Der Mangel an Spender-Nieren wird akut

Im letzten Jahr konnten in der Schweiz nur 300 Spendernieren transplantiert werden. Tausende Patienten sind auf Dialyse-Maschinen angewiesen. Manche verlieren die Geduld und erwägen, illegal ein Organ im Ausland zu kaufen.

226 Nieren wurden 2015 in der Schweiz transplantiert. Doch es mangelt immer noch Spendern.

(Bild: Nils Fisch)

Im letzten Jahr konnten in der Schweiz nur 300 Spendernieren transplantiert werden. Tausende Patienten sind auf Dialyse-Maschinen angewiesen. Manche verlieren die Geduld und erwägen, illegal ein Organ im Ausland zu kaufen.

Rund 60 bis 70 Nieren werden im Universitätsspital Basel jährlich transplantiert. Damit liegt Basel schweizweit auf dem zweiten Platz, gleich hinter Zürich. Es könnten weit mehr solche Transplantationen durchgeführt werden, doch das Angebot hinkt der Nachfrage mit grossem Abstand hinterher.

Letztes Jahr erhielten hierzulande knapp 300 Patientinnen und Patienten eine neue Niere, während 1400 auf der Warteliste eingetragen waren; 2010 waren es 250 Wartende weniger. Der Mangel an Spendernieren wird akut.

«Die Wartezeit ist einschneidend», sagt Michael Dickenmann, Stellvertretender Chefarzt für Transplantationsimmunologie und Nephrologie am Universitätsspital Basel. «Patienten ohne Zugang zu einer Lebendspende warten Jahre, das kann zermürbend sein. Viele sind verzweifelt.»

In die Illegalität gedrängt

Manche Patienten verlieren die Geduld und versuchen ihr Glück auf dem Organ-Schwarzmarkt. Im Ausland machen regelmässig Fälle von illegalem Organhandel Schlagzeilen. Wie viele Schweizerinnen und Schweizer sich im Ausland eine Niere kaufen und einsetzen lassen, sei unbekannt, sagt Dickenmann. Doch weltweit sei der illegale Organhandel eine Realität, «der mit Gesetzen nur schwer beizukommen ist».

Afrika, Indien und China gelten als die grossen Schauplätze des Handels. Zahlen dazu seien kaum zu bekommen, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer Studie aus dem Jahr 2007. Wo das Gesetz nicht hinreicht, werden keine Statistiken erfasst.

Die Studie beruft sich in ihren Erhebungen grösstenteils auf Einzelberichte in den Medien. Davon gibt es zahlreiche. So gilt es als bestätigte Tatsache, dass in China über Jahre die Organe hingerichteter Straftäter verkauft wurden, auch an wohlhabende Ausländer. Über den Verkauf einer Niere in Moldawien wurde ebenfalls berichtet, dort erhielt ein Spender 16’000 Euro. «Die Regierung stört sich nicht an dem Handel», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: «Es gibt keine Untersuchungen, keine offiziellen und auch keine geschätzten Zahlen.»

«Der Nierenspender wird überhaupt nicht geschützt. Auch für den Empfänger ist die illegale Operation ein Risiko.»

Michael Dickenmann, Unispital Basel

Die Rechtsstaatsmission Eulex der Europäischen Union verurteilte 2013 fünf Ärzte einer Privatklinik im Kosovo, die Teil eines illegalen Organhandelrings waren. Die Spuren führen in höchste Regierungskreise. So soll auch der kosovarische Regierungschef Hashim Thaci in die illegalen Machenschaften verstrickt gewesen sein.

Der jüngste Bericht stammt von einem Korrespondenten der «Stuttgarter Zeitung». Dieser beschaffte sich für 30’000 Dollar eine Niere in Afrika, um sich vom «Joch der Dialyse» zu befreien, wie er schreibt. In einer mitreissenden Reportage schildert er den Ablauf eines solchen Handels: «Ich kaufe mir auf dem florierenden, aber weltweit geächteten und von vielen als verwerflich betrachteten Organmarkt eine neue Zukunft.»

Auch er sei schon von Nierenkranken auf das Thema angesprochen worden, sagt der Basler Nierenspezialist Dickenmann.«Mir ist aber persönlich kein Patient bekannt, der sich illegal eine Niere gekauft hat.» Er würde aus medizinischer, ethischer und rechtlicher Sicht davon abraten: «Der Spender wird überhaupt nicht geschützt. Auch für den Empfänger ist die illegale Operation ein Risiko.»

Massnahmen gegen Spendernot

Auch in der politischen Debatte ist der Organmangel immer wieder ein Thema. In der Schweiz sprachen sich der Ständerat und die zuständige Kommission des Nationalrats 2013 gegen die sogenannte Widerspruchslösung aus. Ihr zufolge müssten Personen zu Lebzeiten ausdrücklich festhalten, dass ihnen keine Organe entnommen werden sollen, wenn sie sterben. Im Nationalrat hatte eine Motion die Einführung dieser Lösung verlangt. Der Entscheid ist noch hängig.

