In Italien eskaliert die Gewalt gegen Flüchtlinge

In Italien eskalieren die Proteste gegen Flüchtlinge. In manchen Gemeinden protestieren die Anwohner gemeinsam mit Neofaschisten gegen die Unterbringung von Asylsuchenden.

Ein Protest-Teilnehmer macht den Hitler-Gruss. Der Protest richtete sich gegen 19 ankommende Asylsuchende im Dorf Casale San Nicola nahe von Rom.

(Bild: MASSIMO PERCOSSI)

In Italien eskalieren die Proteste gegen Flüchtlinge. In manchen Gemeinden protestieren die Anwohner gemeinsam mit Neofaschisten gegen die Unterbringung von Asylsuchenden.

Fäuste und Stühle flogen, Strohballen brannten, die Polizei schlug mit Gummiknüppeln um sich. Die sozialen Spannungen in Italien nehmen zu. Von Cagliari auf Sardinien über Treviso in Venetien bis nach Rom fielen die Proteste gegen die Unterbringung von Flüchtlingen am Wochenende schärfer aus.

82’000 Menschen befinden sich in den italienischen Auffanglagern und anderen Strukturen, bis Ende des Jahres werden 200’000 Ankömmlinge erwartet, so viele wie noch nie. Rechtspolitiker und Neofaschisten heizen die Lage zusätzlich an.

Auch am Sonntag ging der Protest der Anwohner von Casale San Nicola weiter. «Eine Schlacht ist verloren, nicht aber der Krieg», hiess es aus der rechten Szene in Rom. Die «Schlacht», damit waren die Krawalle gegen die Unterbringung von 19 Flüchtlingen in einer verlassenen Schule 25 Kilometer vor den Toren Roms gemeint. «Krieg», das dürfte die Drohung sein, Immigranten in Italien künftig das Leben schwer zu machen.

Ältere Menschen protestieren gewaltlos

Laut Polizei wurden die Ausschreitungen am Freitag bei Rom von ein paar Dutzend Schlägertypen und Fussball-Ultras der in Rom ansässigen neofaschistischen Organisation Casa Pound provoziert. Als der Bus mit den 19 Asylsuchenden die von der Polizei frei geräumte Strassenblockade passierte, reckten zahlreiche Aktivisten ihre rechte Hand zum faschistischen Gruss, spuckten auf den Bus oder warfen Steine.

15 Männer wurden angezeigt, es gab zwei Festnahmen. Zuvor hatten vor allem ältere Leute in der wohlhabenden Gegend gewaltlos gegen die Unterbringung der Flüchtlinge protestiert. «Wir sind keine Rassisten», sagte eine Frau. «Wir schützen nur unser Territorium vor den Immigranten.»

Wie es heisst, sollen in Rom und Umgebung etwa 60 von Neofaschisten unterwanderte Lokal-Komittees gegen die Flüchtlingsunterbringung bestehen. Bereits im vergangenen Jahr war es immer wieder zu Krawallen gekommen. Die Aktivisten nutzen den Unmut von Teilen der Bevölkerung für ihre Zwecke. «Es handelt sich eindeutig um eine Instrumentalisierung der Proteste durch Extremisten», sagte Franco Gabrielli, Polizeipräfekt der Stadt Rom.

Rechtsradikale schüren die Proteste

Auch auf Sardinien kam es am Wochenende zu Protesten. Vor der Landung von 456 Flüchtlingen im Hafen von Cagliari hissten Aktivisten von Casa Pound einen Spruchbanner mit den Worten «Stopp Immigration». Zuvor war es in der Nähe von Treviso bei Venedig zu Unruhen gekommen.

Am Freitag protestierten Anwohner gegen die Unterbringung von 101 Flüchtlingen in zwei Wohnhäusern in Quinto. Auch hier schürten rechtsradikale Aktivisten der Partei Forza Nuova die Proteste. Einrichtungsgegenstände wie Matratzen gingen in Flammen auf. In der Folge wurden die Immigranten, die auf ihre Asylbescheide warten, in eine still gelegte Kaserne in der Nähe transportiert.

Am Samstag protestierten rund 1000 Menschen in Eraclea bei Venedig gegen die Unterbringung von 250 Flüchtlingen in einem Wohnkomplex. «Das ist eine nationale Schande», sagte der Gouverneur der Region Venetien, Luca Zaia (Lega Nord). Nur ein Drittel der Immigranten sei asylberechtigt. «Wir brauchen Unterbringungen für Italiener in Schwierigkeiten und nicht für Ausländer, die dem Tourismus schaden», sagte Lega-Nord-Chef Matteo Salvini auf der Kundgebung.

Landung einer Hilfsorganisation verweigert

Seit Monaten schwelt in Italien ein Streit über die Unterbringung von Flüchtlingen, die in den südlichen Regionen wie Sizilien oder Kalabrien ankommen. Viele Auffanglager in Süd- und Mittelitalien sind überfüllt. Norditalienische Regionen wie Venetien oder die Lombardei wehren sich gegen die Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen. Am Montag will die italienische Regierung bei einem Treffen in Brüssel Erleichterungen für Italien erreichen.

Wegen mangelnder Aufnahmekapazitäten war am Freitag einem mit 661 Flüchtlingen besetzten Schiff der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die Landung auf Sizilien verweigert worden. Das teilte die Organisation mit. Das Schiff musste nach Kalabrien weiterfahren, um die Migranten an Land zu bringen. «Die ungenügenden Aufnahmebedingungen in Italien haben schwere Konsequenzen für die Flüchtlinge, die unser Team hautnah miterlebt», sagte Loris de Filippi, der Vorsitzende von Ärzte ohne Grenzen in Italien.

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