«Eine Confoederatio Jugoslavica wäre die Rettung gewesen»

Die Veranstaltungsreihe Culturescapes thematisiert seit gut zwei Wochen den Balkan. Aber gibt’s den eigentlich? Und welche Länder gehören eigentlich dazu? Musiker und Dozent Boris Previsic spricht im Interview über Kultur, Geschichte und Wahrnehmung des Balkan.

«Eigentlich klingt nur noch der Name stark nach Ex-Jugoslawien»: Boris Previsic. (Bild: Nils Fisch)

Boris Previsic ist Musiker und Uni-Dozent, beide Tätigkeiten führen ihn immer wieder in den Balkan. Als 15-Jähriger hatte er einen Rettungsplan für Jugoslawien, habilitierte später zur literarischen Rezeption der postjugoslawischen Kriege. Und heute erklärt er im Gespräch die Gemeinsamkeiten der Schweiz mit der Heimat seines Vaters.

Die Veranstaltungsreihe Culturescapes setzt derzeit «den Balkan» ins Zentrum, bringt mit Co-Veranstaltern wie der BuchBasel, der Kaserne oder der Universität Künstler und Intellektuelle hierher, wodurch der Austausch und das Verständnis gefördert werden sollen. Was aber ist der Balkan, wofür steht er? Was hat es mit den Vorurteilen und Klischees auf sich? Und was sind die Gemeinsamkeiten mit der Schweiz? Das haben wir einen gefragt, der es wissen muss: Boris Previsic, Sohn eines Kroaten und einer Schweizerin. Er ist 41, Dozent an der Uni Basel, habilitierte zur literarischen Rezeption der postjugoslawischen Kriege. Und verfolgte zuvor eine musikalische Laufbahn. Beide Tätigkeiten haben ihn immer wieder in den Balkan geführt.

Herr Previsic Mongelli, warum haben Sie bei der Heirat nicht ganz auf die Stigmatisierung verzichtet und nur den Namen Ihrer Frau angenommen?

Erstens ist es mein Markenzeichen als Musiker, ich bin immer als Boris Previsic aufgetreten. Zweitens habe ich immer unter diesem Namen publiziert. Drittens kommt es in Sachen Diskriminierung auf die soziale Schicht an, in der man sich bewegt: Previsic war für mich weder als Künstler noch als Akademiker ein Hindernis. Was erstaunen mag…

…weil man immer wieder hört, wie Leute allein bei der Wohnungssuche benachteiligt sind und mit Vorurteilen kämpfen müssen.

Das «-ic» ist vor allem das Problem. Es hängt alles an diesen zwei Buchstaben. Ich kenne Kroaten, Bosnier oder Serben, die kein «-ic» im Namen tragen, die tatsächlich weniger Vorurteile erfahren. Deshalb hat man im Kanton Zürich für Lehrlinge ein anonymes Bewerbungsverfahren eingeführt und festgestellt: Die Leute mit einem «-ic» hatten plötzlich proportional bessere Chancen. Wenn ich mich politisch engagiere, tue ich es gerade für solche Sachen. Denn als Künstler und Akademiker bin ich in einer privilegierten Situation.

Kamen Sie hier zur Welt?

Ja, in Richterswil. Meine Mutter ist Schweizerin, mein Vater Jugoslawe. Gewesen. Ich fuhr immer nach Jugoslawien in die Ferien, bis man in den Achtzigerjahren auch Kroate wurde. Zu dieser Zeit wurden erste nationalistische Tendenzen spürbar.

Was führte Ihren Vater in die Schweiz?

Er wollte hier Landwirt werden. Er war im Prinzip ein «Edelfremdarbeiter» der 70er-Jahre, war in Jugoslawien Elektroniker, eine Fachkraft. Und hob sich damit von den «Tschinggen», den italienischen Gastarbeitern, ab. Damals galt der Jugoslawe noch als gesuchter Facharbeiter.

Sprechen Sie eigentlich auch die Sprache Ihres Vaters?

Den Klang hatte ich immer im Ohr, aber ich habe die Sprache meines Vaters erst später richtig gelernt. Leider. Mein Vater hat immer gesagt, das sei keine Sprache. Womit er sich sicherlich auch abgrenzen wollte. Ich habe dann eigentlich auch nicht kroatisch oder serbisch gelernt, sondern bosnisch. Als ich im Jahr 2001 mein Musikprojekt in Sarajevo gründete, das Ensemble für Neue Musik SONEMUS, gab ich ein Fernsehinterview, in dem ich mehr russische als bosnische Antworten gab. Zunächst wurde ich als Spion betrachtet, nicht als einer, der einen Bezug zum Land hat… (lacht)

«Mein Vater war im Prinzip ein ‹Edelfremdarbeiter›.»

