Die Flucht der russischen Soldaten nach Basel

Tausende Flüchtlinge suchten im 1. Weltkrieg in der Schweiz Zuflucht. Unter ihnen auch russische Soldaten, die aus Kriegsgefangenschaft entflohen sind. Bilder und Briefe erzählen exemplarisch ihre Fluchtgeschichten.

(Bild: unbekannt)

Tausende Flüchtlinge suchten im 1. Weltkrieg in der Schweiz Zuflucht. Unter ihnen auch russische Soldaten, die aus Kriegsgefangenschaft entflohen sind. Bilder und Briefe erzählen exemplarisch ihre Fluchtgeschichten.

Mit jedem Kriegsjahr überquerten mehr Flüchtlinge die Grenze. Im April 1916 waren es noch rund 700 Flüchtlinge, bis zum Kriegsende stieg ihre Zahl gegen 30’000. Unter den Deserteuren, Kriegsverweigerern und Pazifisten befanden sich auch zahlreiche russische Soldaten, die meisten von ihnen geflohene Kriegsgefangene der Zentralmächte Deutschland und Österreich-Ungarn. Rund 3000 suchten während des Krieges in der Schweiz Zuflucht.

Alleine oder in Gruppen legten sie weite Strecken zurück, orientierten sich an Zuggeleisen und überquerten Flüsse und Pässe. In der Schweiz angekommen, trafen die aus Gefangenschaft geflohenen Soldaten auf grosses Entgegenkommen. Die Behörden liessen ihnen die Wahl, ob sie unter Vermittlung der Botschaft zurückkehren oder in der Schweiz ihr Glück versuchen wollten.

Exklusive Führung durch 1.Weltkriegs-Ausstellung für TagesWoche-Leserinnen und Leser. Unsere Serie über Basel und die Schweiz in der Zeit des 1. Weltkrieges basiert auf den vier Alben des Basler Hauptmanns Victor Haller. Seine Bücher werden in der Universitätsbibliothek aufbewahrt und sind dort nun Teil der sehenswerten Ausstellung «Der Erste Weltkrieg in der Region Basel». Unsere Leserinnen und Leser erhalten die exklusive Gelegenheit einer rund einstündigen Führung: Historiker David Tréfás wird am Donnerstag, 3. Juli, und am Donnerstag, 28. August, die interessantesten Ausstellungsstücke ab 17.30 Uhr präsentieren und erklären. Danach gibt es einen Apéro. Ihre Anmeldung können Sie an community@tageswoche.ch oder an TagesWoche, Gerbergasse 30, 4001 Basel schicken (bitte Personenanzahl angeben).

Die Angst vor der Überfremdung

Nach der russischen Oktoberrevolution im November 1917 kehrte sich die Haltung der Schweiz gegenüber den russischen Flüchtlingen. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Lage in der Schweiz, der Lebensmittelknappheit und den Umbrüchen in Ost- und Mitteleuropa wuchs im bürgerlichen Lager die Angst vor der «Überfremdung». Ab 1918 wurden neu ankommende Flüchtlinge in Lagern untergebracht und in verschiedenen Teilen des Landes zu Entwässerungsarbeiten, beim Bau von Kraftwerken und in der Landwirtschaft eingesetzt. Im Sommer 1918 wurde eine erste Truppe russischer Flüchtlinge in ihre Heimat transportiert, in den Monaten danach gab es weitere Rückführungen. Im April 1920 erfolgte dann der letzte grosse Rücktransport russischer Soldaten und Zivilpersonen.

In seinen Sammelalben dokumentierte der Basler Artillerie-Hauptmann Victor Haller mehrere Gruppen geflüchteter Kriegsgefangener die in Basel an der Grenze aufgegriffen wurden. Folgend zeigen wir eine Auswahl von Bildern und Berichten zu den Aufgegriffenen Männern.

Iwan Pintschuk

(Bild: unbekannt)

Iwan Pintschuk war von 1900-1903 Rekrut und ist von Beruf Eisenbahnkondukteur. Am 18. Juli 1914, russischen Datums, rückte er in Irkutsk mit seiner Einheit, 17. sibirisches Schützenregiment, 2. Brigade, 5. Division ein zur Mobilisation. Das Regiment hatte 4 Bataillone à 4 Kompagnien und kam einen Monat später nach Warschau an die Front. Am 11. Februar 1915 wurde Pintschuk gefangen bei einem Patrouillengang mit 17 Kameraden bei der Stadt Lomscha bei Kalisch. Die Gefangenen wurden nach Ostrowo in Posen und im Mai 1915 nach Rastatt transportiert. Ende Juni 1915 kam er zum Landwirt Michael Zeller nach Oberinsingen bei Breisach als Landarbeiter, von wo er am 18. Juni 1916 die Flucht ergriff. An Hand einer Eisenbahnkarte, die er sich zu verschaffen wusste, gelangte er, des Nachts marschierend, über Staufen an den Rhein, etwa bei der abgeschlagenen Schiffbrücke bei Kleinhüningen, durchschwamm den Rhein, landete vor der Eisenbahnbrücke. Von dort aus marschierte er dem Rhein entlang gegen Basel, durchschwamm den Rhein-Rhonekanal und gelangte der Eisenbahnlinie entlang irgendwo beim Wasensträsschen in die Schweiz. Auf seiner Flucht ernährte er sich von Kirschen, er hatte auch noch ein wenig Brot bei sich. Gestern Abend, etwa um 10 Uhr, erfrischte er sich in einer Wirtschaft am Spalenring, bezahlte in Mark und gewahrte am Geld, das ihm herausgegeben wurde, dass er sich nicht mehr in Deutschland befinde. Von dort wurde er uns alsdann zugeführt. Den Rhein hatte er durchschwommen weil er annahm, dass Kleinbasel deutsch sei.
 

