Basler Hilfe für die Vertriebenen von Kobane

Basler Kurdinnen und Kurden wollen den Flüchtlingen aus der umkämpften Stadt Kobane mit dem Nötigsten helfen. Unter ihnen ist auch die Pflegefachfrau Hatice Sonu. Sie reist mit einem Hilfskonvoi ins Krisengebiet.

«Die Kinder von Kobane brauchen jede Hilfe.» Hatice Sonu reist in diesen Tagen ins Krisengebiet, um den kurdischen Flüchtlingen gespendete Hilfsgüter zu bringen. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Basler Kurdinnen und Kurden wollen den Flüchtlingen aus der umkämpften Stadt Kobane mit dem Nötigsten helfen. Unter ihnen ist auch die Pflegefachfrau Hatice Sonu. Sie reist mit einem Hilfskonvoi ins Krisengebiet.

Hatice Sonu ist sichtlich müde, als wir uns im kurdischen MED Kultur Zentrum in Muttenz treffen. Die Pflegefachfrau hat Nachtdienst auf der Kindernotfallstation im Basler Unispital, ihr Vater ist schwer krank, und in jeder freien Minute bereitet sie sich auf ihre Abreise nach Suruç vor.

Permanent klingelt das Handy der 36-Jährigen mit neuen Lageberichten aus dem Flüchtlingslager von Suruç, dass quasi die türkische Vorstadt des umkämpften syrischen Kobane ist. Gemeinsam mit anderen Basler Kurdinnen und Kurden will Hatice Sonu die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zum Überleben versorgen.

Hatice Sonu fährt nicht zum ersten Mal nach Suruç. Aber bei ihrer letzten Reise lancierten die Milizionäre des Islamischen Staates (IS) eine Grossoffensive zur Einnahme von Kobane. An der türkisch-syrischen Grenze stand die türkische Armee und versuchte vergeblich, mit Tränengas rund 45’000 Flüchtlinge vom Grenzzaun fernzuhalten. «Die gesamte Region war ein Chaos. Es gab kein Durchkommen.»

An der Hilfsaktion beteiligt sich auch Edibe Gölgeli. Lesen Sie das Interview mit der SP-Bürgergemeinderätin: «Der Kampf um Kobane ist für mich eine Herzensangelegenheit»

300’000 auf der Flucht

Die Übertragungswagen der westlichen Medien, die aus der sicheren Türkei die Kampfhandlungen gefilmt hatten, sind längst wieder weg. Doch der Kampf um Kobane geht weiter und mit ihm das Elend der mittlerweile weit über 300’000 Flüchtlinge.

Hatice Sonu berichtet, was ihr soeben eine Freundin aus Suruç erzählt hat: «Obwohl die Temperaturen bereits jetzt unter den Gefrierpunkt sinken, schlafen obdachlose Menschen auf der Strasse. Kinder laufen barfuss herum. Es fehlt an allem: Essen, Kleider, Unterkunft, Medikamente. Das Elend ist unvorstellbar.»

«Suruç – Festungsstadt für kurdische Flüchtlinge» (SRF, «Rendez-vous» vom 8.10.2014):

Die Bombenangriffe der Anti-IS-Koalition – bestehend aus den USA und einigen Anrainerstaaten – können die IS-Milizen kaum bremsen. Die Frontlinie verläuft mittlerweile nicht mehr um die Stadt herum, sondern durch die Stadt hindurch. Die rund 5000 Kämpferinnen und Kämpfer der türkisch-kurdischen PKK und der syrischen YPG wehren sich mit selbstgebauten Panzerfahrzeugen, alten Kalaschnikows und Molotow-Cocktails gegen die Übermacht der gut ausgerüsteten IS-Kämpfer.

