Die wundersame Verwandlung der Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht kommt für eine Podiumsdiskussion ins Basler Volkshaus. Statt von «Sozialismus» und «Klassenkampf» redet die Frontfrau der deutschen Linkspartei heute am liebsten über «soziale Gerechtigkeit».

epa05868096 Parliamentary group leader of political party The Left (Die Linke), Sahra Wagenknecht speaks during a campaigning event of The Left in Saarbruecken, Germany, 24 March 2017. Saarland will elect a new parliament on 26 March 2017. Current polls show a neck-and-neck race between CDU and SPD parties, with The Left as third strongest party. EPA/ARMANDO BABANI

(Bild: EPA/ARMANDO BABANI)

Sahra Wagenknecht kommt für eine Podiumsdiskussion ins Basler Volkshaus. Statt von «Sozialismus» und «Klassenkampf» redet die Frontfrau der deutschen Linkspartei heute am liebsten über «soziale Gerechtigkeit».

Es kommt selten vor, dass eine Diskussion über ein politisches Sachbuch schon Wochen vorher ausgebucht ist. Es geschieht aber auch nicht alle Tage, dass eine deutsche Spitzenpolitikerin an einem Publikumsgespräch in Basel auftritt. Am Dienstag, 25. April, redet Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, über ihr Buch «Reichtum ohne Gier». Eingeladen zu dem Anlass im Volkshaus hat das Basler Literaturhaus – die 250 Plätze waren im Nu weg.

Eine Möglichkeit, Wagenknecht live zu erleben, gibt es gleichentags aber schon am frühen Abend: Um 18.30 Uhr tritt die Linkspolitikerin bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Alten Marktplatz in Lörrach auf.

«Weshalb fühlen sich die Leute abgehängt? Weshalb gibt es Populismus?» Das Literaturhaus organisiere immer wieder Veranstaltungen zu solchen Fragen, sagt Intendantin Katrin Eckert. Wagenknecht sei eine Gesprächspartnerin, die sich mit Themen wie Globalisierung und Umverteilung auskenne. Moderieren wird der SRF-Radiojournalist Peter Bertschi. Eckert hofft, auch das Publikum frühzeitig in die Diskussion miteinzubeziehen.

Als Stalinistin verschrien

Vor 17 Jahren sorgte Wagenknecht für mediales Aufsehen in der Schweiz, als sie in Zürich an der Kundgebung zum 1. Mai auftrat. Damals haftete ihr noch das Etikett an, eine Stalinistin zu sein. In der Tat hatte sie 1992 in einer kommunistischen Postille Stalins Herrschaft in der Sowjetunion gelobt. Ein unentschuldbares Verhalten angesichts von Millionen von Opfern während dessen Schreckensherrschaft (1927–1953). Später hatte sie sich von ihren Äusserungen distanziert.

Inzwischen ist Wagenknecht (47) zur Fraktionschefin der Linken aufgestiegen, und weil CDU und SPD eine grosse Koalition bilden, ist sie Oppositionsführerin im Bundestag. Im deutschen Fernsehen ist sie seither omnipräsent, sei es bei «Anne Will», «Maybritt Illner» oder den «Tagesthemen».

Politisch hat sie sich etwas vom äusseren linken Rand wegbewegt. Auch als Buchautorin hat sie Erfolg, das Sachbuch «Reichtum ohne Gier», über das in Basel geredet wird, wurde ein «Spiegel»-Bestseller, sogar die konservative FAZ lobte es. Darin geht es um eine Analyse des realexistierenden Kapitalismus, die auch für Laien einfach verständlich ist. «Wagenknecht gelingt es, auch dem skeptischen liberalen Leser zu zeigen, wo die Grenzen der Marktfreiheit und wo die Chancen einer entschlosseneren staatlichen Ordnung liegen könnten», schreibt die FAZ.

Das Rosa-Luxemburg-Outfit hat sie modernisiert.

Wagenknecht plädiert für eine Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft, wie die «Frankfurter Rundschau» festhält, und zwar als Alternative zu einem entfesselten Kapitalismus, in dem die Reichen immer reicher werden. Dies ist ein Thema, das auch in der Schweiz die Leute beschäftigt. Für den Finanzsektor schlägt Wagenknecht eine straffe Regulierung und die Gründung von «Gemeinwohlbanken» nach dem Genossenschaftsmodell vor. Auch fordert sie, den Zugang zu Kapital zu demokratisieren und durch neue Eigentümermodelle zu ersetzen.

Wagenknecht wuchs in der DDR auf und trat 1989 noch kurz vor dem Mauerfall der Einheitspartei SED bei. Nach der Wende bildete sich daraus die PDS, welche in der Folge mit der westdeutschen Wasg zur Linkspartei verschmolz. Heute redet Wagenknecht statt von «Klassenkampf» und «Sozialismus» am liebsten von «sozialer Gerechtigkeit». Auch ihr Rosa-Luxemburg-Outfit hat sie modernisiert, sie trägt keine hochgeschlossenen Blusen mehr wie früher.  

