Einmal reich, einmal arm

Über die Verkehrspolitik ärgern sich die Bottminger ebenso wie die Eptinger. Die Lösungen werden kontrovers diskutiert.

Die zweite Etappe unserer Tour durchs Baselbiet führte uns in die – gemessen an der Steuerkraft – reichste und ärmste Gemeinde des Kantons. (Bild: Nils Fisch)

Über die Verkehrspolitik ärgern sich die Bottminger ebenso wie die Eptinger. Die Lösungen werden kontrovers diskutiert.

Bottmingen ist speziell. Ein Dorf ohne Anfang und Ende, ohne Zentrum und doch mit Charakter. Bottmingen ist keine dieser typischen Agglomera­tionsgemeinden, die sich in der Anonymität auflösen. In Bottmingen trifft man sich noch, im Sommer in der Badi und das ganze Jahr über in den Sport- und Kulturvereinen. Ja, hier leben die Vereine noch, je nach Blickwinkel fast zu gut, wie wir auf unserer kleinen Reise durchs Baselbiet bereits in der vergangenen Woche in Buus erfahren haben. «Bei den Turnvereinen gehören wir in der Region zu den besten», sagte man uns dort: «Nur die Bottminger kriegen wir nicht in den Griff, die sind einfach zu schnell.»

Die Bottminger haben aber nicht nur viele Trophäen, sondern auch noch: das Schloss, 1363 erstmals urkundlich erwähnt und heute eines der wenigen noch erhaltenen Wasserschlösser der Schweiz. Es ist ein zauberhafter Ort, wo grosse Feste gegeben werden und sich die wichtigen Männer der Region treffen. Rotary-Club, Kiwanis-Club und Lions Club, sie alle schätzen am Schloss die Küche (15 Gault-Millau-Punkte) und die Möglichkeit, ihre vertraulichen Gespräche in einem passenden Rahmen zu führen, ganz oben, im grossen Rittersaal.

Wasser statt Gourmet-Schloss

Ein solches Juwel hat Eptingen nicht. Das prominentestes Bauwerk, prägnant sowohl fürs Auge wie auch fürs Ohr, ist hier die Autobahn. Schweift der Blick in den Westen der Gemeinde, kann sich das durch die vielen Wahlplakate am Strassenrand gequälte Auge nicht auf grünen Wiesen und dichten Wäldern ausruhen. Nein, der Blick bleibt abrupt am Verkehrsviadukt hängen. Dem Rauschen des Verkehrs ist im Dorf ebenfalls nicht zu entkommen.

Apropos Rauschen: Grösster Exportschlager (auch grösster Stolz), und damit wohl wichtigster Werbeträger des Dorfes, ist das Wasser, «euses Ep­tiger». Hier am Rande des Kantons, ganz oben im Diegtertal interessiert nicht wirklich, was «die da unten» in Liestal machen (von Basel ganz zu schweigen, natürlich). Man hat mit den eigenen Problemen genug zu tun. Wer am Hügel wohnt, beklagt sich über den «weltschlechtesten Winterdienst». Wer schulpflichtige Kinder hat, bedauert den Verlust der Dorfschule. Wer im Schattental wohnt, beneidet die Privilegierten am sonnigen Hang.

Arme Reiche und arme Arme

Das Schloss ist, na klar, der grosse Stolz Bottmingens – aber auch ein Anlass für Ärger, gerade in diesen Monaten. Wegen des teuren Unterhalts möchte die Regierung die Liegenschaft – gleich wie das Schloss Wildenstein – loswerden, samt Wassergraben und Umschwung. Eine Sparidee, die den Gemeinderat empört. «Ein solches Kulturgut muss für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Darum darf es keinesfalls verkauft werden», sagt Gemeindepräsidentin Anne Merkofer. Gleich wie die anderen sechs Bottminger Gemeinderäte ist sie im Initiativkomitee, das den Verkauf der beiden Schlösser verhindern will. Am 3. März stimmt das Baselbiet darüber ab.

Irgendwie ist dieser Fall typisch für das Dorf mit seinen 6200 Einwohnern. Da hat man etwas Aussergewöhnliches – und wird doch nicht ganz glücklich damit. Bestes Beispiel dafür: das viele Geld. Bottmingen hat die höchste Steuerkraft im Kanton, im vergangenen Jahr lag sie bei exakt 4732 Franken pro Kopf und damit fast fünf Mal höher als jene von Eptingen am anderen Ende der Skala. Natürlich freuen sich die Bottminger über die Möglichkeiten, die sie dank vollen Kassen haben. So war Bottmingen eine der ersten Gemeinden im Kanton, die Blockzeiten und Tagesschulen einführte, wie Gemeindepräsidentin Merkofer gerne erzählt.
Fast noch eindringlicher wirkt sie aber, wenn sie über die Nachteile spricht: Mit dem Wohlstand steigen auch die Wohnkosten. Junge Familien können sich Bottmingen kaum mehr leisten. «Wenn es so weitergeht, werden hier bis in 20 Jahren fast nur noch ältere Menschen leben», warnt sie.

