Das beschauliche Huningue rüstet auf

Huningue baut ab sofort an seiner Zukunft. In zwei Etappen sollen bis 2022 mehrere neue Hochhäuser und insgesamt 300 Wohnungen entstehen. Dazwischen kommen Gewerbeflächen. Das alles soll sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen, heisst es.

Neue Skyline am Rheinufer: So soll Huningue in wenigen Jahren aussehen.

(Bild: Constructa)

Huningue baut ab sofort an seiner Zukunft. In zwei Etappen sollen bis 2022 mehrere neue Hochhäuser und insgesamt 300 Wohnungen entstehen. Dazwischen kommen Gewerbeflächen. Das alles soll sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen, heisst es.

Das Städtchen Huningue mit seinen knapp 7000 Einwohnern hat Grosses vor. Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll die Einwohnerzahl um gut zehn Prozent wachsen. Dafür wird ein ehrgeiziges Projekt angegangen: Der bisher grösstenteils von Einfamilienhäusern und wenigen Wohnblocks geprägte Ort will am Rheinufer mehrere Hochhäuser mit bis zu 17 Stockwerken errichten und so 300 neue Wohnungen schaffen. Dieses Vorhaben ist Bestandteil des 3Land-Projekts. Der beauftragte Generalunternehmer Constructa beziffert das Investitionsvolumen auf 90 Millionen Euro. 

Gleich nördlich der Dreiländerbrücke sollen bald die ersten Bagger auffahren. Dort, wo seit Langem nichts als gestrüppüberzogene Brache die Menschen empfängt, die von Deutschland aus die Dreiländerbrücke überqueren. «Dieser Teil des Rheinufers war zu lange ein Niemandsland», findet auch der Bürgermeister von Huningue, Jean-Marc Deichtmann. «Jetzt entsteht an dieser Stelle ein wahres Eintrittstor nach Frankreich.»

Deichtmann habe sehr lange dabei zusehen müssen, wie Weil am Rhein seine Uferseite deutlich aktiver gestaltete. Dort liegt neben dem Rheincenter und den verschiedenen Outlets auch ein attraktiver Park samt Spielplatz und Café. Ein Park, den Weil demnächst noch merklich vergrössern will. Aber die Gesetzgebung in Frankreich ist ja auch deutlich komplizierter. So dauerte es seine Zeit, bis der Weg zur Bebauung des in Besitz der Voies navigables de France (VNF) befindlichen Geländes frei war. Huningue selbst steuert nur einen kleinen Teil Land bei.

Ehrgeiziges Projekt

Die Idee, das Ufer aufzuwerten, verfolgt Huningue bereits seit fünfzehn Jahren. Der Direktor der VNF, Marc Papinutti, räumt ein: «Als ich zum ersten Mal hierher kam, habe ich gesehen, dass das Flussufer – wie in vielen Städten – eine Brache geblieben war. Der Bürgermeister hat seit 2002 sehr viel Energie hineingesteckt, die Dinge hier voranzubringen. Allein hätten wir das nicht so erfolgreich auf die Beine stellen können.»

Jetzt kommt das ausgesprochen ehrgeizige Projekt in die Umsetzung. Als Erstes soll gemäss jetzt vorgestelltem Plan bis 2020 gleich nördlich der Brücke ein architektonisch ambitioniertes 16-stöckiges Hochhaus zu stehen kommen. Insgesamt sollen in dieser ersten Bauetappe 140 Wohnungen entstehen, ein Bürogebäude mit 5000 Quadratmetern Fläche und ein Hotel (4500 Quadratmeter) der gehobenen Kategorie.

In einer zweiten Bauphase folgen auf dem 30’000 Quadratmeter grossen Gelände zwei weitere Hochhäuser mit insgesamt weiteren 160 Wohnungen. Sie sollen 2022 bezugsbereit sein. Diese 14- und 17-stöckigen Gebäude werden sich etwas weiter nördlich anschliessen.

Camper müssen zügeln

Deren Baustart musste im Projektplan etwas nach hinten geschoben werden, weil vorher der bestehende Campingplatz verlegt werden muss. Deichtmann betont: «Der Wunsch der Gemeinde war es, weiterhin einen Campingplatz bieten zu können, da Huningue am Kreuzungspunkt mehrerer internationaler Velorouten liegt und diese eine Klientel anziehen, die nicht unbedingt in einem Viersternehotel übernachten möchte.»

Dieses Bedürfnis dürften auch Kajakclubs teilen, die den Sommer über zum Training im Hüninger Wildwasserkanal Eaux vives anreisen. Der Campingplatz aus den 1950er-Jahren wird daher nördlich Richtung Hafen verschoben. Das Hafengelände selbst wird ebenfalls nach Norden erweitert, um den nötigen Platz zu schaffen.

