Ein Politiker geht, der Bauer bleibt

Mit Christian Wanner, dem Solothurner Finanzdirektor und alt National­rat, geht einer der letzten grossen Freisinnigen in Pension.

«Luegit. Buure ist eine Lebensform. Da braucht es eine innere Einstellung, damit man das gern macht»: Christian Wanner, abtretender Finanzdirektor des Kantons Solothurn. (Bild: Basile Bornand)

Mit Christian Wanner, dem Solothurner Finanzdirektor und alt National­rat, geht einer der letzten grossen Freisinnigen in Pension. Ein Gespräch über seinen Abschied, über die darbende Landwirtschaft und finanzielle Ungerechtigkeiten.

Die Risse auf den Händen von Christian Wanner werden nie mehr sauber, da hilft keine Kernseife, kein Schmirgelpapier. Die schwarzen Linien auf seinen Fingerkuppen sind Spuren eines Lebens, das mit den Händen bewältigt wurde. Ein Leben voller Arbeit in der Politik und auf seinem Hof in Messen. Ob als Gemeindepräsident, Nationalrat oder Finanzdirektor des Kantons Solothurn: Er blieb immer auch Bauer. Nun wird er nur noch Bauer sein, und er freut sich darauf. Ende Jahr geht die politische Zeit von Wanner zu Ende. Er war ein Freisinniger der kleinen Leute, der Angestellten und Büezer. Ein Freisinniger aus einer anderen Zeit.

Christian Wanner ohne Politik, geht das überhaupt?

Das geht sogar ganz gut. Ich bin gerne in der Politik gewesen und ich bleibe auch danach ein politischer Mensch. Aber für einmal nicht mehr in der ­vordersten Linie stehen und Verantwortung tragen zu müssen – darauf freue ich mich.

Was werden Sie am wenigsten ­vermissen?

Ich habe gerne Leute. Ich schaffe gern. Aber ich habe nicht gerne Repräsentation: Wenn man nur zu einem Apéro eingeladen wird, weil man nun zufällig Regierungsrat ist und die Leute sonst nichts von einem wissen möchten.

Schaffen und mit Leuten zu tun haben, das können Sie ja immer noch.

Natürlich! Man verschwindet ja hoffentlich nicht gleich vom Erdboden!

Wenn Sie auf die letzten dreissig, vierzig Jahre zurückblicken: Ist die Politik aufgeregter geworden?

Eher unzuverlässiger. Ich kam 1977 in den Kantonsrat, 1983 in den Nationalrat. Damals hatten wir noch Leader­figuren, an denen man sich orientieren konnte. Ich sage nicht, dass das nur positiv gewesen sei. Aber das Zusammenspiel zwischen Legislative und ­Exekutive war verlässlicher. Man hat mehr gemeinsame Wege gesucht, damals. Heute gibt es viel mehr Leute, die um jeden Preis auffallen wollen; egal, ob positiv oder negativ. Die wollen einfach, dass man über sie redet.

Vertraut man sich weniger?

Vielleicht. Ich war gäng der Meinung, es gebe ein Spannungsfeld zwischen Legislative und Exekutive und das sei gut. Ohne dieses Spannungsfeld könnten wir gleich zur Diktatur übergehen. Aber man dürfte der Exekutive heute auch mal zutrauen, dass sie nicht nur Schlechtes will. Dieses gegenseitige Verhältnis, man kann es Vertrauen nennen, hat schon gelitten.

Wer ist schuld?

Die Auseinandersetzung zwischen den Parteien ist härter geworden. Das hat nicht nur mit der SVP zu tun, sondern auch mit der Zersplitterung der Parteienlandschaft. Heute gibt es viel mehr Parteien, die sich ein Stück ergattern wollen als vor zwanzig Jahren. Das Problem daraus: Die politische Mitte, die CVP, die FDP und gewisse Teile der SVP, ist politisch nicht mehr mehrheitsfähig.

Sie kommen aus der Zeit, als das noch anders war. Als die FDP eine grosse, eine stolze Partei war. Heute liegt sie darnieder. Was ist geschehen?

