Ehemaligem St.-Pauli-Spieler drohen fünf Jahre Haft in der Türkei

Deniz Naki widmete einen Sieg den Opfern einer blutigen Auseinandersetzung. Ein Jahr später steht der Deutsch-Türke zum zweiten Mal in der Türkei vor Gericht.

War nie um eine Meinungsäusserung verlegen: Deniz Naki feiert am 3. Mai 2010 am Hamburger Flughafen den Aufstieg von St. Pauli in die erste Bundesliga.

(Bild: Keystone/AXEL HEIMKEN)

Deniz Naki widmete einen Sieg den Opfern einer blutigen Auseinandersetzung. Ein Jahr später steht der Deutsch-Türke zum zweiten Mal in der Türkei vor Gericht.

Fabio De Masi sagt: «Dass sich Deniz Naki der Sache stellt und eine so klare, gute Haltung zeigt, ist lobenswert.» «Die Sache» ist eine ziemlich heikle Angelegenheit für den Fussballer Deniz Naki. An diesem Donnerstag steht der Profi des türkischen Drittligisten Amed SK in Diyarbakir vor Gericht.

De Masi, Abgeordneter für «die Linke» im EU-Parlament, wird zusammen mit seinem Parteifreund und Türkei-Kenner Professor Norman Paech als Prozessbeobachter vor Ort sein. Naki ist vor 27 Jahren in Düren geboren, gewann 2008 mit der Deutschen U-19-Nationalmannschaft den Europameistertitel und kickte später für den FC St. Pauli und den SC Paderborn.

Als Deutscher Staatsbürger hätte er die Türkei verlassen können, aber er stellt sich den Anschuldigungen. Ihm wird Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vorgeworfen, im schlimmsten Fall drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Deniz Naki drohen fünf Jahre Haft, weil er einen Sieg den Opfern von Grausamkeiten im Süden der Türkei widmete.

Nach einem Pokalsieg seines Klubs gegen den Erstligisten Bursaspor Anfang 2016 hatte Naki unter anderem auf Facebook gepostet, er widme den Sieg denen, «die bei den Grausamkeiten, die seit über 50 Tagen auf unserem Boden stattfinden, getötet oder verletzt wurden». Naki spielte damit auf die auch vor allem zivilen Opfer an, die die blutigen Auseinandersetzungen zwischen türkischen Sicherheitskräften und der PKK im kurdischen Südosten fordern.

Nakis Verein Amed SK ist in Diyarbakir (kurdisch: Amed) beheimatet, einer vorwiegend von Kurden bewohnten Stadt im Südosten Anatoliens. In einem ersten Verfahren wurde Naki im November freigesprochen, seine Äusserungen, so die Begründung, fielen unter das Recht der freien Meinungsäusserung.

«Ich bin einfach nur froh, dass das Ganze ein Ende hat und sich meine Familie und Freunde und alle, die hinter mit standen, keine Sorgen mehr machen müssen», sagte Naki damals. Doch das war ein Trugschluss: Ein neuer, der regierenden AKP und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan naher Staatsanwalt beantragte Revision.

Der türkische Liga-Boss ist ein Sympathisant von Erdogan.

Vor dem erneuten Gang vor Gericht am Donnerstag will sich Naki nicht mehr öffentlich äussern. Das sei in dieser angespannten Gesamtsituation in der Türkei auch klug, meint Prozessbeobachter De Masi. Der 37 Jahre alte EU-Parlamentarier lebt in Hamburg, er wird sich vor Prozessbeginn mit Naki und dessen Rechtsbeistand treffen.

Im Gepäck hat er Solidaritätsadressen aus Deutschland, zum Beispiel auch die gerahmte Titelseite des aktuellen Stadionheftes des FC St. Pauli zum Zweitliga-Heimspiel an diesem Dienstag gegen den SV Sandhausen (das Spiel endete 0:0). Auf dieser ist der ehemalige Klub-Held Deniz Naki gross abgebildet.

Der DFB teilt die Solidaritätsadressen mit seinem ehemaligen U21-Nationalspieler in den sozialen Netzwerken, auch die Deutsche Botschaft in Ankara beobachtet den Fall. Nach dem Freispruch im November meinte der damalige Prozessbeobachter, der Linken-Politiker Jan van Aken, «der internationale Druck habe mal funktioniert».

Vom türkischen Fussballverband (TFF) darf Naki keine Unterstützung erwarten. Ohne Anhörung wurde der Fussballer nach seinen Posts nach dem Bursa-Spiel Anfang 2016 wegen «unsportlichen Äusserungen und ideologischer Propaganda» für zwölf Spiele gesperrt. Und erst jüngst sprach TFF-Präsident Yildirim Demirören bei einem Symposium in Istanbul dem anwesenden Staatspräsident Erdogan seine Unterstützung aus.

