Das Baselbiet ist auf dem Weg zur Bildungsinsel

Die Baselbieter Regierung muss eine Gesetzesvorlage ausarbeiten, um aus dem Passepartout-Konkordat auszusteigen – so will es der Landrat. Sagt das Volk dazu Ja, könnte dies schwerwiegende Folgen haben.

Das Baselbiet hat genug von Passepartout, von Frühfranzösisch und -englisch und vor allem von den dazugehörigen Lehrmitteln. Zumindest der Baselbieter Landrat: Der unterstützt eine Initiative, die den Austritt aus dem Passepartout-Konkordat fordert.

Jetzt muss Bildungsdirektorin Monica Gschwind, die sich mit Händen und Füssen gegen diesen Entscheid gewehrt hatte, eine Gesetzesvorlage ausarbeiten, über die das Baselbieter Stimmvolk entscheidet.

Dem Entscheid gingen zwei Debatten voraus, in denen die Landräte sehr emotional und zeitweise angriffig ihre Positionen verteidigten: Die linke Ratshälfte plädiert dafür, erst die Evaluationen der Bildungsdirektion abzuwarten, um zu sehen, wie gut die Kinder die beiden Fremdsprachen nach neun obligatorischen Schuljahren beherrschen. Die andere Ratsseite fordert einen sofortigen Kurswechsel, damit die eigenen Kinder nicht als Experimentiermasse für ein neues Lehrmittel missbraucht würden.

Dabei steht vor allem Bildungsdirektorin Monica Gschwind in der Schusslinie. Sie, die noch vor zwei Jahren als FDP-Landrätin die Bildungspolitik von Urs Wüthrich kritisierte, musste sich unter anderem anhören, dass zwei Drittel ihrer ehemaligen Fraktion ihr nicht zutrauen, das stark kritisierte Passepartout-Lehrmittel «Mille feuilles» verbessern zu können.

Dabei hat kein Mitglied der FDP-Fraktion direkte Erfahrungen mit diesem Lehrmittel – keiner der Politiker arbeitet mit «Mille feuilles». Die Berührungspunkte stammen aus den Erfahrungen als Eltern von Kindern, die mit den Lehrmitteln eine neue Sprache lernen müssen – mit einer anderen Philosophie als es bei früheren Generationen der Fall war.

«Die Diskussionen, die wir heute mit ‹Mille feuilles› haben, gab es in anderer Form bei jedem Lehrmittel-Wechsel», sagt Michael Hirschi auf Nachfrage. Der Gesamtschulleiter der Kindergärten und Primarschulen Allschwil geht gelassen mit der momentanen Lehrmittel-Diskussion um. «Jede Veränderung braucht zehn bis 15 Jahre, um Fuss zu fassen», ist er überzeugt. Bei «Mille feuilles» handle es sich um eine völlig neue Art zu lernen. Das bringe Gefahren mit sich, aber auch Chancen. «Weil sehr viel neu ist, gibt es auch eine sehr grosse Angriffsfläche.»

Schulleiter Pascal Ryf kritisiert, die Kinder würden zu wenige und zu alltagsferne Wörter lernen.

Angegriffen wird «Mille feuilles» unter anderem von Hirschis Kollegen Pascal Ryf, der als Schulleiter im Schulzentrum Neuallschwil waltet und für die CVP im Landrat sitzt. Er bricht zwar eine Lanze fürs Frühfranzösisch, kritisiert aber das Lehrmittel – die Kinder würden zu wenige und zu alltagsferne Wörter lernen, und auch der Sprachgebrauch sei ungenügend.

Ryf ist nicht der einzige kritische Allschwiler: Die Initiative stammt aus der Feder Jürg Wiedemanns von der Starken Schule, der in Allschwil als Mathematik-Lehrer tätig ist. Und auch die Allschwiler Schulratspräsidentin von Kindergarten und Primarschule hat einiges an Passepartout auszusetzen: «Für diese Schulreform werden Millionen verpulvert ohne Mehrwert», sagt SVP-Landrätin Pascale Uccella.

