Ein dunkles Stück Schweizer Geschichte

Die «Akte Grüninger» ist im Fernsehen angekommen und in aller Munde: Was ist von der Verfilmung zu halten? Das haben wir im Videointerview auch den Historiker Georg Kreis gefragt, der sich eingehend mit der Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt hat.

Innsbruck, Oesterreich, Schweiz, 23. November 2012 - Nur ein Schritt, SRF Film Produktion. (Bild: Daniel Ammann)

Die «Akte Grüninger» ist im Fernsehen angekommen und in aller Munde: Was ist von der Verfilmung zu halten? Das haben wir im Videointerview auch den Historiker Georg Kreis gefragt, der sich eingehend mit der Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt hat.

März 1938: Die deutsche Wehrmacht marschiert in Österreich ein, das östliche Nachbarland wird damit an Nazi-Deutschland «angeschlossen». Hitler dehnt sein Territorial­gebiet aus, die Erniedrigungen, Einschüchterungen und Enteignungen von Juden nehmen zu, sei es in Wien, Salzburg, Stuttgart oder München. Der Antisemitismus grassiert in Hitlers Reich.

Wer Jude ist und kann, der flieht: Die Folgen bekommen auch Schweizer zu Gesicht, jene, die am Rhein, dieser natürlichen Grenze zwischen den Ländern, leben. Allein im St. Galler Rheintal treffen täglich jüdische Flüchtlinge ein, die meisten aus Österreich. Manche mit gültigem Visum. Manche mit gefälschtem. Viele ohne. Jenen, die den offiziellen Fluchtweg wählen, nehmen die Nazis vor der Grenze die Wertsachen ab, ehe sie sie etwa in Diepoldsau über die Rheinbrücke jagen und den Schweizer Behörden überlassen. Noch, so scheint es, geben sich die Nazis damit zufrieden, die Juden auf diesem Weg loszuwerden.

Im August 1938 ordnet der Bundesrat die Schliessung der Grenze für Flüchtlinge aus dem Dritten Reich an. Fatalerweise legt man es sich in Bern so zurecht, dass die Juden religiöse und nicht politische Flüchtlinge seien und daher nicht dem Asylrecht unterstünden. Grenzwächter sind angehalten, die restriktive Politik des Bundes umzusetzen. Dabei geht es, das erfahren jene, die mit den Flüchtlingen direkt in Kontakt kommen, zum Teil um Leben und Tod.

In St. Gallen widersetzt sich einer der Vorschrift aus Bundesbern: Polizeihauptmann Paul Grüninger. Ein stiller Held, der die Menschlichkeit über das Gesetz stellt und Hunderten Juden zum Asyl verhilft. Mit gleichsam Wohlgesinnten wie Sidney Dreifuss, Leiter der Israelitischen Flüchtlingshilfe, werden Visa zurückdatiert, Akten gefälscht, die Bundesbehörden getäuscht.

Die Israelitische Flüchtlingshilfe kommt für die Kosten auf, manche Grenzbewohner helfen zudem mit Kleidern und Essen – und manche auch als Fluchthelfer über die Grenze, gratis oder auch mal gegen Geld.

Der Helfer wird entlassen und verurteilt

Paul Grüningers Engagement fliegt noch vor Kriegsausbruch auf, er wird unehrenhaft und fristlos entlassen und u. a. wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Nur in Israel wird seine Courage, Hunderten Flüchtlingen zu helfen, zu Lebzeiten gewürdigt. Verarmt stirbt er 1972 in St. Gallen und wird erst postum, Jahrzehnte später, rehabilitiert.

Sein Fall steht für ein umstrittenes, ja, unrühmliches Kapitel in der Schweizer Geschichte, für Abschottung und unterlassene Hilfe in Zeiten der Judenverfolgungen, für ein schlechtes Gewissen auch, das einen als Nachgeborenen auf beklemmende Weise ergreift. Warum haben nicht alle Schweizer Amtsträger wie Grüninger gedacht und gehandelt?

Der Schweizer Regisseur Alain Gsponer hat das Drama im Grenzgebiet zu Österreich cineastisch aufgearbeitet, Stefan Kurt spielt die Hauptrolle, Grüninger-Biograf Stefan Keller stand beratend zur Seite. Belegte Tatsachen werden mit fiktiven Elementen kombiniert, zugunsten der Dramaturgie, zugunsten der Debatte.

Starker Kontrast zu «Die Schweizer»

Zur Pressevisionierung haben wir den Basler Historiker Georg Kreis eingeladen. «Ich finde den Film hervorragend, eine bis ins Detail ausserordentliche Leistung, perfekt auf die Leinwand gebracht», sagt er nach der Vorführung begeistert und lobt Gsponers Umsetzung des historischen Stoffs als «sehr eindrücklichen Kontrast zu den unseligen historischen Filmen, die wir unlängst als ‹Die Schweizer› präsentiert bekommen haben.»

