«Es gibt keine heile Welt, Herrgott nochmal!»

Die Basler Mission wird 200 Jahre alt. Was tun Missionare heute noch? Und wie blicken sie auf das koloniale Erbe ihrer Missionen zurück? Ein Streitgespräch zwischen Al Imfeld, Afrikakenner und Entwicklungsberater, und Claudia Bandixen, Theologin und Direktorin der Mission 21.

Wozu braucht es Missionen noch? Afrika-Spezialist Imfeld und Mission-21-Chefin Claudia Bandixen im Streitgespräch über Sinn und Zweck von christlich geprägter Entwicklungsarbeit. (Bild: Caspar Urban Weber)

Die Basler Mission wird 200 Jahre alt. Was tun Missionare heute noch? Und wie blicken sie auf das koloniale Erbe ihrer Missionen zurück? Das wollten wir von Al Imfeld wissen, dem Afrikakenner und kritischen Entwicklungsberater, der dem traditionellen Glauben schon lange abschwor. Und von Claudia Bandixen, Theologin und Direktorin der Mission 21.

Al Imfeld hat Claudia Bandixen und mich für das Gespräch in seine Wohnung nahe dem Bahnhof Zürich eingeladen. Seit er nicht mehr so gut zu Fuss ist, ist er froh, wenn die Welt zu ihm nach Hause kommt. Obschon sein Zuhause eigentlich die Welt ist. Während 50 Jahren vagabundierte er von Land zu Land, lebte zwischen Zimbabwe, Malawi, Tansania, Kenia, Nigeria, Kamerun, Deutschland und der Schweiz.

Im zweiten Stock des Altbaus, dort wo die Zeichnung eines afrikanischen Dorfes hängt, öffnet Al Imfeld die Türe. Neugierig schaut er über dicke Brillengläser; ein hölzernes Amulett mit kleinen Muscheln hängt um seinen Hals. Er bittet uns, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, in Rattansesseln und -sofas, deren Polster und Kissen uneinheitlich und kunterbunt bezogen sind.

An den Wänden hängen afrikanische Holzmasken und die Hörner einer Gazelle. In der Ecke steht ein kleiner Büchertisch mit Imfelds Werken. Kaum haben wir Platz genommen, reicht der Autor ein Manuskript herum und erzählt von den vergangenen drei Jahren, während derer er im Büro im Nebenzimmer praktisch ununterbrochen über einem 800-seitigen Band mit Übersetzungen afrikanischer Gedichte gebrütet hat. Das Buch erscheint im Januar; es wird Imfelds Geschenk zu seinem eigenen 80. Geburtstag.

Al Imfeld

Der im Napf aufgewachsene Alois Imfeld nannte sich ab 1963 nur noch Al. Nach der Missionarsschule Immensee in Schöneck studierte Imfeld Theologie. Nachdem er aus dem Vatikan flog, machte er in New York, Tokio, Dar es Salaam und auf den Philippinen weitere Studien in Philosophie, Soziologie, Journalismus und Landwirtschaft. Er hat als Journalist, als Entwicklungshelfer und Lehrer für verschiedene afrikanische Unis gearbeitet. Die Legende will es, dass er Martin Luther King im Bürgerrechtskampf beriet und Hugh Hefner in ethischen Fragen des «Playboy». Bis heute hat er über 50 Bücher geschrieben, vorwiegend zu Afrika.

Herr Imfeld, Sie besuchten in den 1950er-Jahren als junger Mann das katholische Missionsseminar im nidwaldischen Schöneck. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Al Imfeld: Ich wollte nie Missionar oder Priester werden. Doch als Ältester von 13 Kindern aus dem Luzerner Hinterland war das Missionsseminar meine einzige Chance zu studieren. Wenn du damals Priester oder Missionar werden wolltest, dann wurde das von der Kirche bezahlt. Dafür mussten wir in der Freizeit schuften, auf dem Bauernhof oder in der Wäscherei. Während sieben Jahren war ich praktisch dort eingesperrt. Ständig wurde gepredigt, wie gut wir nun ausgebildet würden, damit wir unser Wissen dann in alle Welt tragen können.

Haben Sie daran geglaubt?

