Dürrs entfesselte Polizisten

Die Basler Polizei läuft unter ihrem neuen Chef Baschi Dürr zur Höchstform auf. Sie agiert offensiver und selbstbewusster.

Der neue Fixstern: Die Basler Polizisten sind – zumindest bis jetzt – begeistert von Departementsvorsteher Baschi Dürr. (Bild: Wojtek Klimek)

Die Basler Polizei läuft unter ihrem neuen Chef Baschi Dürr zur Höchstform auf. Sie agiert offensiver und selbstbewusster.

Sie haben ihn nie als einen der ihren angesehen, aber doch war er ­irgendwie stets in ihren Hinterköpfen präsent. Jetzt ist er weg, der «Zauderi» Hanspeter Gass. Die Basler Polizisten wirken gelöst, frei wie schon lange nicht mehr.

Es weht ein neuer Wind bei der ­Polizei, seit Baschi Dürr (FDP) im Februar das Zepter von seinem Vorgänger und Parteifreund Hanspeter Gass übernommen hat. Die Polizisten fühlen sich wieder verstanden, gestützt und autonomer. Es mag Zufall sein, dass die Polizei ausgerechnet seit Dürrs Amtsantritt innert kürzester Zeit mit umstrittenen Einsätzen (wie dem auf dem Messeplatz letzten Juni oder wie jenem in und vor dem Uni-Gebäude wegen eines Referats von Nestlé-CEO Paul Bulcke vor rund zwei Wochen) von sich reden macht.

Vielleicht aber auch nicht. Denn unter Dürr herrscht eine neue Direktive. Eine, die selbst bei der SVP gut ankommt. Nach jahrelanger Empörung über Gass’ Führungsstil jubelt die Partei nun, dass die Polizei unter Baschi Dürr endlich durchgreift. Der 36-Jährige gab bereits 100 Tage nach Amtsantritt bekannt, dass er seinen Bereichsleitern mehr Verantwortung übertragen möchte, um ein «Klima des gegenseitigen Vertrauens» zu schaffen – und dieser neue Führungsstil ist bis in die Basis der Polizei spürbar. Gass bevorzugte die Kontrolle.

Gass geprägt von der «Schande von Basel»

S. B. arbeitet seit Jahrzehnten bei der Basler Polizei und hat sie alle erlebt – Karl Schnyder, Jörg Schild, Hans-peter Gass und Baschi Dürr. Er sagt: «Baschi Dürr und Hanspeter Gass sind wie Tag und Nacht. Von Dürr bekommen wir viel mit, er ist kommunikativer und geht auf die Leute zu.» Bei Gass sei dies weniger der Fall gewesen.

Gass war stets bemüht, Nähe zur Basis aufzubauen, schaffte es jedoch nicht, sich in die Polizistenseele einzufühlen. Wenn er einen Einsatz seiner «Schugger» verteidigen oder absegnen musste, tat er dies erst, wenn 100 Fakten auf dem Tisch lagen – und nicht mal dann aus Überzeugung. Die Welt der Uniformen war ihm suspekt, mit seiner Rolle als oberster Chef der Polizei haderte er immer wieder. Gerade aber weil er keinen Fehler machen wollte, war für ihn die Grenze der Verhältnismässigkeit bei Einsätzen schneller erreicht.

Sein Verhältnis zur Polizei war geprägt von der sogenannten «Schande von Basel» vom 13. Mai 2006. Gass war kaum sechs Wochen im Amt, als er die dunklen Seiten seines Jobs kennen­lernen musste. Damals stürmten beim Meisterschaftsfinal des FC Basel gegen den FC Zürich Hunderte Zuschauer das Spielfeld im Joggeli, nachdem zwei ­Minuten vor Schlusspfiff der FCZ das entscheidende Tor gegen die Basler geschossen hatte. Die Polizei war zwar im Stadion, stand aber vor den Rängen der FCZ-Fans statt vor jenen der Muttenzerkurve. Die Bilanz: rund 100 Verletzte, 25 festgenommene Chaoten, etwa eine Million Franken Sachschaden – und ein vor dem Scherbenhaufen stehender Sicherheitsdirektor.

