Hakan Sükür – vom Volkshelden zum Verfemten

Weil er Präsident Erdogan beleidigt haben soll, wird er per Haftbefehl gesucht. Nun ist Hakan Sükür, der prominenteste türkische Fussballstar, von seinem Klub Galatasaray Instanbul ausgeschlossen worden, da sich der 45-Jährige zur Gülen-Bewegung bekennt. Eine Geschichte über den zunehmenden politischen Druck auf den Sport in der Türkei.

Striker Hakan Sukur of Turkey reacts after he missed a goal chance against Switzerland at the Stade de Suisse Wankdorf in Bern, Switzerland, Saturday, Nov. 12, 2005, during the World Cup 2006 qualifying play-off first leg soccer match between Switzerland and Turkey. Switzerland won the match 2-0. (KEYSTONE/AP Photo/Murad Sezer)

(Bild: MURAD SEZER)

Weil er Präsident Erdogan beleidigt haben soll, wird er per Haftbefehl gesucht. Nun ist Hakan Sükür, der prominenteste türkische Fussballstar, von seinem Klub Galatasaray Instanbul ausgeschlossen worden, da sich der 45-Jährige zur Gülen-Bewegung bekennt. Eine Geschichte über den zunehmenden politischen Druck auf den Sport in der Türkei.

Am vergangenen Samstag schloss der hochverschuldete Sportverein Galatasaray Istanbul auf einer Mitgliederversammlung 2700 Mitglieder aus, die seit sechs Jahren ihre Jahresbeiträge nicht bezahlt hatten. Andere Mitglieder wurden auf dieser Versammlung ausgeschlossen, weil sie Verbindungen zu der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen haben sollen. Die AKP-Regierung und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan machen diese für den gescheiterten Putschversuch im vergangenen Juli verantwortlich.

Aus dem Galatasaray Spor Kulübü wurden deswegen so bekannte Persönlichkeiten verbannt wie der inhaftierte ehemalige Gouverneur von Istanbul, Hüseyin Avni Mutlu, oder der ehemalige Staatsanwalt Zekeriya Öz, der die Ergenekon-Ermittlungen und jene im Fussball-Manipulationsskandal von 2011 geleitet hatte.

Klubleitung setzt sich über Mitgliedervotum hinweg

Die beiden Fussball-Legenden Hakan Sükür und Arif Erdem aus ihrem Klub auszuschliessen, ging den Mitgliedern des einst an einem französischen Gymnasium gegründeten Klubs aber zu weit. Schliesslich, so ein Mitglied laut Medienberichten bei der Aussprache, habe das Volk auch der Regierung, die seit 15 Jahren dieses Land regiert, die Beziehungen zur Gülen-Bewegung verziehen. Galatasaray bestehe aus Menschen, die sich grundsätzlich für den Laizismus und die säkulare Republik in der Türkei einsetzten, niemand könne den Klub einer Randgruppe zuordnen, nur weil zwei oder drei Fussballer in jungen Jahren mit einer Sekte sympathisierten.

Nach der Abstimmung der Mitglieder am Samstag blieben Hakan Sükür und Arif Erdem weiter Mitglieder ihres Klubs. Am Sonntagabend aber gab der Klub in zwei Zeilen auf seiner Website bekannt, dass den beiden ehemaligen Nationalspielern doch die Mitgliedschaft entzogen worden sei.

Der Druck der Politik auf den Sport nimmt zu

Dass Sport nichts mit Politik zu tun habe, ist seit jeher ein grosses Märchen der Mächtigen überall auf der Welt. In der Türkei aber nimmt der Einfluss der Politik auf den Sport immer mehr zu. Am Sonntag hatte Sportminister Akif Cagatay Kilic Galatasaray in Bezug auf die weitere Mitgliedschaft von Sükür und Erdem gedroht: Das Management des Klubs müsse umgehend handeln und diesen Fehler beheben.

Auch der stellvertretende Premierminister Veysi Kaynak setzte in einem Interview mit dem TV-Sender «CNN Türk» den Galatasaray-Vorstand unter Druck, er sagte: Der Klub habe Menschen ausgeschlossen, die nicht so klar der Gülen-Bewegung wie Hakan Sükür zuzuordnen sind. Wenn Galatasaray aber eine Symbol-Figur der Gülen-Bewegung wie Hakan Sükür beschütze, werde sie den Klub ruinieren.