Also: Sie haben schon recht – als ich Kantonsrat wurde, waren von 144 Parlamentariern 65 bei der FDP. Auch im Nationalrat hatten wir am Anfang noch über 60, und dann begann die Erosion. Wir haben auf allen Seiten verloren. Links an die Grünen und Grünliberalen, rechts an die SVP. Je grösser eine Partei ist, desto anfälliger wird sie. Die FDP hatte nie die innere Geschlossenheit einer CVP. Und dann haben wir einen Kardinalfehler begangen: Wir wollten die aufkommende SVP rechts überholen. Dabei wird jemand, der rechts aussen wählt, sich immer für das Original und nie für die Kopie entscheiden.

Das alleine wird es nicht gewesen sein.

Nein, wir haben einen zweiten grossen Fehler begangen, wir haben die Berufsstände vernachlässigt. Früher hat sich der Freisinn dezidiert mit Fragen der Landwirte, der Kleingewerbler und der Arbeiterschaft auseinandergesetzt, gerade im Solothurnischen war das ­typisch. Und das ging verloren. Und die Konsequenz daraus ist, dass heute eine konsensfähige Mitte fehlt.

Sie hingegen scheinen sich nicht gross verändert zu haben.

Ich bin Bauer, und ich bleibe das. Ich bin ein einfacher Mensch und habe immer versucht, Dinge in der Politik zu bewegen. Ob ich damit Erfolg hatte oder nicht, war für mich zweitrangig. Da bin ich gäng der Gleiche geblieben und darf mich nach wie vor im Dorf zeigen. Letzthin haben mich ein paar Junge gefragt, ob sie mich duzen dürfen. Selbstverständlich, habe ich ihnen gesagt, es gebe eine ganze Reihe von Leuten, die würden dem Regierungsrat viel wüstere Namen sagen als den Vornamen (lacht).

Sie sind Bauer und Sie sind ­Freisinniger. Ist das nicht ein ­Widerspruch?

Nei, nei, sicher nid. In Solothurn hat das eine grosse Tradition. Am Anfang waren wir auch in der Bundeshausfraktion neun Bauern. Gerade die Landwirtschaft ist auf Konsenslösungen angewiesen, für die es die politische Mitte braucht. Selbstverständlich hat man links und rechts auch Rezepte, aber die taugen in der Regel nichts.

Wir meinten eher den Widerspruch zwischen den Aposteln des freien Marktes bei den Freisinnigen und den Bauern, die ja eine eher gespaltene Haltung zur Marktwirtschaft haben.

Was heisst das denn, der freie Markt? Ist das Gewerbe im freien Markt? Mit unseren Submissionsvorschriften? Aber es stimmt schon. Man kann mit allen Freihandelsabkommen ab­schlies­sen, bis nach China und darüber hinaus. Man kann die Landwirtschaft bluten lassen und die Bauern so in die politischen Extreme treiben. ­Etwas sollte man dabei aber nie unterschätzen: Die bäuerliche Bevölkerung besteht nicht nur aus den eigentlichen Bauern. Ich habe zwei Brüder, der eine ist Arzt, der andere ist Tierarzt. Die würden nie eine Partei wählen, die die Bauern versohlt, das kann ich Ihnen versichern. Für micht geht es dabei längst nicht nur um die Landwirtschaft. Ich bin in der Wirtschafts- und Sozialpolitik gäng für Kompromisse. Der Arbeitsfriede ist für mich ein sehr, sehr wichtiges Gut, ein Wettbewerbsvorteil, auch wenn das heute nicht mehr alle so sehen.

Ist die FDP in der Geiselhaft der Hochfinanz?

Ich würde es nicht gerade so nennen. Aber man hatte zu wenig Mut, um sich abzugrenzen. Trotzdem muss ich als Bauer und Freisinniger feststellen: Wir brauchen einen funktionierenden Finanzplatz.

Wenn wir bei der Landwirtschaft bleiben: In welche Richtung entwickelt sich der Berufsstand?

Ich bin überzeugt, die nächste Krise von weltweiter Bedeutung wird keine kriegerische sein, sondern eine Nahrungsmittelkrise. Natürlich können wir argumentieren, die Schweiz vermöge es noch lange, Lebensmittel zu importieren. Aber irgendwann wird die Situation eintreten, wo sich die ­Armen dieser Welt das holen, was sie nicht haben. Darum ist die produktive Funktion der Bauern so wichtig. Und sie ist nicht die einzige. Nicht alle vermögen es, nach Thailand in die Ferien zu fliegen. Es braucht die Bauern für die Ökologie, für die Landschafts­pflege, für die Pflege unserer Heimat.