Gass kam massiv unter Beschuss und war für nicht wenige danach bereits ein gescheiterter Regierungsrat. Generelle Skepsis gegenüber der Polizeiarbeit zog sich nach diesem Ereignis wie ein roter Faden durch seine Amtszeit. Sie machte ihn zwar entscheidungsschwächer und zögerlicher, aber auch zu einem Vorsteher mit Fingerspitzengefühl.

Dürr der Verteidiger

Ganz anders der Kopfmensch Dürr, der momentan in der Mannschaft offenbar sogar noch wahrnehmbarer ist als sein Polizeikommandant Gerhard Lips. Kritik ist ihm egal, er ist mehr der Typ Hardliner. Er ist entscheidungsfreudig, rational und kühl in seinen Beurteilungen.

Mit diesen Charakterzügen kann er besser in der Mannschaft punkten, sagt der Polizist S. B.: «Baschi Dürrs Linie kommt gut bei uns an. Seit er Depar­tementsvorsteher ist, fühlen wir uns selbstbewusster, gestärkter. Die Angstkultur ist weg. Man getraut sich eher zu entscheiden und schneller Befehle herauszugeben.» Dies, ohne sich gross zu überlegen, was danach alles passieren könnte. Unter Hanspeter Gass sei man gehemmter gewesen, auch wenn es vom Korps bis zum Regierungsrat ein weiter Weg sei.

In der Person Dürr haben die Polizisten ihren Verteidiger gefunden. Dürr weiss, dass ein ruhiges Korps ihm die Arbeit spürbar erleichtert. Genug Konflikte hat er schon in der Sanität und bei der Feuerwehr. «Es ist nicht so, dass wir jetzt das Gefühl haben, wir könnten uns alles erlauben. Aber die Arbeit ist schon einfacher, weil wir nun wissen, dass da einer ist, der hinter uns steht.»

Diese Aussage bestätigt ein anderer Polizist, der seit mehreren Jahren bei der Kantonspolizei Basel-Stadt arbeitet: «Ich bin positiv überrascht von Dürr, er ist präsenter als Gass. Die Rückendeckung gegenüber der Öffentlichkeit ist nach umstrittenenen Einsätzen mehr vorhanden.» Von Gass habe man sich zu wenig verteidigt gefühlt.

Mehr Vertrauen

Angetan vom neuen Vorsteher des Justiz- und Sicherheitsdepartements scheint auch Polizeikommandant Gerhard Lips zu sein. In Dürrs Büro sagt er: «In personellen Fragen habe ich im Gegensatz zu früher mehr Kompetenzen und Vertrauen. Aber in vielen anderen Bereichen hat sich nichts verändert.» Und Dürr ergänzt: «Wenn sich die Kompetenzregelungen zwischen Gerhard Lips und mir ändern, dann hat dies objektiv gesehen wenig Einfluss auf die Mannschaft. Das kann in der Wahrnehmung vielleicht der Fall sein.» Er wolle dies jedoch nicht kommentieren.

Lips mag seinen neuen Chef nicht mit dem alten vergleichen. «Gewisse Sachen sind anders, weil eine andere Person hier ist, die teilweise andere Ansichten hat. Das heisst aber nicht, dass das Alte schlecht gewesen ist.» Er wolle dies klar in Abrede stellen, sagt er. Gass war es auch, der Lips nach Basel geholt hat.

Für Gass spielt die Vergangenheit ohnehin keine Rolle mehr. Auch er hat sich nie als einer von ihnen gefühlt. Wer ihn heute in der Stadt flanieren sieht, spürt dies umso deutlicher. Er wirkt gelöst und glücklich wie schon lange nicht mehr. tageswoche.ch/+biuas

Das Interview mit Polizeikommandant Gerhard Lips und Baschi Dürr können Sie hier lesen. 

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Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 29.11.13

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