Alexander Adamson, Peter Petrow und Vladimir Siwko

(Bild: unbekannt)

Alexander Adamson, geboren 1891 von Riga, seit 1912 beim 4. Inf. Regt, 1. Division, XIII. A.K. in Smolensk. Kam mit seiner Einheit bei Kriegsausbruch an die Front in de Masuren, wo er am 31. August 1914 gefangen genommen wurde. Im Gefangenenlager Görlitz verbrachte er drei Monate, in Darmstadt 3 Wochen, arbeitete hierauf bei Landwirten in der Gegend von Mainz und kam vom Gefangenenlager Worms alsdann im September 1915 zu einem Landwirt nach St. Johann bei Worms.
 
Peter Petrow, geboren 1891 von Sastupowi bei Smolensk,  diente im selben Regiment wie Adamson und wurde auch am 31. August 1914 in den Masuren gefangen genommen. Im Gefangenenlager Görlitz verblieb er drei Monate, in Meschede drei Wochen und hatte als dann landwirtschaftliche Arbeiten zu verrichten im okkupierten Gebiet von Frankreich 30 km. von Metz, bis zum 02. Juli 1915. Er flüchtete sich mit der Absicht, nach Frankreich zu gelangen, wurde jedoch erwischt, war ein Monat im Gefängnis in Mars La Tour, von dort nun wurde er zur Strafkompagnie nach Worms versetzt und kam im Mai 1916 zu einem Landwirt nach St. Johann bei Worms.
 
Vladimir Siwko, geb. 1890 von Glubokaja, Gouv. Wilna, stand seit 1911 beim Inf. Regt. 27. Division, III. A. K. in Wilna. Bei Kriegsausbruch kam er an die Front und wurde am 17. August 1914 gefangen genommen. Einjährige Gefangenschaft an diversen Orten: Verrichtet alsdann zwei Monate Arbeit in Siegen und entfloh gegen die holländische Grenze wo er jedoch gefangen genommen wurde und noch im Gefangenenlager Wanne verbracht wurde. Hierauf war er fünf Monate bei der Strafkompagnie in Worms und kam dann zu einem Landwirt nach St. Johann.
 
Alle drei fliehen von St. Johann gemeinsam am 6. Juni 1916, gelangten durchs Elsass bis gegen Strassburg, wo sie ein Boot bestiegen, den Rhein durchquerten und durchs badische bis in die Gegend von Lörrach marschierten, dies an Hand einer Eisenbahnkarte und eines Kompasses. Da sie bei Lörrach wahrscheinlich an der Schweizer Grenze viele deutsche Patrouillen antrafen, marschierten sie weiter östlich und gelangten wahrscheinlich zwischen Grenzach und Wyhlen an den Rhein. Dort lösten sie ein Boot, durchquerten den Rhein und gelangten via Waldhaus in der Hardt auf die grosse Strasse nach Basel in der Nacht vom 07./08. September 1916. 4 Uhr morgens wurden sie an den Albananlagen von einer Polizeipatrouille betroffen.
 
Lucien Hoffmann, Daymond Delage und Fernand Andelme

(Bild: unbekannt)

Lucien Hoffmann von Nancy, 1887, eingeteilt im 153. Inf. Regiment, wurde am 20. August 1914 bei Hauranges in der Gegend von Metz gefangen. Bis 10. April 1916 war er im Gefangenenlager Grafenwöhr bei Bayreuth und dann im Gefangenenlager Amberg bei Nürnberg bis zu seiner Flucht.
 
Delage Raymond von Versailles, 1891, eingeteilt im B. Genie-Regiment, geriet am 23. September 1914 beim Camp des Romains in Gefangenschaft und befand sich in dem gleichen Gefangenenlager wie Hoffmann. Die beiden wurden im Dezember 1914 zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie sich weigerten, in einer deutschen Munitionsfabrik zu arbeiten. Diese Strafe wurde aber umgewandelt in ständigen Aufenthalt im Gefangenenlager.
 
Andelme Fernand, Engländer, im Freiwilligendienst bei der französischen Armee, geb. 1888, war eingeteilt beim 52. Inf. Regiment und wurde am 5. September 1914 bei Lassalle gefangen genommen. A. kam ebenfalls nach Grafenwöhr, wo er am 23. März 1915 wegen Fluchtversuch vom Kriegsgericht zu 11 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde, die er in Nürnberg verbüssen musste. Am 27. September 1915 wurde er für den Rest der Strafe begnadigt und kam alsdann ebenfalls in das Gefangenenlager Amberg.
 
