Der Turm der Toten

In Verona soll ein Friedhofs-Wolkenkratzer entstehen. Das Projekt ist umstritten, könnte aber ein Problem von Grossstädten lösen.

In Verona soll ein Friedhofs-Wolkenkratzer entstehen. Das Projekt ist umstritten, könnte aber ein Problem von Grossstädten lösen.

Riccardo Manfrin hat acht Jahre seines Lebens in diesen Turm investiert. Der Plan darf jetzt nicht scheitern. So kurz vor dem Ziel. «Klar», sagt der Mailänder Architekt, «wenn ich Slogans hören würde wie ‹Nein zum makabren Turm der Toten›, hätte ich auch keine Lust auf dieses Ding.» Für ihn hingegen handelt es sich bei seinem waghalsigen Projekt um Veronas neueste Attraktion.

Nach der römischen Arena, nach Romeo und Julia, eine von weitem sichtbare Kuppel aus Glas, so gross wie die des Pantheons in Rom. Darunter 35 Stockwerke mit Gräbern. Touristen, die an den Stadtrand pilgern, um diese Sensation zu bewundern. Cielo infinito. Der unendliche Himmel, wie im Schlager «Volare» von Domenico Modugno. So hat Manfrin seinen 130 Meter hohen Friedhofsturm genannt, der vielleicht schon bald in Verona errichtet wird.

Geborgen und ganz nah bei den Liebsten

«Stellen Sie sich vor», sagt Manfrin. Man fahre in die Tiefgarage, ziehe eine Magnetkarte aus der Tasche. Mit dem Lift ginge es hoch in den 28. Stock. Sonne, Licht, Glas. Die Tür der Familienkapelle öffnete sich automatisch, man trete ein, das Glas werde von selbst opak. Man lasse sich auf die Ledercouch fallen, ziehe ein Buch aus der Tasche und verbringe ruhige Stunden mit seinen Lieben, deren Urnen hinter den Grabplatten ruhen.




Familienkappellen sollen den Hinterbliebenen Ruhe, Geborgenheit und Besinnlichkeit bieten.

«Es ist schön, warm, absolut sicher», sagt Manfrin. «Ein ganz anderes Verhältnis zum Tod. Nicht das Ende, sondern ein Leben nach dem Leben.» Veronas Bürgermeister Flavio Tosi hat grünes Licht für den Friedhofsturm gegeben. Die Konstrukteure um Manfrin und den Mailänder Unternehmer Pier Giulio Lanza haben sich bereits für elf Millionen Euro das Grundstück im Viertel San Michele gesichert. Jetzt muss nur noch der Stadtrat zustimmen.

«Mein Projekt bringt ein ganz anderes Verhältnis zum Tod. Nicht das Ende, sondern ein Leben nach dem Leben.»


Riccardo Manfrin

35 Stockwerke hoch soll das Gebäude werden. Insgesamt 23’500 Grabnischen sind in dem Turm vorgesehen. Der Grossteil von ihnen in knapp 3000 Familienkapellen. Aber auch Einzelnischen sind geplant, die jeweils bis zu 10’000 Euro kosten könnten. Sechs Seitenarme umgreifen den Mittelturm. Cielo infinito ist eine Friedhofsstadt. «Modernste Technik, modernste Architektur», versichert Manfrin. Der Turm sei so konstruiert, dass er bei Erdbeben sicherer als ein Krankenhaus sei.




35 Stockwerke für die Toten: Das Projekt vereint vom Bestattungsinstitut über den Blumenladen bis zur Andachtskirche alles unter einem Dach.

Ganz oben unter der Glaskuppel befindet sich eine Kirche. Gedenkfeiern jeder Art können in über das Hochhaus verteilten Andachtsräumen abgehalten werden. Blumenläden, Bestattungsinstitute, aber auch ein Kunstmuseum sollen Platz im Friedhofsturm finden. Die Gräberverwaltung würde von der Stadt übernommen, das Gebäude von der Planungsgesellschaft Cielo infinito Srl um Manfrin und Lanza verwaltet. «Ein bisher oft als makaber empfundener Ort wie der Friedhof wird so zum Ort des Lebens», sagt Manfrin über das Projekt, für das er 200 Millionen Euro Baukosten kalkuliert. Nicht die Stadt Verona müsste die bezahlen, sondern die Bauherren von der Cielo infinito Srl.

In Megastädten herrscht Flächenmangel

Ähnliche Friedhofstürme gibt es bisher in den lateinamerikanischen Metropolen Sao Paolo und Bogotá. In modernen Megastädten herrscht Flächenmangel, die Bevölkerung altert, die Verwaltungen wissen oft nicht mehr wohin mit den Toten. So entstand die Idee, einen Gräberturm zu bauen, die mit der traditionellen christlichen Erdbestattung nicht mehr viel zu tun hat. Doch auch viele Grossstadt-Friedhöfe sind heutzutage kaum noch Orte der Besinnung.

Manche sind unsicher, Grabsteine werden gestohlen und umgestossen. Die Friedhöfe sind oft weitläufig, die Gräber schwer erreichbar. Fast überall herrscht Platzmangel. Ein komfortabler Gräberturm wirkt da wie die passende Lösung. Manfrin behauptet, alleine in Italien seien vier Städte an seinem Projekt interessiert. Sogar aus Los Angeles und Grossbritannien hätte es Anfragen gegeben.