Die türkische Armee ist zwar an der Grenze aufmarschiert. Aber nur, um den Übergang nach Kobane zu sperren. Selbst den humanitären Korridor nach Kobane haben die türkischen Truppen gesperrt. Derweil warten die Menschen in Kobane verzweifelt auf Verstärkung durch die gut ausgerüsteten irakisch-kurdischen Peschmerga. Doch von den versprochenen 1000 Mann mit schwerem Gerät sind bisher erst 150 eingetroffen.

«Kanton» nach Schweizer Vorbild

Wenn die Granaten der IS-Milizen in den Strassen von Kobane einschlagen, zertrümmern sie nicht nur Gebäude, sondern jedes Mal auch ein Stück Hoffnung der türkischen und syrischen Kurden auf ein Ende des Bürgerkrieges – und auf Selbstverwaltung. Seit rund drei Jahren war die Region de facto autonomes kurdisches Gebiet. Statt wie früher eine Art kurdische Sowjetunion zu errichten, gehen die Pläne der PKK und PYD heute eher in Richtung einer Teilautonomie nach Schweizer Beispiel: kein kurdischer Staat also, sondern eine Föderation mit der Türkei, die sich in vielem an der Schweiz orientiert.

Dramatische Situation in Suruç (ARD, «Tagesschau», 8.12.2014):

Nicht umsonst nennen die Kurden die Region Kobane selbst «Kanton». In diesem Sinne verhandeln die türkischen Kurden mit der Erdogan-Regierung seit Jahren um eine Friedenslösung. Fällt Kobane, könnte das auch das Ende des Waffenstillstandes zwischen der PKK und der türkischen Regierung bedeuten. Die gesamte Region fiele in ein noch grösseres Chaos.

Hatice Sonu mag sich über das Kampfgeschehen keine grossen Gedanken machen. «Jetzt geht es für uns darum, den Flüchtlingen und vor allem den Kindern zu helfen.» Derzeit würden sich Tausende Kurden und Europäer auf den Weg machen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, sagt Hatice Sonu. «Jeder kann helfen. Pädagogen können helfen, die Tage für die Kinder erträglich zu machen. Wer einen Führerschein hat, kann Hilfsgüter transportieren. Es braucht Lehrpersonal, medizinisches Personal. Man kann Socken, Handschuhe, Mützen und Konserven schicken. Wer nichts zu geben hat, kann helfen, die Hilfsgüter zu sortieren. Die Kinder von Kobane brauchen jede Hilfe.»



An den kommenden Wochenenden sammeln die Basler Kurdinnen und Kurden auf dem Claraplatz für ihre Kobane-Hilfsaktion.
Weitere Infos: Schweizerisch-kurdische Gemeinschaft (melden Sie sich per Mail unter «Projekte», wenn Sie helfen möchten); Verein Städtepartnerschaft Basel-Van; MED Kultur Zentrum (keine Homepage): St. Jakobsstrasse 170A, 4132 Muttenz.

Konversation

  1. Ein guter Teil der Kurden sind Aleviten. Es handelt sich dabei um eine auch aus heutiger Sicht sehr moderne Religionsform, die in ihrem Stil so überhaupt nicht in die umgebenden stark konservativen Religionsformen des Islams passen. Das dürfte im Hintergrund der Hauptgrund sein der schon chronischen Verfolgung und Benachteiligung dieser Volksgruppe.
    Die Aleviten vertreten eine grundsätzliche Gleichheit zwischen Mann und Frau (und sind damit moderner als die Schweiz noch vor ein paar Jahrzehnten). Die religiösen Rituale und Gebräuche sind freier und fröhlicher gestaltet als in anderen islamischen Richtungen. Insgesamt wirken die Aleviten dadurch menschenfreundlicher als ihre Umgebung.
    Ich denke, dass in Kobane so auch ein Stück Lebensform versucht wird zu verteidigen, wofür man auch in Europa, wohl zuerst in Paris, auch blutig gekämpft hat. Kobane könnte so einem aufgeschlossenen modernen Europa viel näher liegen, als man es aus der Distanz vermuten würde. (Vielleicht sogar näher als die aktuelle Türkei?)

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten

Nächster Artikel