Die Vollgeld-Initiative will Finanzblasen die Luft ablassen

Neun von zehn Franken werden von privaten Banken in Umlauf gebracht – per Knopfdruck und aus dem Nichts. Das birgt Risiken. Die Vollgeld-Initiative, die am 1. Dezember eingereicht wird, will das ändern.

Wilhelm Tell und Helvetia unterschreiben die Vollgeld-Initiative, nach einer Medienkonferenz ueber die Lancierung der Vollgeld-Initiative, am Dienstag, 3. Juni 2014, auf dem Bundesplatz in Bern. Nach Willen des Vereins Monetaere Modernisierung soll kuenftig nur noch die Nationalbank dazu berechtigt sein, elektronisches Geld zu erzeugen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

(Bild: Keystone)

Neun von zehn Franken werden von privaten Banken in Umlauf gebracht – per Knopfdruck und aus dem Nichts. Das birgt Risiken. Die Vollgeld-Initiative, die am 1. Dezember eingereicht wird, will das ändern.

Angenommen, Sie bräuchten einen grösseren Geldbetrag, vielleicht, weil Sie ein Haus kaufen wollen. Nun stellen Sie sich vor, ein Unbekannter würde Ihnen das Geld vorschiessen. Nicht, indem er es Ihnen in einem Koffer übergibt. Er schreibt einfach den Betrag auf ein Papier, zusammen mit dem Vermerk, der Besitzer dieses Papiers könne den Barbetrag jederzeit bei ihm abholen. Das wirkt wenig vertrauenswürdig, nicht?

Und was würden Sie davon halten, wenn Sie erführen, dass Ihr Geldgeber ein passionierter Glücksspieler ist, der regelmässig riskante Wetten eingeht? Nun, so ähnlich funktioniert die Kreditvergabe der Bank, bei der Sie tatsächlich den Hypothekarkredit für Ihr Wohneigentum aufnehmen.

Wenn die Bank Sie für kreditwürdig hält, dann schreibt sie Ihnen den vereinbarten Betrag auf Ihrem Konto gut. Sie braucht dazu weder darauf zu warten, dass in der gleichen Höhe neue Ersparnisse bei ihr hinterlegt werden, noch dass genügend andere Schuldner ihren Kredit zu dem Zeitpunkt zurückzahlen oder Zinsen in der Höhe Ihres Darlehens entrichten. Elektronisches Buchgeld können die Banken nach eigenem Gutdünken in die Welt setzen.

Urs Birchler ortet in der Geldmengensteuerung eine weitere Schwäche der Initiative: «Normalerweise erhöht die Nationalbank die Geldmenge, indem sie Dollars, Euro, Gold oder was auch immer kauft und somit Franken in Umlauf bringt. Wenn sie die Geldmenge verringern will, verkauft sie die Dollars, Euro etc. wieder. Wie aber kann die Geldmenge im Vollgeld-System verringert werden?»

Auch hier hat Reinhold Harringer eine Antwort parat: «Wenn die Nationalbank zur Erhöhung der Geldmenge Darlehen an die Banken gewährt, kann sie diese auch zurückziehen oder die dafür erhaltenen Sicherheiten wie zum Beispiel Wertpapiere verkaufen und damit die Geldmenge verkleinern.»

Der Gewinn aus der Geldschöpfung würde im Vollgeld-System nicht mehr bei den privaten Banken anfallen, sondern bei der Nationalbank. Diese gibt sie an Bund, Kantone oder auch direkt an sämtliche Bürgerinnen und Bürger weiter. Den ergiebigsten Geldregen würde die Umstellung auf Vollgeld mit sich bringen: Am Tag des Systemwechsels verwandelt sich das Geld, das die Banken ihren Kunden schulden – also das Geld, das diese auf ihren Bankkonten haben – in eine Verpflichtung der Banken gegenüber der Nationalbank.

