Bei den Schweizern

Expats werden mit Privilegien und guten Löhnen in die Schweiz geholt. Sich zu integrieren fällt vielen dennoch schwer.

Leslie Donaldson mit ihrer Tochter Emily und Sohn Lochlan (Spitzname «Lucky»). Leslie geniesst es, dass ihre Kinder hier selbstständig und zu Fuss in die Schule gehen können. (Bild: Basile Bornand)

Expats werden mit Privilegien und guten Löhnen in die Schweiz geholt. Sich zu integrieren fällt vielen dennoch schwer.

Wer die Herzen der Schweizer erobern will, muss sich nicht in Unkosten stürzen. Ein paar ordentliche Flaschen Weisswein, zwei Sorten Kartoffelchips und gemusterte Papierservietten reichen völlig aus. Der Apéro ist der «magic trick», er macht den Unterschied zwischen angenehmer nachbarschaftlicher Koexistenz und gesellschaftlicher Ächtung. Das muss man wissen als Expat, sonst droht das (oft kostspielige) Unternehmen schief zu gehen.

Expats – so die landläufige und gleichermassen klischierte wie vereinfachte Definition – sind hochqualifizierte und -bezahlte Arbeitskräfte, die von Firmen wie Novartis oder der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in die Schweiz geholt werden. Oft werden aus den ­zeitlich begrenzten Arbeitsverträgen unbefristete Festanstellungen. Die «hochbezahlten Arbeitsmigranten» sehen sich verschiedenen Vorurteilen und Anfeindungen gegenüber. Etwa werden sie für den überhitzten Basler Wohnungsmarkt verantwortlich gemacht. Beklagt werden auch die verschiedenen Privilegien, beispielsweise steuerlicher Art, von welchen Expats hier profitieren können.

In Basel leben mindestens 40’000 Expats

Die Region Basel ist ein Anziehungspunkt für Expats aus aller Welt, hier wird in den nächsten Jahren mit dem schweizweit stärksten Zuwachs an inter­nationalen Arbeitskräften gerechnet. Zahlreich sind sie schon jetzt: Vorsichtige Schätzungen lauten, dass sich hier knapp 40’000 Expats aufhalten. Die Zahl stammt aus einer Studie des Basler Beratungsunternehmens Ecos. Dieses hatte sich 2011 mit den Expats in Basel beschäftigt und ins­besondere deren Integration ins Auge gefasst.

Der Apéro-Tipp für eine gelungene Nachbarschaft gehört zu den ersten Ratschlägen, die Kathy Hartmann-Campbell Neuankömmlingen erteilt. Hartmann ist Amerikanerin und kam vor 31 Jahren in die Schweiz, um hier ihren Mann, den Architekten Werner zu heiraten. Sie musste diese Erfahrung zuerst selber machen, schmerzhaft beinahe. Sie wohnte bereits seit zehn Jahren in dem Ein­familienhaus auf dem Bruderholz und wunderte sich, warum Nachbarn sie nicht grüssten oder ­wenigstens freundlich anlächelten. Und dies obwohl sie sogar Schweizerdeutsch spricht, ein allfälliges «Grüezi» also gekonnt hätte retournieren können. Die Wende kam erst mit dem Apéro, dank einem entsprechenden Hinweis von einer Kollegin.

Alle ihre Erfahrungen, die Hartmann als Expat in Basel gemacht hat, fliessen heute in ihre Arbeit ein. Hauptberuflich ist sie als Kommunikationstrainerin und Coach tätig, daneben engagiert sie sich ehrenamtlich bei «baselconnect». Diesen Verein hat sie zusammen mit einer anderen Expat, Maureen Carlson Reinertsen, ins Leben gerufen, um die Integration von Expats in Basel voranzutreiben. Sie vermittelt den Arbeitsmigranten einen Schweizer Götti, hält Referate zum Thema «typically Swiss» und ist Mitglied der baselstädtischen Kommission für Migrations- und Integrationsfragen­. Ihr Engagement rührt aus der Betroffenheit. Über die Vorurteile gegenüber den «privilegierten ­Migranten» enerviert sich Hartmann ebenso wie über Expats, die keinerlei Interesse an ihrem Wohnort zeigen und sich in einer englischsprachigen Parallelgesellschaft bewegen.