Nein, mein Vater war ein sehr kritischer Mann und lehrte mich schon als Bub: Glaub nur die Hälfte, egal ob vom Lehrer oder vom Pfarrer. Nach der Priesterweihe am Missionsseminar wurde bestimmt, wohin man kommt. Bei mir hiess es: «Pater Imfeld, Sie gehen nach Rom und doktorieren in Theologie.» Alle Klassenkameraden haben gelacht; die kannten mich ja und wussten, dass ich nicht aufs Maul sitzen kann. Sie sollten recht behalten; ich habe die päpstliche Universität Gregoriana in Rom aufgewirbelt, wo ich nur konnte, und wegen meiner Kritik am Marien-Dogma liess man mich schliesslich durch die Prüfung fallen.

Sie haben in den USA weiterstudiert und gingen in den 1960er-Jahren mit der Immenseer Mission nach Rhodesien, ins heutige Zimbabwe, das damals noch unter britischer Herrschaft stand. Wie nah war die Zusammenarbeit mit den damaligen Kolonialherren?

Sie müssen sich zurückversetzen in den damaligen Zeitgeist: Es war ganz selbstverständlich, dass wir da runter gehen und mit der Kolonialverwaltung Schulen und Krankenhäuser aufbauten. Wir waren Partner und wurden geleimt: Zwar durften wir Schulen betreiben, doch das Curriculum war von der Kolonialregierung klar vorgegeben. Das hat niemand hinterfragt. Selbst in den Mittelschulen durften wir keine afrikanische Geschichte oder Literatur lehren; alles war britisch. Die armen Kerle mussten für ihren Abschluss drei Shakespeare-Dramen büffeln.

Claudia Bandixen

Die Theologin hat in Basel, Zürich und Montpellier studiert und eine Ausbildung in Betriebswirtschaft absolviert. Sie arbeitete im Kanton Schaffhausen als Gemeindepfarrerin und Beauftragte für den kantonalen Flüchtlingstag, bevor sie in den 1990er-Jahren mit der Basler Mission in den Slums von Santiago de Chile im Einsatz war. 1996 bis 2000 war sie Mitglied des Vorstands der Basler Mission und engagierte sich in der Frauenkommission für die weltweite Gleichstellung von Frau und Mann. 2003 bis 2012 leitete und erneuerte sie als Präsidentin des Kirchenrats die Reformierte Landeskirche Aargau. Seit August 2012 ist sie Direktorin der Mission 21, die aus der Basler Mission hervorging.

Sie als grosser Hinterfrager, hat Ihnen das nicht wahnsinnig widerstrebt?

Nein, überhaupt nicht, ich wollte mit Widersprüchen leben. Ich wusste schon damals: Es gibt keine heile Welt, Herrgott nochmal! Ich half den Menschen in Rhodesien die Mambo Press aufzubauen (Anm. d. Red.: Ein Verlag für katholische Schriften in lokalen Sprachen; später auch kritisch gegenüber der weissen Kolonialregierung). Nachdem ich aus dem Vatikan in Rom geflogen war, hatte ich vor der Mission in Chicago Journalismus studiert. Ich sah mich deshalb viel mehr als Journalist und nicht mehr als Priester in Rhodesien. Ich wollte das Theologische journalistisch rüberbringen; das fand ich schon immer interessanter als das Predigen.

Und das wurde akzeptiert?

Nach zwei Jahren beschwerte sich die Regierung beim Bischof: «Entweder stellt ihr diesen Imfeld als Missionar in den Busch oder wir schicken ihn nach Hause.» Ich bockte und wurde ausgewiesen.

Trotzdem sind Sie bis heute Mitglied der Bethlehem Mission Immensee, der Nachfolgeorganisation der Missionsgesellschaft, für die Sie damals in Rhodesien waren. Warum?

Wäre ich kritisch gegenüber meiner Jugend eingestellt, könnte ich diese trotzdem nicht verleugnen, oder? Ich war Teil dieser Mission und sie hat mich geprägt. Würde ich austreten, hätte ich keinen Einfluss mehr; dann wäre ich weg. Ich bin auch nicht aus der Kirche ausgetreten, nur weil ich nicht mehr im traditionellen Sinn glaube. Das bleibt trotz allem Teil von mir.  