Diese Schuld begleichen die privaten Geldhäuser schrittweise aus den Kreditrückzahlungen ihrer Schuldner. So wird das von den Banken geschöpfte Geld durch Buchgeld von der Nationalbank ersetzt. Am Kontostand der Kunden ändert sich nichts. Es ist bloss nicht mehr die private Bank, die garantiert, dass das Geld auf dem Konto jederzeit ausgezahlt werden kann, sondern die Nationalbank.

300 Milliarden für die Staatskasse

Als Folge der Umstellung flössen gemäss Website der Vollgeld-Initiative einmalig und über mehrere Jahre verteilt rund 300 Milliarden Franken in die Staatskasse. Das ist mehr als die aktuelle Gesamtschuld des Bundes (etwa 222 Milliarden) und die Bundesausgaben eines Jahres (etwa 64 Milliarden) zusammen. Den jährlich wiederkehrenden Geldschöpfungsgewinn zugunsten der Allgemeinheit schätzen die Initianten auf drei bis fünf Milliarden.

Es ist ein verlockendes Angebot, das die Vollgeld-Initiative den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern macht. Auch Kritiker wie Urs Birchler räumen ein, dass Finanzkrisen im Vollgeld-System weniger wahrscheinlich sind. «Der Eingriff in das Kreditgeschäft würde die Schweizer Wirtschaft etwas kosten. Dies muss man aufrechnen gegen die Finanzkrisen, die man möglicherweise vermeidet. Meiner Meinung nach ist die Wirtschaftswissenschaft nicht in der Lage, verlässlich vorauszusagen, ob Kosten oder Nutzen überwiegen.»

Letztlich scheiden sich die Geister an der Frage, wer eher für das Wohl des Landes sorgen könne: Vater Staat oder gewinnorientierte private Unternehmen.

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Vorlesung Mathias Binswanger: «Das Jahr des Geldes» 
Mittwoch, 2. Dezember, Hochschule für Wirtschaft der FHNW, Peter-Merian-Strasse 86, 4002 Basel 

Konversation

  1. Vollgeldinitiative: SNB soll Geldschöpfung auf reales Wachstum beschränken

    An der Vollgeldinitiative wird kritisiert, dass nicht klar sei, wie die Zentralbank sinnvoll entscheiden könne, um wie viel die Geldmenge in einer bestimmten Periode zunehmen soll. In der Geldmengentheorie war lange klar, dass inflationsfreies Wachstum langfristig nur mit einer Geldmengenerweiterung gemäss dem realen Wachstum einer Volkswirtschaft möglich ist.

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  2. @ Occupy Basel lebt:
    Die Idee bezüglih der Pfandlaschen ist ja die, dass ich mit Kauf einer Pfandflasche zum Kreditgeber des Ladens werde. Der Betrag ist zwar klein, summiert sich aber bei vielen Flaschen.
    Daher müssen dann die Pfandflaschen auch real diesen Pfandwert haben, sonst haben wir ja wieder virtuelle Werte.
    Der Realwert einer Pfandflasche liegt aber heute weit unter dem Pfand-Betrag.
    Damit wäre das Pfandlaschengeschäft eigentlich illegal!
    Damit sind wir wieder bei „Hopp und weg!“

    Das gleiche Problem entsteht bei den heute zunehmend wertvoller werdenden Häusern, denen auch kein realer Geldwert gegenüber steht.
    Da könnte dann der Brief von der SNB kommen: „Weil Ihr Haus 20’000 SFr. wertvoller geworden ist, sind Sie gebeten, den Differenzbetrag der SNB zur Verfügung zu stellen.
    Ansonsten machen Sie sich wegen illegaler Geldvermehrung strafbar.“

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  3. @Sacha Bundy… davon muss man nicht einfach nur ausgehen- Exakt SO ist es und nicht anders ! Nur dass DIESE Banken-Schneeballsytem-trickserei im Gegensatz zu allen anderen Staatlich sanktioniert und Garantiert wird !! Liebe Schweizerinnen und Schweizer: ich wünsch euch von Herzen den Mut und die Weitsicht diesem Antrag zuzustimmen- der Rest der Welt könnte vieles von euch lernen und manches üble Vorurteil über euch einkassieren… wie gesagt: KÖNNTE !

