Die Fanpolitik ist im Bundeshaus angekommen

Der Kampf gegen die Verschärfung der Gesetze rund um Sportveranstaltungen hat Bundesbern erreicht: Seit heute gibt es eine parlamentarische Gruppe «Fanpolitik in der Schweiz». Sie will mit Fakten gegen Populismus antreten.

Die Fans erhalten eine politische Stimme: Die parlamentarische Gruppe «Fanpolitik in der Schweiz» will die hitzige Debatte um Gesetzesverschärfungen und Massnahmen rund um Sportveranstaltungen versachlichen.

Der Kampf gegen die Verschärfung der Gesetze rund um Sportveranstaltungen hat Bundesbern erreicht: Seit Dienstag gibt es eine parlamentarische Gruppe «Fanpolitik in der Schweiz». Sie will mit Fakten den Populismus beenden.

Markus Lehmann hat Wort gehalten. Der CVP-Nationalrat von Basel-Stadt hatte im April angekündigt, den Kampf für eine Versachlichung der Debatte um Massnahmen bei Sportveranstaltungen nach Bern auszuweiten – mit einer parlamentarischen Gruppe. «Der Populismus muss ein Ende finden», sagte Lehmann damals. Nun ist die Ankündigung realisiert: «Fanpolitik in der Schweiz», heisst die neue parlamentarische Gruppe und möchte sich für eine «vernünftige und verhältnismässige Sicherheits- und Fanpolitik» im National- und Ständerat einsetzen.

In der Gründungsmitteilung schreibt die parlamentarische Gruppe, dass einzelne Vorkommnisse rund um Fussball- und Eishockeyspiele in der Vergangenheit zu einer emotionalen Debatte geführt hätten. «Die Folge davon sind unverhältnismässige und nicht zielführende Massnahmenvorschläge und Gesetzesanpassungen, welche zunehmend Fussball- und Eishockeyfans gesamthaft mit Auflagen belegen», heisst es im Schreiben. «Das oberste Ziel ist eine Versachlichung der Diskussion», sagt Lehmann, der bisher auf rund 30 Parlamentarierinnen und Parlamentarier in der Gruppe zählen kann. «Grossen Zuspruch» für die Gruppe gab es gemäss Lehmann auch von rechts. Die Mitglieder gehörten dem gesamten Spektrum der Parteienlandschaft an – von links bis rechts.

Schweizer Fankurven gehören zur «europäischen Spitzenklasse»

Für die Parlamentarier ist die Verschärfung von Gesetzen und immer mehr Massnahmen der falsche Weg: Die Schweizer Fankurven gehörten im Bereich der Choreographien und stimmgewaltigen Unterstützung ihrer Mannschaften zur europäischen Spitzenklasse und trügen viel zu einem positiven Image und zur heutigen Begeisterung im Schweizer Fussball und Eishockey bei. «Polemik und pauschale Schuldzuweisungen» sind für die Gruppe bei der Auseinandersetzung mit den Fans fehl am Platz. Zu einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit Fankultur und Fangewalt führe über eine realistische Lagebeurteilung.

Der Weg dorthin führt gemäss der Gruppe über Fakten und diese möchte sie liefern: «Wir möchten den gesetzgebenden Mitgliedern der beiden Kammern die Möglichkeit bieten, die Fakten rund um die Fanpolitik hautnah zu erfahren.» Obwohl alle «nur Repression, Repression schreien», sagt Lehmann, «ist es für eine Versachlichung nicht zu spät.» Geplant seien dazu Sessionsveranstaltungen, an denen man sich von «direkt involvierten Personen oder Organisationen» informieren lassen könne – und den Dialog pflegen könne.

Der erste Anlass ist in der Wintersession geplant: Im Dezember soll ein Vortrag zum neuen Personenbeförderungsgesetz das Schwarz-Weiss-Denken aufzeigen. «Die Auswirkung des Gesetzes wäre eine Sippenhaft», sagt Lehmann vorweg, «niemand würde mehr an Auswärtsspiele gehen. Die Gesetzesänderung würde den Fussball töten.» Obwohl mehrere Organisationen, Vereine und politische Gruppierungen den Bundesrat in der Vernehmlassung auf die Schwierigkeiten hingewiesen haben, will der Bundesrat daran festhalten, dass Sportfans künftig dazu verpflichtet werden können, in Extrazügen an Sportveranstaltungen zu reisen.

Beide Basel sind Hochburgen der Gegner

Dass die Initiative zur parlamentarischen Gruppe aus Basel kommt, überrascht nicht. Einerseits hat der Basler Grossrat Tobit Schäfer eine Beschwerde beim Bundesgericht eingereicht und kämpft gegen die geplanten Massnahmen wie Intimkontrollen, restriktive Reisevorschriften für Auswärtsfahrten und flächendeckende ID-Kontrollen.

Andererseits haben sich nach dem irritierenden Ja der Basler Regierung zum Konkordat die Gegner der Verschärfungen in der Region bereits im April zu einem überparteilichen und überkantonalen Komitee zusammengeschlossen. Der Gruppe «Nein zur Konkordats-Verschärfung» traten bereits zu Beginn 48 Land- und Grossräte aus den beiden Basel bei und setzten sich ein klares Ziel: Die Verschärfung des Konkordats soll bereits in den beiden Parlamenten scheitern, sagte Balz Stückelberger, Co-Präsident des Komitees, bei der Medienkonferenz nach der Gründung.