Wie läuft es in Ihrem Betrieb?

Es läuft sehr gut. Ich habe mit meinem Sohn auch schon einen Nachfolger.

Mussten Sie ihn zwingen?

Gar nicht, das würde ich nie machen. Das muss von innen kommen. Mein Sohn ist Pilot, das wollte er unbedingt, und ich liess ihn machen. Heute spürt er, dass er lieber hier im Betrieb weitermachen möchte, als Bauer. Ich habe viele Lehrlinge auf meinen Bauernhof gehabt, und wenn die alben klagten, die anderen hätten es viel schöner und mehr Freizeit, da sagte ich ihnen: ­Luegit, Buure ist eine Lebensform. Da braucht es eine innere Einstellung, ­damit man das gern macht.

Hat Sie diese Einstellung auch als Politiker geprägt?

Sehr sogar. Alles redet heute über Nachhaltigkeit. Für mich war das als Bauer und als Politiker immer ein wichtiges Prinzip. Alle Entscheidungen, die man in der Politik fällt, haben eine gewisse Wirkung – und man muss gäng daran denken, dass es nachhaltig sei.

Apropos Nachhaltigkeit: Heute ­geben so viele Leute ihren Bauernhof auf wie noch nie.

Man macht es uns auch schwer. Schaut einmal die Tierschutzvorschriften an. Ist es einer Kuh wirklich wohler, wenn ihr Läger zwei Zentimeter länger ist? Mein Bruder, der Tierarzt, sieht viele Ställe. In einem ist das Läger zwei Zentimeter zu kurz, und die Tiere sind dennoch tipptopp in Form. In einem anderen hat das Läger die richtige Länge, und dafür kann man keine Kuh anfassen, ohne dass sie an die Decke geht. Sehen Sie? Das nenne ich Vernunft. Aber es stimmt, die vielen Bauern, die heute aufhören, sind eine ­grosse Gefahr. Nicht wegen der Produktion oder der Landschaftspflege. Sondern weil in einem bedrohten Zustand immer zuerst die Tüchtigsten gehen. Weil die sofort etwas anderes machen können. Wie soll man an der Zukunft eines Berufsstands arbeiten, wenn die Besten gehen? Das ist doch im Journalismus genau gleich!

Ja, und jetzt.

Eben.

Aber wir sind noch da …

(lacht.)

Schauen wir also in die Zukunft: Wie wird die Schweiz in zwanzig, dreissig Jahren aussehen?

Wir haben heute schon einen gewaltigen Bodenverlust. Und wir reden hier nicht vom Berggebiet – die bauen bis zum Neujahr so oder so alles zu … Nein, reden wir vom Mittelland. Was wir dort an Kulturlandverlust haben, ist unglaublich. Es baut ja niemand in die Hänge, es bauen alle ins Flache. Und luegit, wenn man nur dem Zeitgeist huldigt, kann man sagen, das sei nicht aufzuhalten. Ich bin aber nicht so pessimistisch. Man muss die Leute heute fragen, was sie für eine Schweiz der Zukunft wollen, und danach entsprechend handeln.

Ist der Job als Finanzdirektor ähnlich schwierig wie jener als Bauer?

Jä guet. Wer keinen schwierigen Job will, der muss nicht Regierungsrat werden.

Und vor allem nicht Finanzdirektor. Das ist der schlimmste Posten von allen.

Er ist anspruchsvoll, ja, aber das sind die anderen auch. In meiner Situation war es speziell, weil zu Beginn meiner Amtszeit der Kanton Solothurn in ­einer schwierigen Situation war. Heute sind wir schuldenfrei, haben etwas ­Eigenkapital. Und dazu müssen wir nun Sorge tragen. Ob das die Politiker können? Ich zweifle daran. Aber man kann nicht mehr tun, als es ihnen sagen.

Hat man als Finanzdirektor eines Konkurrenz-Kantons eigentlich Mitleid, wenn es dem Amts- und Parteikollegen Adrian Ballmer so schlecht geht?

Mitleid hat man immer, das kostet nichts. Nein, im Ernst: Ich mag Adrian Ballmer sehr gut, ich mag auch Eva Herzog. Wir schaffen auch sehr gut ­zusammen, und ich habe mit Interesse den Weg verfolgt, den das Baselbiet beim Sparen nahm. Und hatte immer meine Zweifel, ob es nicht doch abverheit.