Würden nach der Widerspruchslösung viele Verstorbene automatisch zum Spender, verordnet die aktuell gültige Regelung genau das Umgekehrte: Nur wer auf dem Organspendeausweis einer Spende zustimmt, kommt in Frage – sonst entscheiden die Angehörigen.

Um dem Organmangel zu begegnen, hofft Dickenmann auf «infrastrukturelle Massnahmen»: Eine einzelne Änderung wie die Widerspruchslösung als alleinigen Ausweg zu betrachten, sei «zu einfach». Nur ein «Paket von Massnahmen» könne zu einem Anstieg der Spenderrate führen.

Verpasste Spender

Mit dem Aktionsplan hat der Bundesrat 2013 solche Massnahmen in die Wege geleitet. Sie sehen vor, dass die Anzahl der verstorbenen Spender bis 2018 auf 20 pro Million Einwohner steigt. Im letzten Jahr lag der Wert noch bei 14,4 Totspendern pro Million Einwohner. Der Aktionsplan betrifft die Ausbildung des medizinischen Personals, das Qualitätsmanagement, die Spitalstrukturen und -ressourcen sowie die Information der Öffentlichkeit.

In der Hektik des Spitalalltags geht das wichtige Thema der Organspende leicht unter. Oder wie es Michael Dickenmann auf den Punkt bringt: «Wenn Sie als Assistenzarzt morgens um drei Uhr auf der Intensivstation arbeiten und ein potenzieller Organspender verstirbt, haben Sie vielleicht zu viel um die Ohren, um sich auch noch darum zu kümmern.»

Konversation

  1. @Jeanette Staiger
    Danke für den link.

    Es ist dort ja interessant zu hören, dass die Menschen, die eine Niere abgeben, allermeist Schwierigkeiten bekommen, obwohl, rein theoretisch eine Niere sehr gut die ganze Aufgabe übernehmen kann.

    Dazu ist zu sagen: Die Nieren sind ein Zwillingsorgan, zu vergleichen mit eineiigen Zwillingen, die auf eine Art verbunden sind, wie sich das ein Mensch, der nicht davon betroffen ist, gar nicht vorstellen kann. Wenn’s dem einen schlecht geht, spürt das der andere Zwilling, auch wenn er davon gar nicht Nachricht hat und es beeinträchtigt ihn auch.

    So ähnlich ist das mit den NIeren. Sie sind ein Zwillingsorgan. Fehlt der eine Zwilling beieinträchtigt das die Leistung der anderen Niere (Zwilling). Das heisst die Niere ist nicht in der Lage die gleiche Leistung zu erbringen, wenn sie alleine da ist mit der Aufgabe.

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    1. Mein Dank an beide Frauen! Mit der Schilderung einer persönlichen Erfahrung und dem Hinweis auf den Link haben Sie mir eine Freude bereitet! Ich empfinde es als Reichtum, von anderen Menschen zu hören, die nicht in den gängigen Denkbahnen verhaftet sind und den Menschen als etwas Ganzheitliches sehen und erleben! Merci!

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  2. Ich bin mit einem Geburtsfehler im Nieren-Blasen-Bereich auf die Welt gekommen. Die ersten zwei Jahre soll ich dauernd Fieber gehabt haben und niemand wusste warum.
    Dann mit 10 Jahren hatte ich im Urin voller Eiweiss. Bis dahin hatte ich auch sehr viel Angina. Mit 10 Jahren innert 2 Monaten 3 mal. Dann mussten die Mandeln raus, weil das der Grund gewesen sein für Das Eiweiss im Urin.
    Dann hatte ich Ruhe bis ich 18 Jahre alt war. Da hatte ich so alle paar Tage mehr oder weniger schwarzen Urin. Nun kam der Geburtsfehler heraus. Der Ausgang vom Harnleiter zur Blase war seit Geburt praktisch zugewachsen gewesen. So sammelten sich viele Nierensteine an und die Niere arbeitete nur noch etwa 1%. Ich wurde operiert. Da die Niere sich wieder etwas erholte und 30% arbeitete, konnte man sie drin lassen. Andernfalls hätte man sie auch noch herausnehmen müssen. In der Folge hatte ich immer wieder mal Blasenentzündung, bis es nach ein paar Jahren gut war.
    Mit etwa 48 Jahren hatte ich eine Entzündung nach der anderen im Urin festgestellt. Ich spürte auch einen Druck auf der Niere und ich fühlte mich in der Folge schwach und war viel müde. Der Hausarzt meinte, dass die Niere entzündet sei und schickte mich zum Spezialisten.
    Der Spezialist (er operierte auch) untersuchte mich und fand zwei grosse Steine in der Niere. Dann sagte er mir, dass die Steine raus müssen und die Niere gleich mit. Ich fragte ihn, wie gut denn die Niere arbeite, ob sie, wenn die gute Niere ausfalle, sie die Arbeit alleine machen könnte. Der Arzt sagte mir, dass sie zu 100% arbeite. Ich sagte dann dem Arzt, dass ich wohl die Steine raus haben möchte, aber die Niere behalten will. Dann sagte mir der Arzt, dass er nur die Steine mit der Niere herausnehme. Das gebe wieder Steine. Dann gab es noch eine kurze Auseinandersetzung. Ich mittendrin so wütend, dass ich aufstand, die Tür öffnete, hinausging und die Türe von aussen zuknallte.
    Jetzt, wo ich diesen Text lese, kommt mir so leise der Gedanke, ob er vielleicht für meine Niere vielleicht noch eine andere Verwendung witterte…..