Neben dem Basler Markus Lehmann gehören der neuen parlamentarischen Gruppe der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann und der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer an. Das Interesse dieser Nationalräte dürfte auch nicht von ungefähr kommen: Die Fangruppierungen von Bern und St. Gallen gehören zu den aktivsten und grössten in der Schweiz.

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Konversation

  1. Was bei der Aufzählung der geplanten Massnahmen immer wieder vergessen geht ist die Aussetzung des Rechtsstaats.
    Normalerweise braucht es für die Verfolgung eines Vergehens die Aussage von mindestens zwei Personen. Bei den Fussballfans ist dies schon lange auf einen Polizisten reduziert.
    Neuerdings soll aber die Aussage eines einzigen Sicherheitsangestellten reichen um einen Fussballfan rechtskräftig zu bestrafen. Wozu dies führen kann hat man im Frühjahr dieses Jahres gesehen. (http://www.basellandschaftlichezeitung.ch/basel/basel-stadt/sicherheits-mitarbeiter-schwaerzen-unschuldigen-fcb-fan-an-126054359)

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  2. 1) Nein!

    2) Rolling Stones, Hallenstadion? Heutige Generation Kurve…

    3) Korrekt! Aber nicht die Mehrheit!

    4) Nein! Niemals!

    5) Phrase…

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  3. Wir haben es uns selbst vorzuwerfen, dass es soweit gekommen ist.

    Jahrzehntelanges „Laissez-faire“ hat dazu geführt, dass wir die Gewalt als integrierten Teil des Events wahrnehmen und sie hinzunehmen gelernt haben.

    Und wir sollten respektieren (ohne dass ich Sympathie für sie aufbringe), dass die Sicherheitsdirektoren der Kantone der Problematik am nächsten sind.

    Wenn das Konkordat uns jetzt alle einschränkt, müssen wir das so hinnehmen, wie wir die Gewalt hingenommen haben.

    Eine Nebelkerze macht noch keine Nebelbank. Soviel zum Tagesgeschwafel der Politik.

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  4. Soso… Wissen sie was auch real ist? Unfälle im Strassenverkehr. Raser, Besoffene, Übermüdete… Soll man jetzt pauschal im ganzen Land Alkohol verbieten, weil einige Leute zuviel trinken vor dem Einsteigen? Soll man pauschal Allen die gleichzeitig mit einem Raser auf der Autobahn sind den Führerschein entziehen, wenn er geblitzt wird? Soll man präventiv alle Sportwagenfahrer (sagen wir ab 150PS pauschal, dann ist es so schön einfach nichtwahr?) Morgens präventiv zur Alkohol- und Drogenkontrolle aufbieten? Schreiben wir zB allen Besitzern eines blauen Autos vor, auf welchem Weg sie von A nach B zu gelangen haben? Befehlen wir allen BMW-Piloten, an welcher Tankstelle sie das Benzin zu kaufen haben? Nein? Aber warum nicht? Die Unfälle, die Gefahr, die Raser, die angefahrenen Fussgänger auf dem Fussgängerstreifen, das ist real, das passiert…

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  5. Und das ist eben das Problem:

    Gewalt wird immer wieder als Vorwand für Einschränkungen/Verbote herangezogen. Oder wie es mal ein Schlauerer als ich formuliert hat:

    Wenn ich morgen mit Brot Amoklaufe, wird dann das Brot verboten?

    Und so ist es mit Politikern. Zuerst phrasendreschen im Wahlkampf, bei einer ganz realen Herausforderungen – Amokläufe, Raser, Kinderschänder, mordende Hafturlauber, Raufhandel, Landfriedensbruch- aber sofort – weil für Politiker Aufmerksamkeit wichtiger ist, als einmal an die Vernunft und auf die bereits bestehenden Gesetze zu verweisen – einfach immer noch mehr Verbote fordern, weil ja scheinbar die Mehrheit (Kommentarschreiber heute, nie liess sich Empörung der Masse besser dokumentieren) dies verlangt.

    Und so bekommen Populisten wie Keller Sutter, Rickli, Pegoraro und wie sie alle heissen, diese unsäglichen Masken, mit ihrem immer gleichen Wortdurchfall, die Aufmerksamkeit der Medien, weil mit solchen Themen heute noch mehr Klicks generiert werdenkönnen, Klicks, die Grundlage für die Tarifgestaltung bei den Anzeigen.

    Vernunft? Eine differenzierte Meinungsbildung? Anders Denk?

    Damit lässt sich weder Aufmerksamkeit noch Empörung (wichtig für die Etablierung neuer Gesetzesvorlagen, über die dann wieder breit debattiert wird, mit den üblichen Einzelmasken, die jetzt aber für das Thema schon ein bekanntes Aushängeschild sind. Das zahlt sich dann im nächsten Wahlkampf aus.)

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  6. „ … in Verdacht, ein Politiker zu sein.“?

    Die Gewalt ist real. Sie findet auf den Strassen, in den Stadien und in den Köpfen der Täter, der unbeteiligten Fans und der Polizisten statt. Das lässt sich nicht „versachlichen“.

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  7. „Wer zu allem seinen Senf dazu gibt, gerät…(sie wissen schon, wie es weitergeht.)“

    Ein-Sätzer zu komplexen Themen um der Pointe willen, ich weiss nicht.

    Und also können sie mir nun sicher erklären, warum eine Debatte nicht „versachlicht“ werden kann, da sie in der Realität und nicht in der Virtualität stattfindet.

    Bin gespannt.

    Das Konkordat muss fallen!

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  8. Diese Diskussion kann nicht „versachlicht“ werden. Die Ausschreitungen sind nicht virtuell, sie sind real und finden im öffentlichen Raum statt.

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