Der Kampf ist gewonnen, das Leiden geht weiter

Die syrische Stadt Kobane ist von den IS-Milizen befreit. Doch die Situation der Flüchtlinge bleibt prekär. Und den Kurden an der türkisch-syrischen Grenze droht Gefahr von beiden Seiten.

A fighter of the Kurdish People's Protection Units (YPG) flashes a V-sign as he patrols in the streets in the northern Syrian town of Kobani January 28, 2015. Kurdish forces battled Islamic State fighters outside Kobani on Tuesday, a monitoring group said, a day after Kurds said they had taken full control of the northern Syrian town following a four-month battle. Known as Ayn al-Arab in Arabic, the mainly Kurdish town close to the Turkish border has become a focal point in the international fight against Islamic State, an al Qaeda offshoot that has spread across Syria and Iraq. REUTERS/Osman Orsal (SYRIA - Tags: POLITICS CONFLICT TPX IMAGES OF THE DAY) (Bild: Reuters/OSMAN ORSAL)

Die syrische Stadt Kobane ist von den IS-Milizen befreit. Doch die Situation der Flüchtlinge bleibt prekär. Und den Kurden an der türkisch-syrischen Grenze droht Gefahr von beiden Seiten der Grenze.

Kobane ist nach viermonatiger Belagerung und zähen Strassenkämpfen seit dem 26. Januar befreit. Die Kämpferinnen und Kämpfer der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), der türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ein kleines Kontingent irakischer Peschmerga haben die zahlenmässig und an Ausrüstung überlegenen Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) nicht nur aus der Stadt vertrieben. Sie haben in den letzten Tagen auch das Umland von Kobane weitgehend von IS-Truppen befreit. 

An die 150 Dörfer im Rojava-Kanton (selbstverwaltete Kurdenregionen in Nordsyrien) mussten die IS-Truppen bis jetzt räumen. Und YPG und PKK sind weiter auf dem Vormarsch. Doch damit ist die Not der Flüchtlinge nicht gemildert, die nicht in ihre Häuser zurückkehren können.


Bis heute seien erst rund 2000 Menschen nach Kobane zurückgekehrt, berichten Augenzeugen aus der zerstörten Stadt. Die Rückkehrer würden in behelfsmässigen Unterkünften unter unbeschreiblichen Bedingungen leben, in der Luft hänge noch immer Brand- und Verwesungsgeruch.



In den wenigen noch bewohnbaren Häusern stehen meist nur noch einige beschädigte Wände, Plastikplanen ersetzen die zerstörten Dächer, und trinkbares Wasser muss mühsam herbeigeschafft werden. Eine einzige Bäckerei versorge Zivilisten und die verbliebenen Schutztruppen mit kostenlosem Fladenbrot aus abgelaufenem Mehl und verdorbener Hefe, sagt der Bäcker zu kurdischen Fernsehjournalisten. Nur ab und zu lande eine Ziege in den Kochtöpfen.

67’000 Vertriebe in der 50’000-Seelen-Stadt


Die grosse Masse der Kobanerinnen und Kobaner muss vorläufig weiter im türkischen Exil ausharren. Laut Emel Sevki, der Sonderbeauftragten der türkisch-kurdischen Stadtregierung von Suruç, sind mittlerweile über 200’000 Menschen aus Kobane in die Türkei geflüchtet. Rund 67’000 Vertriebene haben Zuflucht in Suruç gefunden. In der kleinen Schwesterstadt des syrischen Kobane leben sonst gerade einmal 50’000 Einwohner (eine Reportage finden Sie hier).


Der grösste Teil der Flüchtlinge fand privat bei Familien Unterschlupf. Die Verhältnisse sind karg, die meisten Menschen in Suruç leben in einfachen Lehmhütten. In der ganzen Region herrscht grosse Armut, die Arbeitslosenquote beträgt über 50 Prozent. Dessen ungeachtet lassen kleine Ladeninhaber, Autowerkstätten und Handwerksbetriebe Flüchtlinge bei sich arbeiten, obwohl der Umsatz schon so kaum zum Überleben reicht.

Rund 15’000 Flüchtlinge leben derzeit in sechs, zum Teil selbst verwalteten Flüchtlingslagern. Die Stadtverwaltung von Suruç, freiwillige Helfer aus der Region und aller Welt haben diese Lager aus dem Boden gestampft. Auf schlammigen Äckern wurden Strom- und Wasserleitungen gelegt, sanitäre Anlagen errichtet und wetterfeste Behelfszelte aufgestellt – ohne Unterstützung des türkischen Katastrophenhilfswerkes, internationaler NGOs oder des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge. Einzig der Rote Halbmond tue vor Ort, was er könne, sagen die Leute in Suruç. Und das ist sehr wenig.