Frau Bandixen, Sie waren von 1990 bis 1996 für die protestantische Basler Mission als Missionarin im Einsatz. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Claudia Bandixen: Das war eine andere Situation. Wir waren Langzeitaufenthalter und arbeiteten in den Slums unter der Leitung von Einheimischen. Das war während des Wechsels von Pinochet zur Demokratie; eine sehr harte Zeit. Viele Menschen flüchteten vom Land in die Stadt, um ein Auskommen zu finden. Dies, nachdem die Slums unter Pinochet vom Stadtzentrum an die Peripherie verlegt worden waren. Das führte dazu, dass die Nachbarn einander nicht mehr kannten, genauso wenig wie die Neuankömmlinge. Es fehlten überall Menschen, die im Notfall helfen konnten. 

«Seit den 1950er-Jahren gibt es bei uns ja kein Missionieren mehr im klassischen Sinne.»

Claudia Bandixen

Wie konnten Sie helfen?

Ein Drittel der Zeit waren wir zusammen mit Basisgemeinden damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen und das Vertrauen der Slumbewohner zu gewinnen. Der Einzelne ist ohnmächtig, deshalb sind solche Basisgemeinden oft die einzige Hoffnung, irgendwo dazuzugehören und nicht in die Kriminalität abzurutschen. Mensch sein bedeutet ja gerade «dazuzugehören». In der restlichen Zeit unterrichteten wir, bildeten aus und klärten auf, zum Beispiel über Suchtfragen und Aids.

Und was ist mit der Bekehrung von Ungläubigen?

Seit den 1950er-Jahren gibt es bei uns ja kein Missionieren mehr im klassischen Sinne. In jedem Land gibt es Christen und Christinnen. Wir helfen ihnen dabei, ihren Glauben zu gestalten. Die Organisation, für die ich gearbeitet habe, war eine lokale christliche Institution, in der auch Anthropologen und Soziologen gearbeitet haben, die niemand fragte, ob sie an Gott glauben. Unsere Vorgabe aus Basel war immer klar: Wir dienen den Menschen, es darf kein Zwang mit der Bibel ausgeübt werden. 

Wie viele Missionare schickt die Basler Mission heute noch ins Feld?

Drei bis vier pro Jahr, im Durchschnitt sind 20 im Einsatz, vor allem in den Bereichen Medizin, Landwirtschaft, Technik, Friedensförderung und Theologie.

Ist das Missionieren lukrativ?

Nein, Sie finden unsere Leute nicht versteckt hinter hohen Gitterzäunen in den Vierteln der Reichen. Sie erhalten den Lohn einer Mittelklassefamilie vor Ort. Und wir machen kaum Rückstellungen für die Zeit nach der Rückkehr.

Herr Imfeld, Sie haben sich ein Leben lang mit Afrika auseinandergesetzt. Welche Rolle spielten die Missionen bei der Kolonialisierung Afrikas?

A.I.: Bestimmte Missionen hatten gerade bei der Entkolonialisierung des Kontinents einen sehr positiven Einfluss, genauso wie andere diese gehemmt haben. In Rhodesien waren damals acht katholische Missionen aktiv. Meine Mission, die Immenseer, hat die Schwarzen voll und ganz im Kampf gegen die weisse Regierung unterstützt. Die irischen Missionare tickten ähnlich. Doch unsere Nachbarn in Bulawayo von der Maria-Hill-Mission wollten sich nicht in die Politik einmischen. Die englischen Missionare wiederum standen natürlich voll und ganz hinter der Kolonialmacht. Sie sehen: Missionen muss man nach Gebieten, nach Gesellschaften und nach Menschen beurteilen.

Wochenthema: Basler auf Mission in Afrika
Die Basler Mission wird 200 Jahre alt. Was tun Missionare heute noch? Wie ist das koloniale Erbe ihrer Missionen zu bewerten? Und wie reagieren die Missionierten? Lesen Sie die Berichte und Analysen in unserem Wochenthema.

Lesen Sie ausserdem:
Afrikaner missionieren das gottlose Europa – der Vormarsch afrikanischer Pfingskirchen.
«Es wird Zeit, dass wir die Schweiz retten» – Besuch im Basler Ableger der Lighthouse Chapel International.

C.B.: Wir waren in der Geschichte immer wieder mal blind; das ist leider wahr. Aber normalerweise setzten sich Missionare entschieden für die Menschen ein, mit denen sie zusammenlebten. Einige Missionare haben dafür sogar ihr Leben gelassen. Oder zum Beispiel während der Apartheid, da hat sich die Basler Mission an vorderster Front gegen diese Ungerechtigkeit eingesetzt.