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Hakan Sükür im Galatasaray-Trikot mit dem türkischen Meisterpokal im Jahr 2008 – dem letzten Titelgewinn, bevor er seine aktive Fussballerkarriere beendete. (Bild: Imago)

Dass das Mitgliedervotum vom Samstag dem Vorstand so schnell nicht mehr als bindend erschien, macht nach den Einlassungen der Regierungs-Politiker den Einfluss der Politik auf die Entwicklungen im Sport deutlich. Sportminister Kilic erklärte nach dem Ausschluss zufrieden: «Galatasaray tat das Richtige, weil in unseren Klubs kein Platz für jene ist, die sagen, sie sind mit den Verrätern der Menschen, des Landes und des Staates.» Als Gülen und Erdogan noch Partner waren, galt Sükürs Einzug ins Parlament auf dem Ticket der AKP im Jahr 2011 als Symbol der Allianz zwischen islamisch-konservativer Regierung und der Gülen-Bewegung.

Hakan Sükür – der Fussball-König

Hakan Sükür ist der bekannteste Fussballer der Türkei und mit 51 Toren in 112 Länderspielen Rekordtorschütze der Nationalmannschaft. Den Mittelstürmer Sükür nannten die Fans ehrfurchtsvoll «Kral» (König), im Jahr 2000 führte er Galatasaray zum Uefa-Cup-Gewinn – bis heute der einzige Europapokalsieg einer türkischen Mannschaft.

Den Sieg im Elfmeterschiessen gegen den FC Arsenal feierten auf der Tribüne in Kopenhagen damals 200 Abgeordnete und zwölf Minister, die parlamentarische Woche in der Türkei war unterbrochen. Zwei Jahre später feierte die Nationalmannschaft bei der WM in Japan und Südkorea mit dem dritten Platz den grössten Erfolg ihrer Geschichte, Sükür, «der Bulle vom Bosporus», war einer der Protagonisten. Acht Mal feierte er mit Galatasaray die türkische Meisterschaft.

Hakan Sükür – der Politiker

Doch der Fall vom Volkshelden zum Verräter begann im Dezember 2013, als Sükür aus der AKP austrat. Dies machte das Zerwürfnis zwischen Erdogan und Gülen öffentlich, Sükür warf der AKP «feindliche Schritte» gegen die Gülen-Bewegung vor. Einher ging diese Entwicklung damals mit Korruptionsvorwürfen gegen Mitglieder der Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Erdogan, Erdogan selbst und dessen Sohn Bilal.

Erdogan stellte dies als «Verschwörung» der Gülen-Bewegung dar, Hunderte Beamte aus dem Justiz- und Polizeiapparat wurden versetzt. Gesetze wurden geändert, Telefongespräche zählten vor Gericht nicht mehr als Beweis. Davon profitierten auch die Verurteilten im Fussball-Manipulationsskandal, der neu aufgerollt wurde. Urteile – wie das gegen Aziz Yildirim, den Präsidenten von Fenerbahce Istanbul, – wurden wieder kassiert.

Yildirim war ursprünglich wegen der «Bildung einer kriminellen Bande» zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, er stellt den Manipulationsskandal als «Verschwörung der Gülen-Bewegung» dar.

Vom Helden zum Verfemten

Hakan Sükür war fortan ein Verfemter, im Februar 2016 wurde er wegen Präsidentenbeleidigung angeklagt. Er soll Staatspräsident Erdogan und dessen Sohn Bilal via Twitter beleidigt haben, Sükür dementierte das. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 wird der ehemalige Fussballstar in der Türkei per Haftbefehl gesucht, als Gülen-Anhänger ist er für die türkische Justiz «Mitglied einer bewaffneten Terrororganisation».

Sükür soll sich in den USA aufhalten. Seit Montag ist der ehemalige Volksheld in der Heimat nun auch nicht mehr Mitglied bei seinem Verein Galatasaray.

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» Die Vita von Hakan Sükür bei Wikipedia

Konversation

  1. Leider spinnen die Türken nicht nur. Es sind sehr gefährliche Tendenzen da in der Türkei, die auch für uns Auswirkungen haben könnten. Es muss genau beobachtet werden, wie sich die militärische Stärke dieses Landes verändert. Kriegsmateriallieferungen in die Türkei sind allemal zu ächten!

