Die Königin von Deutschland

Angela Merkel ist eine Kanzlerin ohne Visionen. Gewählt wurde sie trotzdem.

Angela Merkel lässt lieber Blumen sprechen. (Bild: Reuters)

Angela Merkel ist eine Kanzlerin ohne Visionen. Ihrer Beliebtheit tut das jedoch keinen Abbruch.

Nach der Wahl zum deutschen Bundestag schwebt Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Höhepunkt ihrer Macht – so loben sie alle Medien, nachdem Merkel mit ihrer Union aus CDU und CSU nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschrammt ist. «Königin von Deutschland», titelt die «Augsburger Allgemeine».

Es ist nicht das erste Mal, dass man Merkel auf dem Höhepunkt ihrer Macht wähnt, 2005, nachdem sie erstmals das Kanzleramt erobert hatte, 2008 als Meisterin der Finanzkrise, 2009 nach ihrer zweiten gewonnenen Wahl, 2012 als Managerin der Eurokrise. Höhepunkte haben es an sich, dass es danach nicht länger nach oben, sondern nur noch abwärts geht.

So gesehen waren alle Höhepunkte in der Vergangenheit nur vorläufig, und auch diesmal deutet nichts bei Angela Merkel auf den Beginn einer Abwärtsspirale hin. Sieben Mal haben die Redaktoren des «Forbes Magazine» Merkel auf Platz eins in der Hitliste der mächtigsten Frauen der Welt gesetzt, auch im Mai 2013. Es wird vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein.

Immer einen Schritt weiter

Wie hat diese Frau das geschafft, die bei ihren öffentlichen Auftritten meist ungelenk unsicher wirkt? Natürlich umgibt sie mittlerweile eine Aura der Macht, aber Charisma sucht man bei Merkel vergeblich. Oft scheint es, als sei sie bei ihren Auftritten mit den Gedanken weit weg, schon mindestens einen Schritt weiter als ihre Gesprächspartner.

Gut zu beobachten war das zuletzt bei der Wahlparty der CDU. Ihre Anhänger feierten sie mit «Angie, Angie»-Rufen; Merkels Reaktion: «Heute feiern wir und morgen wird wieder gearbeitet!» Vermutlich war ihr da schon klar, was den Kommentatoren im Fernsehen erst ein, zwei Stunden später dämmerte: Dass die Wahl der Union zwar ein hervorragendes Ergebnis gebracht hatte, die Suche nach einem Koalitionspartner sich jedoch zäh gestalten könnte.

Merkel hat ihre Rivalen kein einziges Mal öffentlich demontiert.

Merkels äusserliche Unsicherheit hat viele Parteikollegen dazu verleitet, sie für ein politisches Leichtgewicht zu halten. Ein Fehler: «Wenn man sie unterschätzt, hat man schon verloren», sagt Horst Seehofer, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident. Merkel hat offensichtlich ein hochentwickeltes Radarsystem dafür, ob und wann ihr ein Konkurrent ernsthaft gefährlich werden kann. Friedrich Merz, Roland Koch, Christian Wulff, Günther Oettinger, Norbert Röttgen – sie alle hatten sich einmal Hoffnungen auf das Kanzleramt gemacht.

2005, bei Merkels erster Kanzlerkandidatur, lief eine Wette unter ihren ambitionierten Parteifreunden: Holt sie mit der CDU mehr als 45 Prozent, kann sie machen, was sie will, und alle ihre Projekte auch gegen konservativen Widerstand in der Union durchsetzen; holt sie mehr als 40 Prozent, stehen die Parteifreunde so eng an ihrer Seite, dass sie bald keine Luft mehr bekommt; holt sie weniger, ist sie sofort weg vom Fenster.

Merkel holte 35 Prozent, das zweitschlechteste Wahlergebnis der Union seit Bestehen der Bundesrepublik. Nur Helmut Kohl war 1998 noch um 0,1 Prozentpunkte schlechter; Kohl verlor die Wahl, Rot-Grün kam an die Macht. Merkel wurde trotzdem Kanzlerin, sie ist es heute noch, strahlender denn je. Und ihre ambitionierten Parteifreunde sind aus der Politik ausgeschieden oder bekleiden Ämter, auf denen ihr politischer Einfluss gegen null tendiert. Das Erstaunliche: Merkel ist kein einziges Mal öffentlich aktiv geworden bei der Demontage ­ihrer Rivalen.

Verwalten statt gestalten

Wie es Merkel an die Spitze Deutschlands geschafft hat und wie sie sich dort hält, verwundert auch Parteifreunde, die ihren Werdegang begleitet haben. Lothar de Maizière zum Beispiel, 1990 Chef der letzten DDR-Regierung, dem Merkel als stellvertretende Pressesprecherin zur Seite stand. Er hat sie als nachdenklich, zurückhaltend, von Selbstzweifeln getrieben erlebt, aber auch als disziplinierte Arbeiterin, die immer bestens informiert war. Das Durchsetzungsvermögen allerdings, das Merkel in der Folge zeigte, das hat de Maizière seiner ehemaligen Mitarbeiterin nicht zugetraut.

Ihrem strategischen Geschick haben schon viele hinterhergespürt, doch über Gemeinplätze sind sie nicht hinausgekommen. Geduld zeichne Merkel aus, heisst es, Übersicht, Kaltblütigkeit, Machtinstinkt. Darüber verfügen andere auch und über mehr davon. Vielleicht ist ihr Anne Will, die 2009 noch die Sonntagabend-Talkshow in der ARD moderieren durfte, am nächsten gekommen: «Was muss noch passieren, damit Sie mal richtig zurückschlagen?», fragte Will im Hinblick auf Kritiker. Merkel zögerte: «Jeder hat seine Art zurückzuschlagen … Es kann auch mal das Schweigen sein.»

Undurchsichtig ist auch ihre politische Strategie. Wofür steht sie? Hat Merkel eine Vision, eine Vorstellung von einer idealen Gesellschaft? Erkennbar ist die nicht. Merkel, heisst es von Leuten, die sie näher kennen, habe die Fähigkeit, lange zuzuhören, Stimmungen zu registrieren und sich erst dann zur Wortführerin aufzuschwingen. Kritiker werfen ihr vor, keine eigenen Projekte zu haben, sie äussere eine Meinung erst, wenn sie populär sei. Sie verwalte das Land nur, statt zu gestalten.

Eine solche unideologische Herangehensweise könnte die anstehenden Koalitionsverhandlungen voranbringen, ob mit der SPD oder den Grünen. Nur in ihrer eigenen Partei dürfte das Grummeln, das mit dem glänzenden Wahlsieg vorerst verstummt ist, wieder lauter werden, wenn Merkel aus pragmatischen Gründen Zugeständnisse macht bei Mindestlohn, der Gestaltung der Energiewende und bei der Rettung des Euro. Hier hat sie nach Meinung vieler Unionisten ohnehin längst die Werte der Partei verraten.

Solange Merkel erfolgreich ist, muss sie sich um die parteiinternen Kritiker nicht scheren. Und vielleicht gelingt es ihr ja, Deutschland mithilfe der Sozialdemokraten in Europa in ein besseres Licht zu rücken. Die SPD verfolgt eine mässigere Sparpolitik für die Südländer, sie streitet für ­weniger harte Sparzwänge. Dann, so steht zu vermuten, hätte Merkel einen neuen Höhepunkt ihrer Macht erreicht: als Königin von Europa.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 27.09.13

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