Ein politisch frühreifes Mädchen

Schon als Teenager wollte Maya Graf wissen, wie Politik funktioniert.

Ein Brief in Schülerschrift, die Antwort auf amtlichem Papier: Die Realschülerin Maya Graf fragt beim Landratspräsidenten nach. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Schon als Teenager wollte die heutige Nationalratspräsidentin Maya Graf wissen, wie Politik funktioniert.

Nur noch einmal wird die grüne Baselbieterin Maya Graf auf dem Stuhl im Nationalratssaal sitzen, der dem höchsten Schweizer oder eben der höchsten Schweizerin vorbehalten ist. Dann nämlich, wenn sie am 25. November das Amt ihrem Nachfolger geben wird. Nach der Biobäuerin aus Sissach wird es voraussichtlich Schreinermeister Ruedi Lustenberger (CVP) aus dem Luzernischen sein. Jetzt, nach dem Ende der Herbstsession, warten noch ein paar repräsentative Verpflichtungen auf Maya Graf, aber sonst ist eigentlich Schluss mit Nationalratspräsidentin.

Eine steile politische Karriere, so sagt man, hat die 51-jährige Sissacherin hinter sich. Genau planbar ist eine solche Laufbahn nicht, man muss zur richtigen Zeit in der richtigen Partei und am richtigen Ort sein. Das schon. Aber es braucht halt auch Engagement, Einsatz und Interesse. Und dieses Interesse, das in ihrem Elternhaus mit einem Landrat als Vater gewiss geweckt wurde, war beim Bauernmädchen schon als Teenie ausgeprägt. Darauf jedenfalls weist ein Brief hin, den sie am 21. Januar 1978 an den ­damaligen SVP-Landratspräsidenten Peter Buess geschrieben hat und der kürzlich auf sonderbare Weise zum Vorschein gekommen ist.

«Hätten Sie Freude, wenn Sie solche Briefe bekämen?»

«Im Geschichtsunterricht», so schrieb die Realschülerin, «behandeln wir jetzt gerade das Thema Politik. Da erzählte uns unser Geschichtslehrer, Herr Mangold, von einer praktischen Einrichtung in den USA: Dort schreiben die Wähler ihrem ­Gewählten Briefe. Sie kritisieren oder loben die Politiker. Auch schreiben die Leute, was die Abgeordneten besser machen könnten oder danken ihnen für eine gute Aktion oder eine gute Fürsprache. Nun möchte ich Sie höflich fragen, was Sie darüber denken, wenn es eine solche Einrichtung auch in der Schweiz geben würde. Hätten Sie Freude, wenn Sie Briefe bekämen?»

Auf amtlichem Papier

Das Bemerkenswerte an diesem Brief ist, dass die Realschülerin mit der Frage nach dieser «Einrichtung in den USA» genau diese gerade geschaffen hat. Jedenfalls sofern der Landratspräsident darauf reagieren würde.

Und er tat es. Drei Tage, nachdem Maya Graf ihren Brief verfasst hat, setzte er sich – vermutlich zu später Stunde, wenn er jeweils seine Korrespondenz erledigte – an seine Hermes-Schreibmaschine, legte zwischen zwei amtliche Papiere mit dem Briefkopf «Präsident des Landrates des Kantons Basel-Landschaft» ein Durchschlags-Kohlepapier, spannte das Ganze ein und begann zu schreiben. Die Kopie seines Briefs legte er zusammen mit Maya Grafs Anliegen fein säuberlich in einen Ordner ab.

In seiner Antwort dankte der Landratspräsident für den Brief und gab seiner Freude Ausdruck, dass in der Realschule staatsbürgerlicher Unterricht betrieben und dabei Gebiete behandelt werden, die die Stimmberechtigten besonders interessieren.

Und dann kam er zur Sache: «In der Schweiz und auch im Kt. Baselland kennen wir allerdings die offizielle Einrichtung des schriftlichen Kontakts zwischen Stimmberechtigten und ins Parlament Abgeordneten nicht, wie das in den USA der Fall ist.» Das habe seine guten Gründe, schreibt er weiter und zählt sie auf. In erster Linie habe es mit der Grösse der beiden Länder zu tun. «Bei uns kann gegenwärtig pro rund 31 500 Einwohner ein Nationalrat, in den USA aber bloss pro rund 400 000 Einwohner ein Abgeordneter ins Repräsentantenhaus gewählt werden.» Darum seien die amerikanischen Volksvertreter viel weiter weg von den Bürgern, seien zudem vollamtliche Politiker und verfügten über Sekretariate und Angestellte, «die ihnen beim Briefwechsel behilflich sind».

So kommt der Landratspräsident zum Schluss: «Wenn der amerikanische Bürger ein Anliegen hat, muss er es in den meisten Fällen auf schriftlichem Wege vorbringen.»

«Diese ‹amerikansiche Sitte› hat bei uns also Einzug gehalten.»

In der Schweiz dagegen sei der Kontakt zwischen Wählern und Gewählten «ebenso eng und vermutlich ebenso rege» wie in Amerika. Denn es gebe zum Beispiel vor Volksabstimmungen immer wieder öffentliche Versammlungen, an denen Stimmbürger mit Parlamentariern ins Gespräch kämen. «Wenn man nach einer solchen Veranstaltung noch zusammensitzt, werden dann oft auch noch andere, vielleicht persönliche Anliegen besprochen.» Weiter: «Es kommt aber auch vor, dass die Landräte vor den Beratungen im Parlament in Liestal mit einer grösseren oder kleineren Gruppe von Leuten aus ihren Wahlkreisen Fühlung nehmen und sich nach ihren Meinungen erkundigen.» Und: «Schon einige Male bin ich auch schon in Läden oder auf der Strasse von Leuten wegen eines Problems, das sie beschäftigte, angegangen ­worden.»

So geht das weiter, und nachdem auch das zweite Blatt fast vollgetippt ist, bietet der Landratspräsident der jungen Bürgerin an, dass er weitere Fragen gern beantworte und schliesst mit freundlichem Gruss. Heute mag sich Nationalratspräsidentin Maya Graf selbstverständlich weder an ­ihren Brief noch an die Lehrstunde vor bald 36 Jahren erinnern: «Das ist ja witzig, das wusste ich nicht mehr. Und jetzt bekomme ich selbst so viele persönliche Zuschriften mit Anliegen. Diese ‹amerikanische Sitte› hat bei uns also Einzug gehalten.»

Und das Erstaunlichste sei, sagt sie, dass Peter Buess den Brief in all ­diesen Jahren nicht weggeworfen habe. Peter Buess ist vor bald einem Jahr gestorben und hat die Wahl von Maya Graf zur Nationalratspräsi­dentin im Dezember 2012 nicht mehr erlebt. Vielleicht hatte er den Brief und sein Antwortschreiben (beide Briefe im pdf. auf der Rückseite dieses Artikels) auch längst vergessen. Er steckte in einem der vielen Ordner, die er hinterliess und die ich, sein Sohn, nach seinem Ab­leben durchgeblättert habe.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 27.09.13

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