Eingesperrt und gefoltert: Der Banksy von Donezk

Der Maler Sergej Sacharow aus Donezk macht sich mit seiner Kunst über die Separatisten lustig – und bezahlte dafür mit mehreren Wochen in Gefangenschaft, in der er nach eigenen Angaben gefoltert wurde. Ein Einblick in den «Strafvollzug» der «Donezker Volksrepublik».

Diese Figur des Donezker Künstlers Andrej Sacharow zeigt den Separatistenführer Sergej Strelkow, wie er sich eine Waffe an den Kopf hält, darunter steht der Nike-Werbeslogan «Just do it». Hinzu kommt, dass Strelkows Name im Russischen an das Wort für «schießen» erinnert. Kurz nach dem Auftauchen der Figur an der Wand eines ehemaligen Kinos in Donezk wurde der Künstler verhaftet. (Bild: Andrej Sacharow)

Der Maler Sergej Sacharow aus Donezk macht sich mit seiner Kunst über die Separatisten lustig – und bezahlte dafür mit mehreren Wochen in Gefangenschaft, in der er nach eigenen Angaben gefoltert wurde.

Als immer mehr Menschen aus Donezk flüchteten, wurden sie immer zahlreicher: Clowns und Zombies, in Camouflage und mit Sturmhauben. Lebensgroß, aus Spanplatten ausgesägt, an Zäune und Hauswände montiert. Die Donezker Innenstadt wurde bevölkert von Figuren mit Kalaschnikows, Raketenwerfern, diabolischem Blick und gefletschten Zähnen.

Als die Separatisten in Donezk das Kommando übernahmen, wurde der Maler Sergej Sacharow zum Street-Art-Künstler. «Das war einfach die schnellste Möglichkeit, auf die Vorgänge zu reagieren», sagt der 47-Jährige heute. Er malte seine Motive auf Holzplatten. In Guerilla-Aktionen rückte er mit einem Fotografen aus, um die Bilder aufzuhängen. Für Sacharow kursiert der Beiname «Banksy von Donezk», ohne dass er selbst wüsste, von wem der Vergleich stammt.

Sacharow arbeitet nich anonym

Anders als das Streetart-Phantom Banksy arbeitet Sacharow nicht im Verborgenen: Auf seiner Internetseite zeigt er Fotos der Kunstwerke. Eines davon hatte schwerwiegende Folgen. Es zeigte den Separatistenführer Igor Strelkow, der sich eine Pistole an die Schläfe hält, darunter der Werbespruch «Just do it». Wenige Tage nach dem Auftauchen der Figur wurde Sacharow verhaftet und im Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes SBU, das von den Separatisten kontrolliert wird, festgehalten.

Heute sitzt er in einem Kiewer Café, sein Gesicht ist zerfurcht von Narben. «Ich glaube, dass sie mir schon beim ersten Verhör die Rippen gebrochen haben», sagt er. «Aber ich lebe noch und bin gesund. Das ist das Wichtigste.»



Ein Separatist mit Totenschädel. Die Figur wurde an das Tor eines großen Parkplatzes in Donezk montiert.

Ein Separatist mit Totenschädel. (Bild: Andrej Sacharow)

Die Wochen nach der Festsetzung wurden für Sacharow zum Höllentrip. Bei den Verhören wurde er mit Schlagstöcken verprügelt. Danach habe eine Frau ihn in ein anderes Zimmer gebracht. «Sie hielt mir ihr Sturmgewehr in den Nacken und fragte mich: ‹Na, was denkt sich der Mensch so kurz vor dem Sterben?› Darauf habe ich gesagt: ‹Da müssen Sie schon Dostojewski lesen.›»

Folter und Scheinhinrichtungen wurden wochenlang für Sacharow zum Alltag. Auf einem Militärgelände außerhalb der Stadt wurde seine Lage noch schlimmer. «Sie haben mich und einen zweiten Gefangenen in einen kleinen Verschlag gesteckt. Da drinnen war es so eng und stickig, dass wir immer wieder das Bewusstsein verloren haben.»

Eines Tages brauchten die Wärter Sacharows Hilfe: Ein Kleinbus sollte gestrichen werden. Dafür gab es ein frisches Hemd und fünf Hrywnja, umgerechnet 25 Cent – für die Heimfahrt.

Doch die Freiheit währte nur kurz. Als Sacharow in Donezk zum Amtsgebäude ging, um seine Dokumente abzuholen, fuhr ihn der Wärter an: «Was zum Teufel machst du denn hier?» Er wurde wieder eingesperrt. Erst nach zwei Wochen kam er frei.

Ein Auftrag vom «Esquire» ist der einzige Lichtblick.

Sacharows Schicksal ist kein Einzelfall: Amnesty International schildert zahlreiche Fälle von Entführungen und Folter durch die Separatisten. Ähnliches wie Sacharow berichten auch die ukrainischen Künstler Pawel Jurow und Denis Grischtschuk. Die Separatisten sind aber nicht die einzigen, die für Entführungen verantwortlich gemacht werden: Amnesty berichtet auch von Fällen, die der ukrainischen Seite zugeschrieben werden.

Sergej Sacharow ist froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Aber seine künstlerische Existenz ist zerstört. Sacharows Angaben zufolge haben die Separatisten sein Atelier, seinen Computer und alle Kunstwerke beschlagnahmt. Der Künstler ist von Donezk nach Kiew geflüchtet und steht vor dem Nichts. Ein Lichtblick: Das US-Magazin «Esquire» hat ihn beauftragt, seine Erlebnisse in einem Comic festzuhalten. Das hilft Sacharow, das Geschehene zu verarbeiten.



Der Künstler nennt diese Figur «Scharikow», nach dem Hundemenschen in Michail Bulgakows Erzählung «Hundeherz». Halb Mensch, halb Hund, ist Scharikow eine Satire auf den «neuen Sowjetmenschen». Sacharows Scharikow ist ein bewaffneter Separatist mit dem Emblem von «Noworossia» (Neurussland) auf der Brust.

Der Künstler nennt diese Figur «Scharikow», nach dem Hundemenschen in Michail Bulgakows Erzählung «Hundeherz». Sacharows Version ist ein bewaffneter Separatist mit dem Emblem von «Noworossia» (Neurussland) auf der Brust. (Bild: Andrej Sacharow)

Die erste Figur, die Sacharow montierte, zeigte Scharikow, den Protagonisten aus «Hundeherz», einer Erzählung des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Die Handlung spielt in den Anfangsjahren der Sowjetunion und erzählt in beißendem Spott von der primitiven Brutalität der Sowjets. Halb Hund, halb Gangster, so sah Bulgakow den «neuen sowjetischen Menschen».

Den Hundemenschen von 2014 zeigt Sacharow mit Kalaschnikow, Raketenwerfer und der Flagge von «Noworossija», Neurussland, dem Traum der Separatisten. Die Erzählung «Hundeherz» war zu Bulgakows Lebzeiten in der Sowjetunion verboten. Zumindest im Umgang mit kritischen Künstlern stehen die Separatisten den Sowjets in nichts nach.

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