Journalisten sind Zierfische in einem Aquarium

An der OSZE-Konferenz hatten die Medienschaffenden kaum Zugang zu Informationen oder Gesprächspartnern. Was an Informationen nach aussen drang, war streng selektioniert. Was an Bildern zu sehen war, fast durchwegs inszeniert.

Wer ein Bild schiessen will, das sich von den anderen unterscheidet, muss auch mal in die Knie gehen oder eine originelle Perspektive ausfindig machen. (Bild: Matthias Oppliger)

An der OSZE-Konferenz hatten die Medienschaffenden kaum Zugang zu Informationen oder Gesprächspartnern. Was an Informationen nach aussen drang, war streng selektioniert. Was an Bildern zu sehen war, fast durchwegs inszeniert.

Die Pflege eines Aquariums mit Zierfischen ist nicht zu unterschätzen: Das Wasser muss regelmässig ausgewechselt und die Sauerstoffpumpe gereinigt werden. Damit die Fische ihre dekorative Kraft entfalten können, benötigen sie ausserdem eine ansprechende Umgebung. Und natürlich müssen sie zuverlässig gefüttert werden.

Im Medienzentrum der OSZE-Ministerratskonferenz gibt man sich reichlich Mühe, die Pflegepflichten werden ernst genommen.

Den angeblich rund 230 Journalisten aus aller Welt steht ein riesiges Grossraumbüro zur Verfügung. Es gibt komplett eingerichtete Arbeitsplätze mit Laptop, Faxgerät, Kopierer und Telefon. Filterkaffee, eine Snackbar und ein Restaurant sollen Zuckerspiegel und Stimmung der Medienschaffenden heben.

Und sowenig ein Fisch im Aquarium sich sein Futter selbst beschaffen kann, dürfen Journalisten hier frei recherchieren. Der Zugang zu Informationen und Gesprächspartnern ist streng reguliert. Das Wenige, was an Informationen nach Aussen dringt, wird stark selektioniert und von Diplomaten und Medienstellen auf die Öffentlichkeit zugeschnitten. Delegierte bekommen wir hier kaum zu Gesicht, geschweige denn Aussenminister. Die Gespräche verfolgen wir am Bildschirm. Erst ganz zum Schluss wird der Plenarsaal für die Medienschaffenden geöffnet.



In Ermangelung anderer Motive sind auch die arbeitenden Kollegen recht als Sujet.

In Ermangelung anderer Motive sind auch die arbeitenden Kollegen recht als Sujet. (Bild: Matthias Oppliger)

Die reichste Beute lässt sich im Medienzentrum am Buffet erzielen. Und auch ansonsten führt das Informationsvakuum zu kuriosen Situationen. Mehrere Kamerateams sind zwei Tage lang damit beschäftigt, die grossen Bildschirme abzufilmen. Diese Tätigkeit unterbrechen Sie nur, um vor ebendiesen Monitoren ihre eigenen Reporterstatements aufzunehmen. Fotografen füllen Speicherkarten mit Aufnahmen ihrer telefonierenden oder tippenden Kollegen.

Diese Newsroom-Monotonie wird nur selten unterbrochen. Wenn Medienbriefings anstehen, kommt Bewegung in die Journalisten. Bei Fotografen und Filmern bricht so etwas wie Aufregung aus, schliesslich müssen sie ihr Gerät in Position bringen.

Applaus für Lawrow

So verliest etwa der deutsche Aussenminister Frank Walter Steinmeier ein zehnminütiges Statement. Jede Handbewegung des Ministers wird mit hundertfachem Auslösergeklicke quittiert, jede Silbe auf dem Laptop mitgeschrieben. Danach dürfen Fragen gestellt werden. Steinmeiers Mediensprecher nimmt drei Journalisten dran, die er mit Namen kennt.

Auch der russische Aussenminister Sergei Lawrow wendet sich an die Medien, der Konferenzsaal ist bis zum letzten Platz gefüllt. Lawrow spricht russisch, es gibt eine Simultanübersetzung auf Englisch. Auch die Fragen werden meist auf russisch gestellt. Der Vertreter von «Agence France-Presse» spricht ein Rüstungsgeschäft zwischen Russland und Frankreich an. Lawrow entgegnet, dass er es leid sei, über dieses Thema zu sprechen. Als der Minister den Saal verlässt, erntet er von einzelnen Journalisten Applaus.



Zwar hätte er beste Sicht auf Lawrow, doch die Kamera sieht ja eh hin. Da liegt ein kurzes Nickerchen locker drin.

Zwar hätte er beste Sicht auf Lawrow, doch die Kamera sieht ja eh hin. Da liegt ein kurzes Nickerchen locker drin. (Bild: Matthias Oppliger)

Zwischen dem Protokollieren offizieller Statements und dem Ablichten der Kollegen, verbringen die Medienschaffenden viel Zeit mit Warten. Dies trifft insbesondere auf die Fotografen zu, die mehr als ihre schreibenden Kollegen auf echte «Action» angewiesen sind. Deshalb werden sie hie und da von den «Media Hosts» zu «photo opportunities» begleitet.

Beim «family photo» etwa ging es darum, alle Delegationschefs auf einem Bild zu vereinen. Dafür wurden zuerst die Fotografen auf einem Podest positioniert, danach fanden sich die Minister und Botschafter gegenüber ebenfalls auf einem Podest ein. Trotz aufwändiger Choreographie ging das Familienfoto gründlich schief. Bei den Bildagenturen findet sich kein einziges Foto auf dem alle Delegationschefs in Richtung der Kameras schauen. Wie eine Primarschulklasse beim Jahrbuchfoto konnten offenbar auch die Herren – und wenigen Damen – Minister nicht die nötige Konzentration aufbringen.



Wie eine zappelige Primarschulklasse konnten auch die Delegationschefs beim «Family Photo» kaum stillhalten. Obwohl es sich dabei um eine hochinszenierte Angelegenheit handelt, ging es gründlich schief.

Wie eine zappelige Primarschulklasse konnten auch die Delegationschefs beim «Family Photo» kaum stillhalten. Obwohl es sich dabei um eine hochinszenierte Angelegenheit handelt, ging es gründlich schief. (Bild: LAURENT GILLIERON)

Konversation

  1. Sehr aufschlussreich!
    Abbild vom abbild vom abbild … inszenierte inszenierung …
    ein highlight: wie walther das thema am plasmabildschirm aufs lokale «runterbricht»: ein selfie vom ersten basler regierungs-repräsidenten.

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