Geschickt haben Gsponer und Drehbuchautor Bernd Lange dem Schweizer Dilemma ein Gesicht gegeben: Robert Frei heisst die Figur, die sie geschaffen haben. Max Simonischek spielt den jungen, ambitionierten Bundesinspektor, der nach St. Gallen geschickt wird, um den lokalen Behörden auf die Finger zu schauen. Denn dort im Osten, hat Heinrich ­Rothmund (Robert Hunger-Bühler), der Chef der Eidgenös­sischen Fremdenpolizei, festgestellt, reisst der Flüchtlingsstrom einfach nicht ab.

Warum? Frei ahnt es bald: Weil hier nach eigenem Gewissen statt nach dem eigentlichen Gesetz gehandelt wird. Darauf angesprochen, mag Grüninger seine Beihilfe nicht verleugnen. Der St. Galler Kommandant appelliert an die Moral des Bundesbeamten, fordert ihn auf, die Augen zu öffnen und hinzusehen – was sich in Deutschland abspiele, betreffe uns alle, ende nicht an der Grenze. «Ich will stolz sein auf mein Vaterland», begründet Grüninger seine Flüchtlingshilfe einmal im Film.

Man stellt sich unweigerlich die Frage: Wo würde ich stehen?

Entschlossen, den Willen des Bundes durchzusetzen, trifft Frei vor Ort auf ehemalige Lagerinsassen, auf Kinder, erkennt die Solidarität in der Bevölkerung, erlebt den Alltag im Rheintal, gerät in einen inneren Konflikt, hat plötzlich Zweifel: hier menschliche Schicksale und humanitäres Handeln, in Bern Gesetze und Vorschriften. «Mit ihm stellt man sich auch als Zuschauer die unangenehme Frage: Wo würde ich stehen?», bringt Kreis die Beklommenheit auf den Punkt. Und erinnert an ein Zitat aus der Landesausstellung 1939: «Die Schweiz als Zufluchtsort Vertriebener, das ist unsere edle Tradition. Das ist nicht nur unser Dank an die Welt für den Jahrhunderte langen Frieden, sondern auch besonderes Anerkennen der gros­sen Werte, die uns der heimatlose Flüchtling von jeher gebracht hat.»

Grüninger aber wurde seinerzeit nicht gefeiert, sondern gefeuert. Diffamierungsversuche, wonach er Nazi-Sympathisant gewesen sei, von seiner ­Hilfe finanziell oder aber sexuell profitiert habe, werden auch im Film angedeutet. Grüninger hielt, auf seine Motivation angesprochen, fest: «Meine Hilfeleistung an die Juden war in meiner christlichen Weltauffassung begründet.»

Berns Furcht vor der «Verjudung» 

Deckung erhielt er vom sozialdemokratischen Regierungsrat Keel (gespielt vom Basler Theatermann Helmut Förnbacher), der in die Hilfsaktionen eingeweiht ist. «Aus ­einer Mischung von Selbstschutz und Parteiräson lässt er Grüninger schliesslich fallen», bestätigt Georg Kreis die Handlung. «Keel wird wohl leicht überzeichnet dargestellt, es ist aber wahr, dass er die Grenzpolitik der Schweiz anfänglich kritisierte.»

Belegt seien auch Äusserungen des Bundesbeamten Rothmund, der tatsächlich einmal vor einer «Verjudung» der Schweiz gewarnt hatte. «Aber er war nicht alleine Schuld an der Flüchtlingspolitik», sagt Kreis, «und auch nicht der einzige Antisemit in Bundesbern.»

Streitbare Flüchtlingspolitik

Dass manche Details ausgeblendet oder interpretiert werden, ist verzeihlich. Man erwartet ja auch keinen ­Dokumentarfilm, der aufs Wort genau der Wahrheit entspricht. Am Ende ist es nebensächlich, wie vielen Menschen Grüninger half, wie viele er rettete. Wenn die «Weltwoche» sich in jammerndem Tonfall entrüstet, es ­seien gar nicht 3600 gewesen, ist das nicht nur zynisch, sondern es verdeutlicht auch, wie sehr sich revisionistische Konservative daran stören, erneut an die streitbare Schweizer Flüchtlingspolitik erinnert zu werden.

Denn solche Verfilmungen haben einen Einfluss auf die Meinungsbildung, wie Kreis schon nach Markus Imhoofs «Das Boot ist voll» in den frühen 1980ern miterleben konnte. Wie schwer sich viele Schweizer mit diesem Kapitel tun, erlebte er auch als Mitglied der Bergier-Kommission: «Mit meiner Mitarbeit stiess ich bei manchen Bekannten auf Unverständnis: ‹Wie kannst du dich nur dafür einspannen lassen!›, riefen sie aus. Ja, es gab sogar Leute, die mir deswegen die Freundschaft kündigten», erzählt der Historiker. Und das ist keine 15 Jahre her.

Es ist empfehlenswert, sich ein eigenes Bild von der «Akte Grüninger» zu machen. Wie Steven Spielbergs Hollywoodproduktion «Schindlers Liste» liegen dem Filmdrama reale Personen und Begebenheiten zugrunde, stimmig in Szene gesetzt, sowohl über die Ausstattung als auch von den Akteuren. Ein aufwühlender Schweizer Film. 

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 17.01.14

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