Kiss-in im Drämmli: Die Fahrgäste haben es unbeschadet überlebt

Gleichgeschlechtliche Paare dürfen sich auch auf Plakaten küssen. Das musste die BLT über einen Shitstorm im Netz lernen. Und dass bei solchen Küssen im Tram niemand vom Bänggli fällt, hat am Mittwochabend ein Flashmob bewiesen.

Leute kuessen sich bei einem Kiss-in im Tram der Linie 11 in Basel am Mittwoch, 4. Februar 2015. Nachdem die BLT (Baselland Transport AG) zunaechst die Kuss-Plakate des Jugentreffs Anyway nicht aufhaengen wollte, hatte Pink Cross zum Kiss-in im BLT-Tram aufgerufen. (KEYSTONE/Georgios Kefalas) (Bild: GEORGIOS KEFALAS)

Gleichgeschlechtliche Paare dürfen sich auch auf Plakaten küssen. Das musste die BLT über einen Shitstorm im Netz lernen. Und dass bei solchen Küssen im Tram niemand vom Bänggli fällt, hat am Mittwochabend ein Flashmob bewiesen.

Was hat sich BLT-Direktor Andreas Büttiker in der vergangenen Woche alles anhören müssen: Der Entscheid, sechs Plakate mit sich küssenden gleichgeschlechtlichen Paaren nicht aufhängen zu lassen, zeuge von Intoleranz und einer homophoben Grundeinstellung. Die Fahrgäste könnten sich gestört fühlen, rechtfertigte sich der Beschuldigte.

Ein Härtetest zeigte nun: Wenn zwei im Tram sich küssen, ist das alles halb so wild – auch wenn es sich nicht um einen heterosexuellen Kuss handelt.

Für Offenheit und sexuelle Diversität

Rund 100 Personen haben sich am Mittwochabend am Bahnhof SBB zum Kiss-in getroffen, einem Flashmob für Toleranz und Offenheit gegenüber sexueller Diversität. Die Aktion machte zum Thema, was von der BLT als anstössig eingestuft worden war. Und so wurde drei Stationen lang vom Bahnhof bis zum Barfüsserplatz geknutscht.



Leute kuessen sich bei einem Kiss-in im Tram der Linie 11 in Basel am Mittwoch, 4. Februar 2015. Nachdem die BLT (Baselland Transport AG) zunaechst die Kuss-Plakate des Jugentreffs Anyway nicht aufhaengen wollte, hatte Pink Cross zum Kiss-in im BLT-Tram aufgerufen. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Das Knutschen im BLT-Drämmli entpuppte sich als erstaunlich harmlos. (Bild: GEORGIOS KEFALAS)

Ohne gravierende Folgen. Die regulären Passagiere reagierten höchstens überrascht, die Flyer der Organisatoren von Pinkcross wurden neugierig entgegengenommen. Spontane Zusammenbrüche oder dergleichen gab es dagegen nicht zu verzeichnen – die Küsse zwischen Gleichgeschlechtlichen im öffentlichen Verkehr entpuppten sich in ihrer Wirkung auf andere als erstaunlich harmlos.

«Homophobie hört wegen eines überdachten Entscheids nicht auf.»


Bastian Baumann, Geschäftsleiter Pinkcross

Die Stimmung unter den Teilnehmenden war heiter, von Frustration keine Spur. Einige wären allerdings gerne noch etwas weitergefahren, die Organisatoren hatten für die Aktion aber nur die Kurzstrecke avisiert. «Ich bin glücklich, dass trotzdem so viele gekommen sind», sagt Alexandra Barth vom Verein Anyway

, «nachdem die Sache bekannt wurde, hat die BLT ja relativ schnell eingelenkt.»

Nach der Revision des Entscheids habe man kurz überlegt, das Kiss-in abzusagen. «Aber wir wollten dennoch ein Zeichen setzten», sagt Hauptorganisator Bastian Baumann von Pinkcross. «Die Reaktionen haben gezeigt, wie wichtig die Debatte ist. Homophobie hört wegen eines überdachten Entscheids nicht auf.»