Und als was verstehen Sie sich?

Ich fühle mich schweizerisch sozialisiert, als Schweizer also. Eigentlich klingt nur noch der Name stark nach Ex-Jugoslawien.

Kürzlich, beim Fussballspiel Schweiz–Albanien, standen viele Schweizer auf dem Feld mit Bezug zu Albanien. Keine Seltenheit: Das Herz vieler junger Leute schlägt für beide Länder, zugleich scheinen sie an beiden Orten nicht genügend verwurzelt, um sich festzulegen.

Ich habe Mühe mit dem Begriff der «Verwurzelung». Er entstammt einer dubiosen Blut-und-Boden-Metaphorik, von der wir spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg genug haben. Ich bin deshalb vorsichtig. Identität gibt es nicht einfach: Man spielt mit ihr, kämpft mit ihr, konstruiert sie – vor allem auch, um im politischen Bereich Profit daraus zu schlagen. Und das ist zentral für die Jugoslawien-Krise. Jugoslawien ist nicht zerfallen, weil es dort verschiedene Kulturen gibt oder verschiedene Ethnien, sondern weil man die kulturelle Vielfalt in ihr Gegenteil verkehren wollte, um Profit daraus zu schlagen.

Den Bosniaken, den Kroaten oder den Serben gabs gar nicht?

Doch, aber es gab auch unglaublich viele «Mischehen». Zudem spielte im sozialistischen Jugoslawien auch die Religion noch keine so tragende Rolle. Als der Krieg bereits begonnen hatte – zumindest in Sarajevo war das so –, wurden die Bewohner gezwungen, sich zu überlegen, was sie seien. Sie haben gemerkt: Ah, ich bin zwar hier, aber meine Grossmutter stammt aus Serbien oder woher auch immer – und mussten sich dann entscheiden. Vorher gab es kein besonderes Spannungsverhältnis vor allem in den Gebieten, wo der Krieg am meisten wütete: in Bosnien und in der Herzegowina. Es waren ganz bestimmte politische Akteure, die am Konflikt interessiert waren.

Es ging um Machtansprüche?

Ja. Holzschnittartig gesagt wollten sich Franjo Tudman bei den Kroaten und Slobodan Milosevic bei den Serben den Kuchen aufteilen. Darum ist es interessant, was ich in meiner wissenschaftlichen Arbeit gemacht habe, wenn ich den Sprung machen darf.

Klar. Sie haben in der Literatur untersucht, wie der Kriegsvorgang reflektiert wurde, wann der Krieg angefangen hat.

Genau. Und etwa in Erzählungen nachgeforscht, wie Betroffene reagieren, deren Stadt bombadiert wird. Im Roman von Sasa Stanisic etwa. Oder auch im Tagebuch des Journalisten Mladen Vuksanovic. Gerade seine Geschichte ist spannend, er hat slowenische Wurzeln, lebt aber in Pale, das zur Hochburg der Serben wird, und kämpft sich durch, bis er flüchten muss. Aus seinen Erzählungen ist einerseits ersichtlich, dass der Krieg kaum vorauszusehen war, weil niemand an diese Möglichkeit gedacht hatte, auch im Ausland nicht. Anderseits, dass es ein sehr irreales Erlebnis war, als plötzlich Panzer auffuhren. Das habe ich selbst genauso erlebt…

Sie waren während des Krieges im damaligen Jugoslawien?

Ich wollte im April 1991 von Zagreb mit dem Zug über die Krajina nach Split. Auf dem Bahnhof wurde dann aber ausgerufen, dass die Schienen vermint seien. Separatistische Serben hatten ihr Territorium abgesteckt. Man konnte nur noch mit dem Bus durch diese Gegend reisen.

Die serbische Mehrheit in der Region forderte die Autonomie, die ersten bewaffneten Kämpfe fanden dort statt und Sie haben sich dennoch auf den Weg gemacht?