Die grosse Schwesterpartei SPD hat in Umfragen kräftig zugelegt, seit sie Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten kürte. Damit wird eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei (zusammen mit SPD und Grünen) nach der Bundestagswahl im Herbst zumindest denkbar. Irgendwie scheint Wagenknecht, die mit dem ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine verheiratet ist, aber noch nicht selbst daran zu glauben. In einem Interview in den «Tagesthemen» der ARD sagte sie, es sei an den Sozialdemokraten, sich auf die Linke zuzubewegen.

Gut möglich also, dass Wagenknecht auch in Zukunft ab und zu Zeit finden wird, für eine Publikumsveranstaltung in die Schweiz zu kommen.

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Sahra Wagenknecht: «Reichtum ohne Gier», 25. April, 20.15 Uhr, Literaturhaus, Volkshaus Basel; ausverkauft

Konversation

  1. Ideologen können es nicht verkraften, wenn eine/r der ihren der Ideologie den Rücken kehrt. Was dabei herauskommt, sind Reaktionen ohne jedes Interesse an der Sache. Wenn die Argumente fehlen, wird die Person angegriffen, mit welcher Waffe auf immer.

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  2. Wir waren getern an der Veranstaltung und der Saal war voll. Und nein, es war keine LINKE-Veranstaltung, dafür hat der Literaturclub und Frau Wagenknecht selber gesorgt. Da wurde viel persönliches preisgegeben von ihr. Da es eben keine Massenmedien-Verdummungsveranstaltung war, wo der od. die Moderatoren vie Knopf im Ohr, so machmal schon Frau Wagenknecht ganz bewusst in die Pfanne hauen wollte, war dieser Abend ein differenzierender Abend. Man muss ihr politischen Handlen nicht gut finden, doch ihr Buch: Reichtum ohne Gier, bringt so manches zum nachdenken.

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  3. zur beruhigung der durchgestylten schurnis*:
    auch in ändifinggli & dirndl bleibt sahra – aber nein, nicht ochsen- oder rinder- – wagenknecht eine eloquente, intelligente frau, die mit der omnipräsenten ignoranz bis häme zum glück sehr gut klar kommt.

    (auftritt ist ausgebucht)

    *sponsoring partner: «stiftung für medieneinfalt»?

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  4. Ich werd’s daher übernehmen:

    «1992 lobte Wagenknecht in ihrem Artikel „Marxismus und Opportunismus“[44] Stalins Herrschaft in der Sowjetunion u.A. als „die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartig kurzen Zeitraums; damit die Überwindung von Elend, Hunger, Analphabetismus, halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster kapitalistischer Ausbeutung“».

    «Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Kommunistischen Plattform sprach sich Wagenknecht 2008 in einer Stellungnahme gegen ein allgemeines Gedenken in Form eines Gedenksteins auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde mit der Aufschrift „Den Opfern des Stalinismus“ aus, da sich unter diesen auch Faschisten befunden hätten, drückte aber ihr Mitgefühl mit den unschuldigen Toten aus».

    «Wagenknecht selbst erklärte 2009 ihre umstrittenen Äußerungen zum Stalinismus von 1992 retrospektiv mit „Trotz und Wut über rechte Geschichtsverfälschung“ und distanzierte sich von diesen, da sie „nicht minder einseitig waren als die Geschichtsschreibung des Mainstreams, nur mit umgekehrtem Vorzeichen“».

    Quelle: alles Wikipedia.

    Als ein «Kind der DDR» darf man ihr konstatieren, dass sie lernfähig ist (auch wenn ihre Pubertät ziemlich lange dauerte).

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  5. Da sich, wie Sie schreiben, Frau Wagenknecht von den von Ihnen nicht weiter erläuterten Stalin-Verehrungen distanziert hat, hätten Sie sich vielleicht schon durchringen können, auf Ihre Formulierung „unentschuldbares Verhalten“ zu verzichten. Es besteht kein Grund, Frau Wagenknecht zu dämonisieren. Man könnte ihr allenfalls vorhalten, eine Spur zu nüchtern zu argumentieren und dadurch nicht mehr volkstümlich genug zu sprechen. Aber warum eigentlich, es braucht unkäufliche Politiker, die zudem nüchtern bleiben!

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  6. Nein, zu Wagenknechts Garderobe habe ich keine Frage. Aber eine zu ihrer früheren Verehrung Stalins wäre schon angebracht. Kritik daran sollten Sie nicht ins Lächerliche ziehen.

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  7. Man muss wirklich nicht links sein, um eine Wirtschaft, die zu einem Grossteil glaubensbasiert funktioniert, als „mittelalterlich“ einzustufen.
    Man muss auch nicht links sein, um gescheiterte Banken – egal wie gross sie sind – fallen zu lassen. Im Gegenteil.
    Man muss auch nicht links sein, um es (ab)stossend zu finden, wenn Unternehmen mehr Geld in „Qualitätssicherung“ und Werbung statt in Forschung und Produktion stecken.

    Ich halte nichts von Wagenknechts Partei – aber ihre Positionen sind besser als das meiste, was die Clowns der Wallstreet und der Bahnhofstrasse vertreten.

    Perverse Zeiten: Die beste Werbung für den Sozialismus liefern die Finanzjongleure und die beste Werbung für den Nationalstaat die EUphoriker.

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  8. Die «soziale Marktwirtschaft» war allerdings lange Zeit mehrheitsfähig und damit das Fundament dafür, dass «Grössen» wie Sie überhaupt hochgeschwemmt wurden.

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