«Bei der Muschel deiner Mutter» – wie Lionel Messi die Luft beschimpft

«Bei der Muschel deiner Mutter», soll Lionel Messi einem Linienrichter gesagt haben. Der Barça-Star bestreitet das (natürlich): «Meine Aussagen galten nicht ihm, ich habe sie so in die Luft gesagt.» Aber Argentinien hat noch ganz andere Probleme.

REFILE - CORRECTING TYPO Football Soccer - Argentina v Chile - World Cup 2018 Qualifiers - Antonio Liberti Stadium, Buenos Aires, Argentina - 23/3/17 - Argentina's Lionel Messi looks on before the match. REUTERS/Marcos Brindicci

(Bild: REUTERS/Marcos Brindicci)

«Bei der Muschel deiner Mutter», soll Lionel Messi einem Linienrichter gesagt haben. Der Barça-Star bestreitet das (natürlich): «Meine Aussagen galten nicht ihm, ich habe sie so in die Luft gesagt.» Aber der argentinische Fussballverband hat noch ganz andere Probleme.

Seit Mittwochnacht ist Lionel Messi wieder in Barcelona. Unter Polizeischutz bestieg er am Flughafen ein Taxi – ohne weitere Erklärungen abzugeben. Er hat ja schon genug gesagt. Eher zu viel, bei der «Muschel deiner Mutter» soll er einen Linienrichter verflucht haben, was ihm in einem ungewöhnlichen Fifa-Eilverfahren die ebenso erstaunliche hohe Sperre von vier Länderspielen eintrug.

Trotz eines persönlichen Briefes, den er dem Weltverband schrieb, wie jetzt bekannt wurde: «Wir haben uns freundschaftlich unterhalten (mit dem Assistenten)», stand darin: «Meine Aussagen galten nicht ihm, ich habe sie so in die Luft gesagt.»

Das klingt doch schon wieder eher nach dem «Kuschelteddy». So hat ihn Diego Maradona nun bezeichnet, als er ankündigte, sich in das Verfahren einzuschalten. Angesichts von Platz fünf in der WM-Qualifikation (der nur zum Playoff berechtigen würde) geht es um eine Sache von nationaler Dringlichkeit, das hat auch Fifa-Botschafter Maradona eingesehen: «Ich werde mal mit Infantino reden», dem Präsidenten also.

Immerhin weisser Rauch aus Buenos Aires – das wohl chaotischste Fussball-Gremium der Welt hat wieder einen gewählten Präsidenten.

Der kurze Dienstweg. Über die offizielle Vorgehensweise für eine Reduzierung der Sperre beraten derweil die Herren, die jetzt den argentinischen Fussballverband Afa führen. Zeitgleich zu Messis Landung in Barcelona war über dem Stadtteil Ezeiza in Buenos Aires nämlich weisser Rauch aufgestiegen.

Nach 973 Tagen Interimsführung, zuletzt unter einem von der Fifa eingesetzten «Normalisierungskomitee», hat das wohl chaotischste Fussball-Gremium der Welt wieder einen gewählten Präsidenten: Claudio «Chiqui» Tapia, Präsident des Drittligisten Barracas Central. Aufbruch, Neuanfang?

Für ein Ende dieser Illusion reicht wohl der Hinweis, dass Tapia als Vorbild den im Juli 2014 verstorbenen Afa-Paten und Fifa-Vizepräsidenten Julio Grondona kultiviert. Während dessen 35-jähriger Amtszeit füllten sich ein paar Privatkonten, ansonsten florierten alle Unkräuter, die den argentinischen Fussball fest umschlungen halten: die Gewalt der «barras bravas», die für ein jahrelanges Verbot von Auswärtsfans sorgten, das erst allmählich (und unter den altbekannten Krawallen) wieder gelockert wird.

Der neue Präsident hat – Ehrensache – auch schon das eine oder andere Korruptionsverfahren am Hals.

Die Unfähigkeit, im Land mit den vielleicht grössten Talenten der Welt auch mal ein paar zu behalten, oder wenigstens einige der exzellenten Trainer, die auch alle lieber im Ausland arbeiten. Die Macht von Politikern und Gewerkschaftern, die ihre Klubs im Caudillo-Stil führen und die «barras» dabei auch gern mal als Sturmtrupps einsetzen.

Wie einst Grondona will nun also Tapia diese Geflechte zum eigenen Vorteil steuern. Der 49-Jährige ist ein bulliger Typ, dessen Auftreten mit direkt noch zurückhaltend beschrieben ist und der mit seinem Idol eine Eigenheit teilt: Er spricht nicht ein Wort Englisch und hat damit kein Problem.

Anfang des Jahrtausends kam er aus der Provinzhauptstadt San Juan nach Buenos Aires, wo er als Strassenkehrer begann, in der Müllwirtschaft weitermachte und seinen Aufstieg einläutete, als er der Lastwagenfahrergewerkschaft beitrat. Dort eroberte er eine Tochter des mächtigen Syndikatsführers und Präsidenten des Traditionsvereins Independiente, Hugo Moyano.

Heute ist Tapia Vize der Abfallbeseitigungsbehörde Ceamse und weil er in dieser Funktion auch Unternehmen überwachen soll, in denen er angeblich selbst mitwirkt, hat er – Ehrensache – auch schon das eine oder andere Korruptionsverfahren am Hals. 



In this March 23, 2017 photo, Argentina's Lionel Messi reacts after missing a chance to score during a World Cup qualifying match against Chile in Buenos Aires, Argentina. Messi has been banned from Argentina's next four World Cup qualifiers, starting with the Tuesday, March 28, 2017 game in Bolivia, for

Bei so viel Ballyhoo im Fussballverband reicht es wohl selbst einem Kuschelteddy einfach mal. (Bild: AP Photo/Victor R. Caivano)

Schon seit zwei Jahren unterhielt Tapia ein Büro im Afa-Gebäude, um seine Kandidatur zu lancieren. Kennern gilt er gleichwohl primär als Marionette seines Schwiegervaters Moyano sowie des Boca-Juniors-Präsidenten Daniel Angelici. Beide bekamen ein Amt als Afa-Vizes, Angelici gilt zudem als Vertrauter von Staatspräsident Mauricio Macri, der seine öffentliche Karriere einst selbst als Boca-Klubchef begann.

Das Panoptikum wird abgerundet durch San-Lorenzo-Vize Marcelo Tinelli, einem smarten, persönlich mit Messi befreundeten und mit Maradona verfeindeten Showmoderator, der jetzt die Nationalmannschaft managen sowie die erste Liga leiten darf. Mit Posten bedacht werden musste er, weil er beim letzten Versuch einer Afa-Wahl noch gegen die «Grondonisten» angetreten war.

Im Ergebnis stand damals ein Patt von 38:38 bei 75 Delegiertenstimmen – der Höhepunkt des Fussballwirrwarrs, zu dem zuletzt auch ein Spielerstreik wegen ausbleibender Gehälter nach Abschaffung des staatlichen Subventionsprogramms «Fussball für alle» gehörten.

Bei so viel Ballyhoo muss wohl selbst ein Kuschelteddy mal freidrehen. Zurück im ruhigen Barcelona wird Messi nun verfolgen, wie es mit seiner Sperre weitergeht, und zu welchem Nationaltrainer er dann zurückkehrt. «Eine der zu analysierenden Fragen», nannte der neue Afa-Chef nach seiner Inthronisierung die Zukunft des erst seit acht Monaten amtierenden Nationaltrainers Edgardo Bauza. Die Tendenz deutet auf Abschied.

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