Ja, doch wie ernst es war, war mir nicht bewusst. Selbst als ich mit dem Bus durch die Krajina fuhr und überall Panzer standen, Häuser teilweise durchlöchert waren, habe ich gedacht: Ah, das ist halt der Transitionsprozess, das gehört vermutlich dazu, wenn ein neues System eingeführt wird. Man kannte das ja aus der Sowjetunion, vom Konflikt aus Transnistrien oder Berg Karabach. Ich dachte noch immer nicht, dass es zu einem Krieg kommen würde. Zwei Wochen später musste ich für die selbe Strecke über Bosnien ausweichen. Der Krieg hatte begonnen.

Sie haben selbst die Auflösung der Sowjetunion angesprochen, auch die Berliner Mauer war gefallen: Trugen diese grossen Baustellen dazu bei, dass wir im Westen vom Krieg in Jugoslawien überrascht wurden, waren unsere Blicke zu stark auf den Osten Deutschlands, auf die ehemalige UdSSR gerichtet?

Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Europa hat als Akteur im Jugoslawienkrieg vollkommen versagt, weil es sich nicht verantwortlich fühlte. Deutschland war mit sich selbst beschäftigt, mit der Wiedervereinigung absorbiert. Und hinzu kam der Golfkrieg: Die ganze Welt schaute nach Kuwait, das vom Irak überfallen worden war. Im Schatten davon wurden alle Kriegsvorbereitungen in Jugoslawien getroffen. Die Akteure, die an einer bewaffneten Eskalation interessiert waren, rüsteten auf, brachten sich in Stellung.

«Europa hat als Akteur im Jugoslawienkrieg vollkommen versagt, weil es sich nicht verantwortlich fühlte.»

Sie nutzten also die weltpolitische Situation aus?

Ja, das kann man so formulieren. Heute könnte es wohl nicht mehr so schnell passieren, dass eine solche Entwicklung verpasst wird. Spätestens mit dem Massaker in Srebrenica 1995 schreckte die Weltgemeinschaft auf, allen voran Deutschland… Was mir dabei wieder einfällt: Vor dem Bürgerkrieg schrieb ich einen Brief an René Felber…

…den Schweizer Bundesrat?

Ja. 1987 habe ich ihm ganz naiv als Gymnasiast geschrieben und vorgeschlagen, es sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass die Schweiz – was auch einer Selbstüberschätzung und dem Stolz als Schweizer entsprungen war – eine internationale Konferenz einberufen sollte, bei der man reflektiert, wie Jugoslawien als Confoederatio Jugoslavica reorganisiert werden könnte. Angelehnt an unsere Confoederatio Helvetica.

Erhielten Sie eine Antwort?

Ja, von ihm persönlich. «Wir engagieren uns bereits mit Hilfswerken», beschied er mir. Noch heute finde ich, dass es der richtige Zeitpunkt und das richtige Modell gewesen wäre, Jugoslawien zu retten (lacht).

«Les Balkans n’existent pas» heisst die Ringvorlesung an der Uni Basel, die Sie mit Martina Baleva vom Kompetenzzentrum für Kulturelle Topographien, co-initiiert haben: Ist die Region so vielschichtig und heterogen wie die Schweiz, ist das eine Gemeinsamkeit?

Ganz klar, ja! Die Schweiz hat sich nie über eine einzige Sprache definiert, über eine einzige Region, sondern als Willensnation. Jugoslawien ging vor 100 Jahren aus der Konkursmasse des osmanischen und habsburgischen Reichs hervor, Resteuropa gab dem Staat wenig Überlebenschancen. Aber wie die Schweiz prosperierte diese Willensnation, in der sich mehrere Ethnien und Sprachen fanden – und sich aus eigenen Kräften gegen Hitler-Deutschland und Mussolini verteidigen konnte. Was oft vergessen geht: In den 1960er-Jahren war Jugoslawien so prosperierend wie Japan, mit der Selbstverwaltung und der Blockfreiheit galt das Land für westliche Intellektuelle als vorbildlich.

