Fahren wie Gott in Frankreich

Wer mit dem Auto nach Frankreich reist, sollte diesen Text lesen. Oder auch nicht.

Sicher kein Triumph: In Frankreich fahren Hunderttausende ohne Fahrausweis herum. (Bild: Charles Platiau / Reuters)

Hunderttausende fahren in Frankreich ohne Fahrausweis. Doch das interessiert eigentlich niemanden wirklich – bis es kracht.

Es ist wie mit der Lotterie – alles eine Frage der Statistik. Bloss denkt man beim Autofahren nicht an Lottozahlen, sondern an Stoppschilder, Scheibenwischer oder Radarfallen. Wenn man in Frankreich unterwegs ist, beschleicht einen dennoch ein leicht mulmiges Gefühl – selbst wenn man im offenen Cabriolet unter den schnurgeraden Baumalleen des Midi gondelt, den Salzgeruch des nahen Meeres in der Nase oder die Melodie von «La vie en rose» auf den Lippen.

Für dieses Gefühl der Unwägbarkeit, ja der Unsicherheit gibt es Zahlen: Etwa fünf Prozent der Autos, die einem in Frankreich auf der Landstrasse entgegenkommen, werden von einem Fahrer gelenkt, der keinen Fahrausweis hat. Einer, der beispielsweise nie beweisen musste, dass er den Unterschied zwischen einem Brems- und einem Gaspedal kennt. Und nicht ganz die Hälfte von ihnen hat keine Fahrzeugversicherung; was etwa dann von Belang ist, wenn Sie beim Stoppschild von hinten gerammt werden, weil der Fahrer hinter Ihnen das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt hat.

«Alleine gelernt»

Soviel zur Theorie. Nehmen wir einen konkreten Fall. Junior, ein junger Chauffeur aus der Gemeinde Villiers-le-Bel nördlich von Paris, liefert für eine kleine Firma seit Jahren Waren aus. Nur einen Fahrausweis hat er nicht. Das sei nichts Besonderes, rechtfertigte er sich gegenüber dem Lokalblatt: «Ein Drittel der Jungen in meiner Wohnsiedlung hat das Fahren alleine gelernt.» Junior, der zur Sicherheit keinen Nachnamen nennen wollte, hat auch «alleine gelernt»: Er schnappte sich als Teenager eines Abends den Wagen seines Vaters. «Zu Beginn schaltete ich etwas abrupt, und auf den Kreuzungen schnitt ich die Kurve auf komische Weise.»

Man tut, was man kann. Wie seine Kumpels perfektionierte Junior seine Fahrkünste auf Autowracks ohne Rückspiegel und mit ausgeleierten Bremsen. Das habe auch sein Gutes gehabt, erzählte er dem Lokalblatt freimütig: «So lernt man, mit dem Motor zu bremsen und die toten Winkel zu beachten.»

Oder mit Polizeikontrollen umzugehen. Junior wurde schon mehrmals angehalten, bestand diese praktische Prüfung aber stets mit Bravour. «Ich sage jeweils, ich hätte meinen Fahrausweis zu Hause vergessen und gebe den Namen eines anderen an. Der geht dann mit seinem Ausweis auf die Wache.» Einmal gelernt und rasch beherrscht. Heute hat Junior mit diesem Verfahren grosse Routine.

52 Jahre ohne Fahrausweis

Andere lassen es gar nicht erst so weit kommen. Oder fast nie. Im Juni wurde ein 62-jähriger Nordfranzose in der Kohlepott-Gemeinde Harnes angehalten, weil er keine Sicherheitsgurten trug. Den verblüfften Gendarmen erklärte der bestandene Bürger, sein Vater habe ihn im Alter von zehn Jahren fahren gelehrt. Seither war er ohne Fehl und Tadel und Fahrausweis herumgefahren. Sein Renault war auf den Namen seiner Frau registriert und versichert.

In die regionale Presse schaffte es der Fall nur, weil der Mann 52 Jahre ohne gültigen Fahrausweis am Steuer gesessen hatte. Hunderttausenden wird diese Publicity nicht zuteil, obwohl sie sich wie der Bürger aus Harnes ans Steuer setzen: ohne je eine Fahrprüfung abgelegt zu haben.

