Ein trübes Kapitel der Schweizer Migrationsgeschichte auf dem Claraplatz

Unter dem Regime des Saisonnierstatuts wurden Menschen zu blossen «Arbeitskräften». Eine kleine Ausstellung auf dem Claraplatz erinnert an dieses trübe Kapitel der Schweizer Migrationsgeschichte.

(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Unter dem Regime des Saisonnierstatuts wurden Menschen zu blossen «Arbeitskräften». Eine kleine Ausstellung auf dem Claraplatz erinnert an dieses trübe Kapitel der Schweizer Migrationsgeschichte.

Eine Holzbaracke, in der man Platzangst bekommen kann – heute ein Blickfang auf dem Claraplatz, einst ein Heim von Saisonniers. Zu gewissen Zeiten lebten in der Schweiz bis zu 160’000 sogenannter Saisonniers in solchen Unterkünften. Rund um die Baracke sind auf mehreren Stellwänden Fotos zu sehen: Scharen von Männern beim Warten auf die obligatorische medizinische Untersuchung an der Grenze, Strassenarbeiter auf der Zürcher Bahnhofstrasse, Blicke in karge, enge Unterkünfte.

Es sind dies Fotos, zu denen José Perez von der Gewerkschaft Unia, die diese Wanderausstellung veranstaltet, manche Geschichte zu erzählen weiss. Perez, selbst ein Saisonnierkind, steht in den kommenden Tagen bis Freitag Interessierten für spontane Führungen vor Ort zur Verfügung.




Nicht gerade das, was sich Herr und Frau Schweizer unter einer guten Stube vorstellen. (Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Die Geschichte des Saisonnierstatuts begann in den 1930er-Jahren. 1931 verabschiedete die Schweiz das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer. Darauf gestützt schuf der Bundesrat 1934 das Saisonnierstatut. Dieses sah vor, dass ausländische Arbeitskräfte jeweils für neun Monate in die Schweiz geholt werden konnten, während sie die drei restlichen Monate des Jahres im Ausland zu verbringen hatten.

Die Arbeitsbewilligung war an den Arbeitgeber gebunden; ein Saisonnier konnte seine Stelle nicht wechseln. War er mit seinem Arbeitgeber oder den Arbeitsbedingungen nicht zufrieden, musste er ausharren und konnte allenfalls für das nächste Jahr einen anderen Patron suchen, der bereit war, ihn anzustellen.




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Unsichtbare Familien, versteckte Kinder

Den Saisonniers war der Familiennachzug untersagt. Viele hatten Frau und Kinder in der Heimat. In manchen Fällen brachten sie ihre Familie illegal in die Schweiz, wo sie möglichst unsichtbar sein mussten und allenfalls schwarz arbeiten konnten, während die Kinder versteckt werden mussten und nicht zur Schule gehen konnten.

Solches geschah noch in den 1980er-Jahren, wie Pilar Adan an der Eröffnung der Ausstellung aus eigener Erfahrung berichtete. Die Galizierin reiste 1984 mit ihren zwei Kindern als «Touristin» ihrem Ehemann in die Schweiz nach. Hier konnte sie nur schwarz arbeiten: «Nach einem Jahr musste ich meine Kinder zu meinen Eltern nach Spanien zurückbringen. Es war nicht mehr möglich unter diesen unerträglichen Umständen – ohne Aufenthaltsbewilligung, Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden, ohne Krankenversicherung und immer in der Angst, von der Fremdenpolizei erwischt zu werden – meine Kinder hier aufzuziehen.»

Nach rund zehn Jahren konnte Pilar Adans Ehemann endlich eine Aufenthaltsbewilligung B beantragen, und erst jetzt war der Familiennachzug auch legal möglich.

Erst 2002 aufgehoben




Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung «Baracken, Fremdenhass und versteckte Kinder» schildert Pilar Adan ihr Leben als Ehefrau eines Saisonniers. (Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Das Aus für das Saisonnierstatut kam erst im Jahr 2002 mit der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union. Zurzeit möchte die SVP nach der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative das Rad gerne zurückdrehen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Ausstellung auf dem Claraplatz zu sehen. «Sie erinnert», wie Rita Schiavi, Migrationsverantwortliche der Unia an der Eröffnung der Ausstellung am Dienstagmorgen sagte, «an ein düsteres Kapitel der Schweizer Migrationspolitik – ein Kapitel, das sich nicht wiederholen darf.»

Der Basler Historiker Georg Kreis pflichtete ihr in seinem Grusswort bei und wies darauf hin, dass es auch nach dem Ende des Saisonnierstatus in der Schweiz weiterhin «versteckte Kinder» gebe – jene der Sans-Papiers.

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Die Ausstellung «Baracken, Fremdenhass und versteckte Kinder», Claraplatz, bis Freitag, 5. Juni, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Mehr Impressionen von der Ausstellung auf dem Claraplatz:




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)




(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Konversation

  1. Es ist gut dass es diese Ausstellung gibt – man vergisst ja so schnell. Familiennachzug ist ja auch heute noch ein Thema – und (weil seit ein paar Jahren in die andere Richtung übertrieben wird) ein Stolperstein für die Schweizer Integrationspolitik.

    Aber dass gerade Unia die Ausstellung organisiert ist ein Schlag ins Gesicht all ihrer Arbeitnehmer, die – gemäss Medienberichten – seit geraumer Zeit in Basel intensivem Mobbing und weiterer Schikanen ausgesetzt sind…..

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