Die geplanten Gebäude wurden von drei verschiedenen Architekturbüros entworfen und sollen trotz vielfältiger Gestaltung ein zusammengehöriges Ensemble bilden. Eines dieser Büros ist Pietri Architectes. Zur grundlegenden Idee äussert sich Jean-Baptiste Pietri so: «Das Projekt soll die Stadt fortsetzen und eine Verbindung zum Fluss schaffen, die bisher fehlt. Es soll keinesfalls etwas ‹Ausserirdisches› sein, das man einfach vor den bestehenden Ort setzt, sondern den Ort zum Fluss hin öffnen.» Tatsächlich werden die Grünflächen zwischen den Gebäuden von einem Landschaftsarchitektur-Unternehmen anspruchsvoll gestaltet und sollen zu einem grossen Teil öffentlich zugänglich sein.

Einen Eindruck über das Vorhaben vermittelt dieses PR-Video:

Huningue: le futur quartier «Les jetées» comme si vous y étiez von lalsace auf Vimeo.

Die Wege werden das bestehende Strassennetz fortsetzen. Es wird dennoch eine Herausforderung werden, die 700 bis 800 zusätzlichen Einwohner, mit denen Deichtmann aufgrund der neuen Wohnungen rechnet, in die bestehende Infrastruktur zu integrieren. Etwa in die Primarschule, die mit über 500 Schülerinnen und Schülern so stark ausgelastet ist, dass sie seit diesem Schuljahr ihre Schulpausen versetzt in zwei Schichten aufteilt. Die im gleichen Gebäude angesiedelte Mittags- und Abendbetreuung (Périscolaire) führt dauerhaft Wartelisten, da die Räumlichkeiten nicht für alle Interessenten Platz bieten können.

Neue Geschäftsflächen

In den Erdgeschossen der neuen Gebäude sind 1350 Quadratmeter Geschäftsflächen geplant. Das Angebot im Ortszentrum soll damit aber nicht konkurrenziert, sondern bloss ergänzt werden. Tatsächlich findet man heute im Zentrum zwar mehrere Bäckereien, Coiffeure und Beauty-Salons, dazu kleine Lebensmittelläden, einen Blumenladen und ein Bureau de tabac mit Zeitschriften, aber darüber hinausgehende Angebote fehlen oder können sich nicht behaupten.

Es gab in Huningue in den letzten Jahren durchaus einige erfolgreiche Neueröffnungen, vorrangig Restaurants und Cafés. Gleichzeitig mussten im vergangenen Jahr am zentralen Place Abbatucci ein Buchladen und eine Epicerie – beide an neu geschaffenen Geschäftsflächen eröffnet – wieder schliessen. Andererseits herrscht an der Dreiländerbrücke reger Fussgängerverkehr Richtung Rheincenter.

Um dem gegenzusteuern, ist in Huningue seit Längerem ein zweiter Supermarkt in der Nähe der Palmrainbrücke in fussläufiger Entfernung zum Ortszentrum in Planung. Dem Vernehmen nach sind dort endlich alle Einsprachen beseitigt, womit dem Bau nichts mehr im Wege stünde. Die Hüninger und ihre künftigen neuen Nachbarn dürfen also gespannt sein, was sich in den Geschäftsflächen in den neuen Gebäuden künftig ansiedeln will.

Vermarktung und Verkehrsprobleme

Die vielen neuen Wohnungen wollen irgendwann auch verkauft werden. Deichtmann sieht das realistisch: «300 Wohnungen aufs Mal in einer Stadt wie Huningue anzubieten – das wäre undenkbar», sagt er. Deshalb sollen sie ab 2018 tranchenweise zum Verkauf ausgeschrieben werden.

Eine andere Schwierigkeit ist die Verkehrssituation. Von Huningue nach Basel verkehrt lediglich ein Bus pro Stunde zum Fischmarkt, in Stosszeiten fährt er halbstündlich, sonntags wiederum gar nicht. Auf das Problem angesprochen, verweist Deichtmann darauf, dass diejenigen Neuzuzüger, die bei Novartis arbeiten, sicher mit Vorzug auf den Veloweg zurückgreifen werden. Immerhin liegt der Campus nur gut einen Kilometer entfernt. Und bis die ersten Neubürger kommen, dürfte hoffentlich auch die Lindansanierung beim ehemaligen Steih-Areal abgeschlossen sein, wegen der nach wie vor der Veloweg entlang des Rheinufers nur am Wochenende geöffnet ist.

Noch während Deichtman all das ausführt, weist ihn Weils Oberbürgermeister Wolfgang Dietz eifrig signalisierend darauf hin, dass man ja nur die Dreiländerbrücke überqueren müsse um ins Tram 8 zu steigen. Auch wieder wahr.

