Der Kindergärtner freut sich über ein Atomkraftwerk

30 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl baut Weissrussland ein eigenes Atomkraftwerk. Widerstand dagegen gibt es in dem Land, das am stärksten von der Katastrophe betroffen war, kaum.

Eine Neubausiedlung in Ostrowez, Belarus. Zu sehen ist der Spielplatz eines Kindergartens, im Hintergrund stehen neu gebaute Wohnhäuser. Aufgenommen im März 2016.

(Bild: Ute Zauft)

30 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl baut Weissrussland ein eigenes Atomkraftwerk. Widerstand dagegen gibt es in dem Land, das am stärksten von der Katastrophe betroffen war, kaum.

Am Ufer des Prypjat im weissrussischen Mosyr steht ein Haus, das in den 1970er-Jahren sicherlich eine futuristische Anmutung hatte: Die Fenster erinnern an Bullaugen, der Turm ist himmelblau gestrichen und im rundum verglasten Ausguck spiegelt sich das Wasser.

Bis zum Frühjahr 1986 starteten von diesem Hafen aus Passagierschiffe nach Kiew. Heute führt der Fluss direkt in die Sperrzone rund um die einbetonierte Ruine des ukrainischen Atomkraftwerkes von Tschernobyl – und im einstigen Hafen sind Büros untergebracht.

Vor 30 Jahren war die Grenze zwischen Weissrussland und der Ukraine nicht mehr als ein Strich auf der Landkarte. Ein Strich, der die radioaktive Wolke nicht aufhalten konnte, die nach der Explosion von Reaktor 4 des AKW von Tschernobyl in den Himmel aufgestiegen war. Kein Nachbarland der Ukraine hat unter den Folgen der Reaktorkatastrophe so stark gelitten wie Weissrussland: Ein Grossteil des radioaktiven Fallouts ging hier nieder. Jod-131, Cäsium-137, Strontium-90 und Plutonium verseuchten fast ein Viertel des Staatsgebietes.

Die Baustelle des Atomkraftwerkes in Ostrowez, Belarus. Aufgenommen im März 2016.

Olga Ardaschewa ist 30 Jahre alt, in Mosyr geboren und arbeitet seit acht Jahren bei der Zeitung. Am Wochenende streift sie mit ihrem Sohn gern durch den Wald. Sie wirkt wie eine Frau, die sich nicht so schnell reinreden lässt. Als Wirtschaftsredakteurin sei sie oft in den milchverarbeitenden Betrieben der Region zu Besuch, erzählt sie. «Die Milch wird streng kontrolliert, nicht nur direkt bei den Bauern, sondern auch noch einmal in der Fabrik.»

Radioaktivität kann man nicht sehen, nicht riechen, nicht hören. Wer nicht in ständiger Angst vor ihr leben will, dem bleibt nichts anderes übrig, als den staatlichen Kontrollen zu vertrauen. Ardaschewa hat sich offensichtlich dazu entschieden, genau dies zu tun.

In den Jahren direkt nach dem Unglück führte die Strahlenbelastung mit Jod-131 zu erhöhten Schilddrüsenkrebsraten bei Kindern und Jugendlichen. In ganz Weissrussland trat die Krankheit siebenmal so häufig auf, wie in den Jahren vor 1986. In der besonders betroffenen Region rund um das im Westen gelegene Gomel lag die Quote sogar 22-mal höher als zuvor.

«Uns geht es gut»

Die vielen Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind von der Weltgesundheitsorganisation WHO und auch von offizieller Seite in Weissrussland als Folge des Reaktorunglücks anerkannt. Mittel- bis langfristig ist jedoch vor allem die Belastung mit dem radioaktiven Cäsium-137 und Strontium-90 gefährlich.

Angesichts einer Halbwertszeit von 30 Jahren bei Cäsium-137 und 28 Jahren bei Strontium-90 kann es noch Jahrhunderte dauern, bis die radioaktive Belastung der betroffenen Wälder, Wiesen und Felder abnimmt. 30 Jahre nach dem Unglück kann die Strahlung über das Heu für die Kühe, die belasteten Äcker und die Pilze im Wald in die Nahrungskette gelangen und lagert sich in den Organismen der Menschen ab.

«Uns geht es gut», betont die Redakteurin Ardaschewa. Auch ihr Sohn sei ganz normal entwickelt, schiebt sie hinterher. Die Folgen dieser Strahlenbelastung sind umstritten und lassen sich unter anderem mangels verlässlicher Daten nur schwer nachweisen. Für ihren aktuellen Bericht hat die Organisation «Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges» (IPPNW) allerdings zahlreiche internationale Studien ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass zu den Strahlenfolgen neben einem erhöhten Krebsrisiko auch die Zunahme von Herzinfarkten und Schlaganfällen gehört.

Irina Suchij von der Umweltorganisation Öko-Haus. Aufgenommen im März 2016 in Minsk, Belarus.

Zum Zeitpunkt der Katastrophe von Tschernobyl war sie 23 Jahre alt und verlor kurze Zeit später sämtliches Vertrauen in die Obrigkeit: Die Verantwortlichen hatten den Vorfall tagelang verschwiegen und auch danach flossen die Informationen ausgesprochen spärlich. Ein Jahr nach dem Unglück erwartete sie ihre erste Tochter und hatte beständig Angst, dass ihre Lebensmittel radioaktiv verseucht sein könnten.