«Für die Kinder ist es ein Frust: Sie können kein Englisch, kein Französisch und auch kein Deutsch», ist sie überzeugt. Uccella möchte deshalb, dass Englisch in der Primarstufe gestrichen wird und die beiden Lektionen in Deutsch unterrichtet werden.

Eigenes Lehrmittel, eigene Stundentafel

Nach zwei emotionalen Debatten entschied sich der Landrat am Donnerstag, 8. Februar für die Ja-Parole bei der Initiative «Austritt aus dem Passepartout-Konkordat». Nimmt das Baselbieter Volk die ausgearbeitete Gesetzesvorlage tatsächlich an, muss der Kanton ein eigenes Lehrmittel entwerfen, sich Gedanken zu der überarbeiteten Stundentafel machen, und die Primarlehrer würden trotz Ausbildung nicht mehr Englisch unterrichten dürfen.

Kommt die Vorlage aber durch, würde ein weiterer Alleingang des Baselbietes folgen – hin zu einer Insel ohne Partner. Ein bekannter Weg.

Konversation

  1. Lieber auf einer Bildungsinsel als auf dem umliegenden Festland des Bildungsdiletantismus. Das Ende der Passepartout Ideologie verschafft Baselland einen Standortvorteil. Die anderen fünf Passepartout Kantone werden das Nachsehen haben, wenn sie nicht bald nachziehen.

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  2. Schlecht recherchiert. Die Initiative, die nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe forderte, wurde vom Landrat abgelehnt. Somit wird auch zukünftig in Baselland Französisch ab der 3. und Englisch ab der 5. Klasse unterrichtet werden.
    Was mit dem Ausstieg aus Passepartout enden wird, ist aber die Ära, in der nur noch Fremdsprachenlehrmittel zugelassen sind, die der zumindest höchst fragwürdigen sogenannten «Didaktik der Mehrsprachigkeit» entsprechen. Damit wird es den Lehrerinnen und Lehrern zukünftig wieder erlaubt sein, eine Didaktik zu verwenden, in der Sprachstrukturen systematisch gelehrt und gelernt werden, in der man das Schwierige auf dem Einfachen aufbaut, in der man neues Wissen und neue Fertigkeiten durch Übung festigt, und die sich nicht der Illusion hingibt, man könne mit zwei Lektionen Fremdsprachenunterricht pro Woche, in welchen nur eine einzige Person die Sprache überhaupt sprechen kann, gleich vorgehen wie bei Kindern, welche ihre Muttersprache erlernen.
    Dies wird übrigens bereits heute mehrheitlich so praktiziert, in Baselland wie in den übrigen Kantonen. Der Landrat hat lediglich seine Zustimmung dazu gegeben, dass dies auch offiziell wieder erlaubt sein soll.

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  3. „Sprache“ ist zufällig Sprache.
    Das geht über Sprechen.
    Lernen geht über Begeisterung. Es ist nie nur der Stoff, der begeistert, es ist auch der Lehrer, das Umfeld, was inspiriert.
    Daher eine verwegene Idee: Verschickt die Kinder dorthin, wo es nur Französisch gibt, aber in eine attraktive Situation, dann kommt der Lernwille und der Lernerfolg von alleine.
    Beim Englisch könnte man es ähnlich machen. Ein Grossteil der heutigen Musik ist in englischer Sprache, ergo dorthin, wo diese Musik entsteht, die die Kinder gerne hören.
    Es ist doch viel interessanter, dorthin zu gehen, weil man selber verstehen WILL, statt lernen MUSS, wegen der Prüfung nächste Woche.
    (Mein Französisch habe ich in drei Wochen in Taizê intus bekommen. La Plume = die Blume, le Maitre = der Meter, la Maitresse = die Matratze,….. war irgendwie wirklich blöde.)

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