«Les Balkans n’existent pas»: Und doch fassen wir Südosteuropa als Balkan zusammen, aktuell etwa das Kulturfestival Culturescapes…

Ja, obschon der Balkan geografisch nicht so klar definiert ist. Die Angehörigen vieler Völker dort, Kroaten etwa, zählen sich nicht zum Balkan. Die Bulgaren sind stolz darauf, weil das Balkangebirge in ihrem Land ist. Darum ist es höchst spannend und fruchtbar, mit jemandem wie Martina Baleva als gebürtige Bulgarin, eine solche Ringvorlesung zu bestreiten. Der Begriff des Balkan ist politisch stark aufgeladen. Wir heben uns in unserer interdisziplinären Ringvorlesung deshalb absichtlich vom plakativen Bild der Region, das meist nur den Westbalkan umfasst, ab. Wichtig ist dabei, dass das byzantinische Reich fast 1000 Jahre den Balkan geprägt hat und für eine hochentwickelte Kultur stand. Dann prägten die Osmanen ein halbes Jahrtausend lang diese Region. Alles was danach folgte, waren ganz kurze historische Abschnitte. Wir wollen zeigen, dass der Balkan auf ein langes historisches Erbe zurückgreifen kann; und dann darauf, dass der Balkanbegriff ganz spezifisch aus dem historischen Kontext genommen und usupiert wird. Dass man plötzlich auf Ex-Jugoslawien den Begriff anwendet, ist mehr als unglücklich, so wie man auch nicht vom Balkankrieg sprechen konnte in den 1990er-Jahren: Denn Bulgarien, Rumänien, Moldawien, Albanien und Griechenland hatten eigentlich nichts damit zu tun. Wenn man historiographisch korrekt sein will, handelte es sich um verschiedene Sezessionskriege. Ein Abspaltungskampf innerhalb eines Landes, den es so immer wieder und überall gab.

Seit wann verwendet man den Begriff Balkan?

Die Historikerin Maria Todorova, welche auch im Rahmen unserer Ringvorlesung aufgetreten ist, hat dazu ein einschlägiges Buch geschrieben: Sie zeigt darin auf, dass es eine Konstruktion ist, eine sogenannte Mental-Map, die wir Westler machen, um einer Region eine bestimmte Funktion zuzuordnen.

«Der Begriff Balkan ist stark aufgeladen und steht für Europas schlechtes Gewissen.»

Woher rührt der Begriff Balkan?

Aus dem Türkischen. Er steht für das Gebirge allgemein und speziell für die Stara Planina in Bulgarien, ab dem 18. Jahrhundert dann für die ganze Region. Die Balkanhalbinsel galt bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert als «europäische Türkei». Nach dem Ende des Osmanischen Reiches blieb der Balkanbegriff der nächstliegende.

Und heute?

Steht der Begriff für eine Schublade, in die wir eine Region stecken, die uns fremd ist. Der Balkan gehört eigentlich zu Europa und irgendwie doch nicht. Zwar mehrheitlich christlich geprägt, gibt es auch eine islamische Minderheit. Der Balkan ist eine Region, die – und das zeigt Todorova schön auf – das schlechte Gewissen von Europa bezeichnet.

Wie meinen Sie das?

Europa versteht sich noch immer als zivilisatorisches Projekt: Es dient als Vorbild für Menschenrechte und vieles mehr, dabei vergisst man aber gerne, dass vor 60 Jahren der schlimmste Krieg der Zivilisation in Europa losgetreten worden ist. Als Jugoslawien zerfiel, griff man plötzlich auf ein Erklärungsmuster zurück, das seinen Ursprung beim Balkankrieg von 1912/13 hat. Dazu kam das Attentat von Sarajevo, das Europa als Vorwand diente, den «Grossen Krieg» zu beginnen. Damals schon wurde die Metapher vom Balkan als Pulverfass verwendet. Das Stigma, dass es sich um eine kriegerische Ecke handle, blieb haften…

…und wurde hervorgeholt, um eine Erklärung für den Jugoslawienkrieg zu finden?

Ja. Dass im übrigen Europa gleich viele oder sogar noch mehr Kriege geführt wurden, wird gerne ausgeblendet. Stattdessen hiess es: Die Zivilisation dort unten sei immer gewalttätig gewesen. Es gibt von Maria Todorova eine aktuelle Anekdote dazu, die ich an dieser Stelle gerne erzählen möchte.

Nur zu.

Sie war an einer Tagung in Wien, es ging um anthropologische Konstanten auf dem Balkan. Da behaupteten Historiker, dass die Blutrache, welche Messerstechereien impliziert, typisch für die Balkanregion sei. Todorova gab zu bedenken, dass sie gerade an einem Platz vorbeigekommen sei, wo einst Hexenverbrennungen stattfanden. «Wenn das Messer auf dem Balkan das Muster ist, dann muss das deutsch-österreichische Muster die Verbrennung sein: Von der Hexen- bis zur Judenvernichtung lässt sich eine historische Konstante bestimmt festmachen.» Damit stiess sie die Kollegen vor den Kopf – und zeigte auf, wie Stereotypen entstehen können. Es sind im Prinzip immer Fremdzuschreibungen, um jemand anderen abzustempeln.