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  4. Habe keine Ahnung von der Materie, bin aber interessiert, was der Lage vieler LeserInnen entsprechen dürfte. Der Einwand des Herrn Cesna leuchtet ein, wie auch die Frage, wie das Thema wohl in anderen Ländern gehandhabt wird. Sind wir nicht jenseits der Zeit, als solche Fragen auf nationaler Ebene gelöst wurden? Diese Frage stimmt mich der Initiative gegenüber sehr skeptisch..

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  5. Die Stärkung des Schweizer Franken sehe ich auch als einer der ganz wenigen wirklichen Vorbehalte gegenüber der Initiative. Aber ist da nicht schon grundsätzlich was falsch, wenn eine starke Währung etwas Schlechtes ist? Allerdings wäre es mit einer besseren Kontrolle über die Geldmenge auch leichter möglich eben solche Auswüchse, die nur der Spekulation dienen, zu unterbinden.

    Den Zusammenhang zur Umweltverschmutzung verstehe ich nicht, können Sie das erläutern?

    Wenn sie eine Initiative für ein Schwundgeld lancieren wollen, ja sehr gerne, hätte bestimmt auch einige Unterstützung aus den ähnlichen Kreisen wie die Vollgeld-Initiative. Diese ist dafür nicht das Allerwelts-Mittel, entschärft die momentane Situation jedoch schon ein bisschen: Die SNB könnte das Geld zinsfrei und nicht als Schuld in Umlauf bringen.

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  6. Danke für den Artikel, wichtiges Thema!
    – Das Verhältnis von 10% Hartgeld der SNB hat aber auch damit zu tun, dass diese Menge dem Bedürfnis des Bargeldumlaufs zu tun hat. Dieser nimmt aufgrund von den elektronischen Zahlungsmittel kontinuierlich ab (die Geldmenge nimt zwar parallel zur Wirtschaft zu aber im Verhältnis ab)
    – Die SNB besitzt sehr wohl Buchgeld und kann auch Hartgeld umwandeln und umgekehrt (man bedenke die Tonnen an EUR die damals gekauft wurden, um den Mindestkurs zu halten – alles Buchgeld)
    – „300 Milliarden für die Staatskasse“ gemäss Website der Vollgeld-Initiative ist nicht recherchiert. Irgendwo kommen die wohl her sprich irgendwo fehlt dieser Betrag auch wieder. Der Rechenweg, respektive eine Ursache-Wirkungs-Analyse wäre hilfreich.
    Trotz allem denke ich ist in diesem Thema Aufklärung des Normalbürgers extrem wichtig. Dies ist eine enorme Herausforderung angesichts der Komplexität des Themas. Mich würde es auch interessieren wie dies in anderen Ländern gehandhabt wird, um eine bessere Idee von den zu erwartenden Konsequenzen zu haben.

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    1. Zu Ihren beiden ersten Punkten: Haben Sie die Möglichkeit direkt bei der SNB Geld zu holen, sei das Hartgeld oder Buchgeld?

      Die 300 Milliarden sind der einmalige Gewinn durch die Verbuchung der Geldschöpfung des gesamten Buchgeldes durch die SNB. Im Buch „Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft“ von Thomas Mayer (sehr empfehlenswert, gut verständlich geschrieben) ist die Zahl über mehrere Seiten hinweg erklärt.

      Die zentralen Aussagen daraus:
      „Alles Giralgeld wird in Vollgeld umgewandelt. Ende 2008 betrug M1 273 Mrd. Danach wurde die Geldmenge massiv aufgebläht, 537 Mrd. Ende 2012. Die SNB darf nur die von der Schweizer Volkswirtschaft auch langfristig benötigte Geldmenge schuldfrei auszahlen, d.h. ungefähr den Bestand von 2008 plus ein geringes Wachstum von 10% über 15 Jahre. Daraus ergibt sich eine Auszahlung von total mindestens 300 Mrd. Franken.“

      Auf der Vollgeld-Seite findet sich diese Antwort durchaus: http://www.vollgeld-initiative.ch/fragen/

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