Waren die Baselbieter zu wenig clever?

Es gibt zwei Lehrmeinungen. Das ­grosse Paket, so wie es in einigen ­Kantonen funktioniert hat, und die kleinen Schritte. Ich habe stets den zweiten Weg bevorzugt.

Wie gut läuft eigentlich die ­Zusammenarbeit?

Gut!

Aber nicht überall. Nehmen wir den Bildungsraum – da waren die beiden Basel für Solothurn plötzlich nicht mehr so wichtig.

Wir nehmen alle wichtig. Aber wir ­haben halt viele Nachbarkantone, und jedes Gebiet im Solothurnischen hat einen anderen Fokus. Mein Bezirk ist nach Bern ausgerichtet, das Niederamt Richtung Aarau, das Schwarzbubenland Richtung Basel. Uns ist es dennoch gäng gelungen, die Gebiete gut zusammenzuhalten. Von einem Kanton Nordwestschweiz halte ich darum überhaupt nichts.

Das wollten wir eben fragen.

Hab ichs doch vermutet!

Es ist doch auch eine logische ­Abfolge. Zuerst fusionieren die beiden Basel, danach kommen das Fricktal und das Schwarz­bubenland dazu.

Das wollen wir dann zuerst einmal ­sehen, wie sich die beiden Basel zusammenschliessen. Man muss die Leute nicht mit Fusionen aufscheuchen, man muss miteinander über die Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Das interessiert die Leute!

Aber das Schwarzbubenland ist doch auf Basel ausgerichtet.

Das ist nur äusserlich. Innerlich sind das die besseren Solothurner als mänge hier. Ich sage Ihnen: Ein Kanton Nordwestschweiz löst kein einziges Problem. Vereinfacht nichts. Die unterschiedlichen Mentalitäten werden immer bleiben. Ein Baselbieter bleibt gäng ein Baselbieter, ein Städter gäng ein Städter, ein Schwarzbub ein Solothurner. Zusammenarbeit ist in Ordnung, aber hört mir auf mit dem ­Kanton Nordwestschweiz. Da bin ich konsequent dagegen. Ich bin halt ­Föderalist! So. Mögt ihr einen Kaffee? Wär das eine Idee?

Rockenbach: Gerne! Sie kannten doch auch Kurt Schaffter vom ­Restaurant Kreuz in Metzerlen, den langjährigen Gemeinde­­prä­sidenten der CVP?

Aber sicher, das war der beste Freund meines Vaters.

Rockenbach: Und der Grossvater meiner Frau. Der sagte immer: Der Kanton Nordwestschweiz kommt. Aber ich werde das zum Glück nicht mehr erleben.

Ha! Und von welchem Schaffter ist Ihre Frau?

Rockenbach: Von der Annemarie.

Die ist ja die Cousine von Eva Herzog!

Loser: Sie sind extrem schnell, Herr Wanner.

Eva Herzog, was ist die tüchtig!

Sie kann aber auch bestimmt sein.

Das muss man als Finanzdirektor! Das habe ich schon beim Stich Otti gelernt.

Ist sie eine Linke, die Frau ­Herzog?

Nein, sie ist eine Sozialdemokratin, wie ich sie mir vorstelle (lacht). Sie macht wirklich einen guten Job.

Sie waren einer der Fürsprecher bei ihrer Bundesratskandidatur.

Schade, war sie nicht bekannter. Sie wäre eine super Bundesrätin geworden!

Warum haben Sie eigentlich nie aspiriert?

Ig? Ich habe während den zwölf Jahren im Nationalrat erlebt, wie es den Bundesräten ergeht. Eventuell hätte ich eine Chance beim Villiger-Rücktritt gehabt, aber damals kandidierte Christine Beerli, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis hatte.

Also blieben Sie in Solothurn.

Wie sagen es die Römer? Lieber der Erste in der Provinz als in Rom der Zweite. Mir gefällt das, der regionale Bezug, die Verwurzelung mit dem ­Boden hier.

Danke für den Kaffee! Reden wir doch noch ein bisschen über Sachpolitik: Am nächsten Sonntag stimmen die Baselbieter und die Berner über die Abschaffung der Pauschalbesteuerung ab. Sie sind für die Pauschalbesteuerung – ­dabei zeigt die Situation in Zürich doch, dass nach der Abschaffung sogar mehr Steuern bezahlt ­werden.

