«Everyday Rebellion»: Eine filmische Anleitung zum Widerstand

Wer das System verändern will, muss zum Regelbuch für gewaltfreie Protestbewegungen greifen, lehrt der bildstarke Dokumentarfilm «Everyday Rebellion». Möge er doch nur recht haben. Heute sind die Regisseure in Basel zu Gast.

Wer das System verändern will, muss zum Regelbuch für gewaltfreie Protestbewegungen greifen, lehrt der bildstarke Dokumentarfilm «Everyday Rebellion». Möge er doch nur recht haben.

Die Bilder gleichen sich: Menschen sammeln sich in Massen, und es werden immer mehr. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Im Gezi-Park von Istanbul. Im New Yorker Zuccotti Park. Auf der Plaça de Catalunya in Barcelona. Innerhalb weniger Jahre, manchmal gar innerhalb von Monaten, entstanden rund um den Globus Protestbewegungen, die sich denselben Idealen verschrieben haben: Demokratie, Selbstbestimmung, gerechte Wohlstandsverteilung, Chancengleichheit.

Das ist die suggestive Klammer des Dokumentarfilms «Everyday Rebellion», der demnächst in den Schweizer Kinos anläuft, und der Titel selbst giesst die Diagnose einer Zeitenwende in eine prägnante Formel: Es geschieht tagtäglich, in den verschiedensten Ecken der Welt.

«Everyday Rebellion» stammt von Arman und Arash Riahi, zwei Brüder, die mit ihren Eltern in den Achtzigerjahren vor den Umwälzungen des nachrevolutionären Iran geflohen sind und die nun in Österreich gemeinsam als Filmemacher arbeiten. Der Iran bildete den Ausgangspunkt von «Everyday Rebellion»: Nach der Präsidentschaftswahl 2009, deren offizielle Resultate den bisherigen Amtsinhaber Mahmoud Ahmadinejad in seiner Funktion bestätigten, warf ihm die Opposition Wahlbetrug vor, und ihre Anhänger gingen auf die Strasse. Es sollten die grössten Massendemonstrationen in der Geschichte der Islamischen Republik werden. Das Regime warf sie mit Gewalt und Repression nieder.

An diesem Punkt wollten die Riahi-Brüder ansetzen: «Uns interessierte, warum die Massenbewegung scheiterte, wieso ihr Führung und Struktur fehlten», sagt Arash Riahi am Telefon. Aber während der Recherchen hat die Weltgeschichte den lokalen Rahmen des Themas gesprengt: Im arabischen Raum gerieten die autoritär regierenden Machthaber ins Wanken. Im Westen formierte sich infolge der Wirtschaftskrise die Occupy-Bewegung in verschiedenen lokalen Brennpunkten, am bekanntesten diejenige in New York mit Blick auf die Wall Street.

Strategien und Strukturen der Bewegungen weisen jedoch Gemeinsamkeiten auf, die nicht nur zufällig sind.

In Spanien trat das Movimiento 15-M hervor, das die Grundrechte auf Wohnung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung und politische Beteiligung einforderte. Aus deren Manifest zitiert eine Off-Stimme zu Filmbeginn mit einem drohenden Flüsterton: «Ohne uns würde diese Welt nicht existieren, denn wir bewegen sie. Es ist Zeit, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.» Dazu schwenkt die Kamera über die Schauplätze und liefert starke Bilder von friedlich protestierenden Massen, während auf der Tonspur bedeutungsvoll die Celli dröhnen.

Den Impuls, dem die Riahi-Brüder gefolgt sind, offenbart der Film schnell und transparent. Etwas verbindet die Menschen von Kairo bis New York, von Madrid bis Istanbul. Die Gleichzeitigkeit der Proteste mag Folge lokalspezifischer sozialpolitischer Voraussetzungen sein, Strategien und Strukturen der Bewegungen weisen jedoch Gemeinsamkeiten auf, die nicht nur zufällig sind.

Die zentrale These stammt von der Politologin Erica Chenoweth, einer zentralen Figur des Films, die 2011 mit ihrer historischen Studie «Why Civil Resistance Works» für Aufsehen gesorgt hatte: Gewaltfreier Widerstand habe sich in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Verwirklichung der angestrebten Ziele im Vergleich mit gewaltsamen Umsturzversuchen als doppelt so effizient erwiesen.

