«Es ist wie in der Liebe»

Wladimir Putin reiste gestern nach Serbien, um das 70. Jubiläum der Befreiung Belgrads von den Nazis zu feiern. Die wirklichen Themen waren jedoch die Ukrainekrise und das Gas-Pipeline-Projekt «South Stream».

Russian President Vladimir Putin and Serbian President Tomislav Nikolic (R) attend a military parade to mark 70 years since the city's liberation by the Red Army in Belgrade October 16, 2014. Serbia feted Russia's Putin with troops, tanks and fighter-jets on Thursday to mark seven decades since the Red Army liberated Belgrade, balancing its ambitions of European integration with enduring reverence for a big-power ally deeply at odds with the West. REUTERS/Vasily Maximov/Pool (SERBIA - Tags: MILITARY POLITICS ANNIVERSARY) (Bild: POOL)

Wladimir Putin reiste gestern nach Serbien, um das 70. Jubiläum der Befreiung Belgrads von den Nazis zu feiern. Die wirklichen Themen waren jedoch die Ukrainekrise und das Gas-Pipeline-Projekt «South Stream».

Eigentlich wurde Belgrad am 20. Oktober 1944 durch Titos Partisanen und die Rote Armee von den Nazis befreit. Der 70. Jahrestag wurde allerdings am Donnerstag gefeiert. Der 16. Oktober passte besser in den Terminkalender des Ehrengastes Wladimir Putin.

Ganze sechs Stunden verbrachte der russische Präsident in Belgrad, bevor er nach Mailand weiter reiste, um dort am europäisch-asiatischen Gipfeltreffen (Asem) teilzunehmen. Für die serbische Regierung war die kurze Stippvisite ausreichender Anlass, eine Militärparade aufzuführen, wie es sie seit 1985 nicht mehr in der Stadt gegeben hat.



REFILE - QUALITY REPEAT Serbian troops march during a military parade to mark 70 years since the city's liberation by the Red Army in Belgrade October 16, 2014. Serbia feted Russia's Vladimir Putin with troops, tanks and fighter-jets on Thursday to mark seven decades since the Red Army liberated Belgrade, balancing its ambitions of European integration with enduring reverence for a big-power ally deeply at odds with the West. REUTERS/Marko Djurica (SERBIA - Tags: POLITICS MILITARY ANNIVERSARY)

Belgrad sah seit 1985 nicht mehr Soldaten auf seinen Strassen. (Bild: MARKO DJURICA)

Die Parade begann mit drei Salutschüssen und der serbischen Hymne, gefolgt von der russischen. Die serbische Armee liess Panzer über die Hauptstrassen rollen, präsentierte Kriegsschiffe auf der Donau und liess rund 4500 Soldaten marschieren. Höhepunkt der Militärparade waren aber die Kunststücke der russischen Kunstflugstaffel Strischi (deutsch: die Segler).

Gemeinsam mit dem serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic legte Putin einen Kranz für die gefallenen Befreier Belgrads nieder. Daraufhin ehrte Nikolic seinen russischen Amtskollegen mit einem Orden, der die höchste Auszeichnung durch den serbischen Staat darstellt. Bei dieser Schau haben sicherlich einigen Sowjetnostalgikern die Augen getränt.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz gab der serbische Premierminister Aleksandar Vucic sichtlich stolz bekannt, dass in Zukunft Fiat 500 L-Modelle aus dem zentralserbischen Kragujevac nach Russland exportiert werden sollen. Zudem solle vermehrt Käse aus Serbien nach Russland geliefert werden.



