«Die Unterschiede zwischen den IV-Gutachtern müssen kleiner werden»

Alain Nordmann sorgt mit einer Studie zu IV-Gutachten für Schlagzeilen. In seiner Untersuchung wird deutlich, dass sich Gutachter und Hausärzte beim Beurteilen der Arbeitfähigkeit stark widersprechen. Er kritisiert, das Resultat der Gutachten hänge in gewissen Fällen zu stark von den einzelnen Gutachtern ab.

Die privaten Gutachter erhalten ihren Lohn direkt von der IV, Nordamnn fürchtet um die Unabhängigkeit. (Bild: Georgios Kefalas, Keystone)

Alain Nordmann sorgt mit einer Studie zu IV-Gutachten für Schlagzeilen. In seiner Untersuchung wird deutlich, dass sich Gutachter und Hausärzte beim Beurteilen der Arbeitfähigkeit stark widersprechen. Er kritisiert, das Resultat der Gutachten hänge in gewissen Fällen zu stark von den einzelnen Gutachtern ab. Und fordert verbindliche Kriterien.

Wenn ein Arzt seinen Patienten für Arbeitsunfähig erklärt, kommen die von der Invalidenversicherung (IV) beauftragten Gutachter häufig zu einem ganz anderen Schluss. Die Gutachter des Ärztlichen Begutachtungsinstitut Basel (ABI) schätzen die Arbeitsfähigkeit um bis zu 50 Prozent höher ein, als die Gesuchssteller selber oder die behandelnden Ärzte. Das zeigt eine Studie des Universitätsspital Basel.

Insegesamt verlangt die IV in jedem zehnten Fall ein Gutachten von einer privaten Medizinischen Abklärungsstellen (MEDAS). Dabei handelt es sich vor allem um Patienten mit Beschwerden des Bewegungsapparats und psychiatrische Diagnosen. Studienleiter Alain Nordmann vom Institut für Epidemiologie und Biostatistik kennt als Arzt und Gutachter beide Seiten. Er fordert im Interview klarere Regeln und kritisiert die Anhängigkeit von den Abklärungsstellen.

Alain Nordmann (Bild: zvg)

Herr Nordmann, weshalb haben Sie sich für diese Studie entschieden?

Für die Patienten ist es eine schwierige Situation, wenn sich der Gutachter und der behandelnde Arzt widersprechen. Darauf wollen wir aufmerksam machen. Es gibt immer noch zu wenig verbindliche Kriterien bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Behandelnde Ärzte übernehmen oft die Selbsteinschätzung der Gesuchssteller. Das Resultat eines IV-Gutachtens hängt aber vereinzelt auch immer noch stark von den verantwortlichen Gutachtern ab. Das Ziel muss es sein, dass diese Differenz in Zukunft verkleinert wird.

Wie kann das gelingen?

Es braucht einen Dialog zwischen Hausärzten, Juristen und den Gutachtern. Zum Wohl des Patienten müssen sich alle Beteiligten auf verbindliche Definitionen einigen. Bei gewissen Krankheitsbildern sind solche vorhanden. Aber gerade bei Schmerzerkrankungen und psychiatrischen Störungen fehlen teilweise die notwendigen Kriterien.

Sie kritisieren, dass die privaten Abklärungsstellen von der IV finanziert werden und hinterfragen deren Unabhängigkeit. Wie gross ist der Einfluss der IV auf die Gutachter?

Wenn es einen Interessenkonflikt gibt, dann am ehesten auf unbewusstem Niveau. Die IV schreibt keine Checks für strenge Gutachten. Aber es hinterlässt ein ungutes Gefühl, dass die Begutachtungsinstitute ihren Lohn direkt von der Invalidenversicherung erhalten.

«Es hinterlässt ein ungutes Gefühl, dass die Begutachtungsinstitute ihren Lohn direkt von der Invalidenversicherung erhalten.»

Gibt es dafür Alternativen?

Eine Möglichkeit wäre, dass die Gutachten durch IV-unabhängige Bundesgelder bezahlt würden. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt aber utopisch und wäre politisch kaum durchsetzbar. Die Unabhängigkeit der Gutachter würde dadurch aber gestärkt.