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  2. Die Türken, die Spinnen! Sie benehmen sich bald wie damals die Römer! Was oder wer Ihnen nicht passt, wird eingesperrt. Bald wird vermutlich die Todesstrafe zum eingefügrt!

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  3. @ Schöpfer @Minister

    „Die Türken, die spinnen!“
    „Leider spinnen die Türken nicht nur.“

    Erinnern solch primitive und diffamierende Pauschalisierungen nicht auch an die NS-Zeiten?

    Wie kommt das beim mehrheitlich vernünftig empfindenden Teil des türkischen Volkes an?

    Was bezwecken die beiden Autoren mit solchen Aussagen?

    Und weshalb, allem voran, toleriert die Redaktion Beiträge, die eine ganze Volksgruppe diffamieren?

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    1. @mindyou:
      Der eine scheint etwas viel Asterix zu lesen, der andere scheint etwas mehr Einsicht zu haben, wovon er auch schreibt.
      Von Ihrer Seite sehe ich nun v.a. Fragezeichen.
      Meine Infos sind, dass Herr Erdogan, aus einfachen VErhältnissen stammend, früher sehr beliebt war und das Land auch gefördert hat, mit der Zeit aber ein eigenartiger Wandel da stattgefunden hat, sehr zum Nachteil von Leuten, die ihn nicht unbedingt umjubeln. Seine Reden sollen auch zunehmend „bodenständiger“ werden, wobei mein Türkisch nicht ausreich, um dies selber beurteilen zu können. Massenweise Verhaftungen, Amtsenthebungen sind aber kein Zeichen eines regulär funktionierenden Staatssystems. Kritik MUSS erlaubt sein, ansonsten muss das wohl als zumindest Meinungsdiktatur beschrieben werden. Die Abstimmung zu Ostern scheint auch die Frage zu beinhalten, wieviel demokratische Grundstrukturen in diesem Staat übrig bleiben werden.
      Dass er viele Umjubler hat, ist klar, da viele Leute wenig gebildet sind und halt lieber Moscheen statt Schulen gebaut werden. Die zunehzmende religiöse Verstärkung scheint dazu zu führen, dass langsam die Touristen wegbleiben, ergo das Land nun zunehmend verarmen wird.
      Es scheint leicht dort zu sein, für wenig Geld sich dort eine Pro-Stimme kaufen zu können, was auch kein Zeichen eines sauber funktionierenden Staates ist.

      Frage:
      Sind Sie noch besser informiert?
      Wären Sie bereit, Ihre Infos hier zu veröffentlichen?
      Dann sparen wir uns die Asterix-Leser.

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    2. @mindyou: Sie scheinen neu im Leserkommentarbusiness zu sein, denn „die Türken, die spinnen“ ist nun echt liebevoll gemeint. Ich würde mich auch bei allen Türken entschuldigen, die sich dadurch verletzt fühlen…ABER „Wehret den Anfängen“ halte ich für wichtiger. Es IST gefährlich, was da in der Türkei geschieht. Davor darf man die Augen nicht verschliessen. Das von den (stimmberechtigten) Türken gewählte Regime verhält sich repressiv und unterdrückt Andersdenkende in einem Mass, dass ich hinter diesem Satz stehen kann. Denn aufgerufen ist die türkische Bevölkerung, sich dagegen zu wehren. Auch wenn ich denke, dass das Resultat dieser Abstimmung schon vorher fest steht. Oder wieso soll einer, der tausende relativ einfach ins Gefängnis stecken kann, nicht eine Abstimmung zu seinen Gunsten beeinflussen können?

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  4. Da dürfte ein rascher Asylantrag fällig werden!
    Sonst darf er bald Ratten füttern irgendwo in einem dunklen Loch.

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  5. Das erinnert doch fatal an die braunen Zeiten von Adolf H. Da wurden jüdische Sportler, auch wenn sie noch so erfolgreich waren, aus rassistischen Gründen vom Sportbetrieb ausgeschlossen. Zum Glück ist die Türkei keine so bedeutungsvolle und mächtige Nation wie Nazi-Deutschland, sonst müssten wir noch einen Dritten Weltkrieg befürchten.

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