Das fällt auf: Stagnierender Frauenanteil, mehr bewährtes Basel und starke Ausgangs-Lobby

Eva Herzog erzielt das beste Wahlresultat seit Jahrzehnten, die FDP landet in einem historischen Tief und die LDP profitiert vom Promi-Bonus: Diese und weitere Auffälligkeiten aus den Wahlen.

Nach den Wahlen: Das fällt auf im Grossen Rat.

(Bild: Dominique Spirgi)

Eva Herzog erzielt das beste Wahlresultat seit Jahrzehnten, die FDP landet in einem historischen Tief und die LDP profitiert vom Promi-Bonus: Diese und weitere Auffälligkeiten aus den Wahlen.

Das Kalkül der FDP ging nicht auf. «Wir streben den Gewinn eines Sitzes an, den wir natürlich gerne mit einer Frau besetzen würden», sagte der Basler FDP-Präsident Luca Urgese an einer Medienkonferenz anderthalb Monate vor den Wahlen. Aus dem Sitzgewinn wurde nichts. Die Freisinnigen verloren im Gegenteil zwei Sitze – mit nur 10 Sitzen landen sie in einem historischen Tief – und bleiben als einzige Fraktion im Grossen Rat eine reine Männerbastion.

Unter dem Strich bleibt der Frauenanteil im Kantonsparlament mit 31 Grossrätinnen (31 Prozent) gleich wie bisher:

  • Obschon die SP mit einer Frau weniger vertreten ist, deckt sie mit 15 Grossrätinnen fast die Hälfte des gesamten Frauenanteils ab. Ihr Frauenanteil beträgt 44 Prozent.
  • Dieser Prozentsatz wird nur von den Grünliberalen übertrumpft, die mit je zwei Frauen und Männern ein ausgeglichenes Verhältnis vorweisen.
  • Mit einem Frauenanteil von je 43 Prozent stellen auch das Grüne Bündnis (6 Frauen) und die CVP (3 Frauen) einen vergleichsweise hohen Frauenanteil.
  • Bei der LDP und SVP sieht dies ganz anders aus. Die LDP konnte zwar um 4 Sitze zulegen, unter den Neugewählten befindet sich aber lediglich eine Frau, so dass die 14-köpfige Fraktion sich jetzt mit zwei weiblichen Mitgliedern zufriedengeben muss. Mit zwei Frauen in der 15-köpfigen Fraktion sieht es auch bei der SVP nicht besser aus.

53 Jahre Altersunterschied

  • Die SVP stellt mit Roland Lindner (Jahrgang 1937) das älteste Ratsmitglied – eine Stellung, die er bereits bei den letzten Wahlen 2012 innehatte. Er wird zusammen mit dem jüngsten Ratsmitglied am 8. Februar 2017 die neue Legislatur offiziell eröffnen.
  • Jüngster Grossrat ist mit Jahrgang 1990 neu Sebastian Kölliker von der SP.

Gestärkte Lobby für das Ausgeh-Publikum

Kölliker ist Mitglied des Komitees Kulturstadt Jetzt, das sich vor allem für Bedürfnisse eines jungen Ausgehpublikums stark macht. Dieses Komitee ist nach den Wahlen neu mit sechs Mitgliedern im Rat vertreten, fünf davon in der SP-, einer in der FDP-Fraktion.

Mit Daig-Namen und Promis auf Erfolgskurs

Die urbaslerische LDP brachte sich mit Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Daig und der Basler Promiszene auf Erfolgskurs:

  • Mit der neugewählten Catherine Alioth stösst ein weiterer Name aus dem Daig-Umfeld zur Fraktion, die bereits mit einem Vischer und einem Koechlin viel traditionelles Basler Bürgertum verströmt.
  • Mit dem Tattoo- und FCB-Moderator René Häfliger konnte die Partei auch einen prominenten Neueinsteiger in den Rat hieven. Das gilt auch für Stephan Schiesser, der in seiner traditionellen Confiserie am Marktplatz ein traditionsbewusstes Publikum empfängt und nun nach einer Pause wieder in den Ratsbetrieb einsteigen kann.
  • Auch die SVP hat mit einer prominenten Quereinsteigerin Erfolg: Es handelt sich um die streitbare ehemalige Spitzenfechterin Gianna Hablützel-Bürki. Ihr Smartvote-Profil outet sie als eine Rechtsaussen-Hardlinerin.

Spitzenresultate und Nieten



Für viele Wahlberechtigte zu kompliziert: 2936 Stimmen für das Präsidium waren ungültig.

Für viele Wahlberechtigte zu kompliziert: 2936 Stimmen für das Präsidium waren ungültig.