Trotzdem möchte ich nochmals nachfragen: Gibt es heute, 200 Jahre nach der Gründung der Basler Mission, noch Geschichten, die kritisch aufgearbeitet werden müssen?

C.B: Unsere Vorfahren waren nicht alles Trottel! Sicher haben sie nicht immer alles richtig gemacht, aber wer macht das schon. Wir Protestanten sind bienenfleissig in der Schuldsuche. Nur weil es jetzt Mode ist, alles Religiöse und Missionarische zu kritisieren, folgen wir dem Trend und machen nur noch Entwicklungszusammenarbeit? Das kanns doch nicht sein! Wieso sollen wir mittelalterliche Bilder am Leben halten, wenn ausgerechnet die Basler Mission im Protest gegen Menschenrechtsverletzungen gegründet worden ist?

Und was ist mit dem westlichen Kulturimport nach Afrika und der Zerstörung von über lange Zeit gewachsenen Gemeinschaften?

C.B.: Mein Bild der Mission war nie dieses «Überstülp»-Dings. Sonst wäre ich nicht Missionarin geworden. Missionieren ist vielmehr eine Lebenshaltung im Dialog mit dem Anderen. Die Werte dahinter basieren natürlich auf dem christlichen Glauben. Doch schon die ersten Basler Missionare vor 200 Jahren konnten erst überleben, als sie von den Einheimischen lernten. Und die organisierte und institutionalisierte Begegnung der Menschen verschiedener Kulturen ist für unsere Kirche und Gesellschaft genauso wichtig wie für diejenigen vor Ort.

«Wir merkten, die wollen unabhängig werden – und wir wollten ja keine Rassisten sein.»
Al Imfeld

Herr Imfeld, sehen Sie blinde Flecken in der Aufarbeitung der Missionsgeschichte?

A.I.: Man hatte während der Entkolonialisierung – ich weiss, das ist nun gefährlich, was ich da sage – zu viel Vertrauen. Wir merkten, die wollen unabhängig werden – und wir wollten ja keine Rassisten sein. Man gab zu viel nach und leitete über die Missionen auch die ganze Korruption von heute mit ein. Ghana hat heute sehr gut ausgebildete Juristen, die die Basler Mission in hohen Tönen rühmen – und gleichzeitig stecken sie mitten in der Korruption.

C.B.: Die Ursächlichkeit sehe ich anders. Aber ja, es gab immer wieder Vertrauensvorschuss, den man uns als Sozialromantik auslegen kann. Heute arbeiten wir gezielt mit Ausbildungen gegen Korruption.

A.I.: Wir waren vor allem zu wenig mutig und zu «soft». Den Kirchen ist es nicht gelungen, eine neue Gesellschaft zu schaffen und die Grossfamilien auseinanderzunehmen, die der Kern der ganzen Korruption sind. Der miserable Lohn eines Lehrers in Ghana muss reichen zum Essen, fürs Schulgeld und fürs Krankenhaus. Und dann wird er noch von der ganzen Familie gemolken. Klar wird man da korrupt!

Machen Sie sich mit solchen Aussagen nicht des Eurozentrismus schuldig?

A.I.: Warum?

Sie beanspruchen, dass das europäische Modell der Kleinfamilie das richtige für Afrika sei.

A:I.: Warum schaffen es die Asiaten innert kürzester Zeit, ein eigenes Business aufzubauen? Und ein Afrikaner nicht? Das hat doch nichts mit Eurozentrismus zu tun, sondern mit einer zu starken Eingebundenheit in die Familie, in der man einander gegenseitig ausbeutet. Wir haben diese Grossfamilien zu lange idealisiert.

«Um eine neue Gesellschaft zu schaffen, kann der christliche Blick viel beitragen.»
Claudia Bandixen

Das Modell scheint sich vor Ankunft der Kolonialherren über Hunderte von Jahren bewährt zu haben.

A.I.: Ja, aber damals waren die Familien noch kleiner als heute, und vor allem lebten sie in einer ganz anderen Umgebung. Wer heute modern sein will, muss auch lernen, wie man mit modernen Gütern umgeht.