Umgeleitete Hilfsgelder


Die von der EU, den USA und anderen Ländern geleistete finanzielle Soforthilfe hat die türkische Regierung zum Teil in die Staatskasse, zum kleineren Teil in das türkische Katastrophenhilfswerk Afad umgeleitet. Aber die Hilfe des Afad fliesst nicht nach Suruç, beklagt sich die Co-Präsidentin der legalen Kurdenpartei HDP Figen Yuksekdag. 
Das Afad hat in der Nähe der kurdischen Stadt Urfa zwei Lager für insgesamt 7000 Flüchtlinge errichtet, die jetzt durch ein grosses Sammellager für 32’000 Flüchtlinge ersetzt werden.

«Die Bedingungen hier gleichen einem Gefängnis», sagt Evkin. «Die massiven Sicherheits- und Kontrollmassnahmen erinnern an ein Gefangenenlager und schüchtern die Menschen ein. Ausserdem wird nur Türkisch oder Arabisch gesprochen, obwohl die Menschen fast nur Kurdisch können. Mittlerweile sind bereits 650 Familien aus Afad-Camps nach Suruç geflohen.»

Das grösste, von der kurdischen Stadtregierung in Suruç kontrollierte Camp wurde kurzerhand für illegal erklärt, weil es 16 Kilometer von der Stadtgrenze entfernt errichtet wurde. «Das Militär verhindert regelmässig Hilfslieferungen», berichtet Emel Evkin. «Bereits mehrfach wurden die Wasser- und Stromleitungen zum Camp gekappt. Die Leute konnten ihre Zelte und Container nicht mehr beheizen.»


Auf eigene Faust



Dass es in Kobane nicht zu einer humanitären Katastrophe gekommen sei, sei dem raschen Handeln der Stadtregierung, der Zivilbevölkerung und der linkskurdischen Regierungspartei HDP zu verdanken, sagt Evkin. Auf eigene Faust hat die HDP ein informelles Hilfswerk aufgebaut: die Kobane-Krisenkoordination, besser bekannt als «Support to Live» (STL). In direkten Verhandlungen konnte STL das International Medical Corps, das dänische Flüchtlingshilfswerk und über kurdische Migrantenorganisationen zahllose Helferinnen und Helfer aus der ganzen Welt mobilisieren.

 Doch trotz aller Bemühungen leiden die Flüchtlinge noch immer unter Kälte, Krankheiten und Hunger. Zwischenzeitlich, als mit dem Medieninteresse auch die Spendenbereitschaft schwand, drohte sogar eine Hungersnot. 

Mittlerweile sind die Lager für Grundnahrungsmittel wieder gefüllt. Aber die hygienischen Bedingungen sind prekär. Es mangelt an Babynahrung, Zucker, Öl oder Melasse, an Obst und Gemüse, Wasch- und Reinigungsmitteln, an Kleidung allgemein, an elektrischer Infrastruktur, Impfstoffen, Medikamenten (vor allem an Antibiotika, Schmerzmitteln und Insulin), an Schulmaterial und Spielzeug. Es fehlen Ärzte und Psychologen für die stark traumatisierten Flüchtlinge. Und es mangelt an Pädagogen: Rund 80 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche.

Undurchsichtige Rolle der Türkei

Die Türkei verfolgt eine widersprüchliche Politik in der Krisenregion. Die kurdische, laizistische Selbstverwaltung in Rojava ist der AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyp Erdogan und seinem engen Vertrauten, Premier Ahmet Davutoğlu, ein Dorn im Auge. Gleichzeitig führt die AKP mit der PKK Verhandlungen über einen Friedensvertrag. Der ausgerufene Waffenstillstand wurde aber wiederholt vom türkischen Militär und Geheimdienst gebrochen.

Ausserdem berichten Human Rights Watch und die türkische Menschenrechtsvereinigung IHD von verstärkter Repression gegen die Kurden. Die Verhaftung und Misshandlung von Kindern – nur schon wegen der mutmasslichen Teilnahme an Demonstrationen – ist durchaus üblich.

 Undurchsichtig ist die Rolle der Türkei im Kampf gegen die IS-Dschihadisten. Augenzeugen werfen der türkischen Regierung vor, den IS im Kampf um Kobane unterstützt zu haben. Laut den HDP-Abgeordneten Refik Eryilmaz und M. Ali Edipoglu gibt es auch Belege dafür, dass die Türkei dem IS und al-Nusra (Verbündete von al-Qaida) Waffen geliefert habe.

Wie aus Trotz hat das türkische Militär am Tag der Befreiung von Kobane am Grenzübergang eine riesige türkische Flagge gehisst.


Der Präsident der türkischen Ärztegesellschaft, Selim Matkap, bestätigt, dass verwundete IS-Kämpfer in türkischen Spitälern behandelt und wieder laufengelassen worden sind, während der türkische Geheimdienst MIT regelmässig die Spitäler in der Umgebung von Suruç nach YPG- und PKK-Kämpferinnen und -Kämpfern durchsucht und diese festgesetzt habe. Seit etwa einem Monat geistern diese und ähnliche Informationen in Form von «geleakten» Geheimdienst- und Regierungsdokumenten durchs Internet.