Ich traue diesen Erfahrungen nicht. Luegit, da ist kein Eigennutz dabei, im Kanton Solothurn haben wir zwei Pauschalbesteuerte, das macht uns nicht arm und nicht reich. Ich sehe die ganze Frage im internationalen fiskalpolitischen Umfeld: Natürlich braucht es Steuerabkommen, natürlich muss das Verhältnis klar geregelt werden. Aber wir dürfen nicht in Schönheit sterben. Pauschalbesteuerung kennt doch halb Europa! Ich gebe euch ein Beispiel. Letzthin war ein deutscher Unternehmer bei mir, der in der Schweiz ein paar Millionen Franken Steuern bezahlt, pauschal. Der ist unternehmerisch in fünfzig Ländern tätig – wie sollte man den denn veranlagen? Natürlich hat die Pauschalbesteuerung gewisse Grenzen und natürlich ist es nicht immer ganz gerecht. Aber im Grossen und Ganzen setzen die Kantone die Pauschalbesteuerung sauber um und es gibt keinen Grund, sie abzuschaffen.

Das Argument, die Steuerver­waltung könne die Daten nicht ­erheben, ist doch letztlich eine Bankrott­erklärung für die ­Verwaltung.

Das würde ich nicht sagen. Es kommt doch auch darauf an, in welchen Staaten man sich Daten verschaffen will. In Frankreich und Deutschland mag das gehen, in Nigeria oder Kamerun dürfte es eher schwierig sein.

Ist die Pauschalbesteuerung nicht einfach das Symptom einer internationalen Geldelite, die je länger, je mehr den Kontakt zu den normalen Leuten verliert?

Ja, diese Frage muss man sich tatsächlich stellen. Es ist ein Problem, wenn Leute hundert Prozent arbeiten und dann doch nicht durchkommen. Es ist ein Problem, wenn die finanziellen Möglichkeiten der Menschen immer weiter auseinanderdriften. Es ist ein Problem, wenn Kopfarbeit gegenüber Handarbeit massiv besser bezahlt wird. Und es ist auch ein Problem der Wahrnehmung. Ich habe darum kürzlich auch mit einer Baselbieter Regierungsrätin ungenannten Namens über den Bausparabzug gestritten. Sie hat mir versichert, dass auch die Familien mit kleinen Einkommen von 5000 bis 6000 Franken den Bausparabzug ­machen könnten, neben der Säule 3a, mit drei Kindern, einer Wohnung und zwei warmen Mahlzeiten am Tag. Aber sicher.

So ist es halt: Die Politik hat ihr Primat verloren und dient sich jetzt den Reichen an – sonst gehen sie anderswohin.

Und dort ist ihnen wöhler? Ich habe mal einen erlebt, er war einer der reichsten Solothurner überhaupt. Der wohnte in einer der steuergünstigsten Solothurner Gemeinden, aber das war ihm noch zu teuer. Also ging er in eine ausländische Steueroase. Dort starb er vereinsamt, weil niemand etwas mit ihm zu tun haben wollte, da alle seine neuen Nachbarn noch viel mehr Geld hatten. Wenn sich nur ein paar Exoten auch so davonmachen – was solls? ­Sollen sie gehen.

Sind es denn tatsächlich nur ein paar Exoten?

Seit meinem ersten Tag als Finanz­direktor droht man mir den Massen­exodus reicher Solothurner an. Und was ist passiert? Ich sage jetzt nicht, es sei niemand gegangen. Aber es sind auch Leute gekommen. Fiskalität liegt etwa an fünfter Stelle der Standort­fak­toren, hinter Schulen, der Verkehrsgunst, der Sicherheit, dem Wetter! Die finanzielle Elite muss nicht immer die Steuern senken wollen. Ich habe es schon erwähnt, der Arbeitsfrieden ist ein hochstehendes Gut. Und wenn man diesen Frieden aufrechterhalten will, kostet das Geld. Wenn man auch den ärmeren Kindern eine Ausbildung zahlen möchte, kostet das Geld. Wenn man die Landschaft schützen will, kostet das Geld. Das ist ein solidarischer Beitrag. Wer diesen nicht leisten will, wer stattdessen immer nur auf den Staat schiesst, der soll gehen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 21.09.12

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