Die kurdischen Frauen kämpfen an zwei Fronten

Im autonomen kurdischen Gebiet Rojova kämpfen die Frauen nicht nur gegen den IS, sondern auch für Gleichberechtigung. Der Weg ist noch lange, aber die Verbesserungen spürbar. Ein Besuch auf dem «Platz der Freiheit der Frau».

(Bild: unknown)

Im autonomen kurdischen Gebiet Rojova kämpfen die Frauen nicht nur gegen den IS, sondern auch für Gleichberechtigung. Der Weg ist noch lange, aber die Verbesserungen sind spürbar. Ein Besuch auf dem «Platz der Freiheit der Frau».

Eine junge Frau, keine 18, spricht selbstbewusst und kämpferisch ihre Botschaft zum Internationalen Frauentag ins Mikrofon. Der ganze Platz jubelt ihr zu. Er ist brechend voll: alte Frauen machen Victory-Zeichen und schwenken ihre erhobenen Arme zur Musik. Eine junge Kämpferin der Frauenverteidigungseinheit YPJ reiht sich in die Kette tanzender Frauen in eleganten Kleidern ein. Ein kleines Mädchen hält ein Schild, fast so gross wie es selbst, auf dem «Jin, Jîyan, Azadî» steht – «Frauen, Leben, Freiheit». 

Um genau das zu feiern, sind sie heute hier, die festlich gekleideten Bewohnerinnen der Kleinstadt Amude im de facto autonomen kurdischen Gebiet Rojava an der türkisch-syrischen Grenze. Es ist der 8. März, Internationaler Frauentag, und der Platz, auf dem die Menge feiert, trägt seit heute den Namen «Platz der Freiheit der Frau». Als die Sonne untergeht, fällt der lila Stoff von der neuen Statue in der Mitte des Platzes, welche die Stadtverwaltung hat bauen lassen. Sie stellt eine Frau mit einer Fackel in der erhobenen Faust dar: die Mutter einer gefallenen YPJ-Kämpferin.




Die Mutter einer Kämpferin, die neue Statue auf dem neuen «Platz der Freiheit der Frau». (Bild: unknown)

Ob in den Medien, in der Bevölkerung oder in der autonomen Verwaltung Rojavas: Der Weltfrauentag ist hier ein Ereignis. Die kurdische Befreiungsbewegung, die 2011 in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs ein Gebiet an der Grenze zur Türkei erobern und eine Revolution starten konnte, hat sich der Philosophie Abdullah Öcalans verschrieben. Der PKK-Gründer, der seit 1999 in der Türkei im Gefängnis sitzt, bezeichnet Frauen als «kolonisierte Nation» und sieht ihre Freiheit als Voraussetzung für die Freiheit der Gesellschaft an. Auch die Gründung eines Nationalstaates für das kurdische Volk lehnt er in seinen Schriften ab und propagiert stattdessen den «Demokratischen Konföderalismus», nicht unähnlich dem föderalistischen System, das man aus der Schweiz kennt.

In den drei Kantonen Rojavas entsteht seitdem trotz der fortwährenden Kämpfe gegen den IS eine Form von föderaler Rätedemokratie, die sich die Freiheit der Frau zur zentralen Aufgabe gemacht hat: In den Stadtteil-, Stadt- und Kantonsräten ist jeweils eine Frauenquote von 40 Prozent vorgesehen und alle politischen Führungspositionen werden nach dem Prinzip der Doppelspitze belegt. Parallel zu den allgemeinen Räten existiert auf jeder Ebene ein Frauenrat, um zu garantieren, dass Frauen ihre autonomen Entscheidungen treffen. Des Weiteren etabliert sich eine Vielzahl von Strukturen zum Frauenempowerment in allen Bereichen: Frauenhäuser, Frauenkooperativen, Frauenakademien.




«Wir setzen bisher nur etwa 25 Prozent der Philosophie in die Praxis um», sagt Journalistin Wêhbe Romî. (Bild: unknown)

Hat sich der Alltag von Frauen in Rojava dadurch verändert? Egal wer gefragt wird, die Antwort ist ein ausdrückliches Ja. «Diese Feier ist das beste Beispiel», findet eine 18-Jährige, die in der Frauengruppe von Ronahi TV arbeitet und mit Kamera und Mikrofon auf dem Strassenfest unterwegs ist. «Früher wussten wir gar nicht, dass es einen Internationalen Frauentag gibt», erzählt sie. In den vergangenen Jahren sei viel erreicht worden, doch der Kampf für die Freiheit der Frau scheint auch in Rojava noch nicht beendet: «Wir setzen bisher nur etwa 25 Prozent der Philosophie in die Praxis um.»

