Dieter Stalder haut für seine Liebe in die Tasten

Dieter Stalder liebt Musik und Technik. Die Orgel und das Harmonium verbinden beide Leidenschaften – und deshalb widmet er diesen Tasteninstrumenten ein ganzes Haus.

Zu jeder Führung gehört ein Privatkonzert.

(Bild: Elin Fredriksson)

Dieter Stalder liebt Musik und Technik. Die Orgel und das Harmonium verbinden beide Leidenschaften – und deshalb widmet er diesen Tasteninstrumenten ein ganzes Haus.

Es ist eng. Überall, wo man hinschaut, befinden sich grosse Kästen – einige gehen fast bis zur Decke, andere sind zum Drüberstolpern klein. Die einen sind schlicht, die anderen verziert. Ist das ein überfüllter Dachboden? Oder etwa ein Möbellager? Keineswegs: Wir befinden uns im Orgel- und Harmoniummuseum in Liestal, und die Kästen sind keine Kästen, sondern Instrumente – in allen Formen, Farben und Grössen.

Skurrile Museen
In dieser Sommerserie richten 
wir die Scheinwerfer auf kleine regionale Museen, die im Schatten der grossen Leuchttürme stehen.  

Inmitten dieser Fülle steht Dieter Stalder. Er ist der Betreiber des Museums und weiss genau, wie er Leben in die «Kästen» bringt: Er macht das Licht an, setzt sich an die Klaviatur eines Instruments und haut in die Tasten. Schon füllt sich das ganze Haus mit fröhlichen Klängen. Eine Führung im Museum beinhaltet nicht nur Technik und Geschichte – sondern auch ein Privatkonzert.



Instrumente, Bilder, Lampen – viele verschieden Sammlungen sind in diesem Museum vereint.

Instrumente, Bilder, Lampen – viele verschiedene Sammlungen sind in diesem Museum vereint. (Bild: Elin Fredriksson)

Ein Harmonium ist keine Orgel

Die Orgel kennt man ja. Aber was ist eigentlich ein Harmonium? «Ach, die Jungen wissen das ja gar nicht mehr», sagt der pensionierte Sekundarlehrer kopfschüttelnd. Die ältere Generation kenne das Harmonium noch in Anlehnung an urchige Gottesdienst-Gesänge unter Namen wie Psalmen-Pumpe, Halleluja-Blaser oder Jerusalem-Traktor.

«Ein Harmonium ist zehnmal besser als ein Klavier», sagt Stalder. Aus Laien-Perspektive sieht es aus wie eine Orgel, einfach kleiner. Doch es gibt noch mehr Unterschiede: «Das Harmonium hat ähnliche Funktionen wie ein Keyboard. Im Gegensatz zum Ton der Orgel, der mit Pfeifen produziert wird, entsteht ein Harmonium-Ton über Durchschlagszungen, die durch Luftzufuhr in Schwingung versetzt werden.»

Durch diese Mechanik besteht der Vorteil, dass bei höherer Luftzufuhr der Ton nicht wie bei der Orgel verstimmt, sondern lauter wird. Auch können beim Harmonium durch das Bedienen von Knöpfen viele verschiedenen Klänge erzeugt werden – für den 71-Jährigen die perfekte Kombination: Er liebt Musik und Technik.



Stalder zeigt ein eingebautes Orgelwerk einer Standuhr.

Stalder zeigt ein eingebautes Orgelwerk einer Standuhr. (Bild: Elin Fredriksson)

Heimliches Aufschrauben

Diese Liebe flammte schon in jungen Jahren auf: In Küsnacht im Kanton Zürich, wo Stalder aufgewachsen ist, entdeckte er als kleiner Junge im Kirchgemeindehaus zum ersten Mal ein Harmonium. Wegen der vielen Knöpfe gefiel ihm das Instrument. Was ihn jedoch irritierte, waren die fehlenden Pfeifen, die er von der Orgel kannte. So kam es, dass er sich während einer Pause klammheimlich ins Schulzimmer, wo ebenfalls ein Harmonium stand, schlich und es mit einem Sackmesser aufschraubte, um nachzuschauen, wie es technisch funktioniert.

Das technische Interesse für die Tasteninstrumente begleitete ihn bis ins Erwachsenenalter. Während des Lehrerseminars – Klavier- und Orgelstunden gehörten schon längst zum alltäglichen Programm – baute er seine erste Orgel. Der Orgelbau entwickelte sich zu einem Hobby, und auch andere Instrumente häuften sich im Hause Stalder an. Was ihm aber fehlte, war ein Harmonium. Über ein Zeitungsinserat erwarb er das fehlende Instrument – und damit begann die Sammelleidenschaft.

