Der apolitische Geist begünstigt den Verkauf des Sports

Der Greenpeace-Protest am Dienstag hat ein Thema in den Fokus gerückt, mit dem sich unser Autor Ivan Ergić bereits auseinandergesetzt hat. Aus aktuellem Anlass sein Text zum Thema Sport und Politik vom Juni 2012.

Freigeist: Der ehemalige FCB-Captain Ivan Ergic ist für die TagesWoche neu als Autor tätig. (Bild: Georgios Kefalas, Keystone)

Ivan Ergić ist zurück in Basel – als Autor für die TagesWoche. In seinem Beitrag beschäftigt er sich auf der Folie des Falls Timoschenko mit dem Thema Sport und Politik und bezeichnet speziell die deutsche Haltung als leere Moral.

Kommen wir noch einmal auf Frau Timoschenko zu sprechen – jetzt, wo die deutsche Bundeskanzlerin langsam in Verlegenheit kommen könnte, wenn die Nationalmannschaft Deutschlands den Final vom Sonntag in Kiew erreicht. Denn wenn Angela Merkel, die ihr Fantum geschickt in ihre politische Agenda einzuweben weiss, nach Kiew reist, wird sie kaum darum herum kommen, auf der Haupttribüne auf jene ukrainische Regierungsspitze zu treffen, die gerade auch von der deutschen Politik so heftig kritisiert wurde für den Umgang mit der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.

Dieser Text erschien im Juni 2012 bereits online. Der Greenpeace-Protest am Dienstag hat das Thema nochmals in den Fokus gerückt. Wir bringen ihn deshalb nochmals aus aktuellem Anlass.

Der Fall der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat nicht nur Osteuropa erbeben lassen, sondern auch den Westen selbst. Die Ursache ist der angeblich unrechtmässige Umgang mit Timoschenko, die im Gefängnis sitzt und die nach weit verbreiteter Meinung im Westen keinen fairen Gerichtsprozess erhalten hat. Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein gewöhnlicher Oligarch oder ein politischer Karrierist in einen Märtyrer verwandelt. Ähnlich ist es auch in Russland beim Prozess gegen Michail Chodorkowski.

Wenn man etwas kritisieren kann – und das kann man – dann müsste es die Auswahl der Richter sein, die sehr selektiv ist, wenn es um Angeklagte in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen geht. Die osteuropäische Polit-Elite, besonders die russische, hat nicht grundsätzlich etwas gegen Tycoons, sondern nur gegen jene, die nicht im Interesse der Machthaber arbeiten. Das zeigt das Beispiel Chodorkowski, der wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde und nicht wegen seiner Bereicherung während der Privatisierung. Für diese Art von Raub hätten sich eigentlich fast alle russischen Oligarchen zu verantworten.

Der Zeitgeist begünstigt den Verkauf des Sports

So postpolitisch die Zeit ist, in der wir leben, so postpolitisch ist auch der Sport selbst. So wie die Theoretiker der Postmoderne darauf beharren, dass unsere Zeit apolitisch ist und dass alle Ideologien ein Ende gefunden haben, genau so zeichnen der institutionalisierte Sport und die Bürokratie den Sport als apolitisch. Es ist das Anliegen der Theoretiker, dass der Sport ausserhalb der Politik bleibt, dass der Sport den Pluralismus und Multikulturalismus integriert und gemeinsam von allen getragen wird.

Der apolitische Geist begünstigt den Verkauf des Sports. Weil alle Produkte des Sports kommerziell sind, müssen sie neutral sein, damit sie alle Märkte durchdringen können. Wie ein «Big Mac» «neutral» ist, so ist es auch die Fussball-Europameisterschaft oder die Weltmeisterschaft: Sie sind kulturell konform und universell. Der Markt soll alles regeln, weil er so natürlich und so neutral scheint, dass er frei jeglicher Ideologie im klassischen Sinn ist. Das Problem ist nur, dass der Markt die grösste Ideologie ist, die es je gab.