    Nach ca. 2 Jahren spürte ich, wie etwas herunterwanderte. Ich war sicher, dass es der Stein war. Richtige, starke Schmerzen gibt es ja nur, wenn der Harneiter eng ist. Aber meiner war ja ausgeweitet von den Steinen mit 18 Jahren. Dann war nach ein paar Wochen der leichte Druck und Schmerz weg. Ein paar Monate später wiederholte sich alles. Dann ging ich zu einem Arzt. Die Nierensteine waren weg. Die Müdigkeit und leichte Kraftlosigkeit war weg.
    Jetzt bin ich 67 und habe immer noch beide Nieren.

    Ich mach mir noch über etwas ganz anderes Gedanken. Hier reden wir ja von Lebendspenden. Aber auch Nieren von toten sind noch sehr lebendig. Ein Organ, das kein Leben mehr in sich hat ist wertlos für die Transplantation. Also wird bei einem Spender das Organ herausgenommen, wenn er im Sterbeprozess aber noch nicht tot ist.

    Bei einem toten Mensch ist lediglich der Leib noch da. Das Leben ist aus ihm gewichten. Ich erkläre es anhand der Anthroposophie, allerdings gibt es noch jegliche andere Richtungen, die das ähnlich beschreiben. Der Mensch lebt weiter. Er hat neben dem physischen Leib, der zurückbleibt noch einen Aether- oder Lebensleib, also das Lebendige im Menschen mit Seele und Geist, das jetzt vom Leib befreit ist. Bekommt nun ein Mensch ein Organ von einem anderen Menschen, ist ja dieses Organ lebendig. Ein Teil des Aetherleibes lebt nun im Empfänger weiter. Meiner Ansicht nach, natürlich muss mann dann auch vom oben Gesagten überzeugt sein, ist man durch eine solche Spende mit dem Spender sehr eng verbunden. Es gibt auch immer wieder Menschen, die bei sich nach einer Spende neue Charakterzüge an sich feststellen, die ihnen vorher fremd waren.

    Aus dieser Sicht ergibt sich noch folgender Gedanke betreff Abstossung des Empfängerorgans. Könnte es nicht auch sein, dass der „tote“ Mensch, wohl befreit von seinem Leib aber noch einen Aetherleib besitzend, einfach Sehnsucht hat, da wieder ganz zu werden. Somit wäre es dann nicht beim empfangenden Erdenbürger eine Abstossung, sondern beim Empfänger eine Sehnsucht wieder ganz zu sein.

    Das sind alles Fragen, die auftauchen können, wenn man weiter denkt, als dass der Mensch einfach eine „Maschine“ ist deren Funktion man erhalten will.

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  3. Bezüglich Niere gegen Geld: Ein wichtiges Zeichen! IGN http://www.nierenlebendspende.com stellt Strafanzeige gegen Willi Germund. Herr Germund kaufte sich illegal eine Niere von einem jungen Afrikaner. Viele mögen das Vorgehen IGN`s nicht verstehen, jedoch ist es wichtig daran festzuhalten, dass Organlebendspende keine Lotterie ist. Reich kauft von Arm „günstig“ eine Niere, Arm kann danach sehr häufig krank werden, hat keine medizinische Versorgung & after care und glaubt zu spenden sei kein Problem, da nicht aufgeklärt. Je nach Land kann es sogar sein Todesurteil sein. Und nun will die medizinische Elite den Organhandel legalisieren, zwecks Organsicherung? http://www.nierenlebendspende.com

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  4. Da stimmt etwas nicht zusammen! Vor einem Tag habe ich gelesen, dass ein grosser Run auf den Organspendeapp ist! Das sind doch Lippenbekenntnisse, die mit Bereitschaft zum Spenden nichts zu tun haben! Ich gehöre übrigens nicht zu den Spendewilligen, jedoch konsequenterweise auch nicht zu den Empfängern! Siehe Leserbriefe zum gleichen Thema vor ca einem Monat! Umdenken in Sache Leben und Sterben, dann ist das Thema ( auch der illegale Handel, an dem die Schweiz eine hohe Beteiligung und einen hohen Verdienst hat ) vom Tisch.

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