Seminare für gewaltlose Strategien

Einer der bekanntesten Belege der These ist die Geschichte von Srđa Popović. Der gründete in den 1990er-Jahren in Serbien die Zivilorganisation Otpor!, die massgeblich zum friedlich verlaufenden Sturz von Slobodan Milošević beitrug. Von seinen Erfahrungen profitieren nun andere: Nach dem demokratischen Wandel in Serbien gründete er «Canvas», ein Zentrum für angewandte gewaltlose Strategien, das demokratische Aktivisten weltweit coacht. An der Rosenrevolution in Georgien oder der Orangen Revolution in der Ukraine.

Und 2010 besuchten Vertreter ägyptischer Jugendbewegungen, die ein Jahr später an den Demonstrationen in Kairo aktiv waren, Kurse bei ihm. «Auch wer grosse Ideale hat, muss mit kleinen Schritten beginnen», sagt Popović seinen Zuhörern im Film. Wie diese kleinen Schritte aussehen, hänge von den vorhandenen Möglichkeiten und Freiräumen ab. In Syrien schrieben Aktivisten ihre Schlagworte auf Pingpongbälle, die sie durch die Strassen hüpfen liessen. In Teheran betätigten die Bewohner eines Stadtviertels nachts zur selben Zeit unablässig den Lichtschalter, um zu zeigen, dass sie trotz der Repression noch da sind.

«Gandhi gewann nicht, weil er Buddhist war, sondern weil er ein guter Stratege war.» 

Srđa Popović

Und in New York nutzen Bürgerinitiativen die Praxis der Banken aus, Schulden von Menschen zu einem tieferen Preis an andere Firmen zu verkaufen, die sich danach um die Eintreibung kümmern sollen: Sie kaufen die Schulden auf und entlassen die Verschuldeten aus ihrer Zahlungspflicht. «Debt Resistance Movement» heisst das. «Gandhi gewann nicht, weil er Buddhist war», bilanziert Popović in einem Workshop, «sondern weil er ein guter Stratege war.»

Persönlichkeiten wie Chenoweth und Popović verleihen dem Film die Substanz, die dessen überschwänglichen Idealismus zu stützen vermögen. Denn was «Everyday Rebellion» neben den zahlreichen Schauplätzen und dem bis zur Erschöpfung vorgeführten Enthusiasmus aussen vor lässt, ist die Nachbetrachtung der Bewegungen, die zumindest aus heutiger Sicht weniger verheissungsvoll ausfällt. In Ägypten haben vorläufig die restaurativen Kräfte obsiegt, Syrien ist im Bürgerkrieg versunken. Die Massen versammeln sich nicht mehr in den Parks Gezi und Zuccotti.

Keine Analyse politischer Veränderungen

«Diesen Einwand hören wir oft», sagt Arash Riahi, «und er greift zu kurz. Niemand hat erwartet, dass Occupy in drei Jahren den Kapitalismus nachhaltig verändern wird. Und in den arabischen Ländern bleiben die Leistungen der Protestbewegungen bestehen, auch wenn sich ihre Forderungen noch nicht erfüllt haben.» Es sei nicht das Ziel von «Everyday Rebellion» gewesen, eine Analyse zu politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen zu liefern und damit indirekt die, so Raishi, «Ohnmacht des Dokumentarfilmers» zu bestätigen, sondern diesen Veränderungen als Advokat und Vermittler zur Seite zu stehen.

Parallel zum Film haben die Riahi-Brüder eine Online-Plattform gleichen Namens geschaffen, die sie seither mit ihnen zugesandtem Material füttern: eine «World Map» verschiedenster Protestbewegungen inklusive Videomaterial, Zeugnissen von politischen Kunst- und Netzaktionen sowie einem Leitfaden für den gewaltfreien Widerstand. Erst ein Blick in diese Fussnotensammlung vertieft, was der Film trotz umfangreichem Bildmaterial formal nicht zu liefern vermag: die Erkenntnis, dass sich selbst in manchen der starrsten und repressivsten Staatsformen Lücken für individuelle Entfaltungen finden. Von der Hoffnung, hierfür ein Publikum zu schaffen, lebt das Projekt.
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«Everyday Rebellion» startet am 11. September in den Schweizer Kinos. Vopremiere am Freitag, 5. September 2014 um 18.30 Uhr im kult.kino atelier. Im Anschluss Gespräch mit den beiden Regisseuren The Riahi Brothers. 

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