Der apolitische Geist begünstigt den Verkauf des Sports.

Die Politisierung grosser Sportanlässe ist kein neues Phänomen. Zur Zeit des Kalten Krieges war dies eine sehr beliebte Art, den Unmut über Praxis und Politik der Gastgeber auszudrücken. Boykott und Propaganda verliefen grundsätzlich der Linie der unterschiedlichen Blöcke entlang, und die Sportverbände wurden von der politischen Spitze instrumentalisiert. Als Kontrapunkt zu den olympischen Spielen wurden 1963 und 1966 die sogenannten «Ganefo-Spiele» organisiert, sowie von 1928 bis 1937 die «Volksspiele» im republikanischen Katalonien, die 1936 allerdings aufgrund des spanischen Bürgerkrieges nicht ausgetragen wurden.

Die globalen Sportanlässe folgen der Logik der Macht

Die Gesten der Sportler und Teams waren symbolisch und oft ein Teil der globalen, politischen Semiotik. Heute folgen die globalen Sportanlässe der ökonomischen Logik der Macht und der Ausbreitung der kapitalistischen Kultur des Marktes, sodass sie viel zu robust geworden sind, als dass sie sich von dieser Art der Politisierung stören liessen.

Einst waren Sport und grosse Wettkämpfe der Grund für politische Beeinflussung im klassischen Sinn. Wegen der grossen Popularität sind Sportanlässe die beste Gelegenheit für die Verbreitung von Propaganda und die Erregung von Aufmerksamkeit sowie der Grund für politische Agitation. An den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko, wo mit grosser Brutalität gegen Demonstranten vorgegangen wurde, haben die US-Sportler John Carlos und Tommie Smith bei der Medaillen-Übergabe den legendären Blackpower-Gruss gezeigt. Sie zeigten damit symbolisch der Welt die erniedrigende Lage ihrer Mitbürger in Amerika.

Wegen der grossen Popularität sind Sportanlässe die beste Gelegenheit für die Verbreitung von Propaganda und die Erregung von Aufmerksamkeit.

Erinnern wir uns daran, dass das IOC unter der Führung von Avery Brundage sie danach suspendierte, weil die Geste nicht im Sinne des olympischen Geistes war. Diesen Geist hat Brundage gezeigt, als er bei den Olympischen Spielen in Berlin nicht nur keines der Teams kritisierte, die vor Hitler salutierten und die Hand zum Hitler-Gruss streckten. Im Gegenteil. Er bezeichnete die Gesten sogar als Zeichen des Respekts.
 Der Fall Timoschenko wie auch die Fälle der chinesischen Dissidenten, scheinen als Folge der Stärkung von China und Russland ein neues Kapitel jener Zustände zu eröffnen, die wir aus dem Kalten Krieg kennen. Geopolitisches Denken und Handeln sind in den internationalen Beziehungen nichts anderes als die heuchlerische Chronik der grossen Mächte, die immer einher ging mit Idealismus, Interventionismus für Menschenrechte und der üblichen Moralisierung.

Deutschlands Weg der realen Politik und der leeren Moral

Deutschland spielt sich als Verteidiger der Menschenrechte auf, zieht damit aber die Aufmerksamkeit auf sich wie jemand, der doppelte Standards besitzt und unter dem Einfluss von globalen, politisch-ökonomischen Mächten steht. Was das Gerichtsverfahren gegen Timoschenko und ähnliche Prozesse angeht, gibt es unterschiedlichste Menschenrechtsorganisationen und engagierte Intellektuelle, die die Lage im Blick haben, falls es Vorbehalte gegen das Justizsystem gibt. Deutschland könnte der moralische Führer in Europa sein, weil es dazu über das Potenzial verfügt. Es hat sich aber entschieden den Weg der realen Politik und der leeren Moral zu gehen.