C.B.: Um eine neue Gesellschaft zu schaffen, kann der christliche Blick viel beitragen. Jeder Mensch ist grundsätzlich ein Bruder oder eine Schwester – und nicht nur die eigene Familie und die Freunde oder die eigenen Glaubensgenossen. Wenn Menschen das so leben, dann sind sie Multiplikatoren für mehr Transparenz und Gerechtigkeit. In diesem Fall hat das Evangelium Konsequenzen bis in die Finanzen hinein.

«Ständig geht es um Korruption, Korruption, Korruption.»
Al Imfeld

Wollen Sie damit sagen, dass es eine Immenseer oder Basler Mission braucht, um die afrikanischen oder südamerikanischen Gesellschaften vor sich selbst zu retten?

A.I.: Nein, aber es braucht engagierte Leute, die von aussen kommen und eine gewisse Distanz haben. Denn die eigenen Leute kommen nicht aus ihrem Saft heraus. Ich war oft genug in Afrika, und auch heute beteilige ich mich noch an drei Projekten in Ghana. Und ständig geht es um Korruption, Korruption, Korruption. Eine Veränderung von innen ist fast nicht möglich. Das müssen zwar nicht Europäer sein, aber es muss jemand von aussen sein.

C.B.: Ein Beispiel: In der modernen, globalisierten Welt kann man ohne Lesen und Schreiben kaum noch erfolgreich existieren. Machen wir uns schuldig, wenn wir dies den Menschen zugänglich machen, nur weil es unsere Form ist, um effizient zu sein? Oder ist es eine Chance für die anderen, weil sie nämlich auch mit uns und den bestehenden Machtblöcken umgehen lernen? Die Globalisierung hat zu einer Entgrenzung unserer Lebensräume geführt. Plötzlich muss man auch traditionelle Werte oder Gemeinschaften hinterfragen, die in einer Blindheit oder in einem Egoismus erstarrt sind, mit dem sie sich selbst schaden. 

Aber heute gibt es doch eine ganze Armada von Entwicklungsorganisationen, die den Menschen in Afrika und Südamerika helfen soll, ihre Gesellschaften zu erneuern. Haben NGOs die Aufgaben von kirchlichen Missionen nicht schon längst übernommen?

C.B.: Entwicklungsorganisationen müssen oft nach einigen Jahren bereits Resultate liefern. In den Köpfen haben sie dann aber meist noch nichts geändert. Ich habe das in Chile selbst erlebt. Eine internationale NGO kam in den Slum, pumpte viel Geld hinein und zog nach fünf Jahren wieder ab. Kurz danach brach alles zusammen. Die Arbeit machte die Menschen vom stetigen Geldfluss abhängig, statt eigene Kräfte zu wecken. Um nachhaltig etwas zu bewirken, müssen wir oft Jahrzehnte mit den Menschen zusammenarbeiten. Wir kritisieren deshalb an der Entwicklungszusammenarbeit, dass das Leben oft nicht geteilt wird und darum keine echte Auseinandersetzung mit den Werten vor Ort stattfindet.

Was meinen Sie, Herr Imfeld, braucht es die Missionen im 21. Jahrhundert überhaupt noch?

A.I.: Es gibt sie heute ja gar nicht mehr im alten Sinne. Die Einheimischen haben sie längst übernommen. Bei den Protestanten gibts dafür schon eine längere Tradition. Bei uns gab es bis 1960 kaum afrikanische Pfarrer – aus der Angst heraus, dass sie das Zölibat nicht halten könnten.

Dann haben sich die Missionen also selbst abgeschafft?

C.B.: Nein, überhaupt nicht! Sie sind bis heute ein Hoffnungszeichen in sehr schwierigen Lebenslagen; ein Zeichen für die Menschen vor Ort, dass sich jemand um sie kümmert. Und sie können in der ernsthaften Auseinandersetzung mit Werten und dem Glauben nochmals einen anderen Aspekt einbringen als die Entwicklungszusammenarbeit.

A.I.: Es gibt zwar immer wieder neue Formen von Missionen, wie zum Beispiel die Mission 21. Aber die alten werden zum Teil sterben müssen. Das sage ich auch meiner Mission in Immensee immer wieder – besser ihr findet euch damit ab. Momentan sehen wir aber noch das Zucken der Institutionen.

Also «Mission beendet», wie eines Ihrer Bücher heisst?