Dabei muss es aber nicht bleiben. In der Fortschreibung des Agglomerationsprogramms Basel sind beim Ausbau des Tramnetzes Verbindungen nach Huningue aufgeführt – allerdings erst in einem Zeitrahmen nach 2027. Die Linie 11, die im Moment an der Grenze zu St-Louis endet, soll nach Huningue weitergeführt werden. Angedacht ist auch, das künftige Klybeck-Tram über den Rhein nach Huningue zu führen.

Kurz: Man wagt in Huningue ein so ehrgeiziges wie ambitioniertes Projekt. Die Lage der neuen Gebäude mit unverbaubarer Sicht aufs Wasser zumindest könnte für diejenigen, die sich eine Wohnung darin leisten, nicht besser sein.

Konversation

  1. Da sieht man, wie aktive das Grenzgebiet vorwärts geht. In Basel und Umgebung ist das Bauland rar, und die Mieten sind hoch. Es gibt gar keine anderen Alternativen, als Wohnraum überall dort anzubieten, wo es noch Bauland gibt. Huningue hat das anscheinend früh erkannt. Folgerichtig werden Tram und Velowege ausgebaut. Der Veloring ist meiner Meinung nach nur gedingt notwendig. Besser ist es, dort wo Engpässe für Velofahrer und Autos beobachtet werden, Velowege zu erstellen, und die Velofahrer situativ vom Autoverkehr zu trennen, und so für beide Verkehrsteilnehmer einen besseren und sicheren Verkehrsfluss zu ermöglichen.

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  2. PRO Brücke auf der Autobahn, Fussgänger, Velo und vorallem der 8er und 11er zusammengeschlossen werden können. 3-4 Zimmerwohnungen a 80-100m^2 für 800-1000 euro.

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    1. Wenn man wieder wie anno dazumals eine Eisenbahnbrücke Village Neuf-Weil bauen würde, wäre ein Eisenbahnring SBB-EAP-Weil-Bad Bf-SBB möglich…

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  3. ich verstehe nicht wieso man immer gerade so eine grosse Überbauung machen will. Wäre es nicht attraktiver wenn man mit einem Gebäude anfängt (und ausserdem dafür eine super Idee hat und damit andere Leute begeistern kann) als so wie in diesem Video eine neue Kleinstadt zu bauen? Ich gebe dieser Vision weniger als 10% Erfolgschance für eine gute Aneigenbarkeit der Be- und Anwohner.

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  4. wenn da hauptsächlich offenbar hauptsächlich für novartis angestellte gebaut wird, bringt das ja vielleicht entspannung im st johann.
    und wieso nicht pragmatisch die tramlinien schneller ausbauen?

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  5. Die Karte des 3Land-Projektes zeigt vorallem eins; anstatt Pflästerlipolitik mit unnnützen Fussgänger- und natürlich -velobrücklein zu machen, wärs gescheiter gewesen eine richtige Brücke zu bauen, auf der man heute die Tramlinie 8 und die Place Abatucchi verbinden könnte. Und sage mir keiner, dass es nicht schon 2002 absehbar war, dass es eines Tages einen äusseren Tramkreis um Basel braucht.
    Wahrscheinlich wirds mit der französischen Planungskunst – ganz dem „système d“ verpflichtet, irgendwann einmal eine tramlinie geben wie die heutige 3er-Linie, die sich in St.Louis den Häuserecken entlangkratzt.

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    1. Das ist nun aber der totale anti-französische Unsinn. Die Planung eines äusseren Tramrings um Basel liegt bestimmt im Interesse an der Stadt (und dem Kanton) Basel und sollte auch von dort aus ins Visier genommen werden. Wenn man Zürich als Massstab nähme, so wäre klar, dass bei Basel Gemeinden wie Allschwil, Binningen, Birsfelden und viele andere schon lange in der Stadt einquartiert wären, so wie das mit Oerlikon und Schwamendingen der Fall war. Logisch wäre auch die Verlängerung der Linie 11 nach St. Louis-Gare (über die Rue de Bâle) sowie die Verlängerung der Linie 6 nach Lörrach Zentrum und darüber hinaus.

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    2. Herr Pfister, besten Dank für Ihren profunden Kommentar. Nach 25 Jahren Frankreich – inkl. Arbeit in verschiedenen Betrieben auf Stufe engineering – wünschte ich mir, Sie hätten recht. Meine Befürchtung ist allerdings, dass der Murks noch schlimmer werden wird als in St. Louis; ich nehme an, Sie sind mit dem 3er schon entlang des Supermarktes gefahren ?
      Was hier vorgeschlagen wird ist Bauen um des Bauens willen; vielleicht mal bei Herrn Girny anfragen, wie gross diesmal die verschiedenen „pot-de vins“ in etwa ausfallen ?
      Wärs nicht logischer, zuerst die Tramachsen zu definieren bevor man dann loslegt ?

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