Der «Spiegel», eines der wenigen verbliebenen Magazine, das es schafft, Wahrheiten zu enthüllen, hat richtigerweise bemerkt, dass Deutschland sich nicht mit Ländern aufhalten möchte, mit denen Handelsverbindungen bestehen wie mit China oder die Rohstoffe besitzen wie Aserbaidschan. Als in Baku der Eurovision Songcontest organisiert wurde, hat Deutschland weder versucht, den Event zu boykottieren, noch auf die politischen Zustände im Land hingewiesen. Vor Wettkämpfen erhalten deutsche Sportler von ihren Verbänden ausgewählte Informationen und ein Dossier über das Gastgeberland. Es ist symptomatisch, dass politische Botschaften über Sportler transportiert werden, die in einem Alter sind, in dem sie kaum die globale Politik im Kontext verstehen und ein angemessenes politisches Verständnis haben.

Olympia in China wollte niemand boykottieren

Es versteht sich von selbst, dass die deutsche Fussball-Nationalmannschaft vor der Weltmeisterschaft 2010 nicht informiert war über den Stand der Menschen- und Arbeitsrechte in Südafrika, von denen gerade im Zuge der WM viele missachtet wurden. Sei es beim Stadionbau, der Räumung von Siedlungen, dem Ausschluss von Händlern aus der Fifa-Zone und vielen weiteren Gelegenheiten. Es ist auch nicht über die Auswirkungen des Neoliberalismus nach der Apartheid gesprochen worden, die den ärmeren Schichten kein bisschen Wohlstand gebracht hat.

Nebst all dem hat die Uefa, die sonst sehr empfindlich auf politische Beeinflussung reagiert, es im Vorfeld der Euro 2012 bei der Debatte um Timoschenko nicht für nötig befunden, die Deutschen zu kritisieren.

Die Olympischen Spiele in China hat niemand boykottiert. Die Chinesen sind zu mächtig an den globalen Börsen, um sich mit ihnen anzulegen. Die Tibet-Frage und die Menschenrechte blieben das Thema einer intellektuellen Minderheit und von Menschenrechtsorganisationen. Die heuchlerische politische und wirtschaftliche Elite des Westens profitiert einerseits vom chinesischen Markt, der ihrem Kapital und ihren Firmen unterjochte und ausgebeutete Arbeiter zur Verfügung stellt. Andererseits ist der chinesische Markt ein grosser Abnehmer ihrer Waren.

Dem heutigen Sport passt die Entpolitisierung

Weder die westlichen Sportler, noch die Firmen, welche die Infrastruktur bauten, die Technik verkauften oder Knowhow in Form von Ingenieuren lieferten, hat sich um die Menschenrechte geschert. Das ist normal, weil sie Nutzen daraus ziehen, dass der Durchschnittschinese keine Arbeits- und Menschenrechte hat.
 Die postideologische Zeit bedeutet, dass die Geschichte im freien Spiel von Macht und Kapital gipfelt. Alle idealistischen Debatten sind beendet oder werden zur Farce wie das Beharren von Deutschland in der «Affäre Timoschenko». Weil der Markt und die offenen Marktverhältnisse alles regulieren, wirkt er als natürliche Ordnung, ein anderer politischer Aufbau erscheint unmöglich und die politische Ökonomie eine weit entfernte theoretische Disziplin.

Die Boykotte während des Kalten Krieges waren Teil eines ideologischen und symbolischen Kampfes zweier radikal unterschiedlicher Systeme. Doch in der Art und Weise, in der sie den Sport für politische Zwecke benutzt haben, waren sie sich sehr ähnlich.

Der heutigen Bürokratie des Sports gefällt die angebliche Entpolitisierung hervorragend. Sie passt zur Logik des freien Kapitalverkehrs, weil Sportanlässe einen Zugang haben auf alle Märkte in allen Ländern. The Show must go on.