A.I.: Nein, ich denke afrikanisch. Dort gibt es nie einen Abschluss, sondern nur Übergänge.

200 Jahre Basler Mission

Nach der Gründung der Basler Mission von 1815 wurden in Basel ab 1816 junge Missionare ausgebildet. Sie wurden in Theologie, Latein und Altgriechisch geschult, übten das Verfassen von Tagebüchern und sollten «Verbreiter einer wohltätigen Zivilisation» werden.
Über ausländische, vor allem englische Missionsgesellschaften, wurden sie ins Ausland geschickt. 1821 sandte die Mission die ersten Missionare in den Kaukasus; später auch nach Ghana, Indien und China.
Aus der Basler Mission ging 2001 gemeinsam mit der Evangelischen Mission im Kwango (EMIK) und der Herrnhuter Mission (HM) die «Mission 21» mit Sitz an der Missionsstrasse 21 in Basel hervor.
Sie betreibt heute in Afrika, Asien und Lateinamerika gemeinsam mit 70 Partnerorganisationen rund 100 Projekte für Bildungs- und Friedensarbeit, Gesundheits- und Frauenförderung sowie gegen Armut. «Mission 21» feiert mit einer Jubiläumskampagne das 200-jährige Bestehen der Basler Mission. Am 30. Oktober beginnt das Jubiläum mit einem Herbstbazar in der Mission 21.

Konversation

  1. Sehr spannendes, toll geführtes Interview, das aber auch eines deutlich zeigt:
    Natürlich wollen die Missionen und die Menschen dahinter nur „helfen“, und das dem heutigen Zeitgeist entsprechend (Bibel verteilen war einmal). Doch dahinter steckt stets die gleiche, tief wurzelnde Überzeugung. Die Überzeugung nämlich, dass „unsere“ (westliche) Lebensweise die „richtige“ sei, mit welcher der Mensch am meisten Mensch ist. Oder wie es Claudia Bandixen formuliert: „Mensch sein bedeutet dazugehören“. Aber „dazugehören“ heisst nicht zwangsläufig, unserem System anzugehören, genau das aber implizieren sowohl Bandixen als auch Imfeld. Klar verändert die Globalisierung die Ausgangslage in allen Ländern, die Globalisierung zwingt uns quasi, „erfolgreich“ zu sein, was laut Bandixen nur mit Lesen und Schreiben möglich sei. Dabei geht aber vergessen, dass dieses von ihr definierte „erfolgreich sein“ nur aus unserer Perspektive heraus erfolgreich ist. Erfolg kann aber je nach Gesellschaftsform was ganz anderes bedeuten.

    Das Problem liegt bereits im Begriff der „Entwicklungshilfe“ – ein Begriff, der die ganze darwinistische Sichtweise widerspiegelt: Die unsrige westliche Gesellschaftsform ist das Ideal, und alles andere rundherum muss sich dazu hin-entwickeln – also besser, effizienter, belesener, erfolgreicher werden. Nur dann gehört man dazu, nur dann ist man erfolgreich, nur dann ist man Mensch. Doch: Ist unser System denn wirklich das Beste, die Krönung der Schöpfung? Sind wir mit unserem materiellen Wohlstand aber vollem Terminkalender und riesigem ökologischen Fussabdruck tatsächlich glücklicher mit uns und unserem Leben als ein „primitives“ Volk, das sich selber ernährt und in einfachen Hütten lebt? Lachen wir deswegen mehr, sind wir am Ende des Lebens deshalb erfüllter?

    Trotzdem ist das genau die tiefe Überzeugung der Missionare. Erfolg ist das Rezept und geht nur über westliche Bildung und unser System. Dazugehören ist das Rezept, und zwar das Dazugehören zur Welt. Nur dann ist man Mensch. Ein erfolgreicher Mensch.

    Übrigens: Natürlich ist mir der Konflikt zwischen der krassen Armut und dem Elend hunderttausender Menschen in Slums oder Flüchtlingslagern und der daraus folgenden Notwendigkeit zur Hilfe bewusst! Natürlich soll auch geholfen werden. Und es ist in der Tat eine unglaubliche, vielleicht sogar niemals ganz zu lösende Herausforderung, entsprechend „neutrale“ aber trotzdem nachhaltige Hilfe zu leisten.

    Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten

Nächster Artikel