Bemerkenswert ist, dass solche Vorurteile offenbar nicht nur am Stammtisch verhandelt werden, sondern auch in Akademikerkreisen.

Ja. Das Problem einer solch starken Metapher wie dem Balkan als Pulverfass besteht darin, dass man ein einfaches Erklärungsmuster zu haben vermeint. Erinnern Sie sich an die 1990er-Jahre zurück und den Krieg: Das weitverbreitete Urteil war: Typisch, so sind die Völker dort halt. Das Erklärungsmuster war so omnipräsent, dass völlig unterging, wie sehr diese Kriege politisch inszeniert und die Menschen dafür missbraucht wurden. Dass der Westen eine unrühmliche Rolle spielte, indem er keine einheitliche Politik fuhr und nicht wusste, was er mit der Konkursmasse Jugoslawien machen sollte, wurde ebenso verdrängt.

Der Krieg hat das Bild der Jugoslawen in Europa verändert, sondern auch die Wahrnehmung: «Jugo» stand nicht mehr für eine Automarke, wurde abschätzig verwendet. Wann setzte das ein?

Als die Albaner im besetzen Kosovo wie auch im restlichen Jugoslawien in den 1980er-Jahren zusehends ihrer politischen Rechte beraubt und unterdrückt wurden, keinen Job mehr fanden und als arme «Wirtschaftsflüchtlinge» in die Schweiz kamen, waren es nicht mehr nur Fachkräfte. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Jugoslawen aus Schweizer Sicht ‹auffällig›, ja, sie sanken quasi unter das «Niveau» der Italiener. Als der Krieg einsetzte, wurden dann auf einmal alle Jugoslawen in einen Topf geworfen und gesagt: Schaut nur, die sind ja alle gewalttätig. Indem die Schweiz zuvor jugoslawische Arbeitskräfte geholt hatte, war auch der Flüchtlingsstrom relativ gross.

Und bei diesem ersten Flüchtlingsstrom blieb es nicht.

Nein, erst waren es die Flüchtlinge des Kroatien- und Bosnien-Krieges bis 1995, und ab 1999 folgten die Flüchtlinge des Kosovokrieges. Die liefen nochmals unter «Jugoslawen», weil viele nur diesen Pass hatten. Darum ist letztlich der Jugo entstanden, ich glaube, das negative Verdikt über den Jugo entstand erst im letzten Schritt, als die Kosovo-Albaner aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Jüngere Menschen kennen Jugoslawien gar nicht mehr. Abgelöst wurde der Begriff in den letzten Jahren vom «Albaner», angetrieben von Schlagzeilen in der Boulevardpresse.

Boulevard ist aber nicht der Ursprung, er ist der Reflex auf eine historische Situation. Boulevard ist das Spiegelbild. Er produziert nicht, er zeigt etwas auf. Umso mehr hat die politische Bühne und die wissenschaftliche Reflexion Verantwortung zu übernehmen.

Was zeigt denn der Boulevad auf?

Die Kosovaren lebten bis 1999 in einem Apartheidsystem. Sie mussten sich im Untergrund organisieren, Bildung, Medizin, alles heimlich beschaffen, lebten stark unterdrückt. Ein Pilot, der regelmässig die Strecke Zürich-Prishtina flog, erzählte mir, dass die Kosovaren in dem Moment, in dem die Flugzeugtüren geschlossen waren, vom jugoslawischen Sicherheitsdienst einfach zusammengeschlagen wurden. Sie haben unheimlich viel Gewalt erlebt. Ich will damit keine Entschuldigung oder Erklärung für die Gewalt von Albanern suchen, aber psychologisch ist angesichts dessen verständlich, warum die Gewalt weitergeht und nicht anthropologisch beim Albaner einfach da ist. Wenn der Schweizer das erlebt hätte, würde er genau gleich reagieren. Das Erlebte ist das eine, das Ökonomische das andere: Der Kosovo war immer das Armenhaus von Jugoslawien.

