Die Rache des Fleischerhakens

Eigene Freunde sind bessere Feinde. Diese Erfahrung macht Nicolas Sarkozy ganz zum Schluss des Präsidentschaftswahlkampfes.

Hat kaum mehr Freunde: Nicolas Sarkozy. (Bild: Keystone)

Eigene Freunde sind bessere Feinde. Diese Erfahrung macht Nicolas Sarkozy ganz zum Schluss des Präsidentschaftswahlkampfes.

Schwalben machen noch keinen Frühling. Ein untrügliches Zeichen ist es allerdings, wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Oder zumindest die Ex-Minister das Elysée. Mitte Woche haben mehrere ehemalige Mitstreiter Nicolas Sarkozys erklärt, sie wollten am kommenden Sonntag für seinen sozialistischen Herausforderer François Hollande stimmen. So etwa seine früheren, parteilosen Minister Martin Hirsch und Fadela Amara.

Die Regierungspartei UMP betitelt die beiden als «Abtrünnige» und «Verräter». Aber bereits haben sich auch andere bürgerliche Ex-Minister wie Jean-Jacques Aillagon oder Corinne Lepage für Hollande ausgesprochen. Beide dienten unter Jacques Chirac, dem Präsidenten von 1995 bis 2007. Zwei alte «Chiraquisten», Hugues Renson und Jean-Luc Barré, haben ihrerseits verlauten lassen, ihr Mentor wähle Sarkozy. Chirac zwar hatte früher schon erklärt, er ziehe Hollande vor, doch die Pariser Medien sind sich nicht ganz sicher, ob das ein Scherz, Altersdemenz oder eine bewusste Bosheit gegenüber Sarkozy war.

Wenn sich nun das Chirac-Lager – mit Ausnahme der ehemaligen First Lady Bernadette Chirac, die treu zu Sarkozy hält – öffentlich abwendet, ist das alarmierend für den Wiederwahlkandidaten: Das würde bedeuten, dass die Altgaullisten in der UMP lieber einen Sozi wählen als Sarkozy – den kleinen Immigrantensohn, der Chirac 1995 verraten und seine Hausmacht 2007 an die Wand gespielt hatte.
 
Alte Wunden reissen da auf. Auch Chiracs rechte Hand Dominique de Villepin könnte «tout sauf Sarkozy» (alles ausser Sarkozy) wählen; seine Vertraute Brigitte Girardin meinte jedenfalls, sie werde am Sonntag für Hollande einlegen. Villepin hat offenbar nicht vergessen, dass Sarkozy ihm in der Clearstream-Affäre gedroht hatte, er werde ihn «eigenhändig an den Fleischerhaken hängen».

Erstaunlich ist es nicht, dass der alte Bruderzwist in der UMP gerade jetzt aufbricht, wo Sarkozy von allen Politexperten, Umfragen und Londoner Wettbüros bereits als Verlierer gegeben wird. Mittlerweile liegt Sarkozy gegenüber Hollande mit 24 zu 29 Prozent (erster Wahlgang) und 44 zu 56 Prozent (zweiter Wahlgang) zurück. Es ist, als wollten die Anti-Sarkozy-Sniper in der UMP, die im Wahlkampf monatelang geschwiegen hatten, ihrem verhassten Parvenu aus Neuilly-sur-Seine nun den Gnadenstoss geben.

Sarkozy muss sich derzeit in seinem Elysée ziemlich allein vorkommen. Und ziemlich zerzaust, wie ein in Paris zirkulierendes und leicht retouchiertes Bild zeigt:

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