Wer bleiben will, hält sich von der Expat-Blase fern

Die «Expat-Bubble», wie diese Parallelgesellschaft von den Betroffenen selber genannt wird, ist ein zweischneidiges Schwert, dies ist die Erkenntnis aus unseren Gesprächen mit zahlreichen Expats. Einerseits ist die Community am Anfang hilfreich, da dort viele Leute anzutreffen sind, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die Probleme kennen. Auf Dauer jedoch lohnt es sich, die Blase zu durchstossen, denn bei Leuten, die man dort kennenlernt, weiss man nie, wie lange sie noch in der Schweiz sind. Will ein Expat hier Fuss fassen, hat er bald kein Interesse mehr an diesen temporären Bekanntschaften. Viele «longterm expats», wie sie sich selber nennen, sagen gar ausdrücklich, dass sie sich von der «Expat-Bubble» fernhalten.

Eine andere Erkenntnis aus den vielen Ge­sprächen ist: Der Klischee-Expat, schwerreich und integrationsunwillig, existiert tatsächlich. Allerdings trifft dessen Beschreibung lediglich auf eine kleine, sogar innerhalb des ohnehin privilegierten Migrantensegmentes als elitär zu bezeichnende Gruppe zu.

Leslie Donaldson treffen wir zum Kaffee, ihre dreijährige Tochter Emily kommt gerade vom Sport und trägt ein pinkfarbenes Tutu, was ausnehmend niedlich aussieht. Das denken wohl auch sämtliche Jungen zwischen 0 und 5, sie scharen sich nämlich um Emily und buhlen um ihre Aufmerksamkeit. Diese gilt vorerst aber einem Stück Kirschkuchen, «first things first».

«Zu Fuss geht in Kanada niemand. Hier sind alle ständig draussen.»

Die Donaldsons sind im letzten August von ­Kanada nach Basel gekommen, Leslies Ehemann Conor ist einem lukrativen Stellenangebot gefolgt. Obwohl Conors Vertrag auf drei Jahre befristet ist, weiss die vierköpfige Familie bereits jetzt, dass sie hier bleiben will. «Die Lebensqualität ist unglaublich», sagt Leslie. Sie fühle sich so sicher hier, besonders beeindruckend findet sie, wie die Kinder hier selbstständig in die Schule gehen. Zu Fuss. «Zu Fuss geht in Kanada niemand, schon gar nicht die Kinder. Hier sind alle ständig draussen, das gefällt mir sehr.»

Leslies Sohn Lochlan geht in den Kindergarten und zwar in den staatlichen. Dort ist er das einzige Expat-Kind. Er konnte kein Wort Deutsch und doch hat er sich gut eingelebt. Lochlan (die Kinder nennen ihn «Lucky») wird sogar an Kindergeburtstage eingeladen. «Es war nie die Frage, unsere Kinder in die International School zu schicken», sagt Leslie, obwohl diese von Conors Arbeitgeber zumindest teilweise bezahlt worden wäre.

International School hemmt Integration

Die International School Basel (ISB) wird von praktisch allen Expats, mit denen wir gesprochen haben, als Integrationshemmnis empfunden. «Wer plant, länger in der Schweiz zu bleiben, ist gut beraten, seine Kinder in die Staatsschule zu schicken», sagt auch Kathy Hartmann. An der ISB werde eine Kultur gepflegt, die mit der schweizerischen wenig gemein habe. «Das ganze Konzept dieser Schule ist darauf ausgelegt, die Bedürfnisse wohlhabender und nur kurzfristig anwesender Expats zu befriedigen», sagt Hartmann. Auch ihre Tochter ist in die Staatsschule gegangen, was nicht immer einfach war. «Es kommt immer wieder vor, dass Expat-Kinder gemobbt werden», dabei spiele oft Neid eine Rolle (wegen der guten Englischkenntnisse), nicht selten seien auch Vorurteile gegenüber Amerikanern. Hartmann rät dennoch jedem, der sie fragt, zur Staatsschule, denn diese «beschleunigt die Integration ungemein».