Russian President Vladimir Putin shakes hands with Serbian Prime Minister Aleksandar Vucic (R) at the government headquarters in Belgrade October 16, 2014. Putin is guest of honor at a military parade on Thursday to mark 70 years since the city's liberation by the Red Army, a visit loaded with symbolism as Serbia walks a tightrope between the Europe it wants to join and a big-power ally it cannot leave behind. REUTERS/Marko Djurica (SERBIA - Tags: POLITICS)

Nicht nur ein Zeichen des Respekts: Wladimir Putin schüttelt die Hand von Premierminister Aleksandar Vucic. Sie konnten neue Exporte aus Serbien nach Russland verkünden. (Bild: MARKO DJURICA)

In den vergangenen Wochen sind Fälle bekannt geworden, bei denen EU-Produkte, die von den Sanktionen betroffen sind, ohne Etikett von Serbien nach Russland geliefert wurden. Nicht nur deswegen hagelte es vor dem Staatsbesuch Kritik aus der EU. Für viele wirkt es befremdlich, dass Serbien Putin auf diese Art und Weisse empfängt. Premierminister Vucic ging auf die Ängste ein und erklärte:«Serbien befindet sich auf dem Weg in die EU und wird diesen Weg auch nicht verlassen.» Er versicherte aber auch: «Diese Regierung wird keine Sanktionen gegen Russland verhängen.»

Serbiens Ziel ist die EU, aber Sanktionen gegen Russland mittragen? Lieber nicht.

Serbien kann es sich nicht leisten, den grossen Bruder zu verprellen. Der verarmte Balkanstaat ist fast vollständig vom russischen Gas abhängig. Die Jahrhundertfluten des vergangenen Mai stürzten Zehntausende in die Armut, und die Regierung plant unpopuläre Reformen, welche die Streichung von Sozialleistungen und Stellen im öffentlichen Dienst beinhalten. Serbien steht seit Jahren kurz vor dem Staatsbankrott. Höhere Gaspreise könnten kalte Winter für viele Serben sowie die endgültige Pleite bedeuten.

Das mit Abstand wichtigste russische Projekt in Serbien ist die Gas-Pipeline «South Stream». Russisches Gas soll ab 2017 durch das Schwarze Meer über Bulgarien, Serbien und Ungarn bis nach Österreich fliessen. Ein Ziel des Projekts ist es, die Ukraine als Transitland zu umgehen, womit dem Land wichtige Finanzmittel abhandenkommen würden.

Varianten des Verlaufs der geplanten Pipeline – der Ast nach Süditalien wurde abgesagt. (Bild: Wikipedia/cc)

 

Bulgarien hat dem Druck aus der EU nachgegeben und einen Baustopp verhängt. In Serbien hält man sich da vornehm zurück, und auch in Österreich und Ungarn hofft man auf eine schnelle Inbetriebnahme der Pipeline. Derzeit ist ungewiss, wann, wie und ob die Pipeline fertig gestellt wird.

Putin reagierte gewohnt gelassen und erklärte: «Es ist wie in der Liebe, es funktioniert nur, wenn beide Seiten es wollen. Wir können keine Mulitmilliarden teure Pipeline bauen, wenn unsere Partner sich nicht entscheiden können, ob diese gebraucht wird, oder nicht.»

Die serbische Regierung hat gestern unmissverständlich klar gemacht, dass die Putinsche Liebe erwidert wird.

Konversation

  1. Mit diesem Putin werden noch unsere helle Freude haben. Im Gegensatz zu meiner früheren Vermutung, dass er ein Vermittler zwischen den konservativen Russen und dem Westen ist, beweist er mehr und mehr, dass er den von komplexen gesteuerten ehemaligen Sowjetherrschern in nichts nachsteht. Er wird immer introvertierter, und weiss nicht mehr ein und aus, verpasst wichtige Gespräche, redet Unsinn, und hat keinen Plan, wie er sich aus der Krim- und Ukrainekrise raushelfen soll. Er hat sich verrannt, und wegen seiner introvertierten komplexhaften Art, wird er uns noch einige handfeste Krisen bieten, und wenn wir Pech haben, fliegen uns eines Tages noch die Raken um die Ohren. Es sieht düster aus, im Staat Russland.

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