In der Türkei wird jeder Twitter-Account, jede Internetseite, jeder Blog und jede Facebook-Seite, die auf diese Dokumente Bezug nimmt, soweit möglich umgehend gesperrt. Journalisten und Zivilisten drohen Haftstrafen, wenn sie diese Informationen verbreiten. Trotzdem hat die Menschenrechtsorganisation IHD einen Bericht veröffentlicht, in dem behauptet wird, dass das an die Provinz Dilok angrenzende Karkamis-Flüchtlingslager in Wirklichkeit eine Operationsbasis des IS sei. Mittlerweile hat auch ein ehemaliger IS-Kämpfer gegenüber dem amerikanischen Magazin «Newsweek» davon gesprochen.

Zur Siegesfeier über die Grenze?


Die Situation im Krisengebiet bleibt angespannt. Erdogan hat mehrfach betont, dass er ein linkskurdisches Staatengebilde an der syrischen Grenze nicht dulden werde. Wie aus Trotz hat das türkische Militär am Tag der Befreiung von Kobane am Grenzübergang eine riesige türkische Flagge gehisst. Unter Druck stehen auch die türkische PKK und ihre Partnerorganisationen YPG und PYG. Kurdenorganisationen haben während der Kobane-Krise starken Zulauf erhalten. Um die neugewonnene Unterstützung und Popularität nicht zu gefährden, hat die PKK nun eine klare Friedenslösung von Erdogan gefordert. 


Zum Tag der Entscheidung wird wohl das kurdische Neujahrsfest Newroz. YPG und PKK planen eine grosse gemeinsame Siegesfeier in Kobane. Dazu müssten Zehntausende Flüchtlinge und türkische Kurden die Grenze passieren. Bereits ziehe das türkische Militär Truppen zusammen, wird aus der Region berichtet.

Atilla Toptas, Basler SP-Politiker mit kurdischen Wurzeln, gibt sich optimistisch: «Aussen- und innenpolitisch war Kobane für Erdogan und die AKP ein Desaster», sagt er. «An Newroz wird sich zeigen, ob die Kurden mindestens in Rojava Frieden finden oder ob die Situation dermassen eskaliert, dass niemand die Folgen absehen kann.»

Spendensammlung «Basel hilft Kobane»
Bislang hat «Basel hilft Kobane» rund 140’000 Franken für Hilfsgüter und Container gesammelt. Die Sammlung läuft weiter. Zum einen leiden die Menschen weiter unter Hunger und Kälte, zum anderen ist die Stadt praktisch völlig zerstört. Gefragt sind Geld-, nicht aber Sachspenden, denn es ist schwierig, Letztere über die Türkei vor Ort zu bringen, und oft ist es billiger, die Hilfsgüter in der Türkei zu kaufen, als sie dorthin zu transportieren. Weitere Informationen bei der SKG Gemeinschaft.
Zudem rüstet der Verein für Kurdischunterricht Kinder mit Schulmaterial und 40 Musikinstrumenten aus und hilft beim Wiederaufbau der Schulen in Kobane. Kontakt: Verein für Kurdischunterricht, Rheinweg 25, 4322 Mumpf 

 

Konversation

  1. Danke für den informativen Artikel, nach dessen Lesen man aber sprachlos bleibt. Was haben Erdogan und der IS für Motive? Warum kann man den Kurden nicht endlich ein autonomes Gebiet geben? Warum schließen die sich nicht zusammen? Nur Fragen gegen den Hintergrund absoluten menschlichen Elends und zwischenmenschlichen Verrats. Und dann am Schluss noch die Stimme unseres Grossrates Attila Toptas, der sich anstelle sich ab diesem Elend entrüstet oder zu tiefst traurig zu zeigen „optimistisch gibt“. Warum Attila?

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  2. Hat Herr Erdogan mit den EU-Hilfsgeldern seinen Palast weiter aufgehübscht?
    Er liebt die Kurden ja inständig wie die Katze die Maus.

    Mampf!!!

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    1. dagegen ist unser helvetischer schafzüchter ja ein veritabler menschenfreund …
      gibt’s denn keinerlei druckmittel, ihm sein perverses spiel mit den «pufferkurden» zu vermiesen?

      Grossen respekt vor der zivilen solidarität mit flüchtlingen und dem demokratieverständnis der kurdischen bevölkerung!

      ps: die armenier hat’s für die offizielle türkei nachwievor nie gegeben …

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    2. @ chröttli:
      Vor wohl 200 Jahren war es für einen Reformierten gesundheitlich nicht unbedingt förderlich, im Kanton Luzern zu wohnen….
      Heute sind wir toleranter, – oder ist es uns einfach aufgrund des Wohlstandes nicht mehr so wichtig?
      Für den Nahen Osten habe ich auch keine gute Antwort. Eine unmögliche Phantasie wäre ein Bündnis der Kurden mit Israel oder eine Grossmacht setzt einen Stützpunkt in diese Gegend. Vielleicht täte der Welt sogar gut, wenn die USA und Russland nebeneinander da einen Stützpunkt betreiben würden.
      Vielleicht muss die Gegend erst begreifen, dass religiöser Fundamentalismus viel gefährlicher ist, als jegliche andere Religion oder deren Angehörige.

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