Frehner wird von seiner Vergangenheit eingeholt

Die Anklage gegen Sebastian Frehner hat eine politische Dimension. Das zeigt eine Nacherzählung der Polit- und Berufskarriere des heutigen Nationalrats.

Haben sich nichts mehr zu sagen: Bernhard Madörin (oben) und Sebastian Frehner.

Bernhard Madörin und Sebastian Frehner verband einmal viel. Jetzt stehen sie beide vor Gericht, angeklagt wegen «untergeordneter Handlungen für die Gründungen von Gesellschaften». So formuliert das Frehner. Sie stellen sich der Anklage durch die Basler Staatsanwaltschaft nicht als ehemalige Partner und heutige Leidensgenossen, sondern als Opfer des jeweils anderen. 

Zu sagen haben sich Frehner und Madörin schon lange nichts mehr. Dabei war ihre Beziehung vor einer Weile noch ganz auf Win-win gestellt. Wie es dazu kam – und was das mit dem heutigen Strafverfahren zu tun hat, offenbart der Blick zurück: eine Erzählung aus den Wanderjahren von Sebastian Frehner, recherchiert mit Schilderungen ehemaliger und aktueller Weggefährten.

Ein Job beim Parteikollegen

Als Sebastian Frehner mit Mitte Dreissig die Universität verliess, suchte er eine Anstellung. Auf seiner frisch gedruckten Visitenkarte hiess es Dr. jur., seine Dissertation zu kartellrechtlichen Fragen erschien 2007. Doch trotz Promotion in der Aktentasche fiel es Frehner schwer, eine Stelle zu finden, die seinem Ehrgeiz gerecht wurde, beruflich wie politisch.

Also klopfte Sebastian Frehner beim SVP-Parteikollegen Bernhard Madörin an. Der Treuhänder mit eigener Firma sass bis 2006 für die SVP im Grossen Rat, sein Netzwerk war gross, in der eigenen Partei und darüber hinaus. Madörin stellte Frehner an.

Damals war Frehner der aufstrebende Jungpolitiker in der stark überalterten, skandalgeschüttelten Basler SVP-Sektion. Nationalrat Jean Henri Dunant hatte ihn unter seine Fittiche genommen, förderte ihn, liess ihn die Partei umgestalten. Frehners Platz am Tisch des Grandseigneurs machte ihn interessant für all jene, welche in der und durch die Partei weiterkommen wollten.

Madörin setzte also auf Frehner und dessen Durchsetzungsvermögen. Das war gefragt, als die SVP an der Reihe war, einen Verwaltungsrat für den Basler Energieversorger IWB zu stellen. Die Aufsicht über das Unternehmen war damals anders als heute politisiert und mit Parlamentariern durchsetzt. 

Ein lukratives Mandat

Die Parteileitung setzte eine Findungskommission ein, merkte aber bald, dass die Auswahl an qualifizierten Kandidaten in den eigenen Reihen überschaubar war. Madörin brachte als Treuhänder und erfahrener Verwaltungsrat den passenden Lebenslauf mit. Doch weil das Mandat lukrativ war, gab es viele Interessenten. 

Madörin brauchte ein bisschen Schub, und Frehner soll ihm diesen verschafft haben. Das erzählen mehrere aktive und ehemalige SVP-Politiker, welche die damaligen Vorgänge aus der Nähe erlebt haben. Sie wollen anonym bleiben, weil Frehners Kritiker in der Partei in aller Regel keine Zukunft haben.

Der Bruch zwischen Parteifreunden

Einer der offen darüber spricht, ist der frühere SVP-Grossrat Michel Rusterholtz, zu jener Zeit Kassier der Partei: «Jeder wusste, dass Frehner ihn (Madörin, red.) zum IWB-Verwaltungsrat gemacht hat, es war ein offenes Geheimnis.» Rusterholtz verliess die Partei Jahre später im Streit mit Frehner.

Madörin wurde schliesslich 2009 in den IWB-VR gewählt, dort blieb er bis Ende 2017. Dafür erhielt er eine Entschädigung von zuletzt knapp 30’000 Franken. Er bestreitet, eine allfällige Vereinbarung mit Frehner getroffen zu haben: «Wahlkörper war der Grosse Rat. Die Findungskommission der SVP hat darüber befunden.» Frehner selbst lässt Fragen der TagesWoche unbeantwortet.

Für Sebastian Frehner brachte die Arbeit für Madörin nicht nur den Einstieg ins Berufsleben, er konnte in seinem Büro auch Parteiarbeit verrichten. Madörins Firma Artax Fide Consult AG wurde über die Dauer zu einem kleinen Parteisekretariat. So lief etwa die sogenannte «Gewalt-Hotline», ein Bürgertelefon zu Wahlkampfzwecken, über die Artax. 

Das offizielle Parteisekretariat mit entsprechender Abgeltung erhielt Madörin nie zugesprochen. Was daran lag, dass er sich nach nur zweieinhalb Jahren mit Frehner überwarf. Als sich die Wege der beiden im Sommer 2009 trennten, soll Madörin Frehner wütend Inkompetenz vorgeworfen haben. Das bestätigen mehrere Gesprächspartner. Den Vorwurf erhob er noch Jahre später. «Er sagte mir, Frehner sei schuld daran, dass er nun juristische Probleme bekomme, er habe zu viele Fehler gemacht», erinnert sich Rusterholtz. 

Madörin will die Aussage nicht kommentieren. Wer an was schuld ist oder auch nicht, wird das laufende Strafverfahren im kommenden Jahr zeigen. Für beide Angeschuldigten besteht die Unschuldsvermutung.

Frehner suchte sich einen neuen Broterwerb, fand schliesslich eine Tätigkeit für einen Versicherungsvermittler. Für Madörin interessierte sich bald die Strafverfolgung wegen betrügerischer Vorgänge rund um den Gratis-Anzeiger «Regio aktuell».

Der gescheiterte Putsch

Frehners politischer Weg ging steil nach oben. 2009 setzte er sich innerparteilich durch und wurde Basler SVP-Präsident. Ein Jahr später rückte er für den erkrankten Dunant in den Nationalrat nach, wo er heute noch sitzt.

Madörin war dagegen am Ende seiner politischen Laufbahn angelangt. Die angestrebte Nationalratskandidatur von 2011 beerdigte er, weil er Gerede rund um seine beruflichen Aktivitäten befürchtete. 2012 tauchte er plötzlich als Alternative zu Frehner für den Parteivorsitz wieder auf. Eine Gruppe altgedienter SVP-Politiker rund um den mittlerweile verstorbenen Karl Schweizer, wollte Frehner aus dem Präsidium bugsieren. Madörin stellte sich als Schattenpräsident zur Verfügung.

Der Putsch scheiterte kläglich, Frehner sortierte seine Gegner aus und Madörin musste sämtliche politische Ambitionen begraben. Aus der SVP ist er mittlerweile ausgetreten.

Für Frehner lief trotz aller Kämpfe und Krämpfe lange alles nach Plan. Doch nun könnte ihn mit der aktuellen Anklage die Vergangenheit einholen.

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