Heute sind rechtsgerichtete Schweizer stolz auf die Fussball-Nati, die aber ohne die Nachkommen von Migranten nicht sehr schlagkräftig wäre.

Richtig. Die Schweiz hat das wirtschaftliche Potenzial der Flüchtlinge in den letzten 20 Jahren schlechtgeredet. Je mehr diese Leute für uns arbeiten, umso höher wird unser Bruttosozialprodukt. Je mehr wir in ihre Bildung investieren, umso höher wird die Wertschöpfung und die Integration. Stattdessen werden Fremde bis heute als Gefahr wahrgenommen, ausgegrenzt. Die Integrations- und Bildungspolitik muss da noch viel mehr unternehmen. Denn ungenutztes Potenzial ist für alle schlecht: Für die Schweiz wie für die Ausländer, denen es an Perspektiven mangelt.

«Die Populärmusik überlasse ich DJ Bobo, der lockte Zehntausende an.»

Als Brückenbauerin kann immer auch die Kultur dienen. Sie sind selber Musiker, haben in Sarajevo ein Ensemble gegründet, führen Neue Musik auf. Wollten Sie der kriegsversehrten Region nicht Populäreres näherbringen?

Nein, das habe ich DJ Bobo überlassen (lacht). Sein Konzert lockte Zehnausende an und erfreute die Leute. Ich bin ausgebildeter Musiker – und mich reizt die technische und geistige Flexibilität, die auch von den Zuhörern abverlangt wird. In der Schweiz wird das «Sperrige» übrigens weit weniger geschätzt als beispielsweise in Sarajevo. Spielen wir dort ein Stück von John Cage, ist der Hauptkonzertsaal der Stadt bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wie erklären Sie sich das Publikumsinteresse?

Die Leute finden, dass sie etwas verpasst haben und da hingehen müssen. Kommt hinzu, dass der Brain Drain – viele Künstler flohen in den kriegerischen 1990er-Jahren – gerade in der Musik spürbar ist. Die Musikerszene in Ex-Jugoslawien ist weniger reichhaltig als bei uns, die Leute sind hungrig auf Konzerte, auf Kultur. In der Schweiz hingegen ist eine hohe Sättigung auszumachen, Kultur wird überall geboten, ja, fast schon nachgetragen. In Osteuropa nahm die Kultur nach dem Krieg eine grosse Bedeutung ein: für die intellektuelle und soziale Interaktion.

Hätte man Culturescapes angesichts dessen nicht im Balkan durchführen müssen?

Ich finde schon, ja. Und das wird ja auch gemacht. Dennoch muss man das Konzept von Culturescapes hinterfragen dürfen: Einerseits weil meist zu viele Projekte angerissen werden, deren Finanzierung dann auf allzu wackligen Beinen steht. Andererseits, weil es keine Nachhaltigkeit gibt. Die kulturelle Szene wird in einem Land, in einer Stadt, in einer Region abgegrast, man knüpft Kontakte, bringt die Kulturschaffenden her, hat aber in Zukunft nicht mehr mit ihnen zu tun.

Es fehlt an Geld?

Ja, SONEMUS wurde zum Beispiel im Juli auf einmal ausgeladen, obschon das Ensemble aus Sarajevo seit zwei Jahren als wichtiger Kooperationspartner im Bereich Musik figurierte. Wir konnten dann glücklicherweise dank unseres Vereins pre-art noch zusätzliche Garantien geben und damit das Konzert ermöglichen. Culturescapes ist ein wichtiges Festival, aber eine Nummer zu gross. Spätestens wenn man nicht mehr alles finanzieren kann und nur an die Selbstausnützung der Künstler appellieren kann, ist das Gesamtprojekt zu überdenken und zu redimensionieren.

«Für Generationen vor uns waren die Italiener Gastarbeiter, Leute zweiter Klasse. Heute ist Italianità in der Schweiz ein Muss.»

Dann finden Sie Culturescapes keinen guten Anlass?

Doch, es ist ein gutes und zum Teil qualitativ hochwertiges Unterfangen, um einen Einblick zu erhalten. Die Literaten beispielsweise, die nach Basel kommen, sind sehr wichtige Stimmen im und aus dem ex-jugoslawischen Raum: Jergovic, Albahari, Arsenijevic… Sie geben auch viel Material her in Bezug auf den Krieg und die Krise mit ihren Erzählungen und Romanen.

Wie wichtig war es für die Gesellschaft, dass der Krieg literarisch verarbeitet wurde?

