Habib Koité spricht über Afrika und seine Musik

Der malische Musiker Habib Koité bringt sein neues Album «Soô» ins Basler Union. Im Interview sagt er, wie es um den Fortschritt in seinem Heimatland steht, warum er Los Angeles liebt und was er an Edith Piaf genial findet.

Bringt neue Lieder auf die Bühne des Basler Unionsaals: Habib Koité.

Der malische Musiker Habib Koité bringt sein neues Album «Soô» ins Basler Union. Im Interview sagt er, wie es um den Fortschritt in seinem Heimatland steht, warum er Los Angeles liebt und was er an Edith Piaf genial findet.

Er ist der grosse Katalysator der Musik Malis: Seit zwanzig Jahren hat sich Habib Koité auf die Fahnen geschrieben, die Klänge und Rhythmen des Vielvölkerstaates zusammenzuführen. In Basel war er zuletzt beim Jazzfestival 2012 mit dem Amerikaner Eric Bibb zu hören. Nun kommt er mit seinem neuen Werk «Soô», einem eleganten Zyklus akustischer Lieder, ins Union. Wir haben vor seinem Auftritt mit ihm gesprochen.

Habib Koité, Ihr neues Repertoire umfasst Lieder in vielen Sprachen Malis, von Bambara über Malinke bis Dogon. Wollen Sie nach der Rebellion der Tuareg und der kurzzeitigen Machtübernahme des Nordens durch Islamisten mit Ihrer Musik die Einheit Malis beschwören?

Ich habe schon immer in verschiedenen Sprachen gesungen, einer meiner grössten Erfolge hatte sogar einen Text auf Tamaschek, der Tuareg-Sprache. Diese Diversität spiegelt den Reichtum malischer Kultur wider, auf dieses Erbe sind wir stolz. Also hat mein Ansatz nichts mit der momentanen Situation in Mali zu tun, aber natürlich regt er in dieser Krise zum Nachdenken an und ich wünsche mir, dass die Leute auf diese Weise den Vorteil sehen, den die Einheit des Landes darstellt.

Im Titelstück «Soô» geht es darum, dass die Malier im Land bleiben sollen anstatt ihr Glück in Europa oder den USA zu suchen. Glauben Sie, dass Mali eines nicht allzu fernen Tages in der Lage sein wird, seine Bevölkerung selbst gut zu ernähren?

Ich bin kein Politiker. Ich spreche lediglich davon, wie wichtig es ist, einen Ort zu haben, an dem man sich wohl fühlt, wo man aufgewachsen ist, Familie, Freunde, Erinnerungen hat. Ich für meinen Teil bin viel gereist zwischen allen Kontinenten, und habe ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass man den Verlust des Zurückgelassenen spürt, denn das findet man sonst nirgends. Gerade in dieser Situation, in der sich viele Leute in der Heimat nicht mehr wohl und sicher fühlen, möchte ich ihnen Mut zusprechen, für eine bessere Zukunft zu arbeiten, nicht im Ausland, sondern zuhause.

«Bis in Mali wirklich Chancengleichheit herrscht, wird noch viel Zeit vergehen.»

Für die Armen im Land sind das fast unmögliche Forderungen…

Die Verantwortlichen müssen die Korruption in den Griff bekommen und endlich mit der persönlichen Bereicherung aufhören. Die finanziellen Mittel müssen für Bildung eingesetzt und das ungleiche Niveau zwischen Europa und uns auf dem Gebiet der Technologie muss ausgeglichen werden. Bis der Anaphabetismus bekämpft werden kann und wirklich Chancengleichheit herrscht, wird noch viel Zeit vergehen.

Wie bei vielen Ihrer Landsleute beherrschen zwei gesellschaftliche Themen die Liedtexte: die Beschneidung von Frauen und die Zwangsheirat. Wenn man immer wieder darüber singen muss, bedeutet das, dass sich noch nichts bewegt hat?

Seit ungefähr zehn Jahren gibt es etliche Assoziationen, die der Beschneidung den Kampf angesagt haben und zumindest in den Städten wird allmählich etwas erreicht. Die arrangierte Heirat ist eine härtere Nuss, denn da stehen immer handfeste finanzielle Interessen dahinter: Ein alter Mann legt einen Sack Geld auf den Tisch der armen Familie, um die junge Tochter zu bekommen, und dieser Familie bleibt oft keine andere Wahl. Doch trotzdem gibt es in Mali in letzter Zeit auch immer mehr Liebeshochzeiten.

Das eingängigste Stück auf Ihrer neuen CD preist im Refrain den Tequila und nennt sich «L.A.». Ein Trinklied?

Nein, eher eine Hommage an Los Angeles, wo ich mich immer sehr wohlfühle, das ist fast wie eine zweite Heimat. Dort habe ich Musikerfreunde wie Jackson Browne, Bonnie Raitt oder Joan Baez gewonnen. Der Tequila bezieht sich auf eine Erinnerung: Wir sind nach langer Fahrt in L.A. angekommen und haben mitten in der Nacht eine Snackbar gefunden und bekamen im Anschluss noch einen Tequila serviert. Und dieses ausgelassene Stück habe ich dann mit Rhythmen aus meiner Heimat unterlegt.

Sie schreiben ja nicht nur Texte über politische und soziale Probleme, sondern singen auch immer wieder über die Liebe. Ihr erklärtes Vorbild dabei erstaunt: Édith Piaf?

Ich habe sie richtig entdeckt, als letztes Jahr ihr 50. Todestag begangen wurde. Édith Piaf schafft es in ganz genialer Weise, über die Liebe zu sprechen und das mit unfassbar vielen Variationen. Sie konnte buchstäblich ihre ganze Karriere auf diesem Hauptthema aufbauen, der Liebe. Davor ziehe ich meinen Hut.

Noch ein Wort zum Sound Ihrer neuen Band – was haben Sie da verändert?

Es sind nun junge Musiker an Handperkussion, Gitarre, Banjo, Keyboard, Bass, Buschharfe und Spießlaute. Es gibt kein Schlagzeug mehr, was für den Klang eine ziemlich radikale Veränderung ist. Außerdem gehören die Mitglieder verschiedenen Ethnien an, kommen teils auch aus nördlichen Regionen und bringen ihre Färbungen mit. Ich bin also immer noch darum bemüht, die Mikrokulturen, die verschiedenen Volksgruppen unseres Landes miteinander zu verknüpfen.
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Habib Koité live: Samstag, 22.3., Union, Klybeckstrasse 95, Basel.
Neues Album: «Soô» (Contrejour)

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