Die Schweiz ist kein Flüchtlings-Magnet

Die Schweiz ist kein besonders starker Magnet für Asylsuchende, und ihre innenpolitischen Massnahmen haben auf den Zustrom von Migranten keine erkennbare Wirkung. Das zeigen die wenigen vergleichbaren Zahlen im Asylwesen Westeuropas.

(Bild: tawo)

Die Schweiz ist kein besonders starker Magnet für Asylsuchende, und ihre innenpolitischen Massnahmen haben auf den Zustrom von Migranten keine erkennbare Wirkung. Das zeigen die wenigen vergleichbaren Zahlen im Asylwesen Westeuropas.

Die Zahl der Asylgesuche hat sich in der Schweiz parallel zu jener der Nachbarstaaten entwickelt. Der Rückgang in der Mitte der Dekade betraf alle westeuropäischen Länder – er setzte in der Schweiz aber später ein und dauerte rund zwei Jahre weniger lang (Skalen zu Vergleichszwecken angepasst / Quelle: UNHCR)

Schlagzeilen und Politdebatten: Seit 30 Jahren ist die Asylpolitik der Schweiz Dauerthema. Mit zunehmender Polarisierung entsteht der Eindruck, die Schweiz sei von den Herausforderungen der Migration besonders stark betroffen.

Sie ist es nicht. Der Vergleich der (spärlichen) international verfügbaren Zahlen zeigt, dass die reiche, auf ihre «humanitäre Tradition» stolze Schweiz nicht der einsame Spitzenreiter ist, als den wir sie angesichts der isolierten innenpolitischen Diskussionen wahrnehmen.

In den vergangenen zehn Jahren lag die Eidgenossenschaft bei den neu gestellten Asylgesuchen im Vergleich zur Wohnbevölkerung zwar meist vorne, aber noch nie an der Spitze.

Blocher – oder Weltgeschehen?

Eine ähnliche Erkenntnis erlaubt der Vergleich der Entwicklung der Gesuchszahlen in der Schweiz und zusammengerechnet all ihrer direkten Nachbarn – sie haben mit den lokalen Bedingungen wenig bis gar nichts zu tun. Während Christoph Blochers Zeit im Bundesrat sind die Asylgesuchszahlen tatsächlich gesunken. Aber eben nicht nur in der Schweiz, sondern im genau gleichen Masse in den Nachbarländern. Dort allerdings setzte sich der Rückgang noch zwei Jahre länger fort.

Neben solch konkreten Erkenntnissen führt die Recherche nach Zahlenmaterial im Asylbereich zur Einsicht, dass in der Schweiz, vor allem aber in den westeuropäischen Staaten und na­ment­lich in der EU, wenig Interesse an vergleichsfähigen Daten besteht. Ein Vergleich droht häufig schon an den verschiedenen Systemen und Zuständigkeiten zu scheitern. Zudem deuten Experten an, dass selbst die einfachsten Zahlen von den Ländern aus politischen Gründen mit allerlei Tricks manipuliert werden.

Vergleiche sind unerwünscht

Asylentscheide im Jahr 2011 (Quelle: Eurostat)

Das sorgt zwar für massive Unschärfen in den Kennzahlen wie denen der Anerkennungsrate der Asylgesuche: Aufgrund der langwierigen Verfahren und Rekursmöglichkeiten liegt sie im Fall der Schweiz laut Bundesamt für Migration mit rund 20 Prozent zwischen den im Jahr 2011 gemeldeten 40 Prozent erstinstanzlicher Anerkennungen und den 7 Prozent, die 2011 in letzter Instanz anerkannt wurden. Dennoch lässt sich hier eine ungefähre Rangordnung im Vergleich der Länder ablesen.

Das gleiche gilt in verstärktem Masse, wenn man die «Grosszügigkeit» der Nationen bei der Unterbringung und Versorgung der Asylsuchenden betrachten will und dazu als Referenz  die Leistungen für Sozialhilfeempfänger heranzieht.



Zuwendungen für Asylbewerber (vertikale Achse, in Euro, Quelle SFH) und Sozialfälle (horizontale Skala, kaufkraftbereinigt in Euro, Quelle BSV), Wohlstand des Landes (Grösse der Blase) in Bruttosozialprodukt (kaufkraftbereinigt) pro Kopf (Quelle CIA Factbook).

Das hier verwendete Datenmaterial stammt aus einer Vergleichsstudie der Sozialversicherungssysteme von acht Ländern, welche die Schweiz mitgetragen und mitfinanziert hat. Die Zahlen der Asylversorgung sind einer Erhebung des europäischen Flüchtlingsrats ECRE und der Schweizerischen Flüchtlingshilfe entnommen. Der Reichtum der einzelnen Länder gemessen im  Bruttosozialprodukt pro Kopf wird in der Grösse der Blasen dargestellt. Die Daten stammen aus dem «CIA World Factbook».

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2000

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2001

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2002

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2003

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2004

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2005

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2006

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2007

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2008

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2009

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2010

Neue Asylgesuche pro 1000 Einwohner im Jahr 2011

Quellen

Konversation

  1. Danke für die Anmerkung. Tatsächlich ist uns bei der Umsetzung im Print mehr als ein Fehler passiert, so klein hätten sie natürlich niemals gedruckt werden dürfen. Ausserdem fehlen bei den Kartengrafiken die Jahreszahlen – es handelt sich um die Jahre 2001 bis 2011 in 2Jahres-Schritten. Wir bitten um Verzeihung.

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  2. Es ist in der Tat fast unmöglich, das Wahlkampfgeschwurbel unserer Politiker mit Hilfe von soliden Fakten einzuordnen: Jedes Land erhebt die Statistiken mit anderen Massstäben und Methoden und veröffentlicht sie teilweise um Jahre verzögert. Kein Politiker will offenbar zulassen, dass direkte Vergleiche möglich sind. Intransparenz und Datenmanipulation waren immer ein bewährtes Werkzeug zur Installation und Erhaltung der Macht.
    Das betrifft alle Kennwerte der Wirtschafts- Sozial- und Ausländerpolitik. Ein Vergleich mit anderen Ländern für den Laien schlicht unmöglich.
    Der Versuch von Peter Sennhauser zur Asylproblematik ist dennoch hilfreich! Die pauschale Folgerung scheint belegt zu sein: Die Schweiz ist nicht deutlich schwerer getroffen und belastet vom europäischen Asylproblem.
    Allerdings ist zu fragen, ob unsere Verfahren vom Gesuch bis zum Entscheid in letzter Instanz nicht unsinnig kompliziert und daher viel zu langsam ist. Darin liegt ein doppeltes Problem: Einerseits ist ein so kompliziertes Entscheidungsverfahren für die Betroffenen nicht gerade human, andererseits gewähren wir den Gesuchstellern mit dem langen Verfahren unfreiwillig genau dieses Asyl, das wir nachher in der grossen Mehrzahl dann doch ablehnen!

    Anmerkung zur Print-Ausgabe:
    Alle ausser einer der Grafiken sind zu klein wiedergegeben, daher fast unleserlich. Was hat sich der Layouter dabei gedacht?

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