Ein Haus muss her

Die Sammlung wuchs, und irgendwann hatte er Platzprobleme. Zu dem Zeitpunkt waren die Instrumente im ganzen Haus verteilt, und sogar auf der Empore der Matthäuskirche, wo Stalder lange Zeit als Organist tätig war, ergatterte er sich Platz für seine Sammlung. «Ich habe aber immer darauf geachtet, dass es auch harmoniumfreie Zonen gab. Meine Kinder mussten nie mit einem Harmonium das Zimmer teilen.» Wirklich? Stalder denkt einen kurzen Moment nach und ergänzt: «Fast nie.»

Vor 24 Jahren beschloss Stalder, dem Platzmangel ein Ende zu setzen: Er baute im Garten seines Wohnhauses ein Museum für seine mittlerweile 150 Orgeln und Harmonien. Ausserdem gibt es seit 2005 im Aargau einen Aussenposten mit weiteren 50 Instrumenten.

Seit dem Einreichen des Zeitungsinserats sind 40 Jahre vergangen. Heute zählt das Museum laut Stalder zu der weltweit grössten Sammlung an Harmonien: «Und das nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ.»



Stalder spielt auf einem Miniarmonium. Er besitzt Harmonien in allen Grössen...

Stalder spielt auf einem Miniharmonium.  (Bild: Elin Fredriksson)

Technische und künstlerische Aufwertung

Um diese Qualität zu gewährleisten, braucht es die entsprechende Pflege – und die Mechanik der Instrumente ist hochkompliziert. Zum Glück hat Stalder sowohl Interesse als auch Begabung für das Technische: Sollte eine Taste klemmen, kann er selbst ran. Ausserdem hat er mehrere Instrumente mit seiner eigenen Note versehen und nach seiner ersten Orgel im Lehrerseminar weitere fünf gebaut.

Dabei kommt ihm nicht nur seine handwerkliche Begabung zugute, sondern auch seine künstlerische. Er zeigt eine Orgel mit verschnörkelten Verzierungen am oberen Rand: «Da war von Anfang an nichts dran, deshalb habe ich diese Dekoration selbst gemacht. Ich kann das nicht haben, wenn etwas so unschön und halbfertig ist.»



Dieter Stalder: «Von dieser eingebauten Orgel in einem Sekretär liess ich mich für meinen eigenen Orgelbau inspierieren.»

Dieter Stalder: «Von dieser eingebauten Orgel in einem Sekretär liess ich mich für meinen eigenen Orgelbau inspirieren.» (Bild: Elin Fredriksson)

Russische Figuren

Neben der Orgel- und Harmoniumsammlung besitzt Stalder eine Reihe an weiteren Sammlungen wie Kuckucksuhren, kleine Figuren und eine spezielle Art von Kronleuchtern in Form von Frauenkörpern (sogenannte Lüchterwiibli). Als Kreativmensch lässt er diese nicht nutzlos herumstehen, sondern bezieht sie in seinem Museum aktiv mit ein. Eine Sammlung kleinerer Figuren aus Russland hat er zum Beispiel in eine selbstgemachte Orgel eingebaut.

«Diese Figuren sind eine Erinnerung an eine Kreuzfahrt im Baltikum und stammen aus dem Sommerpalast des Zars in Russland. Als Sammler wollte ich natürlich nicht nur eine Figur, sondern alle. Aber was hätte ich mit diesen Figuren machen sollen? Jetzt dienen sie hier zur Dekoration.»

Pläne und Verträge

Russland hin oder her – am Schönsten ist es für Stalder immer noch zu Hause. «Neben meiner Haustüre im Museum befindet sich das Paradies. Wenn ich verreist bin, dann habe ich schnell wieder Heimweh nach meinen Schätzen.»



... und in allen Formen. Hier ein Harmonium in Bibelform.

Instrumente in allen Formen – hier ein Harmonium in Bibelform. (Bild: Elin Fredriksson)

Wie es mit dem Museum weitergehen soll, wenn Stalder sich irgendwann nicht mehr darum kümmern kann, weiss er noch nicht genau. Die Musik sei in der Familie sehr präsent, alle Kinder und Enkelkinder würden ein Instrument spielen. Doch um das Museum zu übernehmen, müsse man sich mit Orgeln und Harmonien auskennen, und damit sei er bis jetzt in der Familie noch alleine.

Als Vorsorge hat Stalder einen Plan gezeichnet, wo er die ausgestellten Instrumente im Detail beschreibt, damit sich ein potenzieller Nachfolger einlesen kann. Weitergesammelt wird auf keinen Fall: «Wenn ich ein Telefon kriege mit einem Angebot, kann ich nur zu Gott beten, dass es sich um ein völlig uninteressantes Instrument handelt.» Der Platz fehlt immer noch. Ausserdem hat Stalder Verträge einzuhalten – er hat Frau und Kindern schriftlich versprochen, dass er keine neuen Instrumente mehr kauft. Garantie ist das keine: «Diese Verträge wurden ungefähr schon zehn Mal gebrochen.»

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Harmonium- und Orgelmuseum, Widmannstrasse 9a, Liestal, geöffnet nach Vereinbarung, Führungen auf Voranmeldung: 061 921 64 10, Dauer der Führung: 1,5 Stunden mit Live-Musik

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