«Basel ist ein Paradies – eigentlich»

«Wo drückt der Schuh?» Das will die TagesWoche von Baslerinnen und Baslern hören – und am Ende der fünfwöchigen Aktion Politiker damit konfrontieren, die im Herbst gewählt werden wollen. Die Aktion startete am Samstag auf dem Barfüsserplatz. Zwischenfazit: Eigentlich geht es den Menschen gut. Der Schuh drückt nur ein bisschen.

Das erste Mal, nicht aber das letzte: Die TagesWoche ist in den nächsten fünf Wochen jeden Samstag in einem anderen Quartier mit dem Kaffeemobil unterwegs. (Bild: Amir Mustedanagic)

Heute Samstag startete auf dem Barfüsserplatz die TagesWoche-Aktion «Wo drückt der Schuh?» Zwischenfazit: Eigentlich geht es den Menschen gut. Der Schuh drückt nur ein bisschen.

Es war ein zaghafter Anfang. Neugierig tigerten die Passanten um unseren Stand. Ein Kaffeemobil, die TagesWoche, fragende Journalisten, die wissen wollen, wo der Schuh drückt – kein einfacher Start in einen Samstag. Und es begann so, wie wir es erwartet hatten: verhalten.

Der Grund wurde schnell klar: Die Innenstadt ist kein Quartier im herkömmlichen Sinn. Verhältnismässig wenig Leute leben hier, die meisten sind hier zum Einkaufen, Arbeiten oder um die Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Und doch kamen sie, die Innenstadt-Bewohner, aber vor allem auch den anderen Quartieren – und gar aus fernen Ländern kamen sie, in Form von Touristengruppen.

Die kleinen Sorgen

Wirklich grosse Probleme erzählte uns niemand. Es waren eher die kleinen Sorgen, die die Leute zu uns führten. Zu wenig Bäume in der Stadt, zu wenig Grünflächen im Allgemeinen, explodierende Mietzinse, zu viel Abfall an Wochenenden, vor allem am Rhein, wo es so schön ist. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern formulierte es so: «Basel ist ein Paradies, eigentlich …» Was sie damit sagen wollte: «Es geht uns gut, dennoch finden wir immer wieder etwas, woran wir herummeckern können.»

Für die meisten Menschen mag das stimmen, es besuchten uns aber auch Leute, die in ihrem Alltag wirklich eingeschränkt sind: Ein Paar, beides Rollstuhlfahrer, erzählte uns von der Schwierigkeit und teilweise Unmöglichkeit, mit dem Rollstuhl in ein Tram einzusteigen. Auch sonst gibt es vielerorts zu hohe Rampen. Und Beizen ohne die Möglichkeit für Rollstuhlfahrer, auf die Toilette zu gehen. «Manchmal sind in den Lokalen zwar behindertengerechte Toiletten ausgeschildert, doch dann müssen wir merken: Es führt nur eine Treppe hinab und kein Lift.»

Individuelle Probleme liessen sich sonst wenige Leute entlocken, die meisten sprachen für die Allgemeinheit. Themen wie Sicherheit, die in den Medien breitgeschlagen werden, kamen allerdings nur selten zur Sprache. Und wenn, dann von Frauen. «Ich fahre häufiger Taxi als früher», sagte eine 36-Jährige. Die vermehrten Überfälle auf Frauen machten ihr Sorgen, unsicher fühle sie sich aber nicht. «Im Gegenteil», fand eine andere Frau, «ich bin ständig mit dem Rad unterwegs, auch spät nachts und in wenig bewohnten Quartieren. Unsicher fühle ich mich nie.» Ein junger Mann sagte dazu: «Ich finde, mit dem Thema Sicherheit wird übertrieben. Basel ist doch recht sicher.»

Die (zu) grossen Läden

Obwohl wir in unserem Aufruf Anwohner und Gewerbetreibende eingeladen hatten, kamen praktisch nur Anwohner (was nicht verwunderlich ist an einem Samstag)  – und sprachen aus ihrer Sicht über das Gewerbe. Dabei wurde klar: Die Vielfalt der Läden in der Innenstadt lässt stark zu wünschen übrig. «Es gibt nur noch Ketten und kaum mehr individuelle Läden», bedauerte eine Frau. Für sie als Innenstadt-Bewohnerin sei es schwierig, sich für den alltäglichen Bedarf einzudecken. Umso grösser sei das Angebot an Kleidern. Mit attraktivem Einkaufen habe das wenig zu tun.

Im Grossen und Ganzen zeigten sich aber alle Besucherinnen und Besucher weitgehend zufrieden mit der Situation in der Innenstadt. Und alle sagten sie: «Wegziehen kommt für mich nicht in Frage.» Die Auswärtigen hingegen sagten das Gegenteil: «Wir kommen gern samstags in die Stadt, hier wohnen wollen wir aber nicht.» In diesem Zusammenhang wurde mehrfach das ÖV-Angebot gelobt – von allen Seiten.

«Wo sind die Velowege?»

