunfallten Arbeitern auf den Stadion-Baustellen eine Stimme: Demonstraten mit den Namen der Toten. (Bild: STRINGER/BRAZIL)

Die Fifa kritisierte die Verzögerungen beim Bau der Stadien.

Offenbar dachte die Fifa, sie hat in Brasilien mit den Eingeborenen aus dem Jahr 1500 zu tun, die man wie damals die europäischen Eroberer mit ein paar Spiegeln verführen und dafür das Gold und andere Reichtümer abtransportieren kann. Die Fifa muss lernen, die Menschen überall auf der Welt als gleichwertig zu behandeln. Es wurde nicht geschätzt, als Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sagte, die Brasilianer müssten in den Hintern getreten werden, damit die Stadien rechtzeitig fertig würden. Das hatte vor zwei Jahren für einen diplomatischen Zwischenfall gesorgt. Eine Organisation, welche die lukrativste WM erhält, hat kein Recht, so zu sprechen. Die Brasilianer liegen nicht einfach faul am Strand, sondern viele stehen um 4 Uhr früh auf und gehen zu Fuss zur Arbeit.

Was ist denn der Grund für die Verspätungen?

Der eigentliche Grund für die Verspätungen beim Bau der Stadien ist eine Strategie, um mehr Geld herauszuholen. An den Mehrkosten verdienen die Baufirmen und die Organisatoren. Ein weiteres Beispiel einer Persönlichkeit aus der Fussballwelt, die nicht verstanden hat, weshalb die Brasilianer demonstrieren, ist Michel Platini. Er forderte die Brasilianer kürzlich auf, die WM nicht zu politisieren. Allerdings verschwieg er, dass die WM bereits ein politisches Projekt von jemand anderem ist. Mit andern Worten sagte er daher, macht dem politischen Projekt des andern kein Schlamassel.

«Wenn die Fifa nicht nur noch in Diktaturen WMs organisieren will, muss der Event geändert werden.»

Was für ein Image hat Blatter zurzeit in Brasilien?

Er muss sich mit viel Sicherheitspersonal umgeben. In Rio wird sein Auto von sechs Motorradfahrern gesichert. Das zeigt, was die Öffentlichkeit von ihm hält: In Brasilien gilt er als jemand, der eine private Party mit unserem Geld veranstaltet. Wenn er nicht realisiert, dass er nicht im Kontakt mit der Bevölkerung ist, hat weder er noch die WM eine Legitimität.

Was müsste er tun?

Blatter muss sich mit der internen Reform der Fifa, den Korruptionsvorwürfen innerhalb der Organisation befassen und hat jetzt ein Image-Problem als Organisator der WM. Inzwischen hat er seine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft im nächsten Jahr angekündigt. Die Regierungen in demokratischen Gesellschaften stehen unter dem Druck der Bevölkerung. Und das fällt auf die Fifa oder auch auf das Olympische Komitee zurück. Der Kanton Graubünden lehnte kürzlich in einer Abstimmung die Olympischen Winterspiele 2022 in St. Moritz ab. Und auch München verwarf die Olympischen Winterspiele 2022. In Norwegen sprach sich eine der beiden Regierungsparteien gegen die weitere Bewerbung von Oslo um die Winterspiele aus. Und New York verzichtete vor wenigen Tagen auf eine Kandidatur für die Olympischen Sommerspiele von 2024. Wenn die Fifa nicht nur noch in Diktaturen WMs organisieren will, wo es keine Proteste gibt, muss der Event so geändert werden, dass er in Demokratien als positive Veranstaltung aufgefasst wird.

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Jamil Chade arbeitet in Genf als Korrespondent für die Zeitung «O Estado de Saõ Paolo». Er schreibt seit mehreren Jahren über die Aktivitäten der Fifa. Chade ist Autor des eben auf Portugiesisch erschienen Buches zur WM 2014 «Der Weltcup wie er ist».

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