«Das wird euch nicht gelingen», dachte die Umweltaktivistin deshalb, als die Regierung erstmals darüber sprach, in Weissrussland ein Atomkraftwerk bauen zu wollen. «Jetzt wird es einen Machtwechsel geben, jetzt werden alle Weissrussen auf die Strasse gehen oder die Eisenbahnschienen blockieren.» Doch es geschah nichts. «Die Menschen bei uns glauben nicht daran, dass sie etwas ändern können und deswegen verdrängen sie Dinge wie den Bau des AKW einfach aus ihrem Bewusstsein», erklärt Suchij sich das Schweigen ihrer Landsleute.

Nicht nur das macht ihren Kampf gegen das Atomkraftwerk schwierig. Die Umweltaktivistin berichtet, wie sie und ihre Kollegen vom Geheimdienst – der in Weissrussland noch immer KGB heisst – zum Gespräch geladen wurden. Kurz darauf landete ihre Organisation auf einer schwarzen Liste. Das bedeutet, dass die Organisation nicht mehr mit Schulen in Weissrussland zusammenarbeiten oder Gelder aus ausländischen Fördertöpfen beantragen kann. Zwei Experten der von «Öko-Haus» initiierten Antiatomkraft-Kampagne wurden zudem wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verurteilt. Ein russischer Aktivist hat inzwischen Einreiseverbot.

Der Kindergartenleiter Pawel Rynkewitsch auf dem Spielplatz seines Kindergartens in Ostrowez, Belarus. Aufgenommen im März 2016.

Der Weg von Minsk Richtung Norden führt vorbei an Mischwäldern, durchwirkt von Birken mit ihren strahlend weissen Stämmen. Felder ziehen sich über das geschwungene Land, das Vieh steht in langen Hallen aus Beton-Fertigteilen. Die landwirtschaftliche Produktion findet in Weissrussland überwiegend in Grossbetrieben statt, die nur teilweise privatisiert wurden. Industrie gibt es in dieser Ecke des Landes kaum.

Umso stärker fallen bei der Einfahrt in das Städtchen Ostrowez die zahlreichen Baukräne auf: Seitdem 18 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt das neue Atomkraftwerk gebaut wird, wächst auch die Stadt.

Pawel Rynkewitsch kann nicht klagen: Der Mann mit dem runden Gesicht und den kurz geschorenen Haaren ist der Chef des neuesten Kindergartens der Stadt. «Ohne das Atomkraftwerk gäbe es den Kindergarten nicht», erklärt er. Bei Baubeginn des Werkes hatte die Stadt rund 8500 Einwohner, inzwischen sind es 10’000, geplant sind bis zu 30’000. Ein Neubaugebiet steht schon, zwei weitere sollen folgen.

Er freue sich über den Bau des AKW, erklärt der Kindergartenchef. «Unser Ostrowez ist aufgeblüht: Neue Strassen, neue Häuser, neue Kindergärten und Schulen werden gebaut und sogar ein neues Krankenhaus.»

«Wenn Tschernobyl ein einfacher Topf war, dann ist unser Atomkraftwerk ein Dampfkochtopf mit Sicherheitsdeckel.»

Eduard Swirid, Chef des Infozentrums zum neuen AKW

Dauerpräsident Lukaschenko regiert mit einem sozial abgefederten Autoritarismus, der auch darauf beruht, dass sich ein hoher Anteil der Unternehmen noch immer in den Händen des Staates befindet. Wer hier widerspricht, verliert seinen Job. Alle anderen freuen sich über ein relativ stabiles Gehalt. Auch der Kindergarten ist staatlich.

Unweit von diesem findet sich ein weiterer Neubau: Durch eine lange Fensterfront ist ein grosses Schaubild zu erkennen, auf dem das Atomkraftwerk detailreich aufgemalt ist. Eduard Swirid ist der Chef des Informationszentrums, das seit 2009 vor Ort über den Bau des Atomkraftwerkes informiert. Früher war er Journalist, redegewandt ist er noch heute. Jedes Jahr kämen 1000 Besucher hierher, erzählt er, um sich über den Bau des AKW zu informieren.

«Wenn Tschernobyl ein einfacher Topf war, dann ist unser Atomkraftwerk ein Dampfkochtopf mit Sicherheitsdeckel.» Um zu unterstreichen, wie sehr sich der Neubau nahe seiner Heimatstadt von Tschernobyl unterscheidet, greift Swirid gern auf Vergleiche aus dem Alltag zurück. Auf einer Schautafel sind die geplanten Sicherheitsbarrieren erklärt. Bei Tschernobyl habe es nur zwei gegeben, hier seien es vier. Swirid klopft auf die Schautafel mit der Nummer 4: Eine doppelte Schutzhülle aus Sicherheitsbeton. Er sei zwar kein Ingenieur, sagt er, aber diese Massnahmen hätten im Laufe der Zeit sogar ihn beruhigt.

Es gebe sogar noch eine fünfte Sicherheitsvorkehrung, sagt er schliesslich im Flüsterton, als plaudere er ein streng gehütetes Geheimnis aus. Falls die Schutzhülle – was natürlich extrem unwahrscheinlich sei – zerstört werde, dann fliesse das radioaktive Material in eine Art Wanne unter dem Reaktor. Dort lagere ein besonderer Stoff, der nicht nur die Temperatur des radioaktiven Magmas reduzieren könne, sondern auch dessen Radioaktivität. Wie genau das möglich ist, sei allerdings das Geheimnis der russischen Konstrukteure.

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Die Recherche zu dieser Reportage wurde unterstützt von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

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