Revolutionslieder im Rattern der Nähmaschinen

Eines der grössten Probleme sei nach wie vor die Zwangsverheiratungen junger Mädchen, sagt Henîfa Husên, die in der Koordination der Frauenorganisation Yekîtiya Star aktiv ist. Ehrenmorde seien zurückgegangen, kämen aber immer noch vor. Mithilfe der zahlreichen Frauenhäuser, die Mediation und Schutz bei Gewalt bieten, hätten Hunderte von Mädchen gerettet werden können. Oft, so die langjährige Frauenaktivistin, stosse ihre Organisation dabei aber auch auf Widerstand in der Bevölkerung. Sie müssten sich anhören, sie würden die «bösen Mädchen» beschützen und damit ein schlechtes Vorbild liefern.

Viel habe sich jedoch verändert seit der Revolution: Frauen seien jetzt in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vertreten, sie hätten ihre eigenen Verteidigungseinheiten (YPJ) und stellten die Hälfte der inneren Sicherheitskräfte. Nur im ökonomischen Bereich sei die Entwicklung langsamer.

Doch auch hier bewegt sich einiges: Yekîtiya Star unterstützt Frauen darin, innerhalb ihrer Frauenräte Kooperativen zu gründen. Eine davon ist die Schneidereikooperative in Remilan. Der beissende Geruch von Dieselgeneratoren liegt in der Luft, kurdische Revolutionslieder aus einem kleinen Radio mischen sich mit dem Rattern der Nähmaschinen.




Ein reiner Frauenbetrieb, organisiert als Kooperative. (Bild: unknown)

Etwa 20 Frauen stellen hier Uniformen für die Verteidigungseinheiten her. «Zu Anfang haben die Leute hier ehrenamtlich gearbeitet, um die Kämpferinnen zu unterstützen», erzählt Heval Dinem in ihrem Büro neben der Werkstatt. Sie gehört zum fünfköpfigen Management der Kooperative, das von der Belegschaft demokratisch gewählt wurde, und bekommt dasselbe Gehalt wie alle anderen Mitarbeiterinnen. Frauen waren es lange Zeit nicht gewohnt, Teil der Produktion zu sein, erklärt Dinem. Deshalb sei es hilfreich, reine Frauenkooperativen zu gründen: «Wir wollen, dass Frauen in Zukunft eine wichtige Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft spielen!»

Nicht nur ökonomische Unabhängigkeit ist hierfür von Bedeutung. In Rojava wird vor allem auf Bildung gesetzt. Etwa fünfzig kleinere Akademien gibt es allein im 1,3 Millionen Einwohner starken Kanton Cizire, selbst zur militärischen Grundausbildung gehört Philosophieunterricht. «Wenn Frauen sich selbst und ihre Möglichkeiten kennen und einen Willen haben, kann sie nichts aufhalten», sagt Husên von Yekîtiya Star. Deshalb seien Frauenakademien auch so entscheidend.

Die grösste im Kanton Cizire liegt ebenfalls in Remilan. Gruppen von jeweils 20 Frauen werden hier in einem 22-Tage-Programm zu Themen wie Politik, Wirtschaft, Ökologie und Recht geschult – jeweils mit einem speziellen Fokus auf die Position der Frau. Auch Sexismus, Frauenwissenschaften und Frauengeschichte stehen auf dem Stundenplan. Allein im vergangenen Jahr haben 520 Frauen an dem Kurs teilgenommen.




Ein wichtiger Stein auf dem Weg zur Gleichstellung: Bildung. (Bild: unknown)

Die letzte Stunde des Tages – kurdische Schrift – ist gerade zu Ende gegangen und die Kursteilnehmerinnen ruhen sich in einer der luftigen Hallen der Akademie aus. Die meisten sind zwischen 40 und 50 Jahre alt und seit Langem in ihren jeweiligen Gemeinden aktiv. Manche hoffen in der Akademie Inspiration zu bekommen, wie sie die Probleme in ihren Nachbarschaften eigenständig lösen können, zum Beispiel wenn ein Mann mehr als eine Frau haben möchte. Andere wollen das Rätesystem besser verstehen oder sich in Öcalans Philosophie weiterbilden. Eine Teilnehmerin, Edibe Hesen (47), sagt: «Wir werden die neuen Ideen in unserer Gesellschaft anwenden, sie an die anderen Frauen weitergeben und lernen, uns unsere Rechte aus eigener Kraft zu nehmen.»

Der Kampf, der in Rojava geführt wird, ist nicht nur ein Kampf mit Waffen gegen den IS. Es ist auch ein Kampf für Demokratie innerhalb der eigenen Gesellschaft. An beiden Fronten kämpfen Frauen in der ersten Reihe, und das nicht nur am Internationalen Frauentag – denn, wie Husên sagt: «Solange Frauen in einer Gesellschaft keine Gleichheit erfahren, kann von Demokratie keine Rede sein.»

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