  • Eva Herzogs Glanzresultat: 72 Prozent der Wählenden kreuzten den Namen der amtierenden Finanzdirektorin an – so viel erreichte kein anderer Regierungsrat im ersten Wahlgang seit über 20 Jahren. Möglich, dass es darüber hinaus das beste Ergebnis einer Basler Regierungsratswahl war. Das Statistische Amt Basel-Stadt verfügt in elektronischer Form über die Zahlen seit 1995: In den letzten Jahren hat niemand ein besseres Resultat erreicht, wie man der TagesWoche mitteilte. Jörg Schild erreichte 1996 rund 62 Prozent Stimmenanteil, und Christoph Eymann glänzte 2004 mit 60 Prozent.
  • Zu blöd zum Wählen: Die Staatskanzlei verzeichnete so viel ungültige Wahlzettel für das Regierungspräsidium wie noch nie. 2936 Stimmen für das Präsidium waren ungültig – das sind etwa dreimal so viel wie 2012. Denn Wählen ist kompliziert: Wer auf seinem Wahlzettel einen Regierungspräsidenten ankreuzte, den er nicht als Regierungsrat wählte, dessen Präsidiumswahl wurde nicht gezählt. Viele Wählende hätten dies nicht verstanden, erklärt der Regierungssprecher Marco Greiner. Nach dem zweiten Wahlgang werde man eine gründliche Analyse vornehmen und den Wahlzettel allenfalls optimieren.

Smartvote-Profil des neugewählten Grossen Rats

Der neue Grosse Rat zeigt alles in allem eine leichte politische Tendenz nach links. In der Smartspider-Grafik ist der Hang zu einem ausgebauten Sozialstaat leicht stärker ausgeprägt als der zu einer restriktiven Finanzpolitik. Ganz deutlich ist, dass dieser Grosse Rat sehr wenig von einer restriktiven Migrationspolitik hält.

Ein Vergleich mit dem Bild des alten Grossen Rats ist wegen unterschiedlicher Fragestellungen nicht möglich.

So präsentiert sich das politische Profil des neugewählten Grossen Rats.

So präsentiert sich das politische Profil des neugewählten Grossen Rats.

 

 

Konversation

  1. Ich erlebe es oft genug wie Frauen anderen erfolgreicheren Frauen so richtig an den Karren fahren, aber so richtig und das weit unter allen Gürtellinien. Oder das eine ältere Frauengeneration der jüngeren Frauengeneration an der Urne den Mutterschutz abwählt, weil diese das Gebären ja schliesslich auch ohne hinbekommen haben… Ist die gläserne Decke vielleicht hausgemacht?!

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Interessant: Wenn „die am Rand“ auf die Stimmabgabe für den Regierungsrat verzichten, hat es überhaupt keinen Einfluss auf das Endresultat. Unter Umständen müssen alle 7 in den zweiten Wahlgang, Pech und peinlich, aber ohne Konsequenzen. Die Blockwähler gehen sowieso immer gleich wählen.
    Ganz anders bei Parlament. Da können Randwähler jemanden mit 4000 Stimmen hineinwählen. Passiert aber nicht, weil die Medien mit ihrer Hirnwäsche und Massengefühl das verhindern, siehe GLP, VA und viele weitere Neu-, Klein- und Randparteien in allen Kantonen.

    @vitto: Respekt, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Eine Erklärung meinerseits: Wen sollen Wähler ankreuzen, wenn sie von der EU nichts wissen wollen und das ein sehr wichtiger Entscheid für sie ist? Es gibt nur diese eine Partei und da Parteien nur eine innere Meinung zulassen, warte ich z.B. persönlich immer noch auf eine Frau, die unseren Energieverbrauch UND Immigration begrenzen möchte. Wird es nie geben, weil es nicht ins vorgegebene (Medien-, Soziologen-, Mäzenentums-) Schema passt. Die GLP wurden als weder Fisch noch Vogel diffamiert, weil sie eine für Banken und Industrie gefährliche Tendenz wecken können, nämlich ein Parteienchaos, wo der Wählerwille besser abgedeckt wird als via 49 Einheits-S(V)P-Brei, wo alle eine gleiche Meinung haben müssen, weil sonst „die anderen“ gewinnen. Mit 20 gleichmässig verteilten Parteien im Grossen Rat weiss doch niemand, wer jetzt zu beeinflussen ist.

    @Frauenfrage von weiter unten: Weil drittmittelfinanzierte Forschungsergebnisse immer das zum Ergebnis haben, was der Zahlende erwartet und folglich die Lehrmeinung von der Wirklichkeit abweicht, i.e. z.B. in Soziologie und Genderstudies?

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Die Monierung über die Frauenquote in der Politik ist extrem müssig, da Frauen mehr als die Hälfte des Elektorats stellen.

    Danke Empfehlen (0 )
  4. Da ich hier als Mensch 2. Klasse gezeugt und geboren wurde, hab ich mich nie richtig für eure Politik interessiert.
    Seit ein paar Tagen an Grippe leidend, hatte ich Zeit euren Wahlkrampf zu verfolgen. Mit grosser Verwunderung stelle ich fest, dass die zweitstärkste Partei hier in BS diese
    SVP ist !? Eine Partei die National-Kapitalismus propagiert, also Stalinismus für Reiche.
    …hab auch nicht gewusst, dass hier soo viele Miliardäre wohnen.
    Oder sind das einfach Leute, wie die unsägliche Fechterin die für ihr mediokres Leben einen Kick brauchen?

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (6)

Nächster Artikel