Alle drei Flüchtlinge wurden Donnerstag den 07. September 1916 am Bahnhof Amberg zum Einladen der leeren Kisten von den Brotsammeltransporten herkommandiert. Als sie erfuhren, dass der Wagen direkt nach der Schweiz instradiert wrde, entschlossen sie sich, sich im Wagen zu verstecken, nahmen Proviant und Decken mit und kamen m 13. September morgens zum Erstaunen der deutschen Bahnangestellten im Badischen Bahnhof Basel an. Nachdem diese durch den französischen Konsul Civilkleider erhalten haben, ärztlich untersucht und als gesund befunden wurden und unterschriftlich erklärten, dass sie behufe Rücktransport nach Frankreich dem französischen Konsulate übergeben werden möchten, haben wir sie demselben zuführen lassen.

 

Stefan Jaroschowski, Filip Prokopenko, Anton Schitky, Kirill Njemak, Wassily Nikolinko und Sergej Belitschenko

(Bild: unbekannt)

Stefan Jaroschowski, 1890 von Akejnkow, Gouv. Tschernigow. Trat 1912 beim 20. Inf. Regiment, 5. Brigade, I. Armee Rennenkampf in Suwalki in die Armee ein. Bei Kriegsausbruch kam er daselbst an die Front und wurde am 29. August 1914 in den Masuren gefangen genommen. 10 Monate verbrachte er im     Gefangenenlager Stendal und kam dann nach Rastatt. Am 26. Juni 1916 kam er nach Obermagstatt bei Sierenz zu einem Landwirt, von wo er am 28. August 1916 die Flucht ergriff und am 31. August 1916 irgendwo bei Allschwil in die Schweiz gelangte.
  
Filip Prokopenko, 1891, von Basalewschtschinn, Goub. Poltawa. War seit 1913 beim 7. Inf. Regiment von Reval, 2. Division, XXIII. Armeekorps beim Militär und kam bei Ausbruch des Krieges an die Front bei den Masuren, wo er am 30. August 1914 gefangen genommen wurde. In den Gefangenenlagern Görlitz verblieb er sein halbes Jahr, Minden 4 Monate und in     Rastatt bis zum 26. Juli 1916. Von Obermagstatt ergriff er mit Jaroschowski die Flucht.
  
Anton Schitky, 1891 von Doroschenkow, Gouv. Tschernigow. Seit 1913 in Gluchow beim 175. Inf. Regt. 79 Div. V. A.K. Im Dienst kam erst im Juni 1915 bei Warschau an die Front und wurde am 10. Juli 1915 bei Lubawa gefangen genommen und nach Rastatt transportiert. Am 26. Juni kam er ebenfalls nach Obermagstatt und ergriff mit Jaroschowski und Prokopenko die Flucht.
    
Kirill Njemak, 1892 von Usin, Goub. Kiew. Rückte im April 1914 in Wloclawek bei der 11. Grenz. Cav. Brigade II. A.k ein. Bei Kriegsausbruch war die Brigade in Warschau, kam an die Front und wurde K. Am 30. August 1914 bei Allenstein gefangen genommen. Gefangenenlager: Neuhammer, Ostpreussen 2 Monate, Mörseburg 8 Monate und dann Rastatt. Hierauf arbeitete er 8 Monate in Lickersdorf bei einem Landwirt, gelangte weder nach Rastatt und am 26. Juli 1916 wiederum zu einem Landwirt bei Mülhausen, von wo er am 28. August 1916 die Flucht ergriff und am 31. August bei Allschwil in die Schweiz gelangte.
    
Wassily Nikolinko, 1890, von Now Alexandrowska, Gouv. Karkow. Rückte 1912 zum 201. Inf. Regt in Kutais /Kaukasus, 51. Division, II. Kaukasisches Armeekorps, ein. Bei Ausbruch des Krieges kam er nach Suwalki und wurde am 24. Oktober 1914 daselbst gefangen genommen. Hierauf verbrachte er 6 Monate im Gefangenenlager zu Quedlinburg und kam dann nach Rastatt. Er arbeitete bei diversen Landwirten, zuletzt in Wahlbach bei Mülhausen, von wo er mit Njemak und Belitschenko die Flucht ergriff.
  
Sergej Belitschenko, 1890, von Semjeika, Gouv. Woronesch. Rückte, da einziger Sohn, anno 1912 nur für einen Monat in Pawlowsk zum Infanteriedienst ein. Bei Kriegsausbruch erhielt er in Woronesch bei dem 203. Inf. Regiment, 51. Division, II. Kaukasisches Armeekorps, weitere Ausbildung, kam an die Front bei Suwalki und wurde a, 25. Oktober 1914 gefangen genommen. Er war 6 Monate inm Gefangenenlager Quedlinburg, kam nach Rastatt und arbeitete auch in Wahlbach bei einem Landwirt. Er flüchtete sich gemeinsam mit Nikolinko und Njemak.

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