Bürgerinitiative will «Hauptstadt der Toten» verhindern

Auch in Mailand stand der Turm der Toten vor dem Durchbruch. Mit dem Wechsel des Bürgermeisters wurde das Projekt jedoch gekippt. Jetzt liegen alle Hoffnungen der Planer auf Veronas Stadtrat. Doch auch hier gibt es Widerstände. Zwei Bürgerinitiativen haben bislang insgesamt 3000 Unterschriften gesammelt. Der Anwalt und Aktivist Michele Croce vom Verein «Verona Pulita» ist entsetzt. «So etwas hat es noch nicht gegeben», schimpft er. «Wir sind bekannt für unsere Schönheit, aber so werden wir die Hauptstadt der Toten.» Verona brauche kein Hochhaus, schon gar keines mit Gräbern.

Und der Bürgermeister dürfe seine Bilanz nicht retten, indem er «das Erbe einer Stadt zerstört». Flavio Tosi hatte argumentiert, mit den elf Millionen Euro, die Cielo infinito für das Grundstück zahlt, Löcher im Budget stopfen zu wollen.

Als «Monster» und als «grotesk» wird der Friedhofsturm nun von Croce und seinen Mitstreitern abgetan. Immerhin hat Architekt Manfrin einen einflussreichen Mitstreiter gefunden. Der ehemalige Präsident der Päpstlichen Theologie-Kommission und Experte für Liturgie und Sakralbauten, Monsignore Manlio Sodi, gibt den Machern des vertikalen Friedhofs seinen Segen. «Das ist eine gute Lösung», sagt er. Sodi hat ausgezeichnete Beziehungen in den Vatikan. Und der spricht in Sachen Jenseits bekanntlich das eine oder andere Wort mit.

Konversation

  1. Es wird da von einem Gräberturm gesprochen!
    Wie wollen denn die denn die Toten begraben, da es ja im Turm keine Erde hat.
    Man sollte das Ganze dann schon richtig benennen: Urnenturm oder so sollte es heissen.
    Und zuoberst beim Gebäude ist so ein spitzes Ding. Ist das eine Rakete, die die Seelen in den Himmel befördert?

    Wie Manfried versucht, das mit schönen Worten schmackhaft zu machen: „Ein Leben nach dem Leben.“ Getraut er sich nicht zu sagen: „Ein Leben nach dem Tod“?
    Ich würde sagen: Der Mensch lebt einfach weiter, befreit von seinem Leib, den er nicht mehr braucht, und der ihm hinderlich geworden ist.

    Das kann man doch auch zuhause machen. Meine Ex-Schwiegermutter nahm die Urne ihres verstorbenen Mannes mit nach hause und stellte sie über das Cheminée. Sie war jederzeit bei ihm und er bei ihr.

    Wenn ich daran denke: So ein Supergebäude mit tollen Räumen für die Toten und Hinterbliebenen und daneben hat es in Italien viele Obdachlose, jedes Jahr tausende von Flüchtlingen die mit Booten stranden oder gar ihr Grab im Mittelmeer finden. Das ist einfach ein Verhältnisblödsinn.
    Es wäre doch viel sinnvoller, tolle Gebäude für die vielen Flüchtlinge zu bauen. Aber nein, die leben in Massen irgendwo auf der Strasse.

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    1. Eine Bekannte von mir hatte ihre Mutter jahrelang im Besenschrank stehen.
      Das mit dem Gebäude für arme und Flüchtlinge stimmt natürlich. Das wäre viel sinnvoller.
      Dieser Turm für die Toten ist jedoch, soviel ich aus dem Artikel schliessen kann, ein privat finanziertes Projekt, sprich, es ist die gleiche Kategorie wie ein Luxushotel – auch dort kann einem ja übel werden, wenn man den Prunk mit dem Elend der Obdachlosen vergleicht.

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  2. @Cesna: Wie gesagt, ich habe Hiob nie persönlich kennengelernt. Aber dann war er sicher ein harter Kerl. War er Wikinger? Manchmal glaube ich, der westliche Mensch hat’s nicht so mit den Emotionen. Es kommt mir so vor, dass er seit langer Zeit damit beschäftigt ist, sie zu delegieren.

    Aber mit Hiob’s Botschaften bin ich ordentlich eingedeckt worden, ja regelrecht zugeballert worden. Jetzt sitze ich auf einem Haufen Schrott. Deswegen kam ich letzthin weinend nach Hause. Meine Katze wollte mich trösten. Sie riet mir, diese Schrottpapiere zu verkaufen.

    Aber ich und meine Katze, wir könnten uns irren, das ist nicht unser Spezialgebiet.

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  3. @ Pablo de Pubol:
    Die beiden grossen Friedhöfe sind ja genial! Da fällt nicht mal auf, wenn da zwei „Nichtgipsfiguren“ irgendwo zusammen sitzen.
    Bei der Grösse und Übersichtlichkeit hat man eine reelle Chance, da nicht alleine zu bleiben.
    Da wäre so ein Turm völlig anders: Die Person vom 20. und die vom 8. Stock werden sich kaum je treffen, wenn nicht im (steckengebliebenen) Lift.
    Ausserdem fehlt der Reiz, da einfach mal zum Spaziergang zur Entspannung vom Stadtlärm mal hinein zu gehen.

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  4. @ R Abed:
    Ich bin der Meinung, dass die italienische Marine einen grossen Dank verdient hat, die Bootsflüchtlinge zu retten, auch wenn es täglich hunderte sind.

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  5. ich empfele grundsätzlich
    Cimitero Monumentale (Mailand)
    oder Père-Lachaise in Paris
    ei blumenchischtli in Amsterdam
    genügt auch, weil tausende tuoristen
    an ihnen vrbei pilgern.
    oder Rom über einen Gardisten, der sie
    als düngemittel im päpstlichen garten
    verstreut…..

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