Er hoffe, so der Öl- und Gas-Magnat Yildirim, am 17. April in einer Türkei aufzuwachen, die mit «Evet» (Ja) gestimmt habe. Am 16. April stimmen die Türken in einem Referendum über eine Verfassungsänderung ab, die dem Staatspräsidenten noch mehr Macht bringen soll. Wer mit «Evet» stimmt, ist für die Änderung der Verfassung, wer mit «Hayir» (Nein) votiert, dagegen.

«Azadi» – das kurdische Wort für Freiheit – hat Deniz Naki übrigens auf seinen Arm tätowiert.

Weil in der Türkei die Gerichte derzeit mit Anklagen gegen Menschen wegen Terrorpropaganda für die PKK oder Mitgliedschaft in der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen, die die Regierung und Staatspräsident Erdogan für den gescheiterten Putsch im Juli 2016 verantwortlich machen, geflutet werden, hoffen Beobachter auf ein schnelles Ende des bizarren Verfahrens gegen den Fussballer Deniz Naki.

» Die «Zeit» über Parallelen zwischen dem Fussballer und dem Fall des Journalisten Deniz Yüksel: Der Deniz Yücel des Fussballs

Der versteht seine Postings und seine Äusserungen als Aufruf zum Frieden. Nach seinem Freispruch in erster Instanz erklärte Naki: «Ich habe immer gesagt: Ich möchte nicht, dass Menschen sterben.» Es sei ihm dabei egal, von welcher Seite die Gewalt komme. Es gehe ihm darum, dass der Krieg aufhöre.

Das Einstehen für seine Ansichten könnte Deniz Naki in der Türkei seine Freiheit kosten. «Azadi» – das kurdische Wort für Freiheit – hat Deniz Naki übrigens auf seinen Arm tätowiert.

Konversation

  1. Ich habe das jetzt fünf mal durchgelesen und ein paar Minuten darüber nachgedacht.

    Was Sie mir mitteilen wollen und was das alles mit dem Artikel zu tun hat, verstehe ich leider nach wie vor nur in Ansätzen.

    Aber bitte sparen Sie sich weitere Exkurse. Mein Unverständnis ist wohl auch eine Frage des Alters.

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  2. Wem dient es, wenn dieser Mann in der Türkei fünf Jahre Ratten füttern darf im türkischen Knast?
    Ein türkisches Gefängnis ist kein gesundheitsförderndes Kurhotel, sondern eher das Gegenteil.
    In solche gesundheitsschädigenden Situationen sollte sich niemand begeben, der nicht unbedingt muss.
    Es gibt Orte, wo man nicht hin darf. Wer nicht schwindelfrei ist, solte nicht auf die Berge und wer damals jüdischen Glaubens war, hatte weder in Nazideutschland noch in der Schweiz eine lebenswerte Chance.

    Heisser Tipp: Weg da!!

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  3. Ich wäre der TaWo äusserst dankbar, wenn sie mich – und vielleicht andere Interessierte – darüber aufklären könnte, ob es möglich ist, die türkische Staatsangehörigkeit abzulegen (analog BüG Art. 42).

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  4. @Cesna: Ich unterstelle Ihnen jetzt mal, dass Sie das nicht wirklich so meinten, aber Ihr Kommentar klingt schwer nach „die Juden, welche Deutschland nicht verlassen haben, sind halt schon e bitzli sälbertschuld“

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    1. @ Hr. Roth
      Nette Phantasien!
      Nee, stellen Sie sich doch selber vor, in Bern würden man den Staat sukzessive umbauen, es gäbe auch ein Buch darüber und es würde zunehmend etwas „schwieriger“.
      ….und Sie würden eben so einer Minderheit angehören.
      Sich vorzustellen, dass der Staat, für den man vor 4 Jahren noch gestimmt hat, wo es danach wirtschaftlich endlich bergauf ging, wo man noch mit einer Olympiade vielleicht mitgefiebert hat, sich nun derart verändert, dass es nun rein logisch eigentlich Zeit wäre abzuhauen, …..

      Würden Sie das hinkriegen? Oder wäre der Patriotismus, die Liebe zum Vierwaldstättersee eventuell grösser?

      Ich weiss, dass ich Ihnen eine delikate Frage stelle. Es ist auch eine Frage des Alters.

      Deutschland galt in der Vorzeit der Nazis als Hort der Ruhe, wo im Osten schon Pogrome liefen: Russland zum Beispiel.

      Hier der Link:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom

      Ausserdem war das „Abhauen“ ja auch nicht gratis, Wien, Paris reichte damals nach kurzer Zeit nicht mehr aus. Damit wurde es dann deutlich teurer.
      …und die USA galt damals auch nicht unbedingt als juedenfreundlich.

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