Suzanne, ebenfalls Amerikanerin, ist ihrem Mann vor drei Jahren in die Schweiz gefolgt. In ­Seattle hatte sie eine vielversprechende Karriere als Biochemikerin an einer Universität vor sich, heute arbeitet sie ehrenamtlich in einem englischsprachigen Bücherladen am Klosterberg in Basel. Ausserdem gibt sie Lauftraining an der ISB. Suzanne zweifelt inzwischen daran, ob es richtig war, ihren neunjährigen Sohn in die ISB zu schicken. «Reese hat Hörprobleme, ich wollte ihn mit dem Wechsel nicht überfordern», aber so dauere es eben doch länger mit dem Deutschlernen.

Immerhin habe man sich für eine Wohnung in einer Schweizer Nachbarschaft in Reinach entschieden, was ganz gut funktioniere (it’s the Apéro, stupid!), sagt Suzanne. In Reinach gebe es nämlich auch ganze Häuserzeilen, in denen praktisch ausschliesslich englischsprachige Expats wohnten. Solche Leute, die sich nicht ausserhalb der «Expat-Bubble» bewegen, nennt Suzanne «Touristen». Zur Frage, ob sie punkto Integration vom Arbeitgeber ihres Mannes ausreichend unterstützt werde, findet sie ebenso deutliche Worte. «Mich zu integrieren ist allein meine Aufgabe», dies soll nicht das Problem der Schweizer sein.

Der Ehepartner muss sich neu erfinden

Kommt eine Expat-Familie nach Basel, geschieht dies oft, weil entweder die Frau oder der Mann eine gute Stelle angeboten bekommt. Dem begleitenden Ehepartner komme für das Gelingen des Unter­fangens dennoch eine absolute Schlüsselrolle zu, bereits beim Entscheid, wie Kathy Hartmann ­erklärt. «Wenn nicht die ganze Familie überzeugt ist, dass der Wegzug für alle eine Chance ­bedeutet, ist es aussichtslos.» Während der eine Partner ­zumindest zu Beginn von den Aufgaben am neuen Arbeitsplatz absorbiert ist, muss der andere mit sich alleine klarkommen. «Seine Verantwortung ist es, ein Zuhause zu schaffen», für die Kinder, aber auch für sich selbst, sagt Hartmann. Der begleitende Ehepartner müsse sich oft komplett neu kreieren, da er seine Karriere im Herkunftsland zurückgelassen habe. Von seinem Erfolg hängt nicht nur das berufliche Glück des arbeitenden Partners ab, sondern auch das Ehe- und Familienglück. Eine riesige Verantwortung, die vielfach als Last empfunden wird. «Die Scheidungsrate unter Expats ist extrem hoch», weiss Hartmann.

«Die Versicherungen und der Humor sind in Holland gleich wie in der Schweiz.»

Bei den Roods hat es geklappt. Das holländische Ehepaar ist vor neun Monaten nach Basel gekommen, Paul ist einem Stellenangebot in der Pharmabranche gefolgt. Seine Frau Carla hat sich umgehend und erfolgreich nach Möglichkeiten für Freiwilligenarbeit umgesehen. Inzwischen hat man sie dort sogar fest angestellt.

Die Roods hatten allerdings einen entscheidenden Vorteil: Sie konnten Deutsch. Carla versteht ­sogar Schweizerdeutsch, die Schnitzelbänke haben es ihr angetan. Das macht Paul etwas neidisch. Aus ihrer Sicht sind die beiden auf dem besten Weg, integriert zu werden. Carla singt in einem Chor, sie schauen sich abends zusammen die Tagesschau an, auf dem Weg zur Arbeit lesen sie Gratiszeitungen. «Die Schweizer und die Holländer sind sich in vielem ähnlich», sagt Paul. Das Versicherungssystem funktioniere gleich, der Humor sei derselbe und beide würden ein wenig mit ihrem übermächtigen und -grossen Nachbarn Deutschland hadern. «Das verbindet», lacht Paul. Aus Pauls befristetem ­Arbeitsvertrag ist eine Festanstellung geworden, bereits nach sechs Monaten haben die Roods ihr Haus in Holland verkauft. Inzwischen reisen sie nicht einmal mehr regelmässig zurück, «wir bleiben», sagt Carla entschieden.

