«Das Warten ist hässlich, aber es ist unser Universum»

Mit Syrien verbinden wir die Stichworte Krieg, Flüchtlinge und islamistische Extremisten. Das Theaterprojekt «While I was waiting» befasst sich mit diesem Themenbereich – und zeigt, dass es in Syrien trotzdem noch immer Alltagsprobleme gibt.

Oben Erzählung, unten Handlung.

Mit Syrien verbinden wir die Stichworte Krieg, Flüchtlinge und islamistische Extremisten. Das Theaterprojekt «While I was waiting» befasst sich mit diesem Themenbereich – und zeigt, dass es in Syrien trotzdem noch immer Alltagsprobleme gibt.

Zerbombte Häuser, blutende Kinder und Flüchtlingsmassen – viel Platz bleibt im aktuellen Mediensturm aus Syrien nicht, um sich ein Bild von den Alltagsproblemen der Syrer zu machen. Doch die gibt es, denn keine Bombe kann die Menschen von privaten Problemen befreien. Im Stück «While I was waiting», das diese Woche am Theaterfestival Basel gezeigt wird, prallen Kriegsszenario und Privatleben aufeinander. Die Geschichte beginnt dort, wo viele Zeitungsberichte aufhören: beim Jihadisten.

Der Schritt zum Extremismus

Anders als erwartet, ist der Jihadist hier nicht diabolischer Massenmörder, sondern tragisches Opfer. Taym (Mohamad al-Refai), ein junger Mann aus einer Mittelschichtsfamilie, wird an einem Checkpoint in Damaskus bewusstlos aufgefunden. Während er im Koma liegt, blickt er auf das Geschehene zurück: Als Aktivist gegen das Regime war er an Protesten beteiligt, hat jedoch bald keinen Fortschritt mehr gesehen und trat den Extremisten bei.

Regisseur Omar Abusaada und Autor Mohammad Al Attar wurden für die Figur des Taym von tatsächlichen Ereignissen inspiriert. Sie zeigen damit, wie schnell und unüberlegt der Schritt zum Extremismus geschieht und lassen den Zuschauer an diesem Prozess teilhaben: Dokumentarisch und unbarmherzig ehrlich erzählt Taym von den Ereignissen der Vergangenheit. Doch manchmal schweift er ab, wird poetisch und verträumt – ein Funke Hoffnung und ganz viel Trauer werden spürbar.



Am Krankenbett des bewusstlosen Taym kommen Geschichten der Vergangenheit zum Vorschein.

Am Krankenbett des bewusstlosen Taym kommen Geschichten der Vergangenheit zum Vorschein.

Das Drama des Wartens

Während der Erzähler Taym auf einer Erhöhung steht, spielt sich das persönliche Drama der Familie auf der unteren Ebene der Bühne ab. Auf dem Boden der Tatsachen kämpft die Familie mit der Angst um den bewusstlosen Taym, während persönliche Ereignisse aus der Vergangenheit zum Vorschein kommen. Inmitten der privaten Krisen steht die Gemeinsamkeit des Wartens – niemand weiss, ob und wann Taym wieder erwachen wird. 

Das Warten spielt sich aber auch im grösseren Rahmen ab: Während Familienmitglieder und Freunde blockiert neben Tayms Bett sitzen, spielt das Regime ausserhalb des Krankenzimmers seine bösen Spielchen, die niemand unter Kontrolle zu haben scheint. «Das Warten ist hässlich, aber es ist unser Universum», stellt Osama (Mohammad Alarashi) nüchtern fest. Wie beim Komapatienten stellt man sich die Fragen: Können wir noch etwas machen oder müssen wir Abschied nehmen?

Die Figuren scheinen sich von der Schuld, das Land nicht ändern zu können, loszusprechen, denn sie sind – tatsächlich und metaphorisch – gelähmt. «Ob weg oder da, wir sind alle gleich verloren», stellt Osama fest. Sogar Taym verlässt immer wieder seine Erzählertribüne und mischt sich im Familienkontext der Gegenwart ein, ist jedoch stumm und unsichtbar.

Flüchtlinge mit Gesicht

Durch das aussichtslose Warten werden alle Figuren zu potenziellen Flüchtlingen. Was wir aus Medien und Berichterstattungen als anonyme Massen kennen, bekommt ein Gesicht und eine Stimme – und das in der Originalsprache Arabisch. Immer wieder wird das Thema Auswandern aufgeworfen: Die Schwester (Nanda Mohammad) kommt aus dem Exil in Beirut nach Damaskus, um ihren Bruder im Koma zu besuchen. Die Verlobte (Fatina Laila) wird durch ihre Kündigung sogleich verdächtigt, das Land verlassen zu wollen.



Die Erzählerebene mischt sich während des ganzen Stücks immer wieder mit ein.

Die Erzählerebene mischt sich während des ganzen Stücks immer wieder mit ein.

Das Drama zeigt die sogenannte Flüchtlingskrise und die momentane Situation in Syrien von einer überraschend neuen Seite. Das übrigens nicht nur innerhalb der Geschichte selbst, sondern auch durch deren Mitwirkende: Autor Mohammad Al Attar und fünf der sechs Schauspieler leben nicht mehr in Syrien, da sie selbst vor dem Krieg geflüchtet sind.

Kurzweilig ist das Stück nicht – als Zuschauer verliert man sich in den teilweise langatmigen Erzählungen und Abschweifungen. Doch genau das macht das Warten ja aus: die zerdehnte Zeit, die Langeweile. Aufwühlend ist die Geschichte trotzdem. Die monotone Grundstimmung wird einerseits durch vereinzelte Situationskomik, andererseits durch emotionale Ausbrüche unterbrochen. «While I was waiting» macht deutlich, dass ein Komapatient, ob in menschlicher oder politischer Form, seine Umgebung zwar blockiert, den Alltag aber nicht ungeschehen macht.


«While I was waiting», Theaterfestival Basel, im Schauspielhaus Theater Basel, Theaterstrasse 7, Basel: Donnerstag, 31. August, und Freitag, 1. September, 19 Uhr.

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