«Rouler sans permis», das ist das letzte Tabu der französischen Gesellschaft. Oder, wenn man so will, die letzte Freiheit.

Ihre Zahl ist so gross wie ihr Schicksal banal. Die Sécurité Routière, die französische Verkehrssicherheit, schätzt ihre Zahl auf 300’000, der Automobile Club auf 450’000, der Kriminologe Christophe Naudin gar auf 2,7 Millionen. Korrekterweise zählt Naudin auch die gefälschten Fahrausweise und frisierten Nummernschilder mit. Die sind in Frankreich Legion, da nichts leichter ist, als den schlichten rosa Führerausweis zu kopieren. Das Polizeiministerium hat zwar vor wenigen Jahren einen fälschungssicheren Ausweis eingeführt. Der alte bleibt aber bis 2033 in Kraft.

Nimmt man einen Mittelwert der genannten Schätzzahlen, kommt man auf den erstaunlichen Befund, dass bei 38 Millionen Autofahrern knapp fünf Prozent aller Franzosen ohne Ausweis herumfahren. Offizielle Statistiken dazu gibt es nicht. Frankreich schaut lieber weg. «Rouler sans permis», Fahren ohne Fahrausweis, das ist das letzte Tabu der französischen Gesellschaft. Oder, wenn man so will, die letzte Freiheit.

Natürlich ist das verboten: Wer ohne gültigen «permis» kutschiert, wird mit bis zu 15’000 Euro gebüsst oder mit einem Jahr Haft bestraft. So will es ein Gesetz aus dem Jahr 2004. Angewendet wird es selten, und wenn, liegen die Strafen weit unter dem Höchstmass. «Rouler sans permis» gilt als viel weniger schlimm, als ins Bordell zu gehen. Und das wird ja auch nicht bestraft, so etwa ist die Logik des ausweislosen Fahrers. Der «permis» ist Nebensache. Hauptsache, man kommt vorwärts.

Keine Statistik

Im Auto ist der Franzose zugleich König und Revolutionär: Tief in seinem Innern ist er überzeugt, dass die Regeln wichtig sind – für die anderen. Laut einer Umfrage glauben 75 Prozent der französischen «automobilistes», dass sie gut fahren. Im gleichen Atemzug aber schätzen 58 Prozent, dass alle anderen schlecht fahren.

Wenn beide Resultate stimmen, muss in der Praxis zumindest eines falsch sein. Doch das ist zu spitzfindig für Airy Routier, einen angesehenen Recherchierjournalisten des linken Wochenmagazins «Le Nouvel Observateur». Er hat den «sans permis» ein Buch mit diesem Titel gewidmet. Seine Grundthese: Keine Statistik beweise, dass die «Ausweislosen» mehr Unfälle provozierten als andere.

Das stimmt insofern, als es über das Phänomen der «sans permis» keine Statistik gibt, nur ein paar begrenzte Untersuchungen. Etwa die des Verkehrpsychologen Jean-Marc Bailet. Sie zeigen ein anderes Bild: In Wahrheit, so Bailet, wüssten viele «Ausweislosen» nicht einmal, was ein Ausrufzeichen im roten Dreieck bedeute.

Frankreich schaut weg

Das Erstaunlichste ist, dass all das in Frankreich keinerlei Debatte auslöst, obwohl sich das Land seit Jahren viel Mühe gibt, die Zahl der Verkehrstoten zu senken. Die Sécurité Routière lanciert Kampagnen gegen den Alkoholismus ländlicher Discobesucher, macht Pusteröhrchen obligatorisch und überzieht das Land mit Tausenden Radaranlagen, um die beiden häufigsten Todesursachen – Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit – zu bekämpfen. Seit einigen Jahren verzichten die Staatspräsidenten am Nationalfeiertag sogar auf die traditionelle Bussen-Amnestie, aufgrund derer die Franzosen vor dem «Quatorze Juillet» überhaupt keine Verkehrsregeln mehr befolgten.

Dank solcher Präventionsmassnahmen ist die Zahl der Verkehrstoten binnen eines Jahrzehnts von 5731 auf 3268 im Jahr gesunken. Warum blendet Frankreich also aus, dass weiterhin Hunderttausende ohne Fahrausweis herumkutschieren?