Unter den Expats, die wir getroffen haben, besteht Einigkeit darüber, dass die Sprachbarriere als Erstes abgebaut werden muss. Sie alle wollen Deutsch lernen. Kathy Hartmann aber gibt zu bedenken, dass Deutsch in der Schweiz keine Alltagssprache ist. «Man muss schon sehr hartnäckig sein, dass die Leute nicht anfangen, mit einem Englisch zu sprechen», sagt sie. Die meisten Schweizer würden ein Gespräch in Hochdeutsch als eine ebenso künstliche Situation empfinden wie in Englisch. «Also müsste das Ziel eigentlich sein, Schweizerdeutsch zu lernen», rät Hartmann. Sie zieht dies durch, nur Mails beantwortet sie in Englisch und im Gespräch fällt sie einmal in ihre Muttersprache zurück, als sie ein komplexes psychologisches ­Modell erklärt.

«Ich bin der Integrationshelfer mit Zapfanlage.»

Als John Picton eine Schweizerin, Ines, heiratete, war das Britische Pfund vier Franken wert. Das war vor 23 Jahren, inzwischen betreibt er mit ­seiner Frau ein Pub in Reinach, das «The Fish Inn». «Das ist aber noch gar nichts», sagt er in britisch gefärbtem Schweizerdeutsch. «Ich habe einen Gast, bei dessen Heirat kostete ein Pfund noch ganze zwölf Franken! Zugegeben, der ist aber auch uralt.»

John wäre gemäss der Definition in der eingangs erwähnten Studie wohl gar kein Expat. Er kam nicht nach Basel, um einen hoch dotierten Job in der Pharmabranche anzutreten, sondern um seine Frau zu heiraten. Danach arbeitete er, ein ausgebildeter Antikmöbelschreiner, zuerst auf verschiedenen Baustellen. Nach einem Arbeitsunfall und einem Ausflug in die Webpublishing-Branche be­schlossen Ines und er, gemeinsam ein echtes britisches Pub zu eröffnen. «Das ist von allem, was ich bisher gemacht habe, mein absoluter Lieblingsjob», er sei ein wenig Psychologe, ein wenig Sprachlehrer, vor allem aber Integrationshelfer, sagt er und gibt eine Runde Bier aus.

Sprachlektionen an der Pubtheke

Ins «Fish Inn» kommen viele Schweizer, manchen gefällt es, in ungezwungener Atmosphäre ihr Englisch zu erproben. Den vielen Amerikanern und Briten wiederum fällt es bei ein paar Pints leichter, ihre Deutsch-Hemmschwelle zu überschreiten. «Es gibt Leute, die verlangen viel Geld für interkulturelle Kommunikationsberatungen. Bei mir kostet das höchstens eine Runde für alle.»

Wo viele Expats eine «schweizerische Reserviertheit» zu erkennen glauben, diagnostiziert Barkeeper John vielmehr eine Unfähigkeit, Spass zu haben. «Der Schweizer muss unterhalten werden», der Brite hingegen amüsiere sich mit zwei Kumpels und ein paar Glas bestens. In seinem Pub bricht John diese interkulturellen Barrieren, seine Schweizer Gäste lassen sich gerne von der Feierfreudigkeit der Briten anstecken.

Im «Fish Inn» war es auch, wo die Amerikanerin Natashia Collier ein absurdes Erlebnis hatte. Sie war gerade daran, ein Werbe-Poster aufzuhängen für eine Partyreihe, die sie ins Leben gerufen hat, als ein anderer Expat sie warnte: «In der Schweiz kannst du als Expat nie selber etwas auf die Beine stellen, und Deutsch lernen kannst du auch gleich vergessen.» In den zwei Jahren, die Natashia mit ihrem Mann Chris in der Schweiz lebt, habe sie so etwas noch nie von einem Schweizer zu hören bekommen. «Es waren immer andere Expats, die mir ihre negativen Erlebnisse aufdrängen wollten.» ­Natashia liess sich nicht beirren, sie hatte gar keine Zeit, sich die Ängste aus der «Expat-Bubble» anzuhören. Natashia war damit beschäftigt, sich hier eine Existenz aufzubauen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 15.03.13

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