In Ep­tingen fehlen nicht nur die Jungen. Hier hat es generell zu wenige Einwohner. Das sagt Gemeinderätin Stephanie Eymann (FDP), das sagt aber auch der sprichwörtliche Mann auf der Strasse. Bei einem Spaziergang mit Eymann durchs Dorf treffen wir ihn, diesen Mann. Ein Ofenbauer, es dauert keine Minute, bis er sagt: «Was wir hier dringend brauchen, sind ein paar gute Steuerzahler.»

Der Gemeinderat scheint etwas ­ratlos, wie er zahlungsstarke Zuzüger nach Eptingen holen will. Oder überhaupt Zuzüger. Eymann weiss, die gute Verkehrsanbindung – dank dorfeigener Autobahnausfahrt – reicht nicht aus als Argument. «Wer hierher zieht, hat einen besonderen Grund.» Meist bestehe eine persönliche Beziehung zur Gemeinde, sagt sie, die selbst vor 15 Jahren der Liebe wegen aus der Stadt nach Eptingen gezogen ist.

Zu Eymanns Aufgaben als Gemeinderätin gehört das Dossier Bau. Gerne hätte sie in diesem Bereich mehr zu tun. Bauland wäre zwar vorhanden und auch die Bodenpreise sind attraktiv, gebaut wird trotzdem selten. «Bei den meisten Gesuchen handelt es sich um einen Umbau», sagt Eymann.

Es sind nicht nur zwei Dörfer, sondern zwei Welten: Bottmingen ist mit Binningen und der Stadt zusammengewachsen, Eptingen durch eine Hügelkette vom restlichen Bezirk (Waldenburg) getrennt und überhaupt sehr ländlich. Und doch gibt es auch Gemeinsamkeiten. Beide sind mit der Regierung in Liestal nicht zufrieden. «Sie müsste auf die Bevölkerung hören, tut das aber nicht», sagt Merkofer. Darum gäbe es überall «diese Baustellen», in der Verkehrspolitik, in der Sicherheitspolitik, im Gesundheitswesen. Und darum setzen auch beide Gemeinden ihre Hoffnungen mehr noch auf die Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden als auf «Liestal».

Damit hat es sich aber wohl schon mit den Gemeinsamkeiten.

Die Unterschiede

Wegen des drohenden Abbaus im Bereich des öffentlichen Verkehrs haben die Eptinger Angst, den Anschluss zu verpassen – im wörtlichen Sinn. Zwar sei das Angebot im Moment nicht schlecht mit zwei Postautos pro Stunde, «aber luxuriös ausgestattet sind wir hier oben nicht gerade», sagt Eymann.

In Bottmingen dagegen hält man das ÖV-Angebot schon fast für zu gut. Der Bottminger SVP-Politiker Hans­peter Weibel drückt es so aus: «Die Verkehrsdrehscheibe bei der ­Station Bottmingen garantiert nicht nur gute Verbindungen, sondern auch viel Verkehr.»
Überhaupt, der Verkehr, das ist das grosse Thema in Bottmingen. Hier ­ärgert sich einer wie Weibel über die vielen «Mama-Taxis», mit denen die Kinder in die Schule und wieder zurück chauffiert werden. Und noch mehr ­stören ihn die Oberwiler, Therwiler, Ettinger und Biel-Benkemer, die mit ihrem Widerstand den Bau der Süd­umfahrung verhindern und dann aber doch Morgen für Morgen mit dem Auto in die Stadt fahren und am Abend wieder zurück. Und immer durch Bottmingen, wo sich der Verkehr regel­mässig staut. Die Südumfahrung, brächte die dringend nötige Entlastung – so redet in Bottmingen nicht nur der SVPler Weibel, sondern auch die überparteiliche Gemeindepräsidentin.

Die Forderungen

In Eptingen will man bessere Verkehrsverbindungen mit Sissach und dem restlichen Diegtertal, in Bottmingen die Südumfahrung von Allschwil nach Aesch zur H 18. Die Planer in Liestal haben andere Prioritäten. In den Randgebieten möchten sie beim ÖV sparen, und in der Agglomeration suchen sie inzwischen nach anderen Lösungen als der Südumfahrung, auch wegen des vehementen Widerstands etwas weiter hinten im Leimental.

Die Ideen der Kandidaten

In Sachen Verkehr sind die Haltungen klar. Thomas Weber, der SVPler aus Buus und Chefbeamte im Bundesamt für Strassen, ist jener Regierungsratskandidat, der am ehesten noch auf den Strassenbau setzt. Auch die Südumfahrung ist für ihn immer noch ein Thema. SP-Nationalrat Eric Nussbaumer verweist dagegen auf Studien, die zeigten, «dass die Südumfahrung nur eine begrenzte Entlastung bei sehr ­hohen Kosten bringt». Ähnlich sieht das der Grünliberale Gerhard Schafroth: «Zur Entlastung des Nadelöhrs Bottmingen ist derzeit nur eine sinnvolle Lösung erkennbar – ein Ausbau der Tramverbindungen.»

Offen geben sich alle drei Kadidaten zudem gegenüber neuen Ideen in der Verkehrspolitik. Dem Mobility-Pricing zum Beispiel.
In der Regierung möchten sich alle drei gegen einen weiteren Abbau des ÖV-Angebots in den Randgebieten wehren. Endlich einmal eine gute Nachricht für Eptingen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 08.02.13

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