Vorbeigeschaut hat auch ein junges Paar auf Heimaturlaub. Vor sieben Jahren nach Dänemark ausgewandert, sind sie nun für ein paar Tage in der Stadt. Verändert hat sich nicht viel seit sie Basel verlassen haben. «Ein paar Läden sind verschwunden, ein paar neue dazugekommen. Man muss sich etwas neu orientieren.» Im Grossen und Ganzen sei Basel aber noch immer die gleiche Stadt. Nur eines fällt ihnen auf: die wenigen Velos. «In Dänemark sind mehr Velos in der Stadt unterwegs», sagt er. Sie nickt und doppelt nach: «Viel mehr! Es gibt vor allem auch Velostreifen. Hier habe ich bisher noch keinen gesehen.»

Ein Problem, das der junge Rennvelofahrer kennt. Es müssten für ihn nicht einmal Velostreifen sein. «Ich wäre schon zufrieden, wenn es weniger Schlaglöcher hätte.» Wer viel mit dem Velo in der Stadt unterwegs sei, müsse sich Sorgen um sein Rad machen (begeistert war er, als er von der Velofallen-Liste der TagesWoche hörte). Was den Velofahrern auch fehlt, wie eine junge Frau sagt, sind genügend Abstellplätze. «Nicht nur Parkplätze, sondern solche, bei denen man sein Fahrrad auch abschliessen kann.»

Und es geht weiter…

Die Aktion am Barfüsserplatz war die erste von insgesamt fünf. An den kommenden Samstagen werden Sie uns mit dem Kaffeemobil in weiteren Quartieren (siehe unten) antreffen – und uns hoffentlich Ihre Sorgen und Wünsche erzählen. Wir freuen uns jetzt schon auf einen Kaffee und einen Schwatz mit Ihnen! Sie können uns auch per E-Mail oder in den Kommentaren Ihre Anliegen schildern – egal in welchem Quartier Sie wohnen.

Wir sind mit dem Kaffeemobil jeweils zwischen 10 Uhr und 13 Uhr anzutreffen:
Samstag, 11.8.: Claraplatz
Samstag, 18.8.: Bruderholz, Tram-Endstation an der Bruderholzallee
Samstag, 25.8.: St.-Johanns-Park/Tor
Samstag, 1.9.: Riehen, Schmiedgasse

 

Konversation

  1. Liebe Tages-Woche Redaktion,
    Super, die Idee, mal in die Quartiere zu gehen. Und dass nicht alle Quartiere einen Besuch erwarten können, ist auch OK. Nur, dass ihr ausgerechnet das grösste und spannendste Basler Quartier, das Gundeli nämlich auslässt, ist unverzeihlich. Darum, kommt mit Euren Stand auch auf den Tellplatz. Ich spendiere Euch dann bei mir (wohne gerade dort) einen Kaffee, oder einen Grillplausch auf meiner Dachterrasse, je nachdem was ihr bevorzugt. Also ich würde mir das nicht entgehen lassen…

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    1. Lieber Anton,

      Du bist ja nicht der einzige, der sich beklagt, weil die TagesWoche-Redaktion nicht ins Quartier – in diesem Fall ins Gundeli – kommt. Eigentlich hätten wir uns gern mal auf dem Tellplatz gezeigt, mussten uns aber auf fünf Standorte beschränken. Du hast uns nun aber ganz schön ins Gewissen geredet: «unverzeihlich»! «grösstes und spannendstes Quartier» – ehrlich gesagt, wir haben uns heute heftig hintersonnen und sind schon fast so weit, dass wir eventuell doch noch ins Gundeli kommen. Noch nicht versprochen, aber geplant. Mit bestem Gruss

      Urs Buess

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  2. Das oben muss eine Stimme aus dem Mittelstand oder darüber sein.

    Es ist sehr wichtig, dass Ihre Stimme auch gehört wird.
    Kommen Sie doch nächsten Samstag an den Claraplatz. Ich werde auch dort sein und mich ebenfalls für die von Ihnen erwähnten Bevölkerungsgruppen einsetzen.
    Seit die Stadt dermassen mit besseren Wohnungen aufgemotzt wurde und dadurch billiger Wohnraum geopfert wurde, findet man mit wenig Einkommen kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Und der Trend geht weiter.

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  3. Max Beckmann soll an einer Ausstellung die er besuchte gefragt worden sein, ob ein ganz bestimmtes Bild nicht als „Pornografie“ eingestuft werden könnte. Und darauf geantwortet haben: „Es kommt auf den Betrachter an“.

    Basel, ein kleines Paradies? Herr Pfister antwortet mit ja, und dieses sei bei Rotgrün in guten Händen. Abgesehen davon, dass ich den Eindruck habe, hier werde ganz offensichtlich nicht mehr als Wahlpropaganda betrieben, muss er sich fragen lassen, ob seinem paradiesischen „Ja“, wohl auch arbeitslose Jugendliche, ausgesteuerte Alte, Sozialhilfeempfänger, arme Rentner oder sonstwie in prekären Verhältnissen lebende Menschen zustimmen würden?

    Schönreden, verharmlosen und ignorieren, nur um ein paar Stimmen mehr zu machen, hoffentlich gelingt das nicht.

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