Sehr wichtig, weil die Literatur mehr Möglichkeiten zulässt, Fragen nachzugehen, die in der Realität kaum zu bearbeiten sind. Fragen wie: Was war das für ein Krieg? Was wäre ohne Krieg möglich gewesen? Warum muss der Nachbar auf mich schiessen? Und die Fragen müssen nicht beantwortet werden, sie können reflektiert werden. Emir Sulajgic hat die UNO-Truppen begleitet, die Belagerung inklusive dem Massaker von Srebrenica miterlebt. In seinem Tagebuch hat er explizit auch andere Perspektiven gesucht: vom Panzerschützen auf dem Berg, dem Soldaten gegenüber. Oder ein anderer Augenzeuge rekurriert auf Kafka, um das Unfassbare erzählen zu können. Da bietet Literatur ein einmaliges Werkzeug, um solche Geschehnisse und Gedanken in Sprache zu giessen.

Nimmt die Kultur auch eine besondere Rolle ein, weil sie naturgemäss nicht an Ländergrenzen haltmacht?

Kultur ist – erlauben Sie mir die Metapher – ein zweischneidiges Damokles-Schwert. Denn Kultur kann extrem schnell durch die Politik instrumentalisiert werden, so erhält sie Geld. Nehmen wir die Populärmusik: Da gab es wesentliche Kulturtransfers auch zur Zeit des Kriegs auf der Ebene des musikalischen Materials, während die Texte einfach umgeschrieben wurden, indem der Freund zum Feind wurde und umgekehrt. Inzwischen ist die sogenannte Jugosphäre entstanden. Schriftsteller innerhalb von Serbien, Kroatien und Bosnien rotieren, geben Lesungen in den anderen Ländern – bis vor fünf Jahren gab es diesen Austausch noch nicht, obschon Themen über Nationsgrenzen hinausgingen und Literatur sowieso keine Grenze kennt.

Worauf basiert die Entwicklung?

Einerseits lässt sie sich mit der sprachlichen Einheit erklären, wir lesen auch deutsche und österreichische Autoren im Original. Andererseits besteht ein Mangel an guten Leuten, sei es in der Literatur oder der Musik. Wenn ich etwa für ein Konzert in Sarajevo Musiker suche, reicht das Angebot dort nicht aus, wenn man gewisse Ansprüche hat. Ich muss mit Musikern aus Zagreb, Belgrad oder Skopje zusammenarbeiten.

Die Melancholie und Festfreude wurde in den 90er-Jahren durch Musik und Filmmusik auch zu uns in die Schweiz getragen.

Ein Klischeebild, weil natürlich nicht alles ankam, was die Musik und Kunst transportiert. Nehmen wir den bekannten Film «Underground» von Emir Kusturica, darin findet sich vieles, was bei uns als «typisch Balkan» empfunden wird: von der Brass-Band-Musik bis zu Gewaltdarstellungen. Aber der Film hat auch ein historisches Datum, er vergleicht den Zweiten Weltkrieg mit dem Jugoslawienkrieg im Jahre 1993. Wer das weiss, muss sich gezwungenermassen fragen, was ich – selbst als Schweizer – mit diesem neuen Krieg zu tun habe. Musik und Film sind ein Transportmittel, sie erlauben einen emotionalen Zugang zu einer anderen Ebene. Musik und Film sind ein Transportmittel, emotionaler Zug zu einer anderen Ebene. Wenn ich einen Balkanrhythmus höre, kann ich nicht mehr stillstehen – und auch das kann ein Ausgangspunkt sein, um die Reflexion zu schärfen.

Balkanpartys erfreuen sich in der Schweiz grosser Beliebtheit. Ist die Musik auch Mittel, um Verständnis für Kultur zu schaffen, die vielen Schweizern fremd ist?

Absolut. Italianità ist heute in der Schweiz ein kulturelles Muss, vom Essen über die Musik bis zum Film. Das war nicht immer so. Für Generationen vor uns waren die Italiener Gastarbeiter, wurden wie Leute zweiter Klasse behandelt. Über die Kultur merkt man, dass diese Leute etwas in unser Leben hineintragen, das wir in dieser Form nicht haben, eine Bereicherung sind für die Schweiz. Ob Ćevapćići oder Burek jemals so populär sein werden wie Spaghetti, ist allerdings schwer zu sagen (lacht).

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 25.10.13

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