Die pädagogischen Einsichten von Rousseau

Am 28. Juni 1712 kam Jean-Jacques Rousseau in Genf zur Welt. Bis zum Jahrestag erinnern wir an bemerkenswerte Schriften des Philosophen und Pädagogen. Im vierten Teil dieser Serie widmen wir uns seinem pädagogischen Denken. Rousseau glaubte, dass das Kindesalter eine Sphäre eigenen Werts ist, in der das Kind nur vor sich selbst geschützt werden muss.

Lasst das Kind auch Kind sein, forderte Rousseau vor 250 Jahren. (Bild: Artwork Nils Fisch)

Am 28. Juni 1712 kam Jean-Jacques Rousseau in Genf zur Welt. Bis zum Jahrestag erinnern wir an bemerkenswerte Schriften des Philosophen und Pädagogen. Im vierten Teil dieser Serie widmen wir uns seinem pädagogischen Denken. Rousseau glaubte, dass das Kindesalter eine Sphäre eigenen Werts ist, in der das Kind nur vor sich selbst geschützt werden muss.

«Keiner von uns ist ein so grosser Philosoph, dass er sich an die Stelle eines Kindes versetzen könnte.»

Neben dem Staat (vgl. Teile zwei und drei dieser Serie), der zur kollektiven Selbstbestimmung der Menschen dienen soll, entwickelt Rousseau ein zweites Korrektiv gegen die von ihm diagnostizierte gesellschaftliche Entfremdung des Menschen: Die Erziehung. Sie wird von Rousseau als ein Mittel zur Bildung verstanden und soll die individuelle Selbstbestimmung des Menschen ermöglichen. Entwickelt hat Rousseau seine Pädagogik in «Émile oder über die Erziehung» (hier online zugänglich), dessen Erscheinen sich wie das des Gesellschaftsvertrags heuer zum 250. Mal jährt.

Die vielleicht folgenreichste der pädagogischen Einsichten Rousseaus besteht darin, dass er die Kindheit als Lebensphase eigenen Werts anerkennt; man müsse sich also bei der Erziehung, so Rousseau, Gedanken darüber machen, «was die Kinder zu lernen imstande sind» und sollte sich davor hüten «stets den Erwachsenen im Kinde» zu suchen. Wer letzteres tue (was Rousseau dem englischen Philosophen John Locke vorhält), verfange sich in einen Widerspruch: Wenn die Kinder schon derart vernünftig wären, dass man sie als Erwachsene behandeln könnte, dann müssten sie auch nicht mehr erzogen werden.

Keine Hektik für Kinder

Das bedeutet aber durchaus nicht, dass man die Kinder auf eine plumpe Weise abrichten sollte, da sie Vernunft nicht zugänglich sind – Rousseau verficht das Ideal einer negativen Erziehung, dem zufolge die Erziehenden das Kind vor sich selbst schützen und verhindern sollten, dass etwas Schlimmes passiert. Zudem legt Rousseau Wert darauf, dass das Kind seine eigenen Erfahrungen macht und dass es den in der Erwachsenenwelt herrschenden Imperativen der Hektik entzogen wird – in der Kindheit gilt es, Zeit zu verlieren, nicht Zeit zu gewinnen.

Obschon manche Erkenntnisse Rousseaus (besonders für seine Zeit) geradezu revolutionär anmuten, hat sein Erziehungsbuch auch seine Schattenseiten: So wird der Erziehung des Mädchens nur ein marginales Kapitel gewidmet, in dem zwar beteuert wird, dass die Erziehung gleich wie bei den Jungen vonstatten gehen solle, aber dennoch andere Inhalte haben sollte: Nähen und Kochen geziemen sich für die Frau, die dem Mann ein geruhsames Leben bescheren soll. Rousseaus Sexismus setzt sich im Übrigen auch auf der Ebene der Eltern fort, wo es für Rousseau klar ist, dass der Vater die führende Kraft in der Erziehung sein soll.

Ein Scheibchen Rousseau abschneiden

Diese Postulate befremden uns heute. Dennoch findet sich in der Betonung des Kindesalters als Lebensabschnitt eine beherzigenswerte Position, die heute in Gefahr scheint. Wenn man einen Blick in das Weissbuch «Zukunft Bildung Schweiz» der Akademien der Wissenschaften Schweiz wirft, so liest man dort, dass Bildung eine wichtige «Ressource» (auch: «Rohstoff») der Schweiz sei und für deren «wichtigste strategische Investition» gehalten werden müsse. Investitionen in die Bildung seien für die «Wettbewerbsfähigkeit» der Schweiz von eminenter Bedeutung und es müsse der «Marktwert einer Bildungsmarke ›Swissmade‹ erhalten und gesteigert» werden, wobei sich diese auf einem «internationalen Bildungsmarkt» behaupten müsse. Zudem befänden wir uns in einer «Wissensgesellschaft», was wohl dazu berechtigt, Menschen bisweilen als «Wissensträger» mit einer bestimmten Menge an «Humanvermögen» (auch: Humankapital) zu bezeichnen.

Die «Visionen» für die Bildung in der Schweiz sind durchwegs im Vokabular der Wirtschaft (Ressource, Vermögen, Marktwert, Investition, Kapital) formuliert. In diesem Lichte erscheint die Rousseausche Forderung danach, das Kind der Hektik der Erwachsenen (und damit auch der Wirtschaftswelt) zu entziehen, unzeitgemäss. Schon im Kindesalter erfolgt heutzutage geradezu automatisch die Schaffung von Bedürfnissen nach Konsumgütern und damit die Eingliederung in das ökonomische Denken mithilfe der Werbung. Eine Erziehung zum Zwecke der Selbstbestimmung darf sich indes solchen Imperativen nicht unterwerfen – vielleicht wäre es in diesem Sinne ab und an eine Überlegung wert, Kinder im Sinne der negativen Erziehung Rousseaus davor zu bewahren.

 

 

 

Quellen

Konversation

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