Falsche Fische: «Poissons d’avril»

Wer heute ins Elsass fährt, hat gute Chancen, mit einem Fisch an der Jacke heimzukommen. Denn in Frankreich kleben sich die Leute am 1. April gegenseitig Fische aus Papier, «poissons d’avril» auf den Rücken. Woher der Brauch kommt, ist umstritten.

So wird's gemacht! (Bild: Hans-Jörg Walter)

Wer sich heute nach Frankreich wagt, sei auf der Hut – gut möglich, dass er mit einem Fisch auf dem Rücken zurückkommt.

Gestern Abend haben sie wieder geschnitten was das Zeug hält. Einfache Fische aus Papier, die «poissons d’avril». Dutzende. Am Vorabend des 1. April gibt es für französische Kinder nichts wichtigeres, als das unverzichtbare Material herzustellen.

Der Fisch darf nicht grösser als die Handfläche sein, damit man sich unauffällig damit an das auserkorene Opfer heranschleichen kann. Und er ist mit einem Klebstreifen präpariert. Dann braucht man sich nur noch diskret der Zielperson anzunähern und ihr den Fisch auf den Rücken zu kleben. Natürlich ohne dass diese etwas davon mitbekommt.

Besser noch man arbeitet im Team: Einer lenkt ab, der andere schleicht, klebt und macht sich davon. Die heutigen Kinder haben es dank Klebstreifen einfach. Früher musste man noch grösseres Geschick aufbringen, galt es doch den Fisch mit schnellen Stichen unbemerkt anzunähen oder ihn mit einer Stecknadel festzupinnen.

Wenigstens die Lehrer haben heute ausnahmsweise einen ruhigen 1. April. Sie sind sonst die beliebtesten Opfer und müssen auf der Hut sein, dass sie den Tag nicht mit einem ganzen Schwarm am Rücken beenden.

Der geschenkte Fisch

Die Herkunft des Brauches ist umstritten – wie so oft. Vor 1564 begann das Jahr in Frankreich am 1. April. Der gängigsten Erklärung nach war es üblich, sich zum Jahresanfang kleine Geschenke zu machen. Eine beliebte Gabe waren Nahrungsmittel. Da der 1. April in der Fastenzeit lag, verschenkte man halt auch gern Fische.

Dann führte König Karl der IX. mit dem Edikt von Roussillon eine grosse Kalenderreform durch. Auf seinen Reisen hatte er festgestellt, dass in seinem Reich kein einheitlicher Jahresbeginn existierte. Zwar fiel er meist auf den 1. April, in manchen Diözesen aber auch auf  Weihnachten, Ostern, den 25. März (dem angenommenen Datum von Marias Empfängnis, «annuntiatio») oder den 1. März wie schon im alten Rom. Eine Tatsache, die es den Historikern bis heute nicht einfach macht, Jahreszahlen der aktuellen Zeitrechnung korrekt zuzuordnen.

Schluss mit dem Durcheinander

Karl IX. also wollte dem nicht länger zusehen und reformierte das Durcheinander. Er  beschloss das Jahr solle einheitlich für alle am 1. Januar beginnen. Die Folge: Die Franzosen mussten plötzlich schon drei Monate früher Gaben für die Lieben parat haben. Das sprach sich nicht sofort überall herum und so manchen passte das auch einfach nicht und sie beschenkten sich weiterhin zum 1. April.

Mit der Zeit gewöhnte man sich an die neue Sitte und diejenigen, die sich noch zum 1. April beschenkten, wurden als rückständig angesehen. Man machte sich einen Spass daraus, ihnen «falsche Fische» aus allen möglichen Materialien unterzuschieben.

Andere Quellen halten es für wahrscheinlich, dass man deshalb ausgerechnet Fische auf seine unaufmerksamen Lieben klebt, weil in dieser Zeit das letzte Wintersternzeichen, die Fische, vom ersten des Frühlings, dem Widder, abgelöst wurde. Der Fisch war ja gleichzeitig das Symbol der Fastenzeit.

Falsche Fische

Und wieder andere erklären es damit, dass ab Anfang April das Fischen in Frankreich verboten ist, weil die Fische dann Ruhe zur Fortpflanzung brauchen. Da lag es auf der Hand den Anglern einen Streich zu spielen, indem man sie mit falschen Fischen «beglückte».

Was auch immer der wahre Grund sein mag – sollten Sie heute einen Ausflug ins Elsass planen – werfen Sie ab und zu einen Blick hinter sich.

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