Es droht ein weiterer Riss zwischen Stadt und Land

Der Lehrplan 21 kommt in Baselland vors Volk. Bei einem Nein zu Sammelfächern könnte sich der Graben zwischen Stadt und Land vergrössern.

Der Lehrplan 21 ist seit längerem ein Zankapfel in der Baselbieter Politik. Nun entwickelt sich daraus ein Konflikt zwischen Baselland und Basel-Stadt.

(Bild: Nils Fisch)

Der Lehrplan 21 kommt in Baselland vors Volk. Bei einem Nein zu Sammelfächern könnte sich der Graben zwischen Stadt und Land vergrössern.

Es ist eine der letzten Kompetenzen, bei der Bern nicht mitredet und alleine die Kantone entscheiden: die Bildung. Und um diese wird in vielen Kantonen gekämpft. Im Landrat stritten die Volksvertreter am Donnerstagmorgen über die Einführung des Lehrplan 21, die die Erziehungsdirektoren Konferenz (EDK) vorgab.

Die Baselbieter Regierungsdirektorin hatte im Frühjahr einen «Marschhalt» eingelegt, sprich: Die Einführung des neuen Lehrplans sollte verzögert und nicht wie im Stadtkanton ohne wenn und aber umgesetzt werden – Basel-Stadt setzt den Lehrplan 21 seit dem laufenden Schulsemester um.

Vieles deutet darauf hin, dass es im Landkanton nicht beim «Marschhalt» bleiben wird: Das zeigte sich an der Landratsdebatte über eine Parlamentarische Initiative von Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige), der die Einführung von Sammelfächern verhindern will.

Plädoyer für «moderne Pädagogik»

Das Stichwort Sammelfächer bedeutet, dass einzelne Fächer wie Geschichte und Geografie zusammengelegt werden zum Fach «Räume, Zeiten, Gesellschaften». Wiedemann sieht darin einen «Bildungsabbau», da die Lehrpersonen so ihr Fach weniger fundiert unterrichten könnten.

Die EDK sowie Bildungsexperten sind für Sammelfächer, um insbesondere das vernetzte Denken zu schulen. SP-Landrätin Miriam Locher plädierte deshalb in der Debatte für eine «moderne Pädagogik», die auch an Baselbieter Schulen einzuführen sei. Bei Wiedemann und vielen weiteren Landratsmitgliedern verfing dieses Argument nicht. Wiedemann findet, das vernetzte Denken werde auch in Einzelfächern gelehrt.

Lehrplan 21 kommt vors Volk

Der Landrat sprach sich schliesslich mit 52 zu 21 Stimmen (bei zwei Enthaltungen) deutlich für die Initiative von Wiedemann aus. Damit wurde das notwendige Vier-Fünftel-Mehr dennoch nicht erreicht. Die Vorlage kommt deshalb vors Volk.

Martin Rüegg (SP-Landrat) warnte vor einer «Bildungsinsel», auf die der Landkanton zusteuere. Denn das Zurückkrebsen bei den Sammelfächern würde einen neuen Keil zwischen Baselland und Basel-Stadt treiben.

So zum Beispiel bei der Lehrerausbildung: Solange die Stadt Sammelfächer beibehält und auf dem Land in Einzelfächern unterrichtet wird, braucht es unterschiedliche Ausbildungen für Lehrpersonal. Die Fachhochschule Nordwestschweiz müsste die Lehrer zweigleisig ausbilden: beispielsweise «Natur und Technik» für städtische Lehrer und weiterhin Physik, Biologie, Chemie für ihre Baselbieter Kollegen.

Wiedemann kehrt den Spiess um

Diese zweigleisige Ausbildung könnte auch die Kosten in die Höhe treiben, warnt Rüegg. Wiedemann anerkennt das Problem. Er dreht den Spiess aber um: «Es kann sein, dass es zu einer Isolation führt – aber eher eine Isolation von Basel-Stadt, wenn Solothurn und Aargau sich ebenfalls für die Einzelfächer entschieden haben.»

Sein Appell ging deshalb an die städtische Regierung: «Ich erwarte von Basel-Stadt, dass man spätestens dann den Entscheid zu Sammelfächern überdenkt, wenn Solothurn und Aargau ebenfalls zu den Einzelfächern zurückgehen.»

Voraussichtlich im Februar 2016 wird sich die Baselbieter Stimmbevölkerung zu den Sammelfächer äussern. Rüegg spricht von einer offenen Abstimmung, Wiedemann ist hingegen überzeugt, dass die Stimmberechtigten die Vorlage annehmen werden.

Konversation

  1. Modern ist nicht immer gut
    was von den Befürwortern der Sammelfächer als moderne Pädagogik gepriesen wird, läuft leider in der Praxis darauf hinaus, dass vermehrt fachfremd unterrichtet wird, oder in anderen Worten, dass z.B. Biologielehrpersonen, die keine Ausbildung in Chemie haben (oder nur eine Schnellstbleiche) Chemie unterrichten ‚dürfen‘. Ob das der Qualität des Unterrichtes förderlich ist, insbesondere im Niveau P, möge jeder selbst entscheiden.

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