Die küssenden Menschen im Tram standen übrigens unter Beobachtung der Models auf den bereits aufgehängten Plakaten, welche die BLT als «harmlos» eingestuft hatte, weil sich die Paare nur umarmen und nicht küssen. Bald sollen zu diesen Sujets nun auch die anderen Plakate hinzugehängt werden. Passieren dürfte in den Trams auch dann nicht mehr als am Kiss-in am Mittwochabend.

Die Organisatoren von Pinkcross verteilten während des Flashmobs diesen Flyer. (Bild: Screenshot Pinkcross.ch)

Konversation

  1. Jetzt hört doch mal auf mit dem Bashing!
    Es gibt viel mehr Opfer von sexuellen Uebergriffen, sexueller Gewalt und Vergewaltigungen als Schwulen und Lesben.

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    1. Liebe Maya Eldorado, es wurde doch keiner geschlagen (dafür aber viel geküsst).

      Die von Ihnen erwähnten Übergriffe und Gewalt finden besonders dort einen Nährboden, wo ignoriert und totgeschwiegen wird. Deshalb ist es eben wichtig, wunde Punkte anzusprechen und beharrlich zu bleiben – das ist kein Bashing sondern beweist Verantwortung und zeigt Haltung.

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  2. wir sind immer noch nicht weiter.
    s chröttli sagts ab ins antikenmuseum- wie recht er hat.
    vor 40 jahren frisch zurück aus A-dam.
    wo sich die männer knutschten.
    bin ich mit einem freund, hand in hand durch
    die stadt Basel geschlendert..
    die leute haben die hälse getreckt, mann hat ihnen die
    schmutzige fantasie direkt angesehen.
    leute man lebt nur einmal geniesst es, schmutzige fantasie
    macht krank.

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  3. Wie wäre es mit einem Dankes- und Begrüssungskuss an den Wagenführer?
    Solche Küsse waren in alter Zeit durchaus üblich, und werden teilweise auch heute noch verteilt.

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  4. Der Tag, an dem die BLT die ursprünglich beanstandeten Plakate mit sich herumfährt scheint übrigens da zu sein: Ich habe heute morgen im 11E ein Anyway-Plakat mit zwei knutschenden jungen Männern gesehen.

    Und es niemand in angesicht des Plakates in Ohnmacht gefallen.

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  5. Guter Grund fürs Kiss-In!
    Eines sollte doch nochmals in Erinnerung gerufen werden – dass die BLT anfänglich nicht nur die Küss-Motive nicht aushängen wollte, sondern gar keine der Anyway-Plakate. Die BLT hatte zudem einige Wochen Zeit, um diesen Entscheid zu überdenken. Darum stimmt er mich sehr nachdenklich: es war die schlechte Publicity, nicht die tatsächliche Einsicht, die dazu führte, die Küss-Plakate schliesslich auszuhängen. Sich zudem hinter dem Argument zu verstecken, Anstössig-Sexistischem keinen Raum zu bieten, zeugt dabei von hohem Unverständnis: es geht hier nicht ums Küssen zu Vermarktungszwecken, sondern ums Küssen als Ausdruck von Menschlichkeit und Liebe. Heterosexismus macht schleichend krank und tötet auch heute noch. Es wäre angezeigt, dass sich Betriebe ihrer Verantwortung bewusst werden, wie mit Minderheiten nicht nur passiv-tolerierend, sondern im Sinne verantwortlicher Politik umgegangen werden könnte. Ich wünschte, alle (quasi-) öffentlichen Stellen gingen hier mit Riesenschritten voran!

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    1. der seitens der blt manifestierte heterosexismus transportiert rigide erfüllung und zuweisung, orientiert sich unausgesprochen am «natürlichen», am «typischen» und neuerdings schiesst gar das «sündige» wieder ins kraut. er führt – nicht nur bei minderheiten – zu akuter platznot und erstickungsanfällen.
      heterosexismus in der gezeigten ausprägung gehört zum wohle aller ins antikenmuseum – mehr lebensfreude!

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