Private Abklärungsstellen in der Kritik
Die Gutachten der MEDAS-Stellen gerieten in den vergangenen Jahren zunehmend in Kritik. Ärzte aus dem Ausland stellten trotz fehlender Bewilligung Gutachten aus. Zudem wird immer wieder die Unabhängigkeit der Gutachtungsinstitute angezweifelt. Vor einigen Jahren wurden zudem Vorwürfe gegen das ABI laut, es würde Gutachten zu Ungunsten der Patienten abändern.

Die Hausärzte schätzen die Arbeitsfähigkeit im allgemeinen weniger gross ein als die Gutachter. Sind die Ärzte gegenüber ihren Patienten zu unkritisch?

Die behandelnden Ärzte berücksichtigen in ihrer Beurteilung oft Faktoren wie Bildungsstand und schwierige Lebensumstände. Vielen Ärzten wissen nicht, dass die IV diese Faktoren nicht berücksichtigt. Das Thema Gutachten wird in der Ausbildung zu wenig gewichtet. Die Ärzte können eine Diagnose stellen, lernen aber nur ungenügend, welchen Einfluss diese auf die Arbeitsfähigkeit hat.

Sie sind selber Hausarzt, arbeiten aber als Gutachter auch für das Ärztliche Begutachtungsinstitut. Ist das für Sie als Forscher nicht eine etwas problematische Nähe?

Das ist eine berechtigte Frage. Ich habe jedoch alle Interessenbindungen offen gelegt und verdiene auch mein Haupteinkommen als Hausarzt und nicht als Gutachter. Das Ziel der Studie ist es, möglichst neutral auf ein Problem hinzuweisen. Ich denke, das ist uns gelungen.

Zu welcher Sorte Gutachter gehören Sie?

Als Allgemeinarzt bin ich meistens für die Abwicklung eines Falls verantwortlich, ich lege aber sehr selten die Arbeitsfähigkeit fest. Das machen Spezialisten, Rheumatologen oder Psychiater. Und hier sehe ich teilweise grosse Unterschiede. Einige beurteilen grosszügig, andere eher streng. Diese Unterschiede müssen kleiner werden, es darf nicht sein, dass die Gutachten zu stark von den einzelnen Gutachtern abhängen.

Konversation

  1. Danke Herr Nordmann! Die Ergebnisse der Studie bestätigen das Empfinden vieler Betroffenen, die eine stark divergierende Einschätzung ihrer Arbeitsfähigkeit als willkürlich emfinden und sich dadurch diskreditiert fühlen. Nicht selten wird eine solche Erfahrung zur Belastungsprobe und trägt zur Verschlechterung des Gesundheitszustands bei.
    Im Interview verorten Sie die Verantwortung für die Diskrepanz von Gutachten dort, wo sie hingehört, nämlich bei der Ausbildung von Ärzten, beim Fehlen von gültigen Kriterien für die Auslotung einer Arbeitsunfähigkeit für gewisse Krankheitsbilder sowie bei den Interessenkonflikten, die durch die direkte Vergütung der von der IV beauftragten Gutachter durch die IV bestehen.

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    1. Das Problem ist, dass da auf beiden Seiten Menschen beteiligt sind. Wären es Roboter wäre alles viel einfacher.
      Die genau gleiche Krankheit oder das genau gleiche Defizit kann für die Betroffenen sehr unterschiedlich einschränken, weil die Recourcen, die vorhanden sind bei jedem Menschen sehr individuell sind.
      Auf Seiten der Beurteiler ist es genau dasselbe. Auch hier sind die Menschen sehr unterschiedlich.
      Schon aus diesen Gründen ist eine Standardisierung schlicht unmöglich.

      Wichtig finde ich, dass man den Betroffenen wirklich zuhört und nicht nur die Defizite beurteilt, sondern zusammen mit dem Betroffenen bespricht, was noch vorhanden ist und was er damit noch bewegen kann. Damit meine ich, nicht das halb leere sondern das halb volle Glas in den Vordergund rücken.

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