«Es war ein weiter Weg vom Iran bis nach Sissach»

Fünf Jahre lang war Rohula Ahmadi auf der Flucht: Der Afghane wollte ursprünglich nach Schweden und landete in der Schweiz. Jetzt träumt er von seinem eigenen Coiffeursalon und davon, anderen Flüchtlingen helfen zu können.

Rohula Ahmadi beim Interview im Unternehmen Mitte.

(Bild: Eleni Kougionis)

Fünf Jahre lang war Rohula Ahmadi auf der Flucht: Der Afghane wollte ursprünglich nach Schweden und landete in der Schweiz. Jetzt träumt er von seinem eigenen Coiffeursalon und davon, anderen Flüchtlingen helfen zu können.




Der 25-jährige Rohula Ahmadi kam vor fünf Jahren in die Schweiz. Im Sommer hat eine Lehre als Coiffeur angefangen. (Bild: Eleni Kougionis)

«Als ich vierzehn war, kam ich zum zweiten Mal ins Gefängnis. Das war in Afghanistan, wo meine Familie ursprünglich herkommt. Dort, also im afghanischen Gefängnis, habe ich auch erfahren, weshalb meine Mutter mich und meine älteren Geschwister Mitte der 90er-Jahre in den Iran gebracht hat.

Ein ehemaliger Freund meines Vaters hat mir die Geschichte so erzählt: Mein Vater war ein hoher Politiker, der sich nicht am Widerstand gegen die Taliban beteiligen wollte, um die Bewohner unserer kleinen Stadt zu schützen. Nach dem Regimewechsel wurde er als angeblicher Taliban-Sympathisant politisch verfolgt und verhaftet. Im Gefängnis hat man ihn so lange gefoltert, bis er an seinen Verletzungen starb.

Ich selbst wurde verhaftet, nachdem mich die iranische Polizei zurück nach Afghanistan geschickt hatte, weil ich mich ohne Papiere im Iran aufhielt. Dort wiederum wurde ich von der Polizei aufgegriffen, nachdem sie herausgefunden hatten, wer mein Vater war. Zum Glück gab es dort diesen ehemaligen Freund meines Vaters. Er ist ein Parteifunktionär und konnte mich dank seinen Beziehungen aus dem Gefängnis holen. Ein Schlepper hat mich dann zurück in den Iran gebracht. 

Rohula Ahmadi beim Interview im Unternehmen Mitte.

Das war eine gute Entscheidung, denn als Kind durfte ich in Athen in einem Heim wohnen und sogar zur Schule gehen. Zum ersten Mal im Leben. Das war toll. Endlich konnte ich Griechisch lernen und mit den Menschen sprechen. Doch ich hatte kein Geld, es reichte nicht einmal für eine Telefonkarte, um meine Familie anzurufen. Eines Tages war ich so deprimiert, dass ich mit hängendem Kopf durch die Strassen lief. Plötzlich lagen vor mir auf dem Boden zwei 20-Euro-Scheine. Zuerst wollte ich das Geld nicht nehmen, weil es bestimmt jemandem gehörte. Doch dann dachte ich mir, dass das ein Zeichen von Gott ist. Er wollte mir helfen. Das gab mir neue Hoffnung.

So konnte ich meine Familie anrufen, die mir etwas Geld schickte. Später fand ich sogar eine Arbeit. Das Leben in Griechenland war schön, ich blieb insgesamt viereinhalb Jahre dort. Dann kam der negative Asylentscheid. Ich wollte mich dagegen wehren und schrieb einen Brief an die Polizei. Ich sagte, schaut, ich kann Griechisch, ich habe Arbeit, ich bin gut integriert. Weshalb wollt ihr mich zurückschicken, dorthin wo ich politisch verfolgt werde? Doch ich durfte nicht bleiben.