Ivan Ergić, der Fussballrentner
Scott Chipperfield (36) hängt beim FC Aesch noch ein Saison als Spieler und Assistenzcoach dran. Ivan Ergić, sein langjähriger Teamkollege beim FC Basel und als serbisch-australischer Doppelbürger quasi Chipperfields Landsmann, hat diese Nachricht mit grossem Erstaunen und ein wenig Heiterkeit zu Kenntnis genommen und spontan angekündigt, dass er sich unter diesen Umständen nun auch einen Amateurverein in der Region suchen müsse.
Die Profikarriere von Ivan Ergić ist jedenfalls zu Ende, seit einem Jahr ist er ohne Verein, und der 31-Jährige bezeichnet sich inzwischen selbst als Fussballrentner. Nachdem sein Vertrag beim FC Basel 2009 nach neun Jahren und acht gewonnenen Titeln nicht mehr verlängert worden war, spielte er noch zwei Saisons für Bursaspor, mit dem er 2010 sensationell türkischer Meister wurde. Alle weiteren Pläne, zum Beispiel ein Abstecher in die chinesische Liga, zerschlugen sich wieder. Sein momentaner Lebensmittelpunkt ist Belgrad.
Schon früher erschienen Texte von Ivan Ergić in «Tages-Anzeiger» und «Basler Zeitung», nun schreibt er wieder vermehrt, und demnächst will er ein Gedichtbändchen veröffentlichen.
Seinen hier vorliegenden Beitrag hat Ergić auf Serbisch verfasst für die in Belgrad erscheinende Zeitung Politika, ins Deutsche übersetzt hat ihn TagesWoche-Redaktor Amir Mustedanagić.

Konversation

  1. Ivan Ergic bringt vieles auf den Punkt, was wir eigentlich wissen und wovor wir doch wegschauen. Das ist unbequem, aber immer wieder nötig. Ich bin sehr froh um solche Stimmen und freue mich, regelmässig von ihm in der TW zu lesen!

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Ich möchte mich meinen Vorrednern anschliessen und ebenfalls ein Dankeschön sagen. Zunächst an Ivan Ergic, der (wieder einmal) zeigt, welch aussergewöhnliche Fähigkeiten in Ausdruck und Analytik er besitzt.
    Und ausserdem der Tageswoche, dass sie den Artikel übersetzt hat und ihn damit dem Basler Publikum – und damit vielen LeserInnen, die sowohl den Menschen als auch den Sportler Ivan Ergic in allerbester Erinnerung haben – zugänglich macht.

    Interessant ist ja die Beobachtung, dass der FCB in den letzten Jahren mehrere Menschen als Spieler bei sich wusste, die in kaum einer Weise dem üblichen Bild des Fussballprofis entsprechen. Man denkt an Beni Huggel, aber natürlich auch an Franco Costanzo, der es kürzlich vorgezogen hat, seine Karriere zugunsten – wohl menschlich ansprechenderer – Alternativen aufzugeben.

    An die Tageswoche somit die Anregung, Franco Costanzo um einen Text zu bitten, in dem er seine Erfahrungen mit dem Geschäft namens Fussball schildert. Mich, und bestimmt auch viele andere LeserInnen, würde das sehr interessieren.

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Alle Achtung für Ivan Ergic und die TagesWoche, die den Artikel gefunden und übernommen hat. Dieses Niveau ehrt sowohl den Fussballer als auch die Zeitung.

    Danke Empfehlen (0 )
  4. Ein dezidierter Kommentar, der auf eindrückliche Weise Verbindungen herstellt, auf die sich sonst nur wenige achten.
    Herzlichen Dank an den Autor und auch an die TagesWoche, die solche Beiträge veröffentlicht.
    Und als Nebenbemerkung: Für mich persönlich bewirken Artikel wie dieser, oder auch das grandiose Interview mit Beni Huggel, viel mehr, als die Öffentlichkeitsarbeit der UEFA oder FIFA. Sie zeigen mir, dass meine Vorbehalte dem Fussball bzw. seinen Protagonisten gegenüber eigentlich Vorurteile waren.

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (4)

Nächster Artikel