Vielleicht, weil es sozialpolitisch zu brisant ist. Die meisten ausweislosen Fahrer stammen aus der Banlieue oder vom Land. Sie haben entweder kein Geld für die teure Fahrprüfung oder scheitern wegen Analphabetismus bereits an der theoretischen Prüfung.

Abtauchen in die ausweislose Existenz

Dazu kommen viele Franzosen, die ihren Fahrausweis beziehungsweise die damit verbundenen zwölf Punkte nach und nach verloren haben. Dieses Punktesystem war in Frankreich vor gut zwanzig Jahren eingeführt worden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Jedes Vergehen oder Delikt führt zum Verlust einer gewissen Punktezahl.

Der «permis à points» ist in Frankreich so verhasst, wie es die «gabelle», die Salzsteuer, im Mittelalter gewesen war. Premierminister Pierre Bérégovoy musste 1992 die Panzer aufbieten, um Protestblockaden von Lastwagenchauffeuren und Bauern zu knacken.

Einer erzählte in der Regionalzeitung, er fahre ohne Ausweis und ohne Versicherung. Er ist freischaffender Ambulanzfahrer.

Heute gibt es Anwälte, die einzig damit beschäftigt sind, Berufsfahrern aus der Patsche zu helfen, nachdem die Polizei ihren Fahrausweis wegen Punkteverlust annulliert hatte. Einer der bekanntesten ist Sébastien Dufour. Er wurde auf der Autobahn selbst schon mit 212 km/h geblitzt. Mit seinem normierten Einspracheverfahren hat Dufour zwar oft Erfolg, allen kann aber auch er nicht helfen. Die tauchen dann in die ausweislose Existenz ab und vergrössern das unsichtbare Heer der «sans permis».

Ohne Fahrschein und Versicherung

Einer von ihnen erzählte in der Regionalzeitung «La Dépêche du Midi», er fahre ohne Ausweis und ohne Versicherung. Sein Auto sei sein Beruf. Er ist freischaffender Ambulanzfahrer.

Branchenexperten schätzen, dass bis zu zwei Prozent der 38 Millionen Autofahrer ohne Fahrzeugversicherung unterwegs sind. Verursachen sie einen Unfall, hat das Opfer Pech gehabt: Kaum ein «sans permis» könnte zum Beispiel für eine Querschnittslähmung aufkommen. 

Manchmal würde auch eine Versicherung nichts mehr bringen. In Marseille wurde vor ein paar Jahren eine Mutter mit ihren beiden Kindern an der Hand auf einem Trottoir von einem Motorrad umgefahren. Sie kamen allesamt ums Leben. Der Fahrer hatte seine zwölf Punkte und damit seinen Ausweis kurz zuvor verloren. Allerdings war er nicht einmal allein schuld. Er war selbst von einer Autofahrerin gerammt worden, die ebenfalls keinen Ausweis mehr hatte.

Konversation

  1. der arm des gesetzes ist ungleich.
    ein neulenker egal welcher nationalität
    darf in fankreich
    statt statt 130 nur 110- statt 110 nur 90- statt 90 nur 80 kmh fahren
    nur wer weiss dies schon!
    die EU ist ein monster was regelungen angeht- was die einzelnen
    länder betrifft ist die EU eine atombome- fahren sie mal
    in Italien mit winterpneus im sommer oder ohne CH kleber.
    viel freude in Deutschland kein problem!!!

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  2. Nun ja – das können wir in der Schweiz auch. Offizielle Untersuchungen haben ja ergeben, dass ca. 1/3 jener Autofahrer, denen der Ausweis entzogen wurde, frisch-fröhlich ohne Billett weiter fahren. Fachleute meinen sogar, dass es ca. 50% sind. Probleme bekommen dann jene Verkehrsteilnehmer, die mit solchen Typen einen Unfall haben. Einer kenne ich selbst, zur Rede gestellt meinte dieser nur „Das ist nun die Rache des kleinen Mannes am grossen Staat“..! Weit haben wir’s gebracht. Nun ja – man hat ja tolle Vorbilder in Sachen Moral bei den „grossen Tieren“ im Staat!

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