Ein Polizist, den ich kannte, weil ich manchmal als Übersetzer für ihn arbeitete, sagte mir, ich solle weiter nach Westeuropa reisen. Er erklärte mir, wie ich in Athen einen gefälschten griechischen Ausweis besorgen könne. Er sagte, du kannst gut Griechisch, das fällt niemandem auf. Also habe ich für 150 Dollar diesen Ausweis gekauft und mich wieder auf den Weg gemacht, über die Balkanroute.

Rohula Ahmadi beim Interview im Unternehmen Mitte.

Der Entscheid kam im Frühling 2013. Zuerst wollte ich den Brief nicht öffnen, aus Angst, er sei negativ. Ich hatte an diesem Tag ein Fussballgrümpeli gegen Rassismus und ich wollte nicht traurig sein beim Fussballspielen. Eine Kollegin öffnete den Brief für mich und winkte mir von der Tribüne aus freudig zu. Da wusste ich: Du darfst vorläufig bleiben.

Es war schwierig, eine Arbeit zu finden. Denn für den Chef ist es mühsam, die vielen Formulare auszufüllen. Ausserdem kann er sich nicht darauf verlassen, dass ein vorläufig Aufgenommener in der Schweiz bleiben darf. Doch ich hatte wieder einmal Glück.

Ein Freund hat mich einmal nach Liestal mitgenommen ins Fussballtraining. Ich ging regelmässig hin und lernte ganz viele Leute kennen. Einer davon, ein Italiener, lud mich dann ein, mit ihm zu einem Kirchenfest zu kommen. Ich bin zwar als Moslem geboren, würde mich aber nicht als gläubig bezeichnen. Zu diesem Kirchenfest ging ich mit, einfach weil es mich interessierte. Dort traf ich wieder viele Menschen, unter anderem auch meine heutige Chefin.

Zuerst spielte ich mit ihrem Hund, dann sprachen wir lange miteinander. Sie war sehr interessiert und stellte viele Fragen. Später fand ich heraus, dass sie in Sissach einen Coiffeursalon hat, wo viele junge Leute arbeiten. Ich bewarb mich einfach dort und durfte dann eine Schnupperlehre machen. Später eine Vorlehre, danach ein Berufsattest und seit August mache ich das eidgenössische Fähigkeitszeugnis.

Das alles war nur möglich, weil sich meine Chefin so für mich eingesetzt hat. Sie ist meganett. Sie hat mir auch dabei geholfen, eine Wohnung zu finden. Es war ein weiter Weg vom Iran bis nach Sissach, und ich würde nie behaupten, dass ich das alleine geschafft habe. So viele Menschen haben mir geholfen, mich unterstützt und an mich geglaubt. Mein grosser Traum ist es, auch einmal jemandem helfen zu können. Noch ist meine Hand leer, aber vielleicht habe ich auch einmal einen Coiffeursalon.»

Rohula Ahmadi beim Interview im Unternehmen Mitte.

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* Gemäss Dublin-Abkommen hätte Rohula Ahmadi sich damit die Chance auf Asyl in der Schweiz verspielt. Doch seit 2011 verzichtet der Bund auf eine Rückführung von Asylsuchenden nach Griechenland. Dies nachdem der europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden hat, dass Griechenland nicht in der Lage sei, ein ordentliches Asylverfahren durchzuführen. (zurück nach oben)

Konversation

  1. Die meisten werden sich hier nie integrieren und ihr Leben lang auf unsere Unterstützung angewiesen sein, nicht so wie der porträtierte Iraner. Ich kenne einen Afrikaner dessen Ingenieurstudium hier nicht anerkannt wurde, er lernte innert etwa 6 Monaten gut Deutsch. So dass er sogar ein TV Interview geben konnte. Danach hat er nochmals einen Ingenieursabschluss gemacht und hat heute hier einen guten Job. Mit der Bierbüchse un der Hand auf den Erretter warten ist zwecklos.

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    1. @Peter Meyer
      Sie sollten den Artikel genau lesen. Dieser junge Mann ist kein Iraner sondern ein Afghane, der aber einen Teil seines Lebens im Iran verbracht hatte.

      Den Afrikaner, den Sie kenne: Mit was für Geld hat er sein zweites Ingenieurstudium bezahlt?
      Uebrigens wird kein Studium von solchen Staaten anerkannt. Aus Syrien z.B. kommen sehr viele gut ausgebildete Menschen, die dann hier nichts finden oder irgendwelche Hilfsjobs machen.

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    2. Wollen Sie eigentlich nur ihre eigene negative Meinung zu Flüchtlingen bestätigen oder sind sie auch bereit, zu lesen und zu erfassen, was in diesem Artikel steht. Es ist ein Wahnsinn was dieser junge Mann, noch ein Kind – auf der Flucht durchgemacht hat und er wird sich noch mehr integrieren.

      Ich kenne einen Albaner, der perfekt Schweizerdeutsch spricht, sich völlig integriert hat, hier seinem Beruf nachgeht – wie irgendjemand, der das Glück !!!! hatte, hier geboren zu werden und aufwachsen zu dürfen, auch in aller Schweizer Bünzligkeit !!! Aber diese unsere eigenen Schweizer Bünzlis, die sind manchmal schräger als eben so ein „Ausländer“ der nichts anderes will, als sein eigenes Leben zu retten!! Und es schafft!!

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  2. Eine bewegte und bewegende Geschichte, danke für’s erzählen.
    Dem jungen Mann wünsche ich alles Gute und dass er bleiben und sich hier eine sichere Zukunft aufbauen darf.

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  3. Quasi der Lieblingsnachbar, den man sich wünscht. Die Geschichte zeigt, dass man viel erreichen kann wenn man nur will. Es ist nur ein etwas einseitiges Bild – wieso porträtiert man parallel dazu nicht noch einen Flüchtling der sich hier weniger integriert und kriminellen Machenschaften nachgeht ? Egal ob Presse oder SF DRS immer nur Vorzeigeflüchtlinge. Ich gönne es denen ja, aber es vermittelt ein falsches Bild.

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    1. check jetz Ihren Kommentar nicht. Ist doch alles voll mit den 7 Jungs die den Obbdachlosen in Berlin anzuzünden versuchten?

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    2. Das ist Berlin Neukölln mit gegen 50% der Bewohner mit Migrationshintergrund, da bestehen seit Jahrzehnten Gewaltprobleme. Das hat ja nichts mit den aktuellen Flüchtlingsströmen zu tun. Ich finde es sehr mühselig wie im SF DRS und den ganzen Medien immer wieder Vorzeige Flüchtlinge gezeigt werden, welche sich bei uns wunderbar integriert haben (was ja eigentlich begrüssenswert ist). Die Tatsache ist aber eine andere – es gibt eben auch jede Menge, die sich nicht integriert haben und sich nie anpassen werden. So staune ich zum Beispiel über die Eritreer in der Region, die meisten haben jeweils eine Bierbüchse in der Hand und sind angetrunken. Sind es mehrere im Tram brüllen Sie durch den ganzen Waggon oder hängen lautstark am Handy.

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    3. @ Hr. meier1
      Die Eritreer haben oder hatten jahrelang Arbeitsverbot.
      Da kommt man von alleine auf irgendwelche schiefen ideen, wenn ordentlich nix zu erreichen ist.
      Und sollten sie jetzt arbeiten dürfen, sind sie sicher nicht Angestellte erster Wahl, weder im Kundenbereich noch in irgendeiner qualifizierten Branche.
      Von der Seite gesehen sind es auch die Früchtchen einer eidgenössisch erstklassigen Flüchtlingspolitik… oder eben nicht.
      Ähnlich sieht es auch mit den arberitslosen Jugendlichen aus: Es gibt zuwenig Lehrstellen. …und Ausnutzen lässt man sich auch nicht gerne als Packesel oder Kulli vom Dienst zum Magerlohn.

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