«Du musst dir halt mehr gefallen lassen» – Knackebouls Ergänzungen zum Integrationsvertrag

Der «Blick» will Ausländer zur Integration verpflichten. In einem Vertrag formulierte er Rechte, Pflichten und Normen. Unser Kolumnist hat sich den Wisch angeschaut und hätte da ein paar Ergänzungen.

Der «Blick» will Ausländer zur Integration verpflichten. In einem Vertrag formulierte er Rechte, Pflichten und Normen. Unser Kolumnist hat sich den Wisch angeschaut und hätte da ein paar Ergänzungen.

Rechte

Es sei denn, du hast es nicht über unsere Grenzen geschafft, dann darfst du von uns aus im Mittelmeer ersaufen oder in Griechenland versauern. Als Asylbewerber darfst du auch nicht arbeiten oder ohne Weiteres zum Arzt gehen, wenn du auf den Schimmel deiner baufälligen Unterkunft allergisch reagierst. Als Ausländer hast du natürlich das Recht, unsere Klos und Strassen zu putzen – abstimmen darfst du allerdings nicht. Aber hey, alles was recht ist.

Das gilt nicht für die Homo-Ehe, die in der Schweiz aufgrund christlich geprägter Vorstellungen immer noch verboten ist. Auch bei Kirchenglocken, christlichen Feiertagen, Religionsunterricht und Kruzifixen in Schulen müssen wir flexibel sein, weil unsere auf einer morbiden Fantasiegeschichte basierende christliche Kultur halt cooler ist als deine auf einer morbiden Fantasiegeschichte basierende «Kultur».

Eine kleine Ausnahme erlauben wir uns beim Lohn und bei der Anstellungswahrscheinlichkeit. Hierzulande wird eher ein Peter CEO eines Grossunternehmens als eine Petra. Auch verdienen Frauen weniger als Männer. Aber hey, wir sind das mit dieser Gleichberechtigung halt noch am Lernen. Aber versprochen: Sobald wir das mit den Frauen hingekriegt haben, machen wir uns daran, Gleichberechtigung auch für Homosexuelle, Leute mit einem -ic im Namen oder mit dunkler Hautfarbe ganz umzusetzen.

Ausser vielleicht bei der Wohnungs- und Jobsuche oder bei Polizeikontrollen. Da musst du dir halt etwas mehr gefallen lassen, wenn du einen ausländischen Namen oder eine dunkle Hautfarbe hast.

Jep, da sind wir super tolerant. Hier dürfen sogar National- und Bundesräte verächtlich über andere Kulturen, über das andere Geschlecht und über Flüchtlinge sprechen, solange sich damit ein paar Wählerstimmen gewinnen lassen.

Pflichten

Dafür darf man so unwichtige Sprachen wie Englisch vernachlässigen. Schau dir unsere höchsten Politiker an. Viele sprechen so gut Englisch wie ein spanischer Taxifahrer, aber hey, ihren Dialekt chane de äuä niemer nä, gopferdelli. Und wundere dich nicht, wenn Leute, die von dir perfektes Deutsch verlangen, selbst keinen geraden Satz schreiben können – das sind nämlich keine Ausländer, die müssen diesen Vertrag nicht erfüllen. Einwände zu diesem Abschnitt bitte nur in Rätoromanisch.

Da staunst du, he. Hier geniessen Lehrer und Lehrerinnen eben noch Respekt. Nicht so wie bei euch da. Niemals würde es einem Schüler oder den Eltern von Schülern oder gar politischen Parteien in den Sinn kommen, Lehrpersonen zu kritisieren, anzugreifen oder sie blosszustellen.

Jetzt musst du den gemeinsamen Schweizer Alltag nur noch finden. Du hast es versucht, indem du öffentliche Anlagen, Parks und Sportplätze benutzt. Aber du musst wissen, dass die Schweizer solche Dinge nur haben – aber nicht nutzen. Schweizer sein heisst «Betreten verboten»-Schilder aufstellen, zu Hause aus dem Fenster den Nachbarn bewerten oder Integrationsverträge für Ausländer schreiben. Natürlich gäbe es da das Jodler-Chörli, die Trachtengruppe und weitere Vereine, aber da wäre es ein Zeichen des Respekts deinerseits, wenn du dich möglichst fernhalten würdest.

Für dich heisst das: Du musst erst einen bescheuerten Integrations-Vertrag unterschreiben und ein zermürbendes Aufnahmeverfahren über dich ergehen lassen, bevor du deine Freiheit verteidigen darfst. Ausser du bist reich. In dem Fall nehmen wir es nicht so genau mit Herkunft und Integration. Dann wirst du auch bei den Steuern grosse Freiheiten geniessen oder darfst dir sogar die Freiheit nehmen, ein ganzes Bergdorf zu kaufen und umzugestalten.

Das ist die grösste helvetische Tugend. Wir haben stets für uns selbst gesorgt. Sei es, dass wir uns jahrhundertelang als Söldner dem meistbietenden Kriegsherrn verkauften. Sei es, dass wir das Gold der Juden, aber nicht die Juden selbst bei uns aufgenommen haben. Sei es, dass wir anderen helfen, für sich selbst zu sorgen, indem sie Steuern hinterziehen – wir leben die Selbstbestimmung. Nimm dir ein Beispiel.

Normen

Also natürlich nicht sein wahres Gesicht. Wir Schweizer sind Meister der Tarnung. Im Job, gegen aussen und in der Politik setzen wir gerne die Maske der Höflichkeit auf, um die Fratze der Missgunst zu verstecken. Und, pssst, wenn du deine Verhüllung mit einer Louis-Vuitton-Tasche kombinierst und dich vornehmlich in Interlaken oder an der Zürcher Bahnhofstrasse aufhältst, ist es nicht so schlimm.

Am liebsten schütteln wir abgewiesenen Asylbewerbern die Hand, bevor wir sie dahin zurückschicken, wo der Pfeffer wächst.

Ausser zum Beispiel Politikerinnen, die sich für eine offene Integrations-Politik aussprechen. Die darf man belächeln, ein bisschen beleidigen und ihnen sporadisch mit dem Scheiterhaufen drohen.

Gerade der «Blick» und seine sensiblen Reportagen oder die Parteien, die sich mit ihren hoch anständigen Kampagnen für eine striktere Migrationspolitik einsetzen, können hierfür als Vorbild dienen.

Man trägt höchstens durch Waffenlieferungen zu Konflikten in anderen Ländern bei.


Die Texte in den Kästchen stammen vom «Blick». 

Konversation

  1. Bei den Defiziten der Gleichberechtigung hat er noch die Militärpflicht, das Rentenalter und den Mutterschaftsurlaub vergessen. Ansonsten: Guter Artikel, die Heuchelei vom Blick und von unserer Gesellschaft allgemein wird schonungslos aufgedeckt!

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  2. @chröttli:
    Jaaaa, Peccia, ich weiss. Schöne Erinnerungen. Allerdings schien mir der dortige Marmor vergleichsweise weich. 😉
    Inzwischen bevorzuge ich ja wieder Ton – auch wenn die Gefahr, sich in selbigem auch mal zu vergreifen, nie ganz verschwindet.

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  3. @esther
    Sie haben’s ja erwähnt – frau beisst da auf granit …
    versuch ich’s halt auch mal konstruktiver – zur weiterbildung kann man so einen genialen steinmetz-workshop im hinteren maggiatal nur wärmstens empfehlen.

    (zum konkreten benimm für in-&ausländer allerlei geschlechts: daumen weder hoch noch runter – nur weit weg von der arbeitsfläche – aber dann haurein.)

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  4. @Markus Hofstetter: habe ich das irgendwo behauptet?
    Das Geschwurbel des Blick lässt jedenfalls sowohl das Eine wie das Andere vermissen.
    Ich würde Ihnen zustimmen, wenn von Allen, die sich in der Schweiz befinden (Ureinwohner, Zugezogene, Durchreisende, (wieder) Wegwandernde, wer auch immer) das gleiche erwartet wird. Hier geht es aber darum, dass von Ausländern etwas verlangt wird, das manch „guter Eidgenoss“ noch nie im Leben vorgemacht hat. Und diese Heuchelei prangert Knackeboul zu Recht an.

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  5. Populismus in seiner Reinform. Aber eben von der richtigen Seite, darum ist es schon ok. Rassismus dann noch oben drauf. Aber auch nur gegen Schweizer. Ok, man könnte sagen, es sei sarkastisch gemeint gewesen. Da bin ich mir aber gar nicht so sicher.

    Ach ja. Der Militärdienst, der nur schweizerische Männer betrifft, hat wohl nicht ins Konzept gepasst.

    Man könnte sagen, wer eine schlechte Bildung hat, muss Klos putzen. Und da Ausländer häufiger eine schlechte Bildung haben, sind es halt häufiger (aber nicht immer) Ausländer. Man kann aber auch so tun, als müssten sie die Klos putzen, weil sie Ausländer sind.

    Wer aber findet, Ausländer seien häufiger kriminell, ist dann natürlich wieder Rassist. Ein ausgeklügeltes System.

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  6. «Kindergarten», «Pausenhof» und eine entleerte «Filterblase».

    Alles in allem erfährt man mehr über den Autor, als man sich je gewünscht